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Gaby Franger, Rebekka Krauß u.a. (Hrsg.): Human rights, inclusion and social justice

Cover Gaby Franger, Rebekka Krauß, Claudia Lohrenscheit (Hrsg.): Human rights, inclusion and social justice. International perspectives on challenges of social work in a globalised world. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2017. 242 Seiten. ISBN 978-3-86585-908-2. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 36,90 sFr.
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Thema

Internationalisierung und Globalisierung sind zentrale Stichworte in vielfältigen Wissenschafts- und Praxisbereichen. So auch im Bereich der Sozialen Arbeit. Dies liegt nahe bei einer Profession, für welche Begriffe wie Menschenwürde, Menschenrechte oder der Begriff des gelingenden Lebens wichtige Bezugspunkte sind, auch in der Diskussion um eine Sozialarbeitswissenschaft. An vielen Hochschule wird die Internationalisierung in je unterschiedlichem Maße in das Studium einbezogen und reflektiert oder als Master of Art Abschluss zu einer eigenständigen Studienphase gemacht. Dabei ist der Einfluss dieser Thematik für das Studium Sozialer Arbeit und deren Praxis in verschiedenen Ländern durchaus unterschiedlich, auch geschuldet, einer jeweils unterschiedlichen Geschichte der Menschenrechte in den verschiedenen Ländern oder Regionen.

Die Diskussion um die Rolle der Menschenrechte in der Sozialen Arbeit hat eine lange Tradition seit den 60er Jahren und wurde besonders durch Silvia Staub-Bernasconi gefördert. Der vorliegende Band verhandelt in diesem Zusammenhang Fragen des Erfolgs und Misserfolgs, der Umsetzung dieses Konzepts in die Praxis und was man aus der bisherigen Geschichte dazu lernen kann.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist das Ergebnis einer Sommerschule über Soziale Arbeit und Menschenrechte an der Hochschule Coburg für angewandte Wissenschaften im Mai 2013. Diese hatte das Ziel den bereits vorhandenen internationalen Austausch zu verdichten und zugleich der Vertiefung dieses Aspektes der Sozialen Arbeit im Studium an der Hochschule.

Herausgeberinnen/Autorinnen

Die Herausgeberinnen sind Mitglieder der Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit an der Hochschule Coburg, die Autoren und Autorinnen, wenn ich mich nicht verzählt habe 39 an der Zahl, kommen aus Länder und Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit rund um diese globalisierte Welt.

Aufbau

Das Buch von 240 Seiten ist in drei Teilen gegliedert.

  1. Der weit überwiegende erste Teil, „Human Rights Based Approaches in Social Work“ umfasst Bereiche der Sozialen Arbeit (29 – 160) zu Kinderrechten, Beiträge zur Arbeit mit Flüchtlingen und zur Arbeit im Gemeinwesen
  2. Der zweite Teile „History and Education“ (160 – 166) stellt zwei Projekte in Chile vor, eine Wanderausstellung, zur Aufarbeitung der Pinochet Diktatur in Chile und ein Projekt, in welchem nach den verschiedenen oder gemeinsamen Sichtweisen der Professionen der Sozialen Arbeit und des Erziehungswesens, mit Blick auf die Perspektive Menschenrechte und Gleichheit gefragt wird
  3. Der dritte Teil „Student's perspectives on Human Rights Learning“ (187- 231) enthält spannende Beiträge einzelner Teilnehmer/innen etwa zu der Frage „What changed my attitude towards being more inclusive?“ Daneben auch kreative Praxisvorschläge z.B. zum Thema „Cosmopolitan cooking“ mit Flüchtlingen. Der grundlegende Gedanke ist, gemeinsames kochen und essen schafft Gemeinschaft.

Sieht man von einem Vorwort ab, umfasst der Band 24 Beiträge, woraus unmittelbar folgt, dass sich der Rezensent damit begnügt, aus jedem der drei Teile einen Beitrag zu besprechen. Daraus folgt keineswegs, dass die Auswahl nicht anders hätte vorgenommen werden können.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Ausgewählte Inhalte

Aus Teil 1 habe ich den Beitrag von Claudia Lohrenscheit ausgewählt, „Unity in diversity: inclusion and protection against discrimination as fundamental pedagogigal principles“ (Auch erschienen unter dem Titel „Integrationserwartungen an Schule“ in Engagement. Themenheft /2014). Der Beitrag erscheint mir als ein guter und übergreifender Einstieg in den Titel des Buches.

Der Beitrag stellt die Alltäglichkeit der Diskriminierung und der damit verbundenen Exklusion von der Gleichheit an Hand von zwei deutschen Studien dar. Das ist zum einen die Sinus Milieu Studie „Diskriminierung im Alltag“ und die Studie „Deutsche Zustände“, die in mehreren Bänden publiziert wurde. Bei aller Normalität oder Alltäglichkeit der Diskriminierung etwa im Bereich Migration und der damit verbunden Religion oder des Antisemitismus, so die Studie Deutsche Zustände, gibt es auch positives zu berichten. So etwa, dass jüngere Menschen und darunter vor allem Frauen, weniger zu Diskriminierungen neigen, und dass die Politik sich des Themas Diskriminierung von Frauen und älterer Menschen angenommen hat (116). Der Schutz gegen Diskriminierung und das Prinzip der Inklusion, als Bestandteil der CRPD, wird von der Autorin pointiert zusammengefasst in dem Satz „Inklusion bedeutet, dass jede Person besonders ist“(111). Dem entspricht auch die Hervorhebung des Gedankens der „assistierten Autonomie“, gerade auch in Blick auf ein dem Gleichheitsgedanken Rechnung tragendes inklusives Schulsystem.

Ein sich daran anschließender Beitrag zur inklusiven Erziehung in Russland (124 ff.) gibt Einblicke in die rechtlichen Regularien und die Praxis in Russland, das 2012 die CRPD unterzeichnet hat. Das erwähne ich, weil über die Behindertenpolitik in Russland wenig bekannt ist.

Aus Teil 2 habe ich den Beitrag ausgewählt, der ein Ausstellungsprojekt der Bio-Bio- Universität für Soziale Arbeit in Conception vor dem Hintergrund der barbarischen Verletzung aller Menschenrechte durch den Militärputsch vom 11.9.1973, bis zur Rückkehr zur Demokratie im Jahre 1990 vorstellt. Ausgehend von dem „House of Memory“, das eingerichtet wurde, um die Zeugnisse und Dokumente zu bewahren und auszustellen, die einen Blick auf diese Zeit ermöglichen, ein Projekt, dem der Gedanke zugrunde lag, kein Morgen ohne die Bewältigung von Gestern. Mit dieser Wanderausstellung unternahm die Soziale Arbeit der Bio-Bio Universität die Aufgabe, in einer Wanderausstellung diese Bewältigung der Vergangenheit und die Gestaltung der Zukunft in weiteren Regionen des Landes zu fördern. Einbezogen wurden dabei auch Dokumente und Erinnerung aus den Gebieten, in denen die Wanderausstellung präsent war. Ziel des Projektes war, die Achtung vor den Menschenrechten zu stärken mit dem Ziel, sie anzuerkennen, zu schützen und zu fördern.

Das Projekt war eingebettet in unterschiedliche Konferenzen, Verbindungen mit den jeweiligen regionalen und kommunalen Medien und Institutionen. Die Besucher der Ausstellung wurden begleitet durch Studenten der Sozialen Arbeit, die für diese Tätigkeit eigens trainiert wurden.

Ein Ergebnis ergab sich dabei aus einem Buch, in dem Besucher einen Eintrag schreiben konnten. Die Einträge wurden ausgewertet nach der Häufigkeit in der bestimmte Worte wie etwa „Danke“ „Erinnerung“ „Vergessen“ Verwendung fanden. Dem lag der Gedanke zugrunde, dass Worte auch Werte oder Werthaltungen auszudrücken. Das dient dann dazu, eine gemeinsame Geschichte der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schreiben zu können.

Aus Teil 3 entnehme ich den Beitrag „Was hat meine Haltung in Richtung auf Inklusion verändert“, an dem sieben Autoren/Autorinnen beteiligt waren. Das bietet sich an, da jeder und jede der Autoren/Autorinnen aus Indien, Chile, der Hochschule Coburg, Namibia, eine je eigene Antwort auf die Frage gibt. Allen Antworten ist gemeinsam, dass sie ihre Haltung – jedenfalls auch – durch Begegnungen mit zuvor auch von ihnen diskriminierten Menschen geändert haben, wobei der Diskriminierung jeweils unterschiedliches, etwa körperliche Beeinträchtigung oder die sexuelle Orientierung zugrunde lag. Einem Mädchen aus Chile, das nicht mit Menschen, denen ein Körperteil fehlte umgehen konnte sagte die Mutter, schau Deine 5 Finger an. Sind sie alle gleich? Sie sagte Nein. Die Mutter sagte dann, so ist das mit Menschen, Du brauchst vor Menschen keine Furcht haben, denen ein Arm oder ein Bein fehlt. Seit dem weiß sie, wie sie schreibt, dass alle Menschen voneinander unterschieden sind.

Diskussion und Fazit

Die Lektüre des Buches demonstriert in eindrucksvoller Weise, in welche Maße eine Haltung zu den allen Menschen gleichermaßen zukommenden Menschenrechten durch Praxis, durch Erfahrung und durch die Geschichte eines Landes geprägt wird. Letztlich eine Praxis und Erfahrung die es aber auch ermöglicht, vorhandene sozialisationsbedingte Einstellungen aufzubrechen, in denen immer auch eine problematische Vorstellung von Normalität beheimatet ist und diese Vorstellung zu öffnen für die Normalität der Unterschiede. Die Beiträge machen auch deutlich, dass dies nicht in schreibstuhlversunkener Lesehaltung ermöglicht wird, sondern letztlich immer durch Erfahrung mit einem anderen, mit dem anderen.

Ob die Soziale Arbeit eine Menschenrechtsprofession ist oder ob es nicht hinreicht sie als Profession zur Entwicklung menschlicher Fähigkeiten im Sinne von M. Nussbaum zu verstehen, durch welche Menschenrechte wirklich werden können, so etwa die Auffassung des Rezensenten, kann offen bleiben. Es sind, international betrachtet, vielfältige Projekte, Impulse und Ansätze, mit denen die Soziale Arbeit zur Verwirklichung von Menschenrechten beiträgt.

Fazit: Das Buch zu lesen kann man empfehlen, da man von ihm vielfältige Impulse zum Thema Menschenrechte und Soziale Arbeit, zu Möglichkeiten internationaler Zusammenarbeit, aber auch zur Arbeit mit Flüchtlingen erhalten kann.


Rezensent
Prof. Dr. Eckart Riehle
em. Professor für öffentliches Recht und Sozialrecht an der Fachhochschule Erfurt. Rechtsanwalt, Karlsruhe
Homepage www.rechtsanwalt-riehle.de
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Zitiervorschlag
Eckart Riehle. Rezension vom 05.04.2018 zu: Gaby Franger, Rebekka Krauß, Claudia Lohrenscheit (Hrsg.): Human rights, inclusion and social justice. International perspectives on challenges of social work in a globalised world. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2017. ISBN 978-3-86585-908-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23794.php, Datum des Zugriffs 23.09.2018.


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