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Ronald Lutz (Hrsg.): Globale Herausforderungen - regionale Entwicklungen

Cover Ronald Lutz (Hrsg.): Globale Herausforderungen - regionale Entwicklungen. Von Krisen und Aufbrüchen. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2016. 271 Seiten. ISBN 978-3-86585-654-8. D: 27,90 EUR, A: 28,70 EUR.

Erfurter Hefte, Band 4.
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Entstehungshintergrund

Globalisierungsprozesse und damit verbundene Krisenszenarien sind seit Jahren in der Diskussion, vor allem auch hinsichtlich ihrer Herausforderungen und ihrer Wirkungen in den regionalen und lokalen Welten. Die hier vorgelegten Texte gehen auf eine Ringvorlesung im Sommer 2015 zurück, die zugleich die 25. Ringvorlesung von FH und Uni Erfurt war. Die Vorträge wurden durch weitere Beiträge ergänzt.

Thema

Texte des Buches wollen exemplarisch Herausforderungen hinterfragen und diese im Kontext regionaler Entwicklungsprozesse spiegeln (S. 9). Die methodischen Vorbemerkungen sind methodologischer Art und handeln von Prognosen, ihren Möglichkeiten und vor allem der Art und Weise, ob sie zutreffen. Das erste Dilemma ist die Ungewissheit der Zukunft. Diese sollte nicht negativ angesehen werden, denn wenn die Zukunft gewiss sein könnte, wäre sie determiniert, und wir hätten keine Gelegenheit, diese zu verändern. Die Thematisierung globaler Herausforderungen beruht also auf Prognosen, die für die gesamte Menschheit eine Aufforderung bzw. Provokation zum tätig-Werden impliziert. Das Problem dabei bleibt, dass es kein gemeinschaftlich menschliches Verständnis dieser Herausforderungen gibt. Daher versucht der Herausgeber, Kants Schrift zum ewigen Frieden als Herausforderung zu begreifen, heute für die Zukunft das Richtige zu tun (S. 13-16). Er identifiziert die weltweite Abkehr von der Herrschaft einer Vernunft, wie sie Kant noch unterstellt, als die zentrale Bedrohung der Menschheit, denn sie verhindert vernünftige Lösungen. Die Vernunft ist sozusagen die Qualifikation, die uns am ehesten befähigt, mit all den Herausforderungen umzugehen, die wir heute noch gar nicht ahnen, geschweige denn erkennen können (S. 21). Dabei geht es den Autoren insbesondere um die Bewältigung der von Menschen gemachten und natürlichen Katastrophen (S. 23-25).

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis des Sammelbandes.

Reisen von Religionen rund um den Globus werden prägnant sichtbar, wenn die Vodoo-Götter von Haiti nach Montreal auswandern, um dort Schutz vor bösen Kräften zu bieten, die den Migranten aus der Heimat nachgeschickt werden. Es gab schon immer eine rege religiöse Reisetätigkeit, zum Beispiel die der Buddhisten mit den Händlern der Seidenstraße oder die Reise der Puritaner mit der Mayfower in die neue Welt. Wie die Pilgerfahrten der Moslems, der Hindus oder der Christen zeigen, gehört Reisen zu den zentralen Sozialreformen von Religionen. Immer ist das Lokale der Ausgangspunkt einer Reise, die zu neuen Lokalitäten führt. Die religiösen Erscheinungen, die transportiert werden, sind trotz möglichem universalen Anspruch ihrem Ursprung nach lokal und partikular, nicht zuletzt durch die weltweite Migration von Arbeitskräften. So scheint sich in den Städten des globalen Südens wie Istanbul, Rio, Mumbai oder Beirut eine neue Autonomie des Religiösen, eine Religionsproduktivität von unten Bahn zu brechen. So hat Religion heute die Form eines globalen religiösen Systems angenommen (S. 29-33). Außerdem entstehen immer mehr religiöse Unternehmen. Wichtig für die Reisen sind besonders die medialen Sozialformen der religiösen Traditionen, die heute von vielen Religionen virtuos gehandhabt werden (S. 37).

Im Verhältnis zum säkularen Staat ist religiöse Zugehörigkeit heute ein wichtiges Mittel geworden, in marginalisierten Stadtteilen soziale Einrichtungen ins Leben zu rufen: Moscheen, Bildungsangebote, Krippen und Jugendzentren. Um Zugang zu diesen Dienstleistungen zu bekommen, müssen sich Interessierte etwa als Muslime identifizieren (S. 39). Die Globalisierung der Religionen zeigt sich vor allem in der rasanten Vermehrung ihrer Organisationen und Institutionen in Bereichen der Bildung als religiöse Schulen oder Universitäten, als karitative Einrichtungen, als Kongresszentren und Forschungsstätten, vor allem aber als Vereinigungen und Dachverbände auf nationaler, internationaler oder gar Weltebene (S. 42).

Im Zusammenhang mit der Religion auf Reisen die Frage nach dem Fundamentalismus in der verwobenen Moderne zu stellen. Es handelt sich um Abwege, Irrwege, Umwege und Auswege aus radikalen Formen des Phänomens Religion in der Moderne (S. 55). Neben sozialen Utopien war der Glaube schon immer eine Quelle der Hoffnung für Menschen gewesen und für Fundamentalismus die Missionstätigkeit der jeweiligen Religionen. Hier spielen Migrationskirchen eine wichtige Rolle. Migrantengemeinden sind vielfältig und formen sich nicht nur im Christentum, sondern gewinnen sogar eine essenzielle Bedeutung hinsichtlich notwendig gewordener Integrationsprozessen (S. 65). Die Befreiungstheologie Lateinamerikas war z.B. wichtig, den Armen eine Stimme zu verleihen (S. 67). Die sehnsüchtige Moderne scheint auf diese neuen Formen der Religion angewiesen zu sein. So finden sich im Zusammenhang mit Fundamentalismus bedrohliche und gewalttätige Abwege, die alles Moderne vernichten wollen.

Es gibt fundamentalistische Irrwege, die als eher hilflose Versuche des Widerstandes gegen die Moderne zu werten sind. Daneben lassen sich Umwege Diagnostik ihren, auf denen subjektive mit Hilfe der Religion Krisen zu bewältigen versuchen, die sie mit der Moderne verbinden. Und schließlich können auch Auswege gewiesen werden durch Integration in eine religiöse Gemeinschaft, welche Menschen in der Anonymität der Moderne ein persönliches und sie haltendes Umfeld anzubieten vermag (S. 69 f.). Auch bei Flucht, Vertreibung und Migration spielt das Phänomen Religion eine nicht unerhebliche Rolle. Hier kann sie dabei helfen, an humanitären Aufnahmekonzepten von Flüchtlingen mitzuwirken (S. 73).

Interessant ist auch das Thema transnationale Protestbewegungen in der Abstiegsgesellschaft, z.B. die Occupy-Proteste in Deutschland. Inspiriert durch den arabischen Frühling Anfang 2011 ist es zu einer neuen Welle von globalen Protestbewegungen gekommen, von der bisher noch offen ist, ob sie zu einer weltweiten Bewegung werden kann. Von Anfang an beteiligt war das Medium des Internets. Worum handelt es sich bei diesen Protesten, welche sowohl die industrialisierten Länder, die Gruppe der Schwellenländer, aber auch Ländern in der Entwicklung ergriffen hat. Diese Protestbewegung, welche auch neue Formen des kollektiven Handelns nutzt, ist in Ihrem Wesen noch nicht angemessen erfasst. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass eine international vergleichende Studie dieser Konflikte noch aussteht, wobei darauf hinzuweisen ist, dass der arabische Frühling und die Occupy-Bewegung trotz einiger Gemeinsamkeit unterschiedliche soziale Konflikte darstellen. Auf jeden Fall ist die Bewegung als Teil eines transnationalen Protestes zu bestimmen. Denn die globalisierte Moderne und vor allem die Formen ihrer Ökonomisierung wurden zu einer Krise der Demokratie. Hiergegen richtet sich der Protest überwiegend jugendlicher Teilnehmer. Hintergrund des Protestes sind Citizenship und soziale Konflikte.

Infolge der Globalisierung wuchs die Ungleichheit, während die soziale Sicherheit und Aufstiegsmöglichkeiten für Jugendliche abnahmen. Die Entwicklungsrichtung der deutschen und europäischen Gesellschaften veränderten sich. Jugendarbeitslosigkeit ist ein Indikator dafür. Nicht zuletzt erodierten im Zeichen der Globalisierung die institutionellen Kerne des demokratischen Kapitalismus wie Wohlfahrtsstaat, Mitbestimmung und Tarifsystem in den letzten Dekaden. Die deutschen Occupy-Aktivisten sind häufig prekär beschäftigt und haben eine große Distanz zu traditionellen Formen der politischen Repräsentation. Das Versprechen der liberalen Marktwirtschaft nach Chancengleichheit, nach Aufstieg und Sicherheit durch Bildung und Leistung greift nicht mehr (S. 87-97).

Medien spielen eine zentrale Rolle in Freizeit, Ausbildung, Beruf, bei der Organisation des Alltags, bei der Strukturierung des Tagesablaufs und zunehmend auch bei der Ausgestaltung sozialer Beziehungen. Blicken wir auf das Individuum, wird offenbar, dass die individuelle Medienbiografie ein wichtiger Teil der Gesamtbiografie ist. Diese Medienbiografien beginnen heute in frühester Kindheit und sie sind so vielfältig wie noch nie. Auf der anderen Seite sind Kinder- und Jugendmedien immer mehr im Bann eines globalen Medienmarktes. Nachdem die klassische Medienbiografie, die durch die Aneignung eines kanonisiert Lektürekorpus ausgezeichnet war, nicht mehr dominiert, haben wir es verstärkt mit multimedialen Medienbiografien zu tun. Sie avancieren zu einem essenziellen Element der Identitätsdarstellung der Einzelnen. Medien sind also zur Sozialisationsinstanz sowie zur Ausbildung von Ästhetik und Geschmack geworden. Digitale Ästhetik, glänzende Bildschirmästhetik wie bei Musikclips oder digitalen Spielen – sie richten sich immer mehr an globalisierten Schönheitsidealen aus (S. 105-113).

Heute geben die Medien vor allen Dingen optisch-ästhetische Folien vor, durch die die Welt gesehen wird. Technologischer Fortschritt, insbesondere die Ritualisierung, verändert den Umgang mit Medienästhetik, indem neue Produktionsmöglichkeiten entstehen. Die Verfügbarkeit medialer Inhalte steigt. Medienproduzenten haben dabei die Macht, ihre Ästhetik massenhaft und global zu verbreiten, sodass Kinder und Jugendliche bei ihrer scheinbar freien Wahl letztlich doch auf gewisse Vorgaben angewiesen sind, nämlich auf das, was verfügbar ist (S. 118).

Im Hinblick auf Aids bis Ebola kann von einer Entgrenzung der Gesundheitsrisiken im Zeitalter der Globalisierung gesprochen werden. Dabei sind in Zeiten des Umbruchs und des Wandelns Mut und Widerstandsfähigkeit, Resilienz und Gesundheit besonders gefordert (S. 123). Durch die modernen Möglichkeiten der Massenmobilität steigt die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Epidemien und Pandemie an. Von einer vollen Entgrenzung der Gesundheitsrisiken kann jedoch nicht gesprochen werden (S. 134). Im Hinblick auf Ebola und seine Behandlung stellten sich gerade am Anfang der Behandlung extreme kulturelle Hindernisse einer adäquaten Form der Therapie entgegen. Sie betraf den Umgang mit Erkrankten genauso wie mit Toten, da ein Kontakt ohne Schutzkleidung bei Angehörigen wie Pflegepersonal tödlich sein konnte (S. 143). Vieles, was als Hybris der Helfer von Seiten der Patienten interpretiert wurde, erwies sich als Form der Selbstverteidigung. Außerdem verstärkten die Armut und das Unwissen der Patienten Behandlungsmöglichkeiten (S. 147). So hat Gesundheit viel mit Entwicklung oder Unterentwicklung zu tun und stellt sich daher als Entwicklungsaufgabe dar (S. 153).

Europa sollte sich als Vorreiter einer grünen Moderne interpretieren. Damit leben wir nicht in einer Endzeit, sondern eher in einer Gründerzeit. Zentrales Ziel ist intelligent zu wachsen. Die Nahrungsmittelproduktion kehrt in die Stadt zurück, sodass wir möglicherweise vor einer neuen grünen Revolution stehen (S. 165-167). Wir müssen immer mehr erkennen, dass Natur ein Gemeingut ist, dass von allen geschützt werden muss. Dabei sollten Ökologie und Freiheit nicht gegeneinander ausgespielt werden (S. 171). Insofern darf durchaus für die Wiederentdeckung des Fortschritts argumentiert werden (S. 173). Ein wesentliches Element ist dabei die Transformation der Ökonomie, wobei das neue Leitbild solidarisches Wirtschaften mit lokalen und regionalen Ökonomien im Vordergrund steht. Alternative Ökonomien können Herausforderungen besser bewältigen (S. 175). Forschungen zur lokalen und regionalen Ökonomie gibt es seit den 1980er Jahren. Ein ähnlicher Begriff ist Gemeinwohlökonomie oder Wirtschaft von unten (S. 176). Damit ist vor allem zunächst eine regionale Ernährungssouveränität gemeint (S. 179). Neben der Produktion ist allerdings auch die regionale Organisation des Konsums der entsprechenden Produkte von Bedeutung (S. 180). Dazu müssen neue Infrastrukturen der Daseinsvorsorge geschaffen werden (S. 185). Die Technikentwicklung hat sich am Bedarf vor Ort auszurichten (S. 186).

Diskussion und Fazit

Auf den ersten Blick mag die Disparatheit der Themen vielleicht etwas irritieren, aber im Verlauf der Lektüre wird der innere Zusammenhang der Themenfelder durchaus einsichtig. Es wird deutlich, dass Globalisierung vor allem eine kulturelle Antwort verlangt, und nicht auf ökonomische Inhalte reduziert werden sollte.

Fazit: Die Lektüre des Buchs ist daher sehr empfehlenswert.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Bernhard Irrgang
Der Rezensent lehrt Technikphilosophie und angewandte Ethik an der TU Dresden
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Zitiervorschlag
Bernhard Irrgang. Rezension vom 01.06.2018 zu: Ronald Lutz (Hrsg.): Globale Herausforderungen - regionale Entwicklungen. Von Krisen und Aufbrüchen. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2016. ISBN 978-3-86585-654-8. Erfurter Hefte, Band 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23793.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


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