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Heike Stecklum: Bürgerschaftliches Engagement psychisch erkrankter Menschen

Cover Heike Stecklum: Bürgerschaftliches Engagement psychisch erkrankter Menschen. Eine biographietheoretische Studie in Ostdeutschland. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 519 Seiten. ISBN 978-3-658-18212-0. D: 69,99 EUR, A: 71,95 EUR, CH: 72,00 sFr.
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Autorin

Heike Stecklum, Jahrgang 1960 und in der DDR aufgewachsen, hat nach einem Abschluss in Sozialwesen als Koordinatorin für bürgerschaftliches Engagement gearbeitet. Aus diesem Zusammenhang entwickelte sich das Thema der Dissertation, die Gegenstand der Publikation ist.

Thema

Ausgangspunkt des Forschungsprojektes war die Feststellung, dass … „die deutschsprachige Forschungsliteratur wenig gesichertes Wissen und keine expliziten Aussagen über Menschen mit psychiatrischen Diagnosen als bürgerschaftlich Engagierte…“ (S. 33) bereitstellt. Heike Stecklum verfolgt mit ihrer Untersuchung das Ziel, „…erhellende Einblicke in die Lebenswirklichkeit von Menschen zu geben, die sich unter den schwierigen Bedingungen einer psychiatrischen Diagnose und der gesellschaftlichen Transformation in Ostdeutschland engagieren “. (S. 15)

Aufbau

Die Veröffentlichung spiegelt die Anforderungen einer Dissertation wieder und ist in insgesamt sechs unterschiedlich umfangreiche Kapitel gegliedert.

Kapitel 1 stellt in der „Einleitung“ den Forschungshintergrund, die Genese des Forschungsthemas und der Fragestellungen dar und gibt einen Überblick über den Aufbau.

Kapitel 2 gibt die „theoretische und empirische Einbettung“ wieder. Hierzu zählen

  1. Stand der Forschung
  2. Theoretische Grundlagenkonzepte
  3. Psychiatrie und Psychische Störungen
  4. Bürgerschaftliches Engagement
  5. Zwischenfazit

Kapitel 3 stellt den „Forschungsverlauf“ dar. Unterkapitel sind Feldzugang, Datengewinnung, Besonderheiten des Forschungsfeldes, Weitere Datenquellen, Selbstpräsentation, Interviewstrukturierung und Interaktion, Bezug zu Familien- und Gesellschaftsgeschichte, Engagement in der biographischen Konstruktion, Fallauswertung.

Kapitel 4 ist mit Abstand am umfangreichsten. Aus insgesamt 16 Interviews werden hier „Biographische Fallrekonstruktionen“ von drei Interviewpartnern und –partnerin im Detail wiedergegeben. Die Begründung für die Auswahl findet sich unter 3.8 Fallauswertung.

Kapitel 5 ist überschrieben mit „Kontrastiver Vergleich, Ergebnissicherung und theoretische Verallgemeinerung“. Hierzu zählen

  1. Typenbildung
  2. Ergebnisdiskussion
  3. Implikationen für die Koordination bürgerschaftlichen Engagements
  4. Fazit und Ausblick

In Kapitel 6 sind Abkürzungsverzeichnis, Transkriptionszeichen sowie das umfangreiche Literaturverzeichnis enthalten.

Inhalt

Das Thema berührt unterschiedliche sozialwissenschaftlich bearbeitete Teilgebiete und ihre Schnittmenge: bürgerschaftliches Engagement, gesellschaftlicher Transformationsprozess, sozialpsychiatrische Perspektive sowohl hinsichtlich sozialer Faktoren im Bedingungsgefüge psychischer Störungen wie in den Versorgungsstrukturen und Selbsthilfe. Hierzu wird jeweils ein komprimierter Überblick im Kapitel 2 gegeben.

Angesichts des Forschungsstandes und der verschiedenen betroffenen Bereiche wählt Heike Stecklum forschungsmethodisch den biographie-narrativen Ansatz, wie er von Fritz Schütze entwickelt und insbesondere von Gabriele Rosenthal weiter entfaltet wurde, weil er genügend Offenheit biete und Setzungen und Stigmatisierungen vermeiden helfe. Für die biographietheoretische Interpretation der Fallbeispiele war ihre Einbindung in die Forschungswerkstatt und Auswertungsgruppen an der Universität Göttingen bedeutsam. Diese Methode wird im Kapitel 3.8.2 dargestellt, der „Forschungsverlauf“ sorgfältig in den anderen Unterkapiteln von 3 nachgezeichnet.

Konkretisiert wird dieses Vorgehen im Kapitel 4 an Hand von Interviews mit drei Gesprächspartnern unterschiedlichen Alters, Geschlechts, benannter psychischer Störung und des Engagementbereichs. Wie von einem biographie-narrativen Ansatz zu erwarten, wird der jeweilige Lebenslauf in seiner familiären und sozialen Einbettung entfaltet, worin auch die jeweiligen Selbstdeutungen wie Interpretationen der Forscherin zum Ausdruck kommen. Insgesamt werden dadurch dichte Beschreibungen über mindestens drei Generationen in ihrer Wechselbeziehung zurück bis Anfang des 20. Jahrhunderts und die Einflüsse der wechselnden historischen Situationen dargestellt. Für die Interpretationen werden neben den Interviews weitere Archivquellen herangezogen. Daher gelingt tatsächlich ein Einblick in die Lebenswirklichkeit und die subjektive Darstellung der Interviewten.

Aus diesen Fallbeispielen wurden im 5. Kapitel zwei Typen gebildet, denen die Verläufe der anderen Gesprächspartner im Rahmen einer Globalanalyse zugeordnet wurden. Diese Typen stellen dar:

  • Kontinuität bürgerschaftlichen Engagements vs.
  • Später Beginn bürgerschaftlichen Engagements (erst im mittleren Lebensalter).

Weitere Differenzierungen dieser beiden Haupttypen erfolgen jeweils im Umgang mit problematischen Familiendynamiken. Für die Gruppe der Kontinuität bürgerschaftlichen Engagements ergeben sich noch Untertypen, die sich gesellschaftlich engagieren zum Erwerb gesellschaftlicher Anerkennung bzw. zur Fortsetzung von Tradition, für die Gruppe der späten Beginner ein weitere Differenzierung zur Konstruktion biographischer Normalität (S. 407). Ein Fall weist Merkmale mehrerer Untertypen auf.

Diskussion

Der Arbeit ist ein hohes Engagement und große Sorgfalt zu bescheinigen. Es gelingt ihr, die verschiedenen Ebenen für sich darzustellen und dann die Verschränkungen zu verdeutlichen. Diese uneingeschränkte Anerkennung gilt auch, wenn die Rezensentin nicht allen Interpretationen zustimmen kann. So fällt es ihr z.B. schwer, die Ruhr als eine bakterielle Infektion des Dickdarms, die durch direkten fäkal-oralen Kontakt oder verunreinigtes Wasser hervorgerufen wird, als psychosomatisch zu bezeichnen, zumal unter den Bedingungen der Nachkriegszeit. Und auch die herausgearbeitete starke Orientierung auf Arbeit mit Max Weber auf das protestantische Arbeitsethos zurückzuführen, müsste noch weiter diskutiert werden. Insoweit ergeben sich Ansätze für weitere Fragen, die aber den Kern der Dissertation nicht berühren. Eine weitere spannende Frage ist, ob die entwickelten Typen und Untergruppen sich nicht auch bei gesellschaftlich engagierten Menschen in Ostdeutschland ohne psychische Störung finden ließen.

Fazit

Man kann die Dissertation aus unterschiedlichen Perspektiven lesen.

  1. Zum einem ist ihr zu bescheinigen, dass sie ihr Ziel erreicht, die Lebenswirklichkeit von Menschen in Zeiten der gesellschaftlichen Transformation in Ostdeutschland an ausgewählten Beispielen plastisch werden zu lassen, unabhängig von einer psychischen Störung.
  2. Damit wird aber zweitens deutlich, dass die jeweilige psychiatrische Erkrankung und der Umgang der einzelnen Interviewpartner mit ihr von dem sozialen Kontext nicht zu trennen ist. Auch hierfür stellt die Arbeit einen guten Beleg dar.
  3. Drittens wird die Bedeutung der historischen Dimension veranschaulicht.
  4. Viertens: Das bürgerschaftliche Engagement hat daher auch individuell eine unterschiedliche Bedeutung und nimmt unterschiedliche Formen an und ist keineswegs auf die Selbsthilfe beschränkt.
  5. Fünftens führt die Veröffentlichung in eine bestimmte Forschungsmethode ein, nämlich die biographie-narrative, und veranschaulicht ihre Anwendung, ihre Voraussetzungen sowie ihren Ertrag.

Aus all diesen Gründen wird die Anschaffung und Lektüre empfohlen.


Rezensentin
Prof.em Dr. Alexa Köhler-Offierski
Seniorprofessorin Evangelische Hochschule Darmstadt
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Zitiervorschlag
Alexa Köhler-Offierski. Rezension vom 20.03.2018 zu: Heike Stecklum: Bürgerschaftliches Engagement psychisch erkrankter Menschen. Eine biographietheoretische Studie in Ostdeutschland. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-18212-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23805.php, Datum des Zugriffs 23.09.2018.


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