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Inge Michels, Alexandra von Plüskow: Kinder & Werte

Cover Inge Michels, Alexandra von Plüskow: Kinder & Werte. Was Erwachsene wissen sollten. Klett-Kallmeyer (Seelze/Velber) 2017. 129 Seiten. ISBN 978-3-7727-1008-7. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema

In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich nicht zuletzt wegen Pluralismus, Globalisierung und fortschreitender Säkularisierung ein anspruchsvoller und differenzierter Wertediskurs in der Gesellschaft entwickelt. Das Buch von Inge Michels und Alexandra von Plüskow behandelt daher einerseits die Frage, welche Werte Kinder vor dem Hintergrund unserer heutigen Lebenswelt brauchen, andererseits, welche Rolle den Erwachsenen beim kindlichen Erlernen von Werthaltungen zukommt.

Insgesamt legen die beiden Autorinnen „ein Potpourri an Informationen“ (S. 13) vor, das sich an alle richtet, die sich mit Erziehung, Enkulturation und Sozialisation beschäftigen. Im Mittelpunkt des Buches steht die Frage, wie vor allem durch Kommunikation, Sprachbildung und einen wertschätzenden Umgang miteinander Werte Kindern vermittelt und vorgelebt werden können.

Autorinnen

Inge Michels (Jahrgang 1962), Diplom-Pädagogin und Redakteurin, arbeitet seit zehn Jahren als freie Wissenschaftsjournalistin, Buchautorin und Moderatorin von Kongressen und Fachtagen. Zu ihren inhaltlichen Schwerpunkten zählen Bildungsprozesse in Kita und Schule.

Alexandra von Plüskow, Jahrgang 1972, arbeitet als Lehrerin an einer Grundschule und als Bildungskoordinatorin der Bildungslandschaft Heidekreis. Hier beschäftigt sie sich u.a. mit den Themenbereichen Erziehungs- und Bildungspartnerschaft, Ganztägig lernen, Inklusion und Übergänge. Sie verfasst pädagogische Texte und Materialien für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher und Eltern. An der Universität Koblenz-Landau sowie an der Leuphana Universität Lüneburg bildete sie Lehramtsstudierende aus. Außerdem war sie mehrere Jahre als Fachberaterin für die Landesschulbehörde Lüneburg tätig.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist als dritter Band in der Reihe „Wie Kinder lernen – Was Erwachsene wissen sollten“ des Klett-Kallmeyer-Verlages erschienen. Zielgruppe der Sachbuchreihe sind Erzieherinnen und Erzieher, Lehrkräfte sowie Eltern. Wie die Vorgängerbände „Kinder & Sprache(n)“ und „Kinder & Medien“ informiert der vorliegende Band über das notwendige Basiswissen, um heutige Kindheit bzw. Aufwachsen sowie Sozialisation bzw. Enkulturation besser zu verstehen.

Aufbau

Die 132 Seiten des Buches (inklusive Anhang und Download-Code für ein vertiefendes Einzelstudium oder für kollegiale Fortbildungen) umfassen mehrere Kapitel, die von Exkursen und Vertiefungsmaterialien begleitet werden:

  • Auftakt
  • Kapitel 1: Werte kontra Beliebigkeit
  • Exkurs 1: Werte, Ethik, Regeln, Tugenden. Eine Begriffsklärung (Margit Franz)
  • Kapitel 2: Kindern Werte vermitteln
  • Exkurs 2: Im Dialog bleiben: achtsam kommunizieren in der Familie, Kita und Grundschule
  • Kapitel 3: Werte und Kinderrechte
  • Kapitel 4: Werte und Übergänge
  • Exkurs 3: Werte und Erziehungspartnerschaft mit Eltern
  • Exkurs 4: Konfliktgespräche führen und Werte vertreten: Das Prinzip der 5 Schlüssel für anspruchsvolle Gespräche
  • Schatzkiste (Buchempfehlungen, um mit Kindern ins Gespräch über Werte zu kommen)
  • Materialien zum Download
  • Anhang (Anmerkungen, Literatur, Bildnachweise)
  • Download-Code

Inhalt

Einführend stellen die beiden Autorinnen unter der Überschrift Auftakt Aspekte der Werteerziehung im Alltag vor. Dazu erläutern sie die ihrer Meinung nach wesentliche Frage: „Was ist ein guter Mensch?“ (S. 7) Beispielsweise konstatieren sie plausibel: „Heute zeigt sich ein guter Mensch darin, dass er seine Individualität erkennt, dass er ein emanzipiertes, selbstbestimmtes Leben führen kann; aber auch, dass er sich für andere einsetzt, Verantwortung übernimmt und sich gesellschaftlich engagiert.“ (S. 7) Insgesamt geht es den Autorinnen darum, für eine offene und pluralistische Gesellschaft die herausragende Bedeutung von Wertestabilität und Wertebewusstsein zu verdeutlichen. Dem entsprechend wichtig ist die Vermittlung von Werten im Alltag, was bereits in der Familie beginnt, von Kita und Grundschule fortgeführt wird in dem Sinne, dass junge Menschen erkennen können, „was ein wertvolles Verhalten ist“ (S. 13).

So führt das erste Kapitel hin zu einer begrifflichen Bestimmung des Wertebegriffs, der von den Autorinnen als Antipode zur Beliebigkeit verstanden wird. Sie gehen auf den Zusammenhang von Wertschätzung und Motivation ein, zeigen die Bedeutung von Toleranz in der Erziehung und die damit verknüpfte Salutogenese, also die Entstehung von Gesundheit durch ein positives Selbstbild. Neben zahlreichen Fallbeispielen und Instruktionen für wertorientiertes bzw. wertsensibles Arbeiten in Kita und Schule stellen Inge Michels und Alexandra von Plüskow aber auch einen Selbsteinschätzungsbogen zum Thema „Über Werte nachdenken: Was mir im Leben wichtig ist“ (S. 27 f.) zur Verfügung. Der entsprechende Exkurs, verfasst von Margit Franz, grenzt in Form von kurzen Begriffserläuterungen die Begriffe Werte, Ethik, Moral, Normen, Regeln und Tugenden sowie Traditionen, Rituale und Konvention voneinander ab. Der Wertbegriff wird dabei orientiert an der klassischen Begriffsdefinition Clyde Kluckhohns aus den fünfziger Jahren, wonach Werte gemeinsam „geteilte Auffassungen vom Wünschenswerten“ (S. 29) sind.

Daran schließt sich das zweite Kapitel des Buches mit fast 60 Seiten an. Dieser umfangreichste Teil fokussiert die zentrale Vermittlungsfrage von Werten an Kinder in den Lebensbereichen Familie, Kita und Grundschule. Ausgangspunkt ist hierbei die These, dass Werte vorrangig gelebt werden müssen, vor allem in wertschätzender, achtsamer sowie respektvoller Kommunikation im Alltag: „Wertebildung gelingt vor allem in der Interaktion mit Bezugspersonen, mit Gleichaltrigen und mit Vorbildern.“ (S. 36) Wesentliche Bezugsgrößen für die Autorinnen sind dabei die alltagsintegrierte Sprachbildung und die effiziente Sprachförderung. Entsprechende Übungen zu Sprachhandlungen und Diskussionen werden erläutert und exemplarisch vorgestellt (u.a. aktives Zuhören, sich einlassen und verweilen). Ferner finden sich zahlreiche Tipps für die praxistaugliche Wertevermittlung, beispielsweise: „Nehmen Sie gezielt mehrsprachige Eltern mit zu Ausflügen, etwa in Museen oder in den Tierpark.“ (S. 39) Weitere relevante Themenfelder wie „Empathie und der Umgang miteinander“, „Verantwortung und Selbstständigkeit“, „Nachhaltigkeit und Ressourcen schonen“, „Regeln, Grenzen, Rituale“ sowie „Leistungsbereitschaft und keine Angst vor Fehlern“ werden sowohl theoretisch-konzeptionell beschrieben als auch mit zahlreichen Materialien, Übungen und – zum Teil – spielerischen Anregungen angereichert. So finden sich zahlreiche Infoboxen mit Ratschlägen und Anleitungen für Regeln in Kita und Grundschule oder das gemeinsame Frühstück in der Klasse. Aber auch Gedichte, Lieder und andere Formen von gemeinschaftlicher Wertebesinnung in Form von Gemeinschaftsübungen und -spielen finden sich an passender Stelle. Dabei intendieren die Autorinnen immer wieder, die Kinder zu stärken, um im Leben Sicherheit und Sinn, aber auch Akzeptanz und Wohlwollen zu finden: „Kinder in Kita und Schule erleben also ihren Wert ganz unmittelbar darin, wie Erzieherinnen und Lehrkräfte mit ihnen und ihrer Leistungsbereitschaft umgehen.“ (S. 91)

Im Kapitel drei werden Kinderrechte erläutert. Dazu stellen die Autorinnen die UN-Kinderrechtskonvention, das „Aktionsbündnis Kinderrechte“ sowie deren aktuelle Forderungskataloge im Umgang mit Kindern ausführlich vor. Wesentliches Steuerungsmittel ist dabei an Kitas und Schulen die Formulierung von Leitbildern, ferner die Etablierung von kinderrechtssensiblen Projekten und Aktionen.

Das vierte Kapitel untersucht, wie Kinder Übergänge und Entwicklungsprozesse meistern können und welche wertorientierten Hilfen sie dabei von Erwachsenen erhalten können. „Übergangsprojekte“ wie das „PERLE-Projekt in Walsrode“ (S. 107-111), das dem Übergang Kita-Grundschule gewidmet ist, werden dazu ausführlich vorgestellt: Dabei geht es um Qualifizierungsmaßnahmen für Erzieherinnen und Lehrkräfte, um den „Blick weg von der Problematik und hin zur Person“ (S. 107) zu unterstützen. Wesentlich in diesem Kontext ist auch eine gelingende Erziehungsgemeinschaft, um Übergänge zwischen den Erziehungsinstitutionen konstruktiv zu gestalten und zu begleiten: Gestützt auf Befunde des Erziehungswissenschaftlers Werner Sacher heben die Autorinnen die Relevanz hervor, dass Eltern und pädagogische Fachkräfte „gemeinsam die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes im Blick behalten“ (S. 112) und sich dabei nicht als Antagonisten betrachten. Entsprechende best-practise-Beispiele wie Ehrenamt, das „Schulklima des Willkommenseins“ oder ein gemeinsam geführter Schulgarten werden vorgestellt und hinsichtlich der Gelingensbedingungen erläutert. Aber auch Materialien wie Checklisten für schwierige Gespräche werden vorgestellt.

Der abschließende Teil mit einer „Schatzkiste“ enthält neun Buchempfehlungen, um mit Kindern durch geeignete Kinderliteratur über Werte ins Gespräch zu kommen, ferner die Vorausschau auf diverse Materialien aus dem Darstellungsteil zum Download (wie Werte-Reflexionskärtchen oder Selbsteinschätzungsbögen) sowie einen knappen Anhang mit Quellen- und Bildnachweisen sowie Hinweisen auf geeignete Sekundärliteratur.

Diskussion

Inge Michels und Alexandra von Plüskow adressieren mit ihrem Sachbuch „Kinder & Werte“ verschiedene Zielgruppen, die sich kompakt und verständlich mit der Thematik vertraut machen wollen. Dies ist sicherlich insofern gelungen, als in diesem Buch viele wichtige und relevante Informationen, Anregungen und Tipps für die Wertevermittlung gegeben werden. Jedoch können die beiden Autorinnen ihre berufliche Herkunft nicht verbergen, ihr Fokus liegt erkennbar auf formalen und institutionalisierten Wertevermittlungsprozessen. Interessanterweise weisen sie selbst einführend auf den „Potpourri“-Charakter des Buches hin: „Dieses Buch ist deshalb ein Potpourri aus Informationen darüber geworden, was hilfreich in der Auseinandersetzung mit den eigenen Werten ist, und was wir darüber wissen sollten, wie Kinder Werte wahrnehmen.“ (S. 13)

In dieser Selbstcharakterisierung zeigt sich Stärke wie Schwäche des Buches, denn die Mehrfachadressierung verhindert eine klare Schwerpunktsetzung. Für jede Zielgruppe ist etwas dabei, viele Aspekte, beispielsweise die Rolle von Leitbildern für die Entwicklung einer demokratischen Schulkultur, können nur angedeutet werden. Manche Tipps sind ferner gut gemeint, können aber bei Lesern auch den Eindruck von Oberflächlichkeit hervorrufen, wenn beispielsweise lapidar und ironisierend am Ende des zentralen Kapitels „Kindern Werte vermitteln“ geschrieben wird: „Und für alle großen Menschen, die mit sich hadern, weil sie doch hin und wieder an ihrem eigenen Wert oder ihren Leistungen zweifeln, empfehlen wir ein ‚Erwachsenenmutmacherlied‘ von Andreas Bourani (…)“. Ebenso fehlen für Lehrkräfte entsprechende entwicklungspsychologisch abgesicherte Konzepte, die aus Platzgründen im Buch nicht mehr vorgestellt werden können. Somit wagen die Autorinnen den Drahtseilakt zwischen Wissenschaftlichkeit (mit immerhin 56 Anmerkungen und Literaturbelegen) und Verständlichkeit, um die Komplexität des Themas in den Griff zu bekommen. Insofern ist das Buch als populärwissenschaftliche Einführung in die Thematik zu lesen, das anschaulich, sehr ansprechend layoutet und ohne großen theoretischen Rahmen praxiserprobte Konzepte zu Werten und ihrer Vermittlung darstellt.

Fazit

Insgesamt ist das Buch „Kinder & Werte“ von Inge Michels und Alexandra von Plüskow für all jene interessierten Erwachsenen zu empfehlen, die eine solide und grundlegende Einführung in das vielfältige Thema von Wertevermittlung und Werteorientierung im Kontext von Erziehungsprozessen wünschen. Viele anschauliche und verständliche Fallbeispiele aus der Praxis, die jedes Kapitel enthält, verdeutlichen, wie eine zeitgemäße Werteerziehung in Familie, Kita und Schule gelingen kann. Das Buch liefert auf der Basis von Humanismus und Pluralismus zugleich sehr viele praxistaugliche Anregungen für wertevermittelnde Projekte. Ferner legt es erkennbar einen Fokus auf wertschätzende Kommunikation bzw. Sprachbildung in Zeiten von Migration und Mehrsprachigkeit. Zugleich verfolgt das Buch einen aufklärerischen Gedanken: Mündige Bürgerinnen und Bürger, die in der Demokratie ihre Meinung vertreten und für andere eintreten, entwickeln sich nicht ohne entsprechende Sozialisations- und Enkulturationsprozesse. Insofern legen die beiden Autorinnen ein fachlich fundiertes, abwechslungsreich gestaltetes und insgesamt anregendes Buch für einen breiten Leserkreis vor, das als ein erster Einstieg in die Thematik uneingeschränkt zu empfehlen ist.


Rezensent
Dr. Torsten Mergen
Universität des Saarlandes, Fachrichtung 4.1
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Zitiervorschlag
Torsten Mergen. Rezension vom 16.04.2018 zu: Inge Michels, Alexandra von Plüskow: Kinder & Werte. Was Erwachsene wissen sollten. Klett-Kallmeyer (Seelze/Velber) 2017. ISBN 978-3-7727-1008-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23811.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


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