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Ralf Koerrenz, Karsten Kenklies u.a.: Geschichte der Pädagogik

Cover Ralf Koerrenz, Karsten Kenklies, Hanna Kauhaus, Matthias Schwarzkopf: Geschichte der Pädagogik. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2017. 224 Seiten. ISBN 978-3-8252-4524-5. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 25,30 sFr.
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Herausgeber und Herausgeberin

  • Prof. Dr. Dr. Ralf Koerrenz lehrt als Professor für Historische Pädagogik und Globale Bildung an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
  • Dr. Karsten Klenklies ist Juniorprofessor für Vergleichende Pädagogik an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
  • Matthias Schwarzkopf ist Lehrbeauftragter für Erziehungsgeschichte und Erziehungsphilosophie am Institut für Bildung und Kultur der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Als Coach begleitete er einige Berufungsverfahren an der Universität in Jena.
  • Dr. Hanna Kauhaus ist Geschäftsführerin der Graduierten-Akademie der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist als ein utb-Band im Verlag Ferdinand Schöningh erschienen. Utb ist eine Verlagskooperation mit dem Ziel, „Lehrbücher und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen“ (Bucheinband). In der Regel finden sich im Lehrbuch Übungsaufgaben, Zusammenfassungen und Merksätze, die helfen, den Lerninhalt aufzunehmen und zu reproduzieren.

Thema

Das Buch „Geschichte der Pädagogik“ wurde inhaltlich so gestaltet, dass der Text Auskunft über historisch relevante Ereignisse gibt, die Pädagogik als eine Kulturleistung zeigen.

Diese Entwicklungsgeschichte der Pädagogik beginnt nach Meinung der Autoren in der Antike und endet 1992 mit dem UN-Gipfel in Rio de Janeiro. Das Buch will Studienanfängern und Studienanfängerinnen zeigen, was das Pädagogische an ihr sei.

Folgende Ausgangshypothese leitet den Blick der Autoren: Pädagogik findet statt, wenn Lernen absichtsvoll gesteuert wird und Erziehung und Bildung bezeichnen den selbstreflexiven Umgang mit Lernen (vgl. S. 12 und 16). Der Begriff Geschichte wird im Sinne eines Prozesses und einer Perspektive verwandt, denn was Geschichte ist, wissen wir nur vermittelt über (subjektiv) getroffene Entscheidungen. Dabei seien, so die Autoren und die Autorin, drei Dimensionen wichtig: Die Auswahl der Episoden, die Fragestellung und die Beurteilung der geschichtlichen Phänomene (vgl. S. 10).

In diesem Buch werden Grundfragen und Grundprobleme der Pädagogik sichtbar. Deshalb spiegeln die Kapitel und Buchinhalte die kulturelle Situation einer Epoche und werden durch den Blick auf andere globale Errungenschaften erweitert. Jede Auslassung sei als Einladung zu verstehen, auf der Reise durch die Geschichte auch weitere Bücher zur Geschichte der Pädagogik zu lese, um sich mit anderen Perspektiven vertraut zu machen (vgl. S. 14).

Aufbau

Alle Kapitel haben den gleichen Aufbau. Vorangestellt ist eine Zusammenfassung des Inhalts, denen jeweils vier Gliederungspunkte folgen. Definitionen und Merksätze werden besonders ausgewiesen. Am Seitenrand finden Leser und Leserinnen Stichworte, die das Thema des Abschnittes markieren. Eine Zusammenfassung, weiterführende Literatur und Testfragen beschließen das Kapitel. Mit Quellennachweisen wird sparsam umgegangen, wohl um dem Text die (vermeintliche) Autorität zu verleihen.

Nach einleitenden Orientierungen folgen sieben Kapitel und je vier Gliederungen. Ohne Kapitelüberschrift folgen ein Ausblick, das Quellenverzeichnis, Bildquellen, Personen-, Sach- und Werkregister.

Kapitel 1: „Antike (bis 313) – Von Mykene bis Kaiser Konstantin“ greift folgende Kontexte auf: 1.1 Europäische Ausgangspunkte, 1.2 Erziehung in den griechischen Stadtstaaten, 1.3 Erziehung in der Oikumene des Mittelmeerraumes und 1.4 Parallele Aufbrüche in der Achsenzeit

Kapitel 2: „Mittelalter (313-1492) – Von Kaiser Konstantin bis Christoph Kolumbus“: 2.1 Erziehung als Alltagsgestaltung des Christentums, 2.2 Erziehung als Wissensordnung des Christentums, 2.3 Erziehung zwischen Humanismus und Mystik, 2.4 Interkulturalität zwischen Konfrontation und Wissenstransfer

Kapitel 3: „Frühe Neuzeit I (1492-1689) – Von Christoph Kolumbus bis Bill of Rights“: 3.1 Erziehung im Protestantismus des 16. Und 17. Jahrhunderts, 3.2 Erziehung im Katholizismus des 16. Und 17. Jahrhunderts, 3.3 Pädagogik im Schatten des 30- jährigen Krieges – Zerstörung und Aufbruch, 3.4 Expansion und Eroberung – Die Pädagogik der Neuen Welt

Kapitel 4: „Frühe Neuzeit II (1689-1789) – Von der Bill of Rights bis zur Französischen Revolution“: 4.1 Erziehung als Glaubensweg des Pietismus, 4.2 Erziehung unter den Vorzeichen der Aufklärung, 4.3 Erziehung als Formierung des Bürgers, 4.4 Erziehung an den Grenzen der Menschen- und Bürgerrechte

Kapitel 5: „Moderne I (1789-1920) – Von der Französischen Revolution bis zum Völkerbund“: 5.1 Pädagogik als Wissenschaft, 5.2 Erziehung und die soziale Frage, 5.3 Pädagogik als Anwaltschaft für die Würde der Lebensalter, 5.4 Koloniale Kultivierung – Pädagogik als Assimilation und Vernichtung

Kapitel 6: „Moderne II (1920-1945) – Vom Völkerbund bis zur Gründung der UNO“: 6.1 Erziehung als Vorbereitung individueller Freiheit, Erziehung im Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus, 6.3 Erziehung und die Ausdifferenzierung der Institutionen, 6.4 Erziehung und universale Menschenrechte

Kapitel 7: „Moderne III (1945-1992) - Von der Gründung der UNO bis zum Weltgipfel von Rio de Janeiro“: 7.1 Pädagogik der zwei Wege – Der neue deutsche Bürger, 7.2 Pädagogik der 68er-Bewegung – Eine Zeitwende, 7.3 Pädagogik zwischen Universalisierung und Pluralisierung, 7.4 Begegnung der Kulturen – Neue Ideale in der neuen Einen Welt.

„Geschichte der Pädagogik – Ein Blick zurück nach vorn“.

Zu Kapitel 1

Antike (bis 313) – Von Mykene bis Kaiser Konstantin“
Das Lehrbuch lädt zu einer Reise ein (vgl. S. 8). Grundfragen und Grundprobleme der Pädagogik – epochale Umbrüche und ihre Auswirkungen auf Erziehung. Auf der griechischen Halbinsel Peleponnes (Mykene) hatte sich bis 1200 v.Chr. eine Hochkultur entwickelt, die über Erziehung (=Sozialisation der Jungen) das Lernen kultureller Techniken (Schriftspracherwerb und zentrale berufliche Kompetenzen) vermittelte. Zwischen 800-500 v.Chr. entwickelten die Athener und Spartaner in ihren Stadtstaaten Verhaltenskodexe, die die Bevölkerung kennen sollte. „Während Sparta auf eine Unterwerfung der Einzelnen unter das Kollektiv zielte, entwickelte sich im Rahmen der Athenischen Demokratie das Leitbild selbstverantwortlicher Persönlichkeiten“ (S. 28). Erziehung pendelt fortan zwischen diesen Leitbildern.

Sozialwerdung
Menschen brauchen Orientierungen, an denen sie ihre Lebensweise ausrichten. Die ersten, für das Abendland bedeutenden pädagogischen Narrative finden sich bei Homer. Seine Epen Ilias und Odysse brachten den Helden-Mythos hervor (vgl. S. 21-24). Der Dichter Hesiod belehrte die Leserschaft moralisch (vgl. S. 25-28). Die Sophisten, umherwandernde Lehrer, faszinierten durch argumentative Rhetorik (vgl. S. 31). Für den Philosophen Platon (428-348 v.Chr.) ging es um die Ideen, die sichtbare und unsichtbare Welt (vgl. S. 33). Platons Schüler Aristoteles (384-322 v.Chr.) glaubte, das Glück hängt mit der vernünftigen Wahrnehmung der sichtbaren Welt der Dinge zusammen und dem richtigen Maß, die eigene Begierde zu zügeln (vgl. S. 35). Im Hellenismus hatte die Ausweitung des Herrschaftsbereiches unter Alexander dem Großen (335-323 v.Chr.) kulturelle Unterschiede sichtbarer gemacht, die durch die Bildung (griechisch: „paideia“) überbrückt werden sollten (vgl. S. 37).

Römische Antike
Um 500 v.Chr. wurde das neue Leitbild des römischen Bürgers entwickelt. Die Amtssprache Latein und das römische Recht setzten sich durch. Das römische Familienkonzept (Besitz einer Hausgemeinschaft), die sprachliche Kompetenz (Rhetorik) und das Rechtssystem bildeten die Basis für die jüdische- und christliche monotheistische Religion (vgl. 39-41). Nach der Taufe Kaiser Konstantins wurde das Christentum Staatsreligion, und die Erziehung orientierte sich viele Jahrhunderte an christlichen Werten.
Die Leser und Leserinnen erfahren, dass auch der indische Hinduismus und Buddhismus, der chinesische Konfuzionismus und Lao Tse, sowie die Lehre Zarathustras in Persien ähnliche Mittel und Wirkungen hatten. Die Menschen hörten den Lehrern (Mentoren) zu und übernahmen ihre Lehren und Traditionen als ihre Lebensweisen (vgl. S. 44f).

Zu Kapitel 2

Mittelalter 313-1492 – Von Kaiser Konstantin bis Christoph Kolumbus
Die Volkserziehung des römischen Reiches richtete sich am christlichen Sendungsbewusstsein aus. Die Nachfolge Jesu Christi führte zum ewigen Heil. Der Besuch der Messe, das Singen kirchlicher Lieder, das Beten und die Heiligenbildverehrung halfen diesen Weg zu gehen. Zunehmend kristallisierte sich heraus, dass Nachfolge nicht nur Ritual, sondern auch die Verinnerlichung christlicher Werte bedeutete, die im Alltagsleben sichtbar waren. So führte der Kirchenvater und Papst Gregor der Große (ca. 540-604) den gregorianischen Kalender ein und stärkte die Ordensbildung und Klöster, in denen das christliche Leben als ein gottgefälliges Leben vorgelebt wurde.

Klosterschulen
Benedikt von Nursia (ca. 480-547) formulierte Klosterregeln. Das Kloster, eine Schule für den Dienst am Herrn, war hierarchisch ausgerichtet und galt auch in der Bevölkerung als Ort von Bildung. Die Unterordnung unter den Abt und die Regeln, die den Rhythmus von Arbeiten und Beten bestimmten, mussten befolgt werden (vgl. S. 63). Im römischen Reich hatten sich ansonsten Lateinschulen etabliert. In einem Kloster aber wurde Latein gelehrt, um die Bibel zu lesen. Karl der Große (ca. 748-814) baute das Schulwesen aus, das die Monopolstellung der Klosterschulen zersetze. Auch Hoch-Schulen entstanden, die ersten in Bologna, Paris und Oxford. Im späten Mittelalter hatte sich das scholastische Denken etabliert. Es war durch die Deduktion gekennzeichnet und diente der Beweisführung der christlichen Wahrheit. Die humanistische Bewegung stellte diese Art des Denkens in Frage. Die Alternative lautete, nicht alte Texte und die Unterwerfung unter die kirchlichen Dogmen sollte zur Grundlage des Handelns erklärt werden, sondern Menschen sollten nach eigenen Maßstäben handeln (vgl. 74f). Die Mystik verstärkte den Weg, die eigene Erkenntnis zu nutzen. Darüber hinaus entwickelten die Höfe pädagogisch relevante Strategien, denn die Aufnahme in den Ritterstand setzte einen langwierigen Lernprozess voraus, um moralisch gefestigt zu werden (vgl. S. 80). Der Islam, der sich seit dem 7. Jahrhundert entwickelte und ausbreitete orientiert sich bis heute an fünf religiösen Pflichten. Die Autoren erwähnen darüber hinaus die sogenannten Ketzer, Petrus Valdes, Jan Hus und John Wyclif, die die katholische Kirche reformieren wollten, um der Freiheit mehr Raum zu geben (vgl. S. 88f).

Zu Kapitel 3

Frühe Neuzeit I (1492-1689) – Von Christoph Kolumbus bis zur Bill of Rights
Die Umbrüche des 15. und 16. Jahrhunderts, ausgelöst durch die Reformation und die großen Eroberungen der Welt, als auch die Erfindungen des Buchdrucks, des Fernrohrs und der Taschenuhr ermöglichten einen Paradigmenwechsel in Bezug auf die Würde des Menschen und das Menschen- und Weltenbild.

Reformation und Gegenreformation – dreißigjähriger Krieg
Die Reformation ist, nicht nur pädagogisch betrachtet, der Beginn einer neuen Ära. Luthers Bibelübersetzung veränderte die Kultur. Die Bibel sollte von möglichst vielen gelesen werden, und die Rechtfertigungslehre stellte die Autoritätsgläubigkeit radikal in Frage. Der große und kleine Katechismus stärkte die Erziehung in der Familie. Die Reformatoren kämpften für neue Schulen und verhalfen der Intellektualität zum Durchbruch. Der Beruf wurde nun als eine gottgefällige Arbeit und Berufung Gottes, interpretiert (vgl. S. 103). Auch der Katholizismus veränderte sich. Der Jesuit Ignatius von Loyola (1491-1556) verfasste geistliche Übungen (Meditationen). Durch Exerzitien konnte der Wille Gottes erkannt werden. Neue Priesterseminare, Klosterschulen und Jesuitenschulen folgten dem Aufbruch, der die Bildung der Menschen zum Ziel hatte. Die Gegenreformation ging in den dreißigjährigen Krieg (1618-1648) über. Aufbruch und Rückschritt liegen nah beieinander. Johann Amos Comenius (1592-1670) der den Grund des Krieges in der Sünde sah, vertrat die Ansicht, dass Wissen helfe. Sein Wahlspruch „Omnes – Omnia – Omnio“, allen alles auf die richtige Weise beizubringen, ist 1658 in dem Werk „Orbis Sensualium Pictus“ verwirklicht worden. Dieses Sprachlehrbuch war die erste Enzyklopädie. Die Ordnung der Welt und die christliche Deutung der Phänomene sollte den Menschen Orientierung bieten. Didaktik wurde wichtig.

Die Seefahrer
Die Entdecker hatten den Horizont der Welt vergrößert und die Ausdehnung der abendländischen Welt ermöglicht. Das ebnete den Weg dafür, das Wissen nicht nur durch Kirchenlehre, Gebet, Liturgie und Bücher inhaltlich bestimmt und vermittelt wird (vgl. S. 121f). Der Blick auf das Unbekannte und Neue interessierte viele Menschen und verhalf der Idee des kulturellen Fortschritts zum Durchbruch (vgl. S. 125). Das Reisen in unbekannte Regionen der Welt und das Leben fremder Völker wurde erforscht und zur Sehnsucht. Die Menschen versuchten, sich zum Fremden in Beziehung zu setzen und der Wildheit etwas abzugewinnen. Zunächst den Gedanken, dass die andere Lebensweise der abendländischen Kultur angepasst werden sollte. Gleichzeitig erstarkte in Europa der Freiheitswille. „1689 wurde die Bill of Rights im Königreich England verabschiedet, die dem Parlament gegenüber dem König stärkere Rechte einräumte“ (S. 131).

Zu Kapitel 4

Frühe Neuzeit II (1689-1789) – Von der Bill of Rights bis zur Französischen Revolution“
Der Pietismus und die Aufklärung brachten neue pädagogische Gedanken mit sich. Der lutherische Pfarrer Philipp Jakob Spener (1635-1705) und August Hermann Francke (1663-1727), der Speners Grundwerte teilte, wollten den Protestantismus erneuern. Der Glaube an Gott sollte durch das gemeinschaftliche Lesen der Bibel und den Austausch über Handlungskonsequenzen gestärkt werden. Christliches Leben realisierte sich, so die Pietisten, in der konkreten Nächstenliebe. 1695 gründete Francke eine Armenschule, die er zum Internat und 1698 zum Waisenhaus umbaute. Seine Erziehungsziele gingen in die Geschichte ein. Da Kinder durch die Erbsünde belastet dazu neigen, Böses zu tun, war der Ausgangspunkt für die Erziehung Disziplinierung. Gehorsam, Fleiß und die Ehrfurcht und Dankbarkeit bzw. Liebe gegenüber Gott sollten angestrebt werden (vgl. S. 141). In der Schule fanden Wiederholungen und Übungen statt und durch das Lesen der biblischen Geschichten wurden diese Tugenden gerahmt (vgl. S. 143).

Aufklärung
Die Aufklärung ist eng mit Immanuel Kants (1724-1806) Definition verbunden, der das Thema dieser Epoche prägte: Aufklärung als Gebrauch des eigenen Verstandes (vgl. S. 144). Den Aufklärern ging es um das eigenständige Denken und eine Charakterbildung, die die Vernunft stärkte. An Platon orientiert, sollten Kinder mit der Welt der Ideen in Berührung kommen und in den Allgemeinbegriffen die wahre Wirklichkeit erkennen. Darüber hinaus half der Verstand, in den Einzeldingen die wahre Wirklichkeit zu entdecken. Mithilfe der Beobachtung sollten die Menschen lernen, eigene Bewertungen vorzunehmen. In Frankreich gipfelte die Aufklärung 1789 in der Französischen Revolution und der Kirchen- und Religionskritik (Säkularisation). In Deutschland wurde zwischen dem protestantischen Glauben und der Aufklärung kein allzu großer Widerspruch wahrgenommen. Der Glaube sollte ja zur Freiheit des Christenmenschen führen. Pfarrer, Dichter und Staatsmänner unterstützen den Gedanken der Volksbildung und Volksaufklärung (vgl. S. 149).

Bürgerliche Gesellschaft
Während die amerikanische Verfassung 1787 und die französische Verfassung 1789 Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als politische Leitbegriffe proklamierten, und das Volk durch das Wahlrecht an der Bildung einer demokratischen Staatsgewalt beteiligten, bildete sich das bürgerliche Bewusstsein heraus. Der Bürger (citoyen) war Teil des politischen Gemeinwesens und er war ein Bourgeois, nicht adeliger, geistlicher oder bäuerlicher Herkunft (vgl. S. 151f). Die Gesellschaft formierte sich neu. Die Gleichheit vor dem Gesetz, das Recht auf Eigentum und Partizipation galt jedoch nicht für Frauen und Kinder.

Philanthropen
In Deutschland waren die sogenannten Philanthropen Johann Bernhard Basedow (1724-1790), Joachim Heinrich Campe (1746-1818), Christian Gotthilf Salzmann (1744-1811) wirksam, die nicht nur Internate führten, sondern auch Schriften über Erziehung für Politiker und Eltern verfassten. Sie veränderten die „Schulerziehung in Richtung Arbeits- und Berufspädagogik“ und legten den Grundstein für die Realschulen (S. 154). Dabei hielten sie sich einerseits an Jean-Jaques Rousseau (1712-1778), der im Erziehungsroman Emile zeigte, dass die Auseinandersetzung mit den Dingen der Welt Kinder befähige, Bürger zu werden. Darüber hinaus hielt dieser jedoch daran fest, dass die Erziehung eines Kindes, wenn sie an den Bedürfnissen und Selbstbildungskräften des Kindes ausgerichtet werde, zufriedene Menschen hervorbringe (vgl. S. 158).

Kolonialismus
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kannten die Europäer andere Kulturen nur vom Hören Sagen und deshalb waren Berichte und auch Romane, wie etwa Robinson Crusoe immer in der Gefahr, ein rassistisches Bild des Fremden zu erzeugen. Sklaverei und Missionierung, die häufig mit dem Auslöschen des Anderen einherging, erschien noch immer nicht als Unrecht (vgl. S. 165f).

Zu Kapitel 5

Moderne I (1789-1920) – Von der Französischen Revolution bis zum Völkerbund“

Erziehung war ein vielbeachtetes Thema. Im 18. Jahrhundert wurde Pädagogik im Kontext der Philosophie und Theologie zu einer eigenständigen Wissenschaft, die die Funktion der Erziehung reflektierte und für die Ausbildung von Lehrern gedacht war. 1779 erhielt der Philanthrop Ernst Christian Trapp (1745-1818) den ersten Lehrstuhl für Pädagogik in Halle. Pädagogisches Wissen sollte nun durch Beobachtung, Erfahrung und Experiment gewonnen werden. Der Philosoph Johann Friedrich Herbart (1776-1841) beeinflusste mit seiner Pädagogikvorlesung die neue Wissenschaft. Ziel der Erziehung in der Schule sei, moralische Charakterbildung und kategoriale Bildung. Der Methodik des Unterrichtens gehe die didaktische Frage voraus: Was soll wann und wie gelehrt und dargestellt werden. Die Erziehung sei eine Kunst, die von der Pädagogik als Wissenschaft bereichert wird. Theorie und Praxis gehören eng zusammen. Sie werden durch den pädagogischen Takt miteinander verbunden. Der Theologe Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834) entwickelte die Vorstellung, dass Erziehung, die Erwachsene leisten, Kinder sozialisiere. Die ältere lehre die jüngere Generation, damit Kinder neben ihrer Gesinnung auch nützliche Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben, um in der Gesellschaft zu Recht zu kommen (vgl. S. 177). Der Begriff der „Bildung“ setzte sich durch und wurde populär. Gemeint war: Selbstvervollkommnung und Wissen zu verbinden (vgl. S. 178).

Sozialpädagogik
Ein neuer Typ der Pädagogik entstand Mitte des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die Industriealisierung und die soziale Frage. Die soziale Frage der Verarmung, Verwahrlosung und Unterdrückung führte bei Christen, wie dem schweizer Aufklärer Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) oder Johannes Daniel Falk (1768-1826) im Lutherhof in Weimar oder durch Pfarrer Johann Hinrich Wichern (1808-1881), der 1833 das Rauhe Haus bei Hamburg gründete, zur Rettungshausbewegung. Wichern gab der christlichen Sozialfürsorge während des ersten evangelischen Kirchentages 1848 den Rahmen der „Inneren Mission“ (spätere Diakonie).
Die Schule des 19. Jahrhunderts orientierte sich am dreigliedrigen Schulsystem und am Herbartianismus. Karl Volkmar Stoy (1815-1885), Tuiskon Ziller (1817-1862), Otto Willmann (1839-1920) und Wilhelm Rein (1847-1929) verteidigten die Erziehung zur Moralität (sociale Pädagogik) gegen eine von Friedrich Nietzsche geäußerte Kulturkritik, die hinter dem wirtschaftlichen Aufschwung und der Mechanisierung und Formalisierung auch die Entfremdung, also den Verlust von Individualität aufspürte (vgl. S. 193 und auch Kapitel 6).

Pädagogik der Lebensalter
Die Pädagogik der Kindheit, des Jugend- und Erwachsenenalters wurde durch verschiedene Bewegungen, wie eine Pädagogik vom Kinde aus, Reformpädagogik, Jugend-, Arbeitsschul-, Kunsterziehungs- und Volkshochschulbewegung inspiriert. Die Schule und der Kindergarten wurden konzeptionell bereichert und die VHS gegründet. Anders ging es in den Kolonien zu, in denen im Rahmen der kirchlich-missionarischen Tätigkeit weiterhin eine Erziehung vorherrschte, die die ökonomische Ausbeutung, die Verschleierung von Herrschaftsstrukturen und die kulturelle Anpassung des Anderen stärkte (vgl. S. 204f). Europa reagierte auf die Verheerungen des Ersten Weltkrieges mit dem Sturz von Monarchien und gründete den Völkerbund, während in den Kolonien das Ideal der militärischen Erziehung und Unterordnung weiterhin an erster Stelle stand.

Zu Kapitel 6

Moderne II (1920-1945) – Vom Völkerbund bis zur Gründung der UNO“:

Die Weimarer Republik ermöglichte mit Artikel 148 Bildung und setzte die Schulpflicht durch. Das dreigliedrige Schulsystem und reformpädagogische Projekte wurden staatlich unterstützt. Die unvorstellbaren Grausamkeiten des Ersten Weltkrieges (1914-1918) erschütterten die Nation. Die Autoren richten den Blick auf John Dewey (1859-1952) und Alexander S. Neill (1883-1973). Beide gaben der Schule eine wichtige Ausrichtung. Dewey sah sie als Ort der Demokratieerziehung und Neill stärkte die kritische Urteilsfähigkeit, durch Partizipation und Freiwilligkeit (vgl. S. 212f).

Erziehung im NS-Staat und im Sowjetkommunismus
Totalitäre Staaten neigen dazu, die Erziehung politisch zu instrumentalisieren. Gleichheit statt Individualität, Anpassung statt Autonomie und Ideologisierung statt kritischer Urteilsfähigkeit. Das kommunistische Erziehungsziel war die kollektive Erziehung, um den Arbeiterstaat zu bilden und zu konsolidieren.
Die Deklaration der Allgemeinen Menschenrechte und die UNESCO, die als UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur zuständig ist für Bildung, war eine Reaktion auf die Erfahrungen mit dem Zweiten Weltkrieg, dem Holocaust und dem Gulag (vgl. S. 241). Dass alle Menschen Lernen dürfen, dass sie alphabetisiert sind und lesen können, ist die Grundlage der Völkerverständigung. Deshalb bietet die UNO bis heute einen bedeutsamen Rahmen für ein Bildungswesen, dass Bibliotheken, gut ausgebildete Lehrer, Universitäten und kulturelle Traditionen pflegt.

Zu Kapitel 7

Moderne III (1945-1992) – Von der Gründung der UNO bis zum Weltgipfel von Rio de Janeiro“

Die Jahre 1945 -1992 haben die Welt erneut verändert. Aufgrund der Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg entstand der sogenannte kalte Krieg und die Teilung des Landes in die BRD und DDR. Erst 1989 wurde durch den Fall der Mauer und dem Zerfall der Blöcke eine globalisierte Politik möglich, die allerdings auch die Zerstörung der Welt immer näher rückt. Pädagogisch relevant war die Stärkung der Erziehung in der Familie (Artikel 6 GG), die föderale Bildungspolitik, die Entnazifizierung und Demokratisierung der Generation nach 1945 und die in Folge der 68-Generation begonnene Auseinandersetzung mit dem Faschismus. Wie sollte eine Erziehung nach Auschwitz möglich werden und inhaltlich gestaltet sein?

Als 1949 auch die DDR gegründet wurde, entwickelte sich hier ein staatlich gesteuertes Erziehungssystem, dass zwar die Gleichbehandlung von Männern und Frauen propagierte, aber auch die sozialistische Einheitserziehung durchführte und 1961 sogar eine Mauer baute, um die Bevölkerung zu behalten. Dennoch schritt die Individualisierung und Pluralisierung der Gesellschaft voran. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurden Pädagogiken entwickelt, die die Integration und die interkulturelle Perspektive, die Gleichbehandlung der Geschlechter und die Inklusion im Blick haben.

Vielfalt und Anerkennung von Heterogenität
Das Recht auf Individualität erwuchs aus dem langen Prozess der Anerkennung universalgültiger Rechte. Dennoch sind Menschen nicht gleich, müssen individuell behandelt werden und brauchen pädagogische Hilfe im Kampf um ihre Rechte (vgl. S. 274) Heute steht nicht so sehr Erziehung im Vordergrund, dafür Bildung. Dieser Begriff greift das Lebensgefühl auf, dass die Menschen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts entdeckten. Die Drogen- und Musikkultur der 1960er Jahre, die New-Age Bewegung, die Pille und sexuelle Befreiung, die offenere Kommunikation über Medien revolutionierte die westlichen Gesellschaften ohne Krieg. Heute mischen sich in einer westlichen Gesellschaft verschiedene Kulturen und Transkulturalität ist ein Merkmal der modernen Gesellschaft.

Geschichte der Pädagogik – Ein Blick zurück nach vorn

Was wir für Normal halten, ist Geschichte. Diese Geschichte der Pädagogik endet 1992 beim UN-Weltgipfel für Umwelt und nachhaltige Entwicklung. Die Autoren plädieren dafür, unter dem Vorzeichen von Nachhaltigkeit die neue inhaltliche Bestimmung der Erziehung zu durchdenken.

Diskussion

Das Lehrbuch liest sich noch nicht flüssig. Es verzichtet auf die Darstellung der Beteiligung des pädagogischen Systems an den dunklen Seiten der Geschichte, ebnet aber einen neuen Weg für die historische Dimension des Pädagogischen. In einem Lehrbuch geht es nicht darum, sozial-, institutionen- oder ideengeschichtliche Entwicklungen in ihrem Entstehungsprozess zu verstehen, sondern die Ergebnisse des langwierigen Entwicklungsprozesses aufzuzeigen. Diese „Geschichten der Pädagogik“ stellt die Begriffe „Pädagogik“, „Erziehung“ und „Bildung“ in den Mittelpunkt des Buches. Geschichte wird als etwas Gegebenes wahrgenommen, und doch weisen die Autoren und die Autorin daraufhin, dass es nicht die Geschichte an sich gibt. Epochale Veränderungen, die durch Herrschaftsverhältnisse, Revolutionen wie Reformation und Gegenreformation, Kriege oder Entdeckungen, ökonomische Systeme, technische Errungenschaften und soziale Bewegungen erreicht wurden, strukturieren diese Geschichte der Pädagogik und zeigen, dass sie kein nationales Phänomen ist. Im jeweiligen 4. Unterkapitel wird ein zentrales Thema der Epoche aufgenommen und unter der weltumspannenden Funktion von Erziehung reflektiert. Die Schattenseiten der Erziehung, die Hoffnungen und Instrumentalisierungen des Pädagogischen werden sichtbar, genauso wie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Erziehung erst wirksam werden lassen.

Das Lehrbuch unterstützt das Plädoyer, dass es eine geschichtslose Erziehungswissenschaft nicht geben darf. Insofern versucht das vorliegende Buch die Quadratur des Kreises hinzubekommen. Um die Eigenlogik des Pädagogischen vorzustellen, müssen viele gleichzeitig verlaufende gesellschaftliche Prozesse, die sich wechselseitig bedingen und stören erwähnt werden. Überall auf der Welt wird durch Erziehung und Bildung nicht nur zum Lernen aufgefordert, sondern die Kultur geradezu ermöglicht bzw. tradiert. Die Kapitelüberschriften orientieren sich an Epochen und deren Transformation. Altbekanntes wird in neuen Zeiten transformiert. Der Orientierung gebende Einfluss der Religionen und der Kirchen wird sichtbar. Die systematische Fragestellung, was denn das Pädagogische an der Pädagogik sei, wurde in der erkenntnisleitenden Arbeitshypothese zusammengeführt. Nach dieser Lektüre wissen die Leser und Leserinnen, dass Lernen Wissensaneignung aber auch Entwicklung- und Reife bedeutet, um der Subjektwerdung und Urteilsbildung (Bildung) zum Durchbruch zu verhelfen durch Erziehung (Benner). Damit wird das Buch dem Anspruch gerecht, Geschichte der Pädagogik und ihre Ausdifferenzierungen in Pädagogiken, Institutionen, „Helden“ (Klassiker), Mittel (Methoden) und Ideen vorzustellen. Die Funktion von Erziehung, ihre Kulturations- bzw. Sozialisationsaufgabe fungiert als Leitbild. Durch die Verwertungslogik des Lehrbuches werden die pädagogischen Narrative transportiert. Die sogenannten Testfragen am Ende der Kapitel haben mir geholfen, diese Rezension zu schreiben.

Fazit

Das Buch ist lesenswert, auch wenn es stilistisch nochmals durchgearbeitet werden könnte, um die Lesbarkeit und Gedankengänge mancher Kapitel besser nachzuvollziehen. Unverkennbar ist, dass die Autoren und Autorinnen keine „Fakten“ vorstellen. Merksätze können kaum helfen, den pädagogischen Prozess zu vereinfachen. Angesichts des Wissens über die Problemstellungen, mit Geschichte umzugehen, kann die innere Struktur des Buches nur bewundert werden. Jedenfalls macht es klar, dass Pädagogik ein ernstzunehmendes Studium und Fachgebiet ist, und das Historische wegweisend wird.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/studienangebot/fakulta ...
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 01.02.2018 zu: Ralf Koerrenz, Karsten Kenklies, Hanna Kauhaus, Matthias Schwarzkopf: Geschichte der Pädagogik. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2017. ISBN 978-3-8252-4524-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23809.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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