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Ann Pettifor: Die Produktion des Geldes

Cover Ann Pettifor: Die Produktion des Geldes. Die Macht der Banken zerschlagen. Hamburger Edition (Hamburg) 2018. 230 Seiten. ISBN 978-3-86854-318-6. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.
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Thema

„La Repubblica Italiana contro Mario Draghi“ könnte derzeit eine – an den Filmtitel „Der Staat gegen Fritz Bauer“ angelehnte – Schlagzeile lauten. Die italienischen Bürger(innen) haben im März 2018 gewählt: alle Mitglieder der Abgeordnetenkammer (Camera dei deputati) und fast alle Mitglieder des Senats (Senato della Repubblica). Heraus kam eine nach üblichen Kriterien der Politikwissenschaft „perverse“ Regierungskoalition zwischen dem auch von deutschen Linken bejubelten MoVimento 5 Stelle (Fünf-Sterne-Bewegung) unter Luigi Di Maio und der in Teilen rechtsextremen Lega unter Matteo Salvini. Was sie eint, ist die Losung „Prima l’Italia“ und eine damit einher gehende Verachtung der Brüssel-EU, aus deren Euro-Fleischtöpfen für Italien freilich noch mehr als früher herausgeholt werden soll.

Über den Euro wacht die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrem Präsidenten, derzeit Mario Draghi. Mit ihm wird die neuste italienische Regierung nicht in Konflikt kommen über mehr Euro aus Brüssel; das fällt in den Zuständigkeitsbereich von Jean-Claude Juncker. Mit der EZB in Konflikt kommen kann sie wegen etwas anderem, etwas gänzlich anderem. Das neue Regierungsprogramm sieht nämlich die staatliche Ausgabe bestimmter kurz laufender Schatzpapiere zu einem bestimmten Zweck vor: Wenn der italienische Staat ausstehende Rechnungen zum Beispiel bei Handwerkern oder Lieferanten hat, bekommen sie unter Umständen keine Euro, sondern Schuldtitel, teilweise auch Mini-BOTs (kurz laufende Kredite des italienischen Schatzamts).

Daniel Eckert (2018), Finanzredakteur der „Welt“, hat kurz nach Bekanntwerden der Pläne erklärt: „Sollte Rom tatsächlich dazu übergehen, Handwerkerrechnungen mit kurz laufenden Schuldverschreibungen und Ähnlichem zu begleichen und nicht mit der offiziellen Währung des Landes, wäre das zumindest ein weiterer Kanal fürs Schuldenmachen, wenn nicht gar der Einstieg in ein zweites Zahlungsmittel, das fortan in der drittgrößten Volkswirtschaft des Euro-Raums kursieren würde.“ Überraschen konnte das Vorhaben niemanden, dem einigermaßen klar ist: „Italienische Kreativität“ war und ist nicht nur ein Merkmal der Küche, sondern auch der Politik der Apenninenhalbinsel. Und nur wer Silvio Berlusconis fortwährende Forderung nach einer italienischen Parallelwährung (vgl. etwa Fugmann, 2017) nicht zur Kenntnis genommen hat, weiß nicht, wessen Saat hier aufgeht.

Würde die neue italienische Regierung ernst machen mit ihrem Vorhaben, wäre damit das Geldschöpfungsmonopol des Banksystems zumindest herausgefordert. Was ist gemeint mit „Geldschöpfungsmonopol des Banksystems“? werden viele fragen. Auch diese Frage wird hier behandelt. Es sind im Wesentlichen drei Themen, um die es im Buch geht:

  • Es erklärt, wie in modernen Ökonomien Geld und Kredit geschaffen werden und benennt einige damit zusammenhängende Probleme, die die Weltfinanzkrise hervorgerufen und befördert haben.
  • Als Gegenmittel, dies der zweite Schwerpunkt, plädiert die Autorin für eine Kontrolle internationaler Kapitalströme durch souveräne Staaten: „Der Offshore-Kapitalismus muss wieder onshore, in die jeweiligen Länder zurückgebracht werden.“ (S. 20)
  • Schließlich geht sie ins Gericht mit einer Politik der Austerität, d.h. einer strengen staatlichen Haushaltspolitik, die einen ausgeglichenen Staatshaushalt und eine Verringerung der Staatsschulden anstrebt. „Die Ideologie der ‚Austerität‘ – die den öffentlichen Sektor verkleinern und privatisieren will – ist zusammen mit dem marktwirtschaftlichen Fundamentalismus mittlerweile so fest in den Finanzministerien der westlichen Länder verankert, dass tragischerweise weder politisch Verantwortliche noch sonstige Entscheidungsträger­_innen handeln können.“ (S. 16)

Entstehungshintergrund

Das Buch ist die deutsche Übersetzung des 2017 erschienenen Originals „The Production of Money. How to Break the Power of Bankers“ (London – New York: Verso), das gleichsam eine abgespeckte Version von „Just Money: How Society Can Break the Despotic Power of Finance“ (Margate: Commonwealth Publishing, 2014) ist. Es geht hier, wie der englische Titel sehr viel klarer zeigt als der deutsche, um etwas „Aufrührerisches“. Gerade das Richtige für die Hamburger Edition, den seit 1994 bestehenden Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS). Das HIS, 1984 in Hamburg gegründet von Jan Philipp Reemtsma mit Mitteln aus seinem Erbe, wurde einer breiten Öffentlichkeit ab 1995 bekannt durch seine „Wehrmachtsausstellung“. Ohne die Hamburger Edition wäre der kritische Diskurs im deutschsprachigen Raum um Vieles ärmer.

Der Verlag hat für ein ansprechendes und solides Äußeres gesorgt: Hardcover, Schutzumschlag, Oktav-Format, schönes Druckbild und solide Bindung. Mit Ursel Schäfer hat sie wieder einmal eine ausgezeichnete Übersetzerin gewonnen. Bekannt wurde diese einem breiteren Publikum als (Mit-)Übersetzerin von Barack Obamas „Hoffnung wagen“ (München: Riemann, 2007). Sie ist die Übersetzerin des zeitgleich im selben Verlag erschienen Buches „Plattform-Kapitalismus“ des kanadischen Ökonomen Nick Srnicek, vgl. die Rezension.

Autorin

Wenn man bei Wikipedia unter „Nachnamen“ sucht und „Pettifor“ eingibt, findet man nur zwei Angaben. Eine davon lautet: „Ann Pettifor, British debt-relief activist, economist, and author“. Man muss in dieser Kurzcharakterisierung lediglich „British“ durch „UK-based“ ersetzen, dann stimmt das schon.

Ann Pettifor wurde geboren 1949 in Südafrika, wo sie aufwuchs, zur Schule ging und unter Apartheid-Konditionen – sie ist Weiße – mit einem Abschluss in Politik und Ökonomie an der renommierten University of the Witwatersrand (kurz: Wits) in Johannesburg studierte. Der wohl bekannteste Student dieser Universität ist Nelson Mandela, der die Universität 1949 verlassen musste, da er die juristische Abschlussprüfung wiederholt nicht bestanden hatte; Politik war ihm (schon damals) wichtiger. In akademischer Hinsicht erfolgreicher war da beispielsweise seine frühere Ehefrau Winnie Madikizela-Mandela, die dort um 1970 herum einen BA in International Relations erwarb.

Bekannt wurde Ann Pettifor durch ihre führende Rolle in der Jubilee 2000-Kampagne, die dazu führte, dass 35 Entwicklungsländern Schulden in einer Gesamthöhe von rund 100 Milliarden US-Dollar erlassen wurde. Bei den üblichen Expert(inn)en der Finanzwelt hat sie sich Respekt verschafft dadurch, dass sie die Finanzkrise ab 2007, eine globale Banken- und Finanzkrise als Teil der Weltwirtschaftskrise mit Beginn in der US-Immobilienkrise sehr präzise vorher gesagt hatte (in „The Coming First World Debt Crisis“; Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2016).

Ann Pettifor ist Direktorin von Policy Research in Macroeconomics (PRIME), einem Netzwerk von Ökonom(inn)en, die sich mit keynesanischer Geldtheorie und Politik beschäftigen, Fellow der New Economics Foundation in London, Honorary Research Fellow am Political Economy Research Centre der City University, London und Chair des Advisory Board des Goldsmiths College Political Economy Research Centre's, London. Und sie ist weiterhin in der dreiköpfigen Leitung von Advocacy International, das sie 2014 zusammen mit Janet Bush gegründet hat; Advocacy International berät Regierungen und Organisationen in Fragen unabhängiger Schuldenrückführung, internationaler Finanzen und nachhaltiger Entwicklung.

Aufbau und Inhalt

Das Vorwort dient der Heranführung an das Thema, ersten Kritiken an Austeritätspolitik und den Lieblingsfeinden der Autorin, den „Mainstream-Ökonom_innen“ und den „sogenannten Linken“, sowie einer Zielbestimmung des Buches, die sie im Abschnitt „Was tun?“ (frei nach Lenin, 1902) darlegt:

„Was also können die guten – progressiven – Kräfte tun, um das Weltfinanzsystem zu stabilisieren und Beschäftigung, politische Stabilität und soziale Gerechtigkeit wiederherzustellen?

Erstens brauchen wir ein besseres allgemeines Verständnis dafür, wo das Geld herkommt und wie das Finanzsystem funktioniert…

Das zweite Ziel jeder progressiven Bewegung sollte es sein, den Ärger, den Banken und die Politik geweckt haben, in progressive und positive alternative Bahnen zu lenken.“ (S. 17)

Die zentrale Botschaft des 1. Kapitels Die Macht des Kredits findet sich auf S. 35: „Die orthodoxe [ökonomische] Lehre gestand privaten Banker­_innen und Investor_innen große Macht in zwei Bereichen zu: erstens die Möglichkeit, Kredite ohne wirksame Kontrolle und Regulierung zu schaffen, zu bepreisen und zu vergeben, und zweitens die Möglichkeit, die globalen Geldflüsse über Grenzen hinweg zu ‚managen‘ – ohne dass regulatorische Instanzen sich darum kümmerten. Durch diesen Kurswechsel gaben demokratische, verantwortliche öffentliche Instanzen die Kontrolle über die Wirtschaft – über Beschäftigung, Wohlfahrt und Einkommen – an ferne und nicht rechenschaftspflichtige Finanzmärkte ab.“

Das 2. Kapitel berichtet nicht nur davon, Wie Geld entsteht, sondern ebenso grundlegend davon, was Geld eigentlich „ist“. Ferner macht es deutlich, wozu ein entwickeltes Geldsystem gut sein und wozu es missbraucht werden kann. „Geld entsteht in erster Linie durch Kredit (oder Schulden). Wenn ein solides, gut gemanagtes Geldsystem existiert, steht ausreichend Geld oder Kredit für nachhaltige, Einkommen generierende Aktivitäten zur Verfügung. Wie Keynes gesagt hat: Was wir schaffen, können wir uns leisten. Das Kreditsystem ermöglicht uns zu tun, was wir innerhalb der physischen Grenzen tun können, die wir selbst haben und die uns durch die Ressourcen der Wirtschaft und des Ökosystems gesetzt sind… Wenn jedoch das Geldsystem nicht gelenkt wird und nur im Interesse einiger weniger funktioniert, kann das katastrophale wirtschaftliche, politische und ökologische Folgen haben.“ (S. 49-50)

Nachdem die Autorin zuvor eindringlich darauf hingewiesen hat, „dass Geld als Teil eines entwickelten Geldsystems keine Ware ist und nie die Form einer Ware angenommen hat“ (S. 43) überrascht der Titel des 3. Kapitels Der „Preis“ des Geldes doch einigermaßen. Wer vom Preis des Geldes (dem Zinssatz) spricht, muss sich, auch wenn er „Preis“ in Anführungszeichen setzt, in diesem speziellen Zusammenhang Geld in Kategorien der „Ware“ denken. Wer von Ware spricht, kann von Markt nicht schweigen. Nur ist der Markt für Geld kein freier: „Banker_innen entscheiden über den Zinssatz für einen Kredit anhand ihrer Einschätzung, welches Risiko der Schuldner oder die Schuldnerin darstellt, und ausgehend von ihrer Renditeerwartung, aber auch danach, was andere Kreditgeber_innen an einem Kredit interessierten Personen auf dem Markt anbieten. Da der Bankensektor oligopolisch strukturiert ist, gibt es in der Realität wenig Wettbewerb und stattdessen viel Einvernehmen über Zinssätze.“ (S. 84) Zudem wird im großen Stile betrogen, wie der LIBOR-Skandal (Dooley, 2014; Hou & Skeie, 2014) beispielhaft gezeigt hat.

Als Zielsetzung von Unser Schlamassel (4. Kapitel) nennt die Autorin: „In diesem Kapitel befasse ich mich mit der Formel ‚Es ist kein Geld da‘ sowie mit den Unterschieden zwischen öffentlichen und privaten Schulden und erläutere, warum in Zeiten wirtschaftlicher Schwäche staatliche Schulden keine Hemmnis für staatliche Investitionen sein müssen.“ (S. 93) In diesem Kapitel geht die Autorin mit den Privatbanken besonders hart ins Gericht: „Solange die Banken auf hochkomplexe Weise unterschiedliche Geschäftsfelder bündeln, stehen die Manager_innen, die sie leiten, über dem Gesetz. Kein Wunder, dass sie sehr dafür gekämpft haben, echte Umstrukturierungen zu verhindern! Zwar sind sie angeblich der Ideologie des ‚freien Marktes‘ verbunden, doch die Marktkräfte üben keinen echten Druck mehr auf die Risiken aus, die eine Handvoll sehr großer Banken eingegangen sind. Stattdessen genossen private Finanzinstitute den Schutz der Steuerzahler_innen – das genaue Gegenteil der heute vorherrschenden Lehre vom freien Markt. Dadurch wurden die Banker_innen zugleich zu Parasiten des Staates und zu einer Gefahr für die Steuerzahler_innen, denn viele zweifelten weiter an der Solvenz der größten Geschäftsbanken der Welt.“ (S. 110-111)

Seit Kurzem zweifeln nicht nur Deutsche an der Solvenz der deutschesten aller deutschen Banken, der Deutschen Bank; sie wurde von der Ratingagentur S&P herabgestuft, ihr US-Arm bekam vom Einlagensicherungsfonds FDIC, einer US-Behörde, das offizielle Siegel „Problembank“ und schlug viele Aktieninhaber(innen) in die Flucht.

Kapitel 5 Klasseninteressen und die Bildung ökonomischer Denkschulen bietet eine vertiefte Darstellung von John Maynard Keynes’ wirtschaftspolitischen Grundpositionen und legt dar, in welchen Punkten er aus welchen Gründen von wem missverstanden wurde und noch wird. Aber was hat das mit „Klasseninteressen“ zu tun? Es gibt eine zentrale Stelle, die das erklärt: „Letztlich verstand Keynes den Zinssatz als ein soziales Konstrukt, das widerstreitende wirtschaftliche Interessen ausgleichen soll. Keynes sprach nicht von Klassen, aber seine Theorie setzt den Klassenkampf als eine Realität voraus. Doch in einer Hinsicht unterschied er sich von Marx: Für ihn hatten die produktive Industrie und die Arbeiterschaft gemeinsame Interessen, und die standen im Gegensatz zu den Interessen der Finanzwelt – zu dem, was Keynes als das ‚Partikularinteresse‘ der Rentierklasse bezeichnete. Niedrige Zinsen und billiges Geld kamen Industrie und Arbeitnehmerschaft zugute. Knappes und teures Geld zu hohen Zinsen nützte der Finanzwelt.“ (S. 124)

In Sollte die Gesellschaft den Banken die Macht der Geldschöpfung entziehen? (Kapitel 6) setzt sich die Autorin lange und im Detail kritisch auseinander mit den Vorstellungen der „Vollgeld“-Befürworter(innen), zu denen sowohl einige Ökonom(inn)en und Zentralbankmitarbeiter(innen) zählen als auch Linke und Grüne. Die Vorstellung eines „Vollgeldsystem“ ist im Allgemeinen verbunden mit folgenden Forderungen (hier zitiert nach Monetavi, einer deutschen „Vollgeldsystem“-Initiative; www.monetative.de/):

  • „der Beendigung jeglicher Geldschöpfung durch private Geschäftsbanken
  • der Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung einer unabhängigen 4. Gewalt, der Monetative
  • der Inumlaufbringung neuen Geldes durch öffentliche Ausgaben zugunsten der Allgemeinheit“.

Die Kritik der Autorin gelt nicht den Zielen der „Vollgeldsystem“-Befürworter(inne)n, sondern ihren zur Zielerreichung vorgesehenen Wegen. Ihr zentraler Kritikpunkt lautet, diese würden „auf die überholte ‚Quantitätstheorie des Geldes‘ zurückgreifen“ (S. 140).

Der Titel des 7. Kapitels Das Finanzsystem unterwerfen, die Demokratie wiederherstellen klingt reichlich martialisch. Und nicht anders will die Autorin auch dieses Kapitel verstanden wissen: als Kampfschrift. Im Geiste Karl Polanyis. Dem Kapitel vorangestellt ist ein Zitat aus dessen „Great Transformation“ von 1944 (deutsche Übersetzung in vielfacher Auflage verfügbar): „Sozialismus ist dem Wesen nach die einer industriellen Zivilisation innewohnende Tendenz, über den selbstregulierenden Markt hinauszugehen, indem man ihn bewusst einer demokratischen Gesellschaft unterordnet.“ (S. 183)

Die linken Nach-68er kennen den vor dem Faschismus aus Wien über Großbritannien in die USA geflohenen Karl Polanyi offensichtlich nicht (mehr). Rainer Hank, Leiter der Wirtschafts- und Finanzredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, wahrlich kein Revoluzzer-Blatt, hingegen schon: „Spätestens seit der Finanzkrise des frühen 21. Jahrhunderts hat sich auch in bürgerlichen Kreisen hierzulande der Eindruck breitgemacht, ein ‚entfesselter Kapitalismus‘ sei schuld daran, dass die Welt aus ihren Fugen geraten sei. Selbst wohlwollende Freunde des Marktes mahnen, es gelte den Kapitalismus vor dem Kapitalismus in Schutz zu nehmen und die Wirtschaft wieder in die Gesellschaft einzubetten. Den Ahnherrn eines Denkens, wonach die Wirtschaft der sozialen Einbettung (‚Embeddedness‘) bedarf, kennen die wenigsten: Es ist ein Mann namens Karl Polanyi (1886 bis 1964), einer der rätselhaftesten Denker des 20. Jahrhunderts. ‚Es war das Dilemma, dass sich das Marktsystem sein eigenes Grab geschaufelt hat und zuletzt auch die sozialen Institutionen zerstörte, auf denen es basierte‘, schrieb Polanyi in seinem epochalen, 1944 erschienenen Werk ‚Die große Transformation‘, verfasst unter dem Eindruck der Erfahrung von großer Depression und Zweitem Weltkrieg.“ (Hank, 2014)

Im 8. und letzten Kapitel Ja, wir können uns leisten, was wir tun gibt die Autorin Antworten bzw. Antwortversuche auf die das Schlusskapitel beherrschende Frage: „Wie können wir unserer Demokratie das öffentliche Gut, das ein modernes Bankenwesen darstellt, wieder zurückgeben? Und wie können wir verhindern, dass dieses öffentliche Gut in der Zukunft gekapert wird, wenn wir uns um die Probleme des Klimawandels und der Energieversorgung kümmern.“ (S. 213)

Mit Blick auf die Kräfte in modernen westlichen Industriegesellschaften, die jene in den Fragen enthaltenen Ziele realisieren könn(t)en, heißt es: „Ganz besonders wichtig ist das Engagement zweier sich überlappender Gruppen in der Gesellschaft… Die erste Gruppe sind die Frauen und die zweite Gruppe die Umweltschützer_innen.“ (S. 215)

Mit einer knappen Danksagung und einem ausführlichen Literaturverzeichnis endet das Buch.

Diskussion

Die Autorin ist eine gute Streiterin. Wer sich davon einen leibhaftigen Eindruck verschaffen möchte, sei verwiesen auf ihren bei youtube zu findenden Vortrag zur Thematik, gehalten am 14.2.2017 an der London School of Ecenomics (www.youtube.com/watch?v=P5RQgbBa-jk). Das vorliegende Buch ist in vielerlei Hinsicht eine Streitschrift. Das bringt es mit sich, dass die Autorin mit Andersdenkenden – und seien sie Linke – ziemlich hart ins Gericht geht. Ob die Schärfe der Kritik von der Sache her angemessen ist, vermag der Rezensent nicht zu beurteilen, und ob der streitbare Stil des Buches dem Sachverständnis förder- oder doch eher hinderlich ist, kann nur jede Leserin und jeder Leser selbst beurteilen.

Ann Pettifor behandelt Themen, die für die meisten Leser(innen) aus der Sozialen Kultur doch eher spröde sind. Sicher, Geld ist für (fast) jeden von elementarer Bedeutung, und was Finanzsysteme und Finanzpolitik leisten – oder auch nicht – betrifft (nahezu) alle. Nur übt im vorliegenden Fall existenzielle Betroffenheit keineswegs den heilsamen Zwang aus, sich entsprechend sachkundig zu machen. Das rührt zum Teil auch daher, dass Finanzthemen mit einem gewissen Tabu versehen sind („Über Geld redet man/frau nicht“), es kein Thema des Schulunterrichts war (das gilt bis heute) und der Wirtschaftssteil der Zeitung(en) übt auf Angehörige der Sozialen Kultur bekanntlich weniger Reiz aus als die Kultur-, Wissenschafts- und Politikteile.

Wer sich schon immer ein Buch über Finanz(wirtschafts)fragen gewünscht hat, das unterhaltsam ist, von Sachkenntnis getragen und in einer auch für Laien zugänglichen Art verfasst, der hat es mit dem vorliegenden gefunden. Es klärt uns auf über eine der bedeutendsten, aber in vielerlei Hinsicht mysteriös bleibenden Erfindungen des Menschen: die des Geldes – oder besser gesagt: des Geldsystems. Denn es gibt kein Geld an und für sich, bei „Geld“ ist Beziehung immer mitgedacht. Geld ist, frei nach Karl Marx, die einzige Ware, deren Gebrauchswert nur darin besteht, Tauschwert zu sein; und zum Tauschen gehören mindestens zwei. Über Geld, Finanzsysteme und -politik klärt uns die Autorin sachkundig auf.

Und sie bringt gute Gründe vor für zwei zentrale Forderungen:

  1. Die erste gilt einer stärkeren Kontrolle der Finanzströme durch demokratisch verfasste Staaten: „Damit eine regulatorische Demokratie das Finanzsystem im Interesse der gesamten Bevölkerung steuern kann, und nicht nur im Interesse der mobilen, global orientierten wenigen, muss das Offshore-Kapital durch Kapitalverkehrskontrollen wieder ins Land zurückgeholt werden.“ (S. 20-21) Auf die EU, die hier mit einer Stimme zu sprechen hätte, ist da nicht zu hoffen. Es gibt EU-Länder, die von Nicht-Kapitalverkehrskontrollen profitieren: Irland, Luxemburg und Malta – um die „üblichen Verdächtigen“ zu nennen.
  2. Bedeutsame Unterstützung erfährt die Autorin bei ihrer zweiten Forderung, der nach Abkehr von einer radikalen Austeritätspolitik. „Während ich das schreibe [also schon vor zwei Jahren], hat sich die Einstellung gegenüber ‚Austerität‘ verändert. Globale Investoren blicken voller Panik auf die Volatilität des Finanzsystems, auf die drohende Gefahr einer Schuldendeflation, auf die Abschwächung der Weltwirtschaft und den Aufstieg populistischer Parteien und Bewegungen. Als Reaktion darauf haben sie eine Reihe außergewöhnlicher Kehrtwendungen vollzogen und ihre Empfehlungen für die fiskalische Konsolidierung radikal verändert.“ (S. 15-16)

Meine Wertschätzung des Buches ist die eines Menschen, dessen Sachkenntnis in Ökonomie doch eher gering und in Finanzökonomie allzu bescheiden ist. Rufen wir daher auch Expert(inn)en in den Zeugenstand.

Yanis Varoufakis etwa, der in der ersten Hälfte des Jahres 2015 griechischer Finanzminister und Gegenspieler Wolfgang Schäubles war. Er ist Verfasser mehrerer Bücher, darunter „Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Eurokrise“ (München: Kunstmann, 2015; zusammen mit Stuart Holland und James K. Galbraith), und lässt uns fortlaufend an seinen THOUGTS FOR THE POST-2008 WORLD (www.yanisvaroufakis.eu/) teilhaben. Zum englischen Original des Buches merkte er an: „Ann Pettifor war schon immer die Wunsch-Autorin für ein Buch, das die Fantasie von einem ‚unpolitischen Geld‘ ebenso zertrümmert wie den Mythos, Geldpolitik habe eine Demokratie-freie Zone zu sein. Dieses Buch ist nun Wirklichkeit geworden.“ (Übersetzung d. Rez. nach Zitat-Angabe in www.versobooks.com/books/2706-the-production-of-money).

Der zweite Kommentar stammt, es sollen ja stets beide Seiten gehört werden, aus der „FINANCIAL TIMES“ vom 3.4.2017: „The Production of Money presents one view of issues afflicting the world’s financial systems and how they should be dealt with, and will be useful to readers unfamiliar with these issues. But in other places it provides a partial or rather confusing descriptions of aspects of the monetary system. Saying the global economy ‘is once again at risk of slipping into recession‘ and faces ‘deflation‘ are statements that have aged badly. This book will help the public ‘develop a much greater understanding’ of how banking and financial systems work.“ (Tetlow, 2017; Übers. d. Rez.) Die Kommentatorin Gemma Tetlow als Gelegenheitskolumnistin einzuschätzen, wäre schon 2017 falsch gewesen. Jetzt aber ist ihre Wertschätzung unübersehbar: Seit April 2018 ist sie Chief Economist des Institute for Government, nach Selbstauskunft „the leading think tank working to make government more effective“ (www.instituteforgovernment.org.uk/about-us).

Das Buch bietet viele Anstöße zum Nachfragen in ganz unterschiedliche Richtungen. So könnten etwa diejenigen, die der Marxschen Geld-Theorie folgen, fragen, ob und inwieweit diese vereinbar sei mit der von der Autorin vorgetragenen. Die erklärte an einer Zentralstelle: „Eine kleine Gruppe angesehener Ökonomen verstand, dass Geld als Teil eines entwickelten Geldsystems keine Ware ist und nie die Form einer Ware angenommen hat. Stattdessen sind Geld und der Zinssatz soziale Konstrukte: soziale Beziehungen und soziale Arrangements, die hauptsächlich und letztendlich auf Vertrauen gründen.“ (S. 43) Karl Marx hingegen hatte vor rund anderthalb Jahrhunderten Geld (noch) zu den Waren gezählt. Freilich zu einer einzigartigen: Geld sei die einzige Ware, deren Gebrauchswert ausschließlich darin bestehe, Tauschwert zu sein.

Das Buch bereitet zum Zweiten eine Basis, auf der man bestimmte Artikel im Wirtschaftsteil deutschsprachiger Zeitschriften einschätzen kann. Etwa solche, in denen das EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Curé zu Wort kommt. Der erklärt beispielsweise angesichts der Forderungen der neusten italienischen Regierung: „Zentralbanken können keine Staaten finanzieren“ (Nienhaus & Schieritz, 2018). Oder er „sieht durch das sinkende Vertrauen in Notenbanken deren Unabhängigkeit in Gefahr“ (Mallien, 2018). Der EZB-Banker Benoît Curé ist vor drei Jahren durch eine „vertrauensbildende Maßnahme“ ganz eigener Art aufgefallen: Er kündigte im Mai 2015 Änderungen des EZB-Ankaufprogramms – das ist eine „kursrelevante Information“ – an; freilich nur in einem nichtöffentlichen Kreis von Investoren (Braunberger, 2015). Das blieb straffrei, weil die EZB im Unterschied zu jedem börsennotierten Unternehmen nicht „ad-hoc-pflichtig“ ist. Das ist ein Beispiel von vielen, das illustriert, wes Geistes Kind die EZBler sind.

Man sollte die Kritik an einem solchen Finanzsystem, dessen wahres Gesicht sich in Momenten wie dem geschilderten unverhüllt zeigt, nicht Papst Franziskus (Kongregation für die Glaubenslehre, 2018) allein überlassen. Dessen Papier wurde im Wirtschaftsteil der „Welt“, einer weder Rom-hörigen noch linksverdächtigen Zeitschrift, mit „Der Vatikan benennt, was nicht mehr zu leugnen ist“ kommentiert (Straubhaar, 2018). Schon gar nicht darf man die Kritik am Finanzsystem der politischen Rechten überlassen. Die hat es in Gestalt des AfD-Politikers Peter Boehringer zum Leiter des Haushaltsausschusses des Bundestages gebracht. Der hatte in einschlägigen Publikationen der letzten Jahre zum Thema „Papiergeld“ in bester populistischer Manier erklärt: „Es sei krankes Geld, Falschgeld, nichts als Schulden seien es, hinter denen kein echter Wert stehe. Damit sollten die Bürger über Wohlfahrtsleistungen gefügig gehalten werden. Nur Gold als Geld sei kein Betrug.“ (Lau, 2018)

Fazit

Wer von Finanzökonomie ungefähr so viel bzw. wenig weiß wie der Rezensent, wie dieser aber an der Frage interessiert ist, was Geld eigentlich sei und wie das Geldsystem funktioniere, sollte das vorliegende Buch lesen. Und von seinen Lesefrüchten im Bekannten- und Freundeskreis weitererzählen. Denn Unkenntnis im Finanzwesen schadet uns nur. „Das moderne Finanzwesen ist für durchschnittliche Männer und Frauen im Allgemeinen unverständlich… Das Niveau vieler Bänker_innen und Regulator_innen ist nicht wesentlich höher. Wahrscheinlich ist das Absicht. Wie der Wolf im Märchen sagt: ‚Damit ich Dich besser schröpfen kann.‘“ (Das, 2010; zitiert nach vorliegendem Buch S. 23)

Literatur

  • Braunberger, G. (2015). EZB ist nicht ad-hoc-pflichtig. Frankfurter Allgemeine vom 20.5.2015 (online verfügbar unter www.faz.net/; letzter Aufruf am 2.6.2018).
  • Das, S. (2010). Traders, Guns & Money [deutsch]. München: FinanzBuch Verlag.
  • Dooley, K. (2014). The LIBOR scandal. Review of Banking & Financial Law, 32, 2–12 (online verfügbar unter www.bu.edu/rbfl/ letzter Aufruf am 3.6.2018).
  • Eckert, D. (2018). Schleichender Abschied vom Euro? Welt vom 19.5.2018 (online verfügbar unter www.welt.de/; letzter Aufruf am 26.5.2018).
  • Fugmann, M. (2017). Berlusconi will Parallelwährung für Italien! Wallstreet-online vom 22.8.2017 (online verfügbar unter www.wallstreet-online.de/; letzter Aufruf am 26.5.2018).
  • Hank, R. (2014). Der entfesselte Kapitalismus. Frankfurter Allgemeine vom 26.12.2014 (online verfügbar unter www.faz.net/; letzter Aufruf am 4.6.2018).
  • Hou, D. & Skeie, D. (2014). LIBOR: origins, economics, crisis, scandal, and reform. Federal Reserve Bank of New York Staff Reports, 667 (online verfügbar unter www.newyorkfed.org/; letzter Aufruf am 3.6.2018).
  • Kongregation für die Glaubenslehre (2018). OECONOMICAE ET PECUNIARIAE QUAESTIONES. Erwägungen zu einer ethischen Unterscheidung bezüglich einiger Aspekte des gegenwärtigen Finanzwirtschaftssystems (online verfügbar unter www.vatican.va/; letzter Aufruf am 2.6.2018).
  • Lau, M. (2018). Im Feindesland. DIE ZEIT Nr. 22/2018 vom 24.5.2018, S. 28.
  • Mallien, J. (2018). EZB-Direktor Curé sieht Unabhängigkeit der Notenbanken bedroht. Handelsblatt vom 25.5.2018 (online verfügbar unter www.handelsblatt.com/; letzter Aufruf am 2.6.2018).
  • Nienhaus, L. & Schieritz, M. (2018). „Zentralbanken können keine Staaten finanzieren“. Interview mit Benoît Curé. DIE ZEIT Nr. 22/2018 vom 24.5.2018, S. 21.
  • Stocker, F. (2017). Berlusconi spielt mit Idee einer Parallelwährung. Welt vom 4.3.2017 (online verfügbar unter www.welt.de/; letzter Aufruf am 26.5.2018).
  • Straubhaar, Th. (2018). Der Vatikan benennt, was nicht mehr zu leugnen ist. Welt vom 17.5.2018 (online verfügbar unter www.welt.de/; letzter Aufruf am 2.6.2018).
  • Tetlow, G. (2017). “The Production of Money”, by Ann Pettifor – a financial education. FINANCIAL TIMES vom 3.4.2017 (letzter Aufruf am 26.5.2018).

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 12.06.2018 zu: Ann Pettifor: Die Produktion des Geldes. Die Macht der Banken zerschlagen. Hamburger Edition (Hamburg) 2018. ISBN 978-3-86854-318-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23791.php, Datum des Zugriffs 22.10.2018.


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