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Werner Michl, Holger Seidel (Hrsg.): Handbuch Erlebnispädagogik

Cover Werner Michl, Holger Seidel (Hrsg.): Handbuch Erlebnispädagogik. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2018. 387 Seiten. ISBN 978-3-497-02773-6. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR.
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Thema

Seit Anfang der 80er Jahre hat sich Erlebnispädagogik als pädagogischer Ansatz und Methode rasant entwickelt. Immer mehr Aktionsformen und Praxisfelder sind hinzu gekommen und – wesentlich langsamer – gelingt es auch, nach und nach die theoretische Fundierung dieser vielfältigen Praxis voran zu treiben. Vor diesem Hintergrund verbinden die Herausgeber des vorliegenden Handbuches mit dieser Veröffentlichung das Anliegen, die bisherigen Erfahrungen und Erkenntnisse übersichtlich und verständlich zu bündeln.

Diese Absicht ist nicht ganz einfach zu bewerkstelligen. „Dies liegt auch an der begrifflichen Unschärfe. Erlebnispädagogik als ‚Label‘ lässt sich in der Praxis positiv ‚verkaufen‘, was eine entsprechende Etikettierung aller möglichen Angebote als Erlebnispädagogik naheliegend macht.“ (54)

Aufbau

Insgesamt 71 Autorinnen und Autoren versuchen in rund 80, im Schnitt 3–6 seitigen Beiträgen dieser Heterogenität gerecht zu werden. Neben einer knappen Einleitung und dem umfangreichen AutorInnen-Verzeichnis ist das vorliegende Handbuch in elf Abschnitte gegliedert:

  1. Erlebnispädagogik – Grundlagen (19 Beiträge)
  2. Historische Entwicklungslinien der Erlebnispädagogik (5 Beiträge)
  3. Erlebnispädagogik im Kontext internationaler Entwicklungen (5 Beiträge)
  4. Nationale und internationale erlebnispädagogische Verbände (7 Beiträge)
  5. Arbeitsfelder und Institutionen der Erlebnispädagogik (5 Beiträge)
  6. Erlebnispädagogische Handlungsfelder und Kontexte (17 Beiträge)
  7. Erlebnisse in Prävention und Therapie (3 Beiträge)
  8. Zielgruppen der Erlebnispädagogik (8 Beiträge)
  9. Erlebnispädagogik als Forschungsfeld (3 Beiträge)
  10. Sicherheit, Standards und Qualität in der Erlebnispädagogik (5 Beiträge)
  11. Von der Berufung zum Beruf – erlebnispädagogische Aus- und Weiterbildung (3 Beiträge)

Inhaltliche Positionen

Der Abschnitt „Erlebnispädagogik – Grundlagen“ umfasst eine Reihe sehr unterschiedlicher Positionen und Ansätze. Das erscheint angesichts der fehlenden Ausarbeitung einer fundierten komplexen und umfassenden theoretischen Grundlage der Erlebnispädagogik wenig überraschend. So geht es in den Beiträgen u.a. um die Beziehung zwischen Erlebnis und Pädagogik, die Bedeutung von Reflexion und Transfer oder Bezüge zu Hirnforschung. Die Verknüpfung von aktuellen Fragestellungen wie Inklusion, Migration, Diversity und Genderaspekten mit erlebnispädagogischen Ansätzen werden ebenso diskutiert wie deren fachliche Verortung in Sozialer Arbeit und Bildung. Die Zusammenschau dieser Beiträge verstärkt die bereits eingangs erwähnten äußerst heterogenen Zugänge zum Thema.

Dieser Eindruck wird im folgenden Abschnitt „Historische Entwicklungslinien der Erlebnispädagogik“ noch verstärkt, dessen Beiträge die teilweise ganz unterschiedlichen Wurzeln erlebnispädagogischen Denkens skizzieren, wenngleich der Kontext der Reformpädagogik als dominante Orientierung betont wird.

Im Abschnitt „Erlebnispädagogik im Kontext internationaler Entwicklungen“ werfen die AutorInnen einen Blick über en Tellerrand und beschreiben Entwicklung und Stand des Ansatzes in ausgewählten Ländern (USA, Niederlande, Großbritannien und Skandinavien). Zwar gibt es „gemeinsame Grundsätze zum Verständnis von Abenteuer, Herausforderung und Risiko“ (122), aber die jeweils relevanten Themen und Fragestellungen sowie die dafür gefundenen Lösungen entwickeln sich in den genannten Ländern durchaus unterschiedlich und ungleichzeitig.

Im folgenden Abschnitt „Nationale und internationale erlebnispädagogische Verbände“ stellen die AutorInnen neben dem deutschen Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik verschiedene andere Verbände vor. Deren Auswahl und Bedeutung für den Gesamtkontext wird allerdings nicht in jedem Fall transparent, auch weil die nationalen Organisationsmodi sich sehr voneinander unterscheiden.

Der Abschnitt „Arbeitsfelder und Institutionen der Erlebnispädagogik“ umfasst überraschenderweise lediglich fünf Beiträge. Das liegt nicht daran, dass die Arbeitsfelder derart begrenzt und überschaubar sind, sondern ist eher der Tatsache geschuldet, dass Beiträge, die man als Leser in diesem Abschnitt erwarten würde, dann im folgenden Abschnitt „Erlebnispädagogische Handlungsfelder und Kontexte“ auftauchen. Die Überschneidungen liegen m.E. schon bei den Titeln der Abschnitte auf der Hand. An dieser Stelle werden jedenfalls – wenig überraschend – Kinder- und Jugendarbeit, Jugendverbände und die Hilfen zur Erziehung als relevante und bedeutsame Arbeitsfelder beschrieben. Interessanter dagegen ist der Beitrag über „Freie Träger“, der die vielfältige Szene erlebnispädagogischer Anbieter zu beschreiben versucht. Auch hier ergibt sich für den Autor (Sven Schuh) die entscheidende Frage, welche Kriterien gegeben sein müssen, dass ein pädagogischer Träger zu einem der ca. 300 erlebnispädagogischen Anbieter in Deutschland wird.

Ein breites Spektrum erlebnispädagogischer Projekte und Aktivitäten findet sich im Abschnitt „Erlebnispädagogische Handlungsfelder und Kontexte“. Vorwiegend natursportliche Projekte wie z.B. Alpenwandern, Höhlentouren, Mountainbiking, Segeln, Hochseilgärten werden hier ebenso vorgestellt wie Reisepädagogik, Citybound, Zirkus- und Lernprojekte. Daneben werden Zusammenhänge zwischen Erlebnispädagogik und schulischen Bildungszielen oder Spiritualität und religiöser Bildung erörtert.

Erlebnissen in Prävention und Therapie“ widmet sich der folgende Abschnitt. Dabei geht es einmal um erlebnispädagogische Elemente in der Salutogenese. Für den Bereich der Therapie formuliert Ulrich Lakemann die Funktion von Erlebnispädagogik: „Reale und wahrgenommene Risiken rufen ein psychisches Ungleichgewicht hervor, was Veränderungen ermöglicht. Ausgehandelte und bewältigte Herausforderungen stärken das Selbstbewusstsein und die Selbsterkenntnis. Sie ziehen unmittelbare Rückmeldungen nach sich und stärken die Selbstverantwortung und Selbstwahrnehmung.“ (269) Ein Überblick über die „Wegbereiter der Erlebnistherapie“ schließt diesen Abschnitt ab.

Zielgruppen der Erlebnispädagogik“ beschreibt der darauf folgende Abschnitt. Neben den nach den bisherigen Ausführungen erwartbaren Zielgruppen Kinder, Jugendliche mit und ohne Behinderung, Auszubildende und Studierende tauchen hier erstmals auch Teams und Führungskräfte auf. Die Spezifika der einzelnen Zielgruppen werden erläutert und die Vielfalt erlebnispädagogischer Arbeit so anschaulich.

Unter der Überschrift „Erlebnispädagogik als Forschungsfeld“ werden einerseits Befunde der Ergebnis- und Prozessforschung im Überblick skizziert, dann aber Ergebnisse zur Förderung des Selbstkonzeptes und der Selbstwirksamkeitserwartungen detailliert referiert. Damit sind einige relevante Aspekte und Beiträge der Forschung präsent, dieser Abschnitt hätte aber auch etwas ausführlicher ausfallen können, zumal empirische Forschungsergebnisse auch potenziell immer zur Theorieentwicklung beitragen können.

Der Abschnitt „Sicherheit, Standards und Qualität in der Erlebnispädagogik“ nimmt zweierlei in den Blick: einerseits geht es um das ganz praktische Verhältnis von Risiko und Sicherheit. Andererseits wird der Frage nachgegangen, wie trotz des Fehlens einer ausgearbeiteten theoretischen Grundlage sichergestellt werden kann, dass fachliche Standards und „the state of art“ von Anbietern und Trägern erlebnispädagogischer Angebote auch eingehalten werden.

Der letzte Abschnitt „Von der Berufung zum Beruf – erlebnispädagogische Aus- und Weiterbildung“ dokumentiert eindrucksvoll die fortschreitende Professionalisierung im Feld der Erlebnispädagogik und informiert über bestehende Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Fazit

Das vorliegende Handbuch informiert umfassend, differenziert und verständlich über Entwicklung und Stand der Erlebnispädagogik in Deutschland. Aufbau und Auswahl der Themen sind weitgehend schlüssig, wenngleich auch weitere Aspekte gut hätten mit aufgenommen werden können. So wäre ein Beitrag oder Abschnitt zu aktuellen Diskursen und Kontroversen in der Erlebnispädagogik hilfreich gewesen, auch um deutlich zu machen, dass die „Erfolgsgeschichte“ dieses Ansatzes durchaus im Rahmen kontroverser fachlicher Auseinandersetzungen mühsam errungen wurde (und wird). Auch die wichtigen Impulse der Erlebnispädagogik in der frühen Entstehungsphase der Individualpädagogik bleiben leider unerwähnt.

Ein weiterer wichtiger Mangel hängt vermutlich mit der Unschärfe des Begriffes Erlebnispädagogik zusammen: Nahezu alle Beiträge dieses Bandes verstehen darunter eine beschreib- und abgrenzbare Aktivität in Form von Projekten und Aktionen. Daneben hat Erlebnispädagogik als Gestaltungsprinzip im pädagogischen Alltag (vor allem in den Hilfen zur Erziehung) auch unabhängig von konkreten Projekten einen wichtigen Stellenwert erhalten. Den Alltag in einer pädagogischen Einrichtung erfahrungs- und erlebnisintensiv zu gestalten, ist auch ohne jede natursportliche Aktivität möglich und nötig. Erlebnispädagogik ist eben auch als handlungsorientiertes Konzept im Alltag wirksam.

„…Die Potenziale der erlebnispädagogischen Ansätze (sollten künftig) mit den Zielen bzw. Paradigmen der Sozialen Arbeit deutlicher verknüpft werden. Zentrale Anliegen der Sozialen Arbeit, wie die Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen, die gemeinsame Verantwortung, die Achtung der Vielfalt und der Menschenrechte (…) können durch erlebnispädagogische Konzepte und Methoden erfolgversprechend bearbeitet werden“. (58) Dazu braucht es mehr als nur natursportliche Aktionen.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP, www.hiip-hamburg.de)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 10.08.2018 zu: Werner Michl, Holger Seidel (Hrsg.): Handbuch Erlebnispädagogik. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2018. ISBN 978-3-497-02773-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23801.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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