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Karina Fernandez: Wohninstabile Jugendszenen

Cover Karina Fernandez: Wohninstabile Jugendszenen. Eine ethnographische Grounded-Theory-Studie zur Exploration der Verlaufsprozesse von Straßenkarrieren. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-3729-6. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Jugendliche und junge Erwachsene in offenen Straßenszenen – ein Teil heterogener Gruppen als auch homogener Einheiten auf öffentlichen Plätzen – in vielen Städten ein Dorn im Auge des Betrachters – besonders dann, wenn diese Orte Knotenpunkte öffentlicher Verkehrsmittel sind oder ein Interessensbereich ansässiger Gewerbetreibender darstellen. Was die Ursachen, die Interessen und Bedürfnisse der „Platzeinnehmenden“ sind, ob sie aus Gründen der Obdachlosigkeit genötigt sind sich in offenen Straßenszenen aufzuhalten, ob sie einfach gelangweilt sind und dort zumindest jemanden kennen, oder ob es sich hier um temporäre Interessensverbünde handelt, die ggf. Optionen bieten sich auch anderen Interessen und Gruppen anzuschließen, bleibt in der Betrachtung des gemeinen Bürgers eher unbeachtet.

Die Autorin nähert sich zwei Gruppen auf öffentlichen Plätzen mit der Frage, wie sich Verlaufsmuster von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in wohninstabilen Jugendgruppen gestalten. Sie eruiert die bedingenden Ursachen von jugendlichen Straßenkarrieren, ihre Verläufe bis hin zu möglichen Faktoren und Prozessen die einen gelingenden Ausstieg aus den jeweiligen Gruppen ermöglichen. Ihr Hauptaugenmerk gilt einer Gruppe von jungen Menschen, die sich am Zentralplatz einer mittelgroßen österreichischen Stadt aufhalten.

Autorin

Die Autorin ist Professorin für Bildungssoziologie und Qualitätsentwicklung an der Pädagogischen Hochschule Steiermark, Graz/Österreich. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Bildungsungleichheit, Schulkultur, forschungsgeleitete Qualitätsentwicklung, Jugendsoziologie, Qualitative- und Mixed-Methods-Forschungsmethode. 

Aufbau und Inhalt

Das Buch stellt die überarbeitete Fassung ihrer Dissertation von 2013 dar, die auf ihre Vorstudie und Diplomarbeit „Jugendliche am Rande der Obdachlosigkeit“ aufbaut. Das Besondere an dieser Veröffentlichung ist die Methodenvielfalt innerhalb der Erhebung als auch in der Auswertung und Analyse. Die Autorin bedient sich verschiedener Sampling-Strategien, die sich mit dem Schwerpunkt des theoretical sampling nach Glaser & Strauss theoretisch begründen und kombinieren lassen, um hier zielgruppengerechte Erkenntnisse generieren zu können.

Die sechs Kapitel sind in fünf aufeinander aufbauenden Themenbereichen und einem mit Fallbeispielen ergänzenden Kapitel erfasst:

Im 1. Kapitel „Stand der Forschung zum Straßenkinderdiskurs“ wird ein Einblick in die Auseinandersetzungen im deutschsprachigen Raum (seit Jordan/Trauernicht 1981) gegeben, auf die Schwierigkeiten der analogen Verwendung des Begriffs Straßenkinder (Vergleich: Mittel-/Lateinamerika) sowie auf die Einführung des Begriffs Straßenkarrieren hingewiesen, der die Bemühungen spiegelt der Heterogenität von Gruppen und Gruppenzugehörigkeiten Rechnung zu tragen.

Das zweite Kapitel „Konzeption und methodisches Vorgehen“ geht in eine detaillierte Auseinandersetzung über Fragestellung und Zielsetzung sowie der Wahl einer adäquaten Methodik der Studie. Sie erklärt die Hintergründe und Erkenntnisse, die für die Konzeption des methodischen Designs ihrer Studie handlungsleitend waren. In der Darstellung des Untersuchungsfeldes wird die Gruppe am Zentralplatz in ihren sozialen Bezügen dargestellt und die Auswahl der Methoden zur Datenerhebung, z.B. teilnehmende Beobachtung, Fragebogen, Kurzinterviews, Expert*innen-Interviews, beigeordnet. Zum Abschluss des Kapitels geht die Autorin in eine methodische und methodologische Reflexion und beschreibt auf erfrischend ehrliche Art die Hürden und Hindernisse der Datenerhebung insbesondere bzgl. der Rekrutierung der Interviewpartner*innen – im Kontext der realen Möglichkeiten als Wissenschaftlerin und Außenstehende – Zugang zum Feld zu bekommen.

Der dritte Teil „Beschreibung der untersuchten Gruppe – Rahmung des Feldes“ gibt einen Einblick in die örtlichen Gegebenheiten und die Wahrnehmung des Zentralplatzes und der sich dort aufhaltenden Gruppierungen aus Sicht von Passanten und ortsnah arbeitender Personen. Die positivsten Zuschreibungen und das höchste Sicherheitsgefühl wurden von jenen Personen ausgesprochen, die den Platz kennen und nicht meiden, ihn jedoch selten frequentieren. Die wahrgenommenen Gruppierungen auf dem Zentralplatz werden dargestellt und die Gruppe der wohninstabilen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in ihren wichtigsten Merkmalen beschrieben.

Im vierten und größten Kapitel „Verlaufsprozesse von Straßenkarrieren“ werden insbesondere die Prozesse die Straßenkarrieren hervorrufen, vorantreiben, beeinflussen und beenden beschrieben und mittels Interviewsequenzen belegt. Dem Einstieg folgt die Phase der Verfestigung, in der außerhalb liegende Anker besondere Bedeutungen zukommen. Diese Anker sind heterogen und je nach individueller Persönlichkeit sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die Stärke der Bindung an diese Anker, ggf. auch die Konstruktion von neuen Ankern, beeinflusst eine mögliche Konstituierung der Gruppenzugehörigkeit oder ermöglicht den Übergang in die Phase der Abgrenzung.

Im fünften Kapitel „Einflussfaktoren auf die Verläufe von Straßenkarrieren“ werden als zentral beeinflussende Faktoren das Kraftfeld und die außerszenischen Anker identifiziert, die von den Zentralplatzjugendlichen als aktive Subjekte mitgestaltet werden.

Das letzte Kapitel „Fallbeschreibungen“ zeigt anhand von 7 Beispielen, die sich in ihren Ausgangssituationen und Verlaufsmustern voneinander unterscheiden, kontrastierende Merkmale auf.

Diskussion

Die Entwicklungschancen junger Menschen sind nicht ansatzweise gleich verteilt.

Bei der Betrachtung der Biographien der Jugendlichen stellt sich heraus, dass ein Großteil von ihnen in segregierten Quartieren, in homogenen und sozial marginalisierten Milieus aufgewachsen ist. In den Familien liegen teils hohe Belastungsfaktoren wie Vernachlässigung und Gewalthandlungen vor, die zur Abstoßung der Jugendlichen aus ihren Familien führen. Die Suche und Herstellung von Zugehörigkeit, Zusammenhalt und Anerkennung führt oftmals zu Gruppen von denen sich erhofft wird, das Gesuchte zu finden.

Aufgrund der individuellen mehrfachen Benachteiligung vieler junger Menschen in sozial abgegrenzten oder segregierten Lebensräumen, die zugleich von außen stigmatisiert werden und somit extrem schlechte Ausgangsbedingungen darstellen, ist es häufig so, das im öffentlichen Diskurs den Jugendlichen die Verantwortung im Rahmen von Schuldzuweisungen selbst angelastet wird. Aufgrund ihrer prekären Lage können die Jugendlichen gesellschaftliche Erwartungen und Anforderungen jedoch nur bedingt erfüllen.

Die Zukunftswünsche der Jugendlichen beziehen sich vorwiegend auf das Erreichen eines „normalen Lebens“. Nicht realisierbare Pläne und Desillusionierung hemmen die Entwicklung konkreter Schritte in eine positive, glückliche Zukunft.

Doch wie lassen sich herkunftsbedingte Unterschiede verringern, die Chancen für benachteiligte Zielgruppen so erhöhen, dass soziale Gerechtigkeit, Lebensqualität und gesellschaftliche Integration nicht nur Floskeln medialer und politischer Öffentlichkeiten sind sondern aktiv gelebt werden?

Informelle Sozialisations-, Bildungs- und Lernprozesse erfahren Jugendliche aus sozial marginalisierten Milieus in ihren außerschulischen Lebenswelten – zum Beispiel im Zusammensein mit Peers oder über die Zugehörigkeit zu einer Jugendszene. Hier lassen sich sozialarbeiterische Angebote eröffnen, um mit den jungen Menschen gemeinsam Ziele zu definieren, realistisch umsetzbare Pläne zu entwickeln und konkrete Schritte in Richtung Wohnen, Ausbildung oder Job, zu gehen.

Fazit

Auch für erfahrene Praktiker*innen und Forscher*innen, die sich mit den Themen „Gruppen in öffentlichen Straßenszenen, Straßenkarrieren von Jugendlichen, Obdachlosigkeit – und der schwierige Weg hinaus,…“ auseinandersetzen, bietet dieses Buch neue Erkenntnisse. Darüber hinaus eröffnet es Perspektiven, Anstöße und nicht zuletzt Methoden, über grundsätzliche Fragen und Herangehensweisen dieser Thematik nachzudenken und neue handlungsleitende Wege, vielleicht auch einfach nur ein paar neue „außenliegende Anker“, zu generieren.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Arb. Monica Wunsch
Pädagogische Leitung für die sozialen und begleitenden Dienste und des Berufsbildungsbereichs - WfaA Düsseldorf. Langjährige Erfahrung in der Gefährdetenhilfe. Zusatzqualifikationen: Sozialmanagement, Projektmanagement, TQM
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Zitiervorschlag
Monica Wunsch. Rezension vom 22.02.2018 zu: Karina Fernandez: Wohninstabile Jugendszenen. Eine ethnographische Grounded-Theory-Studie zur Exploration der Verlaufsprozesse von Straßenkarrieren. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3729-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23784.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


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