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Barbara Klein, Birgit Graf u.a.: Robotik in der Gesundheits­wirtschaft

Cover Barbara Klein, Birgit Graf, Inga Franziska Schlömer, Holger Roßberg, Karin Röhricht, Simon Baumgarten: Robotik in der Gesundheitswirtschaft. Einsatzfelder und Potenziale. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. 170 Seiten. ISBN 978-3-86216-388-5. D: 59,99 EUR, A: 61,70 EUR.

Stiftung Münch (Herausgeber).
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Thema

Deutschland zeichnet sich im Hinblick auf die Ausgestaltung des Gesundheitssystems traditionell durch eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Neuerungen aus, eine Bewahrungstendenz, die die Implementierung von Innovationen hierzulande schwermacht. Doch können wir uns diese Innovationsangst noch leisten, wenn wir entwickelte Gesundheitsstandards erreichen und beibehalten wollen? (S. V). Welche Potenziale für Gesundheitsversorgung liegen in der Robotik?

Entstehungshintergrund

Mit diesen Fragen hat sich die Forschungsgruppe Neue Technologien an der Frankfurt University of Applied Science und die Abteilung Roboter und Assistenzsysteme des Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) im Auftrag der Stiftung Münch im Zeitraum vom Februar bis Oktober 2017 befasst. Das Ergebnis: der Einsatz von Robotern kann eine richtungsweisende Maßnahme sein, Prozesse effizienter zu gestalten und so knappen Personalressourcen zu begegnen. Kurz bis mittelfristig könnten Roboter in allen betrachteten Bereichen in unterschiedlichen Graden der Automatisierung zum Einsatz kommen. Aktuell sind jedoch erst wenige Produkte auf dem Markt erhältlich und werden nur vereinzelt in der Praxis eingesetzt (S. 1).

Eine Vorreiterrolle für den Robotereinsatz nimmt beispielsweise die neurologische Rehabilitation ein. Auch die Telemedizin gehört in diesen Bereich. Über die Grenzen des Gesundheitssystems hinweg ist es erforderlich, den Menschen in den Mittelpunkt der Versorgungssysteme zu stellen. Ausbau und Intensivierung der Forschungsförderung im Gesundheitswesen sind erforderlich. Die Schaffung einer Informationskultur für mehr Akzeptanz gegenüber Robotern Falls einzufordern. Die Aus- und Weiterbildung im Gesundheitswesen muss ich strategisch neu ausrichten Technik muss sich an den Anforderungen der Menschen orientieren. Klare Finanzierungswege ermöglichen den Einsatz von Robotern im Gesundheitswesen. Die Kosten, die durch Robotersysteme im Gesundheitswesen entstehen, lassen sich in den aktuellen Vergütungssystemen nicht klar zuordnen. Daher müssen Wege der Finanzierung zur Vergütung in diesem Bereich geschaffen werden. Für die Vergütung einer durch Roboter unterstützten Versorgung ist eine Ausweitung der DRGs in die Hilfsmittelverzeichnisse der gesetzlichen Krankenversicherung denkbar (S. 2-4).

Aufbau

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Einsatzfelder der Robotik im Gesundheitswesen. Servicerobotern unterscheiden sich in Aufbau und Funktion von Industrierobotern teils deutlich. Sie führen Assistenztätigkeiten oder Dienstleistungen aus und zeichnen sich insbesondere dadurch aus, dass sie im direkten Umfeld des Menschen oder auch in direkter Zusammenarbeit mit ihm interagieren (S. 6 f.). Aktuell sind Anschaffungs- und Wartungskosten von Servicerobotern noch enorm (S. 8). Eine umfangreichere Anzahl von Robotern im Gesundheitswesen ist im Bereich der Rehabilitation (S. 12) anzutreffen. Dazu gehören am Körper getragene Systeme (Exo-Skelette) (S. 14). Ein weiterer Bereich sind Roboter zur Unterstützung des Personals in Alten- und Pflegeeinrichtungen, im Krankenhaus oder bei der ambulanten Pflege (S. 29). Dazu gehören auch Logistikroboter und fahrerlose Transportsysteme (S. 31). Ein wichtiges Einsatzfeld ist die Bodenreinigung (S. 42 ff.). Auch Trage- und Umsetz-Roboter sind im Einsatz (S. 48 ff.) Ein wichtiges Umfeld sind Telepräsens- und Diagnoseroboter (S. 53). Emotionale Roboter finden immer mehr Eingang in den medizinischen Bereich (S. 61). Roboter zur Unterstützung älterer und pflegebedürftiger Menschen zu Hause (S. 67 stellen zum Teil schon hohe Anforderungen an die Maschinen. Mobilitätshilfen wie Rollstühle, die selbstständig Treppen fahren können, haben vielfältige Einsatzmöglichkeiten (S. 81).

Politische Visionen zur Robotik für die Gesundheitswirtschaft in Deutschland, Japan und Korea. Deutlich weiter vorangeschritten sind Roboter im Gesundheitswesen in Japan und Südkorea. Beide asiatische Länder haben ähnliche demographische Voraussetzungen und vergleichbare Herausforderungen wie in Deutschland, aber aufgrund einer anderen Einstellung und Tradition gegenüber Robotern technologische Vorsprünge (S. 103). Aufgrund der zunehmenden Komplexität der Technologie- und Innovationspolitik und dem damit verbundenen erhöhten Koordinierungsbedarf hat die Bundesregierung 2006 die Hightech-Strategie initiiert, die in den Jahren 2010 und 2014 weiterentwickelt wurde. Im Zeitraum 2006–2009 waren die Förderschwerpunkte auf Schlüsseltechnologien und Leitmärkte ausgerichtet. Die weiterentwickelte Hightechstrategie 2020 für Deutschland (2010-2013) hatte ihren Schwerpunkt auf der Lösung von gesellschaftlichen Herausforderungen und beruhte weniger auf der Entwicklung konkreter Technologien. Die neue Hightechstrategie Innovationen für Deutschland (2014) hatte das Ziel, die Strenge der vorangegangenen Hightech-Strategie-Phasen zu einer umfassenden, ressortübergreifenden Innovationstrategien zusammenzufassen: es wurden sechs gesellschaftliche Herausforderung bzw. prioritäre Zukunftsaufgaben benannt: digitale Wirtschaft und Gesellschaft; nachhaltiges Wirtschaften und Energie; innovative Arbeitswelt, gesundes Leben; intelligente Mobilität und zivile Sicherheit. Dabei kam es seiner Erweiterung des Innovationsbegriffs gerade auf dem Bereich gesellschaftlicher Handlungsfelder (S. 105). Die Digitalisierung in der stationären Pflege verbindet sich mit innovativen Arbeitswelten. Digitale und technische Assistenzsysteme können attraktivere Arbeitsbedingungen schaffen und damit zur Zufriedenheit der Fachkräfte und einem Imagewandel des Berufs führen. Dabei müssen Anstrengungen unternommen werden, die bisher starke Stellung Deutschland in der Industrierobotik auch im Dienstleistungsbereich aufrechterhalten zu können (S. 107).

Potenziale der Robotik in der Gesundheitswirtschaft in Deutschland. Im Zusammenspiel zwischen demographischen Wandel, Wertewandel, medizinisch-technischen Fortschritt und Politik müssen die Einflussfaktoren im Gesundheitswesen richtig kombiniert werden, um langfristig Erfolg zu haben. Die zentralen Innovationsrichtungen wie Miniaturisierung, Biologisierung, Computerisierung, Personalisierung und Vernetzung. Der Wertewandel macht sich durch ein steigendes Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung bemerkbar. Die Menschen sind zunehmend informierter und wollen als souveräne Patienten behandelt werden (S. 116). Dabei ist das Szenario Exo-Skelette für die individuelle Therapie ein zentrales und wichtiges Aufgabenfeld, auch Patienten das Leben in häuslicher Gemeinschaft trotz starker Behinderung zu ermöglichen (S. 118). Allerdings ist angesichts der schleppenden Anfangserfolge eine allzu schnelle Realisierung in weiteren Bereichen des Gesundheitswesens nicht zu erwarten. Der Einsatz von Roboterbetten zur Unterstützung des Personals im Krankenhaus und Altenheimen ist da schon eher realistisch (S. 134).

Gesellschaftliche Handlungsstrategie. Aktuell sei ein adäquater Wissenstand für einen sinnvollen Einsatz von Robotersysteme (noch) nicht erreicht. Solange dies der Fall sei, würden die Systeme falsch oder gar nicht benutzt. Würde Robotik bereits in der Ausbildung berücksichtigt, gebe es Beispiel im Jahr 2030 eine technikaffine Generation von Pflegekräften, die mit neuen Technologien bereits aufgewachsen sei. Auch eine größere Berücksichtigung der Thematik in entsprechenden Studiengängen und die Veranstaltung weiterer Konferenzen, auch unter Einbeziehung der anvisierten Nutzer, werden als Möglichkeiten genannt, um einen intensivierten Dialog zu fördern (S. 173). Insgesamt lässt sich zusammenfassen, dass im Handlungsfelder Technologie eine mangelnde Berücksichtigung spezifischer Anforderungen der Nutzer Nutzungskontexte angeführt wird. Für einen verstärkten Robotikeinsatz bedarf es der Anpassung von Verfahren und Methoden der nutzerzentrierten Produktionsentwicklung (S. 175). Ein wiederkehrendes Thema in den Experteninterviews der Forschergrupppe sei eine mangelnde Akzeptanz der Robotik innerhalb der Gesellschaft. Die Forderung der Forschergruppe jedoch finde ich völlig verfehlt: „dementsprechenden richten sich zahlreiche Handlungsempfehlungen vor allen in Richtung des Gesetzgebers, Maßnahmen zur Schaffung einer Akzeptanz-Kultur voranzutreiben“ (S. 176). Akzeptanz kann man nicht per Gesetz verordnen, Akzeptanz entsteht aus vielfachen Erfahrungen gelungener Nutzung der neuen Technologie. Da ist die entscheidende Frage die nach einer sinnvollen und gelingenden Einführung der neuen Technologien durch erfolgreichen Gebrauch. Im Übrigen stehen nicht ältere Personen der Nutzung von Technologien grundsätzlich zögerlich gegenüber, es sei denn sie sehen ihren Nutzen nicht ein oder die Handhabung sei für sie eine unerträgliche Last. Hier muss angesetzt werden nicht an superschnellen Entwicklung von Prototypen mit Problemen.

Fazit

Das Buch ist erstaunlich präzise, was den gegenwärtigen Stand der technologisch-gesellschaftlichen Entwicklung betrifft. Was mir besonders gefällt, ist die Diskussion der gesellschaftliche und politische Strategie der Einführung dieser Technologie im Gesundheitsbereich reflektiert wird und der Umschwung vom gerätezentrierten denken zu gesellschaftlichen Handlungsfeldern zu mindestens eingeklagt wird. An einer Stelle ist das Buch erstaunlich deutlich geworden: Roboterakzeptanz per Gesetz verordnen. Akzeptanz entsteht nicht durch Werbung, sondern allein durch Handhabbarkeit der Technik. Sie sollte daher nicht zu früh auf den Markt geworfen werden, sondern nutzen ausreichend Gelegenheit geben Erfahrungen im Umgang mit neuen Technologien wie Exoskeletten oder humanoiden Robotern zu sammeln oder dem Pflegepersonal mit Roboterbetten und anderen Arbeitshilfen. Dabei dürfen sowohl Patienten wie Pflegepersonal unterschiedlich technikaffin sein, man muss sich aber die Mühe machen Ihnen einen gangbaren Weg zu diesen Technologien zu ermöglichen. Aber genau diese Erfahrungen machen zu dürfen (und nicht nur beim Laptop oder beim iPhone) ist Teil einer neuen digitalen Kultur des Umgangs, den wir mit diesen Technologien noch lernen müssen (was im Übrigen für jede neue Technologie gilt).


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Bernhard Irrgang
Der Rezensent lehrt Technikphilosophie und angewandte Ethik an der TU Dresden
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Zitiervorschlag
Bernhard Irrgang. Rezension vom 20.11.2018 zu: Barbara Klein, Birgit Graf, Inga Franziska Schlömer, Holger Roßberg, Karin Röhricht, Simon Baumgarten: Robotik in der Gesundheitswirtschaft. Einsatzfelder und Potenziale. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. ISBN 978-3-86216-388-5. Stiftung Münch (Herausgeber). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23804.php, Datum des Zugriffs 21.02.2019.


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