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Paolo Virno: Weltlichkeit und der Gebrauch des Lebens

Cover Paolo Virno: Weltlichkeit und der Gebrauch des Lebens. Turia + Kant (Wien) 2017. 221 Seiten. ISBN 978-3-85132-870-7. D: 14,00 EUR, A: 14,00 EUR.
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Thema

Im Buch „Weltlichkeit oder der Gebrauch des Lebens“ geht Paolo Virno den Begriffen der (sinnlichen) Welt und ihrer öffentlichen Sphäre sowie der Handlung nach. Dabei stellt er sich immer wieder die Frage, was ein Leben ausmacht, das vor allem brauchbar ist. Denn von der Brauchbarkeit des Lebens, lassen sich alle anderen Handlung(sweis)en ableiten. „Gerade der Gebrauch des Selbst, der eigenen Existenz, ist Voraussetzung und Grundpfeiler aller anderen Gebrauchsweisen“ (179).

Autor und Entstehungshintergrund

Für den deutschsprachigen Raum sind die meisten Schriften Virnos noch zu übersetzen. 2005 erschien die erste deutschsprachige Übersetzung des Buches „Grammatik der Multitude“. Darin definiert Virno die Multitude als Gegensatz zum Begriff des Volkes und betont, dass mit diesem Begriff gegenwärtige Ereignisse gut verstanden werden können. Sie ist per se weder gut noch schlecht zu verstehen, sondern eine Existenzform für die Wissen und Kommunikation wesentlich ist. Multitude zeichnet sich dadurch aus, keine Einheit zu haben und ist die soziale und politische Existenzform der Vielen als Vieler.

Virnos Rezeption, zumindest im deutschsprachigen Raum, prägt seine Auseinandersetzung mit dem politischen Subjekt der Multitude. Ihn prägen sehr stark die Ereignisse um 1968, aber auch 1977, als in Italien die Bewegung der „Autonomia“ durch Arbeitslose, Studierende und prekär Beschäftigte entstand. Innerhalb der „Autonomia operaia“ versuchte man, die spontane Revolte zu einem laufenden Angriff auf das kapitalistische System auszubauen. In der „Autonomia creativa“ verstand man den Straßenkampf eher als Möglichkeit für künstlerische Ausdrucksformen. Daraus leitet Virno auch seine Überlegungen zum (strategischen) Exodus ab, wie sie hier im Buch vorzufinden sind. In diesem Jahr entschloss er sich mit Genossen dazu, eine Zeitschrift zu gründen, die diese Revolte intellektuell begleiten sollte. Die Zeitschrift hieß „Metropoli“ und existierte bis 1979 als sie kriminalisiert wurde.

Im Rahmen des Urteils vom 7. April wurde Virno mit 30 anderen, darunter auch Antonio Negri, verurteilt. Drei Jahre verbrachte Virno im Gefängnis bis er 1982 freigesprochen wurde. Die Gefängniszeit nutzte er mit seinen Kollegen sehr intensiv für philosophische und politische Auseinandersetzungen. Diese flossen auch in die neu herausgegebene Zeitschrift „Luogo Comune“ hinein, die zwischen 1990 und 1993 erschien. Die Mitarbeiter an der Zeitschrift waren Giorgio Agamben, Franco Piperno, Antonio Negri, Sandro Mezzadra und Sergio Bianchi. Heute lehrt er an der „Università degli studi Roma Tre“.

Aufbau und Inhalt

Virnos Text „Weltlichkeit und der Gebrauch des Lebens“ wurde im italienischen Verlag Quodlibet veröffentlicht. Die Übersetzung der beiden Abschnitte „Weltlichkeit“ und „Gebrauch des Lebens“ trennt in dieser Ausgabe der Text „Virtuosität und Revolution. Die politische Theorie des Exodus“, welcher im Turia + Kant Verlag bereits in Virnos Buch „Exodus“ abgedruckt wurde. Hier reflektiert Virno die Entfremdung der Arbeiterklasse von der Arbeit(sstelle). Die Fabrik ist nicht mehr der zentrale Ort um Widerstand auszuüben, sondern die ganze Gesellschaft. So wird ein Bereich gemeinsamer Angelegenheiten konstruiert sowie bewusstgemacht. Der Exodus gilt als ein offensiver Entzug, der mit Ungehorsam, Multitude oder Widerstandsrecht einhergeht. Hier, wo die Gemeinschaft sich konstituiert, kann eine nichtstaatliche öffentliche Sphäre entstehen, die politisch wird. „Die wesentlichen Züge der postfordistischen Erfahrung (servile Virtuosität, Inwertsetzung des Sprachvermögens, unvermeidliches Verhältnis zur ‚Anwesenheit anderer‘ usw.) erfordern als konfliktuelle Gegenstrategie nichts weniger als eine auf radikale Weise neue Form der Demokratie“ (145).

Die Gemeinsamkeit wird durch Sprache, Intellekt und Denken hergestellt. Sie bestimmt also das was gemein, jedoch auch was individuell ist. Ihre Gemeinsamkeit zeichnet sich durch das Vermögen der Ausführung aus. „Die Gemeinschaft des Intellekts offenbart sich also in den öffentlichen Versammlungen; sie gehört zu den Geschehnissen einer Stadt; sie dient als Inspirationsquelle für diese oder jene Form des einvernehmlichen Handelns, für die verschiedenen Formen der kollektiven Praxis“ (110). Bei Virno sind diese ‚Vielen‘, die am Intellekt teilhaben, stets Fremde, da sie in einem emotionalen ‚Un-Zuhause‘ verharren. Dadurch ist es aber überhaupt erst möglich mit der Pluralität der Mitmenschen in Verbindung zu kommen. Es gibt aus dem ‚Un-Zuhause‘ kein zurück, da für sie im Zuhause keine Plätze zur Verfügung stehen. Diese Vielen formen eine Seinsweise, die einer Multitude. Da dieses Sein immer nur in der Öffentlichkeit stattfindet, ist es politisch. Hier kann man zum Beispiel erkennen, wie Virnos Begrifflichkeiten ineinander übergehen und sich erweitern.

Der Gebrauch des Lebens ist untrennbar von dem Gebrauch der Sprache zu verstehen. Das menschliche Wesen zeichnet sich durch die Nutzung der Sprache aus, welche es von allen anderen trennt und eint. Durch das eigene Interesse zeichnet sich der Gebrauch aus, wobei Inter-esse hier im engen Wortsinn, als ein Dazwischen-Sein (173), zu verstehen sei. Durch dieses Dazwischen-Sein werden alle zusammenhängenden Elemente beeinflusst. Produktion und Handlung sind unauflösbar miteinander verbunden. Wir gebrauchen die Sprache, aber auch Dinge und diese werden von uns gebraucht. So können Handlungen entstehen.

In Anlehnung an Aristoteles sind die Poiesis mit der Technik (techne) und die Praxis mit der Weisheit (phronesis) verbunden. Das Vermögen, in einer Art und Weise zu handeln, ist immer auf Sprache, aber auch auf die nicht-sprachlichen Tätigkeiten zurückführbar. „Der semantische Inhalt von ‚Bild‘, ‚Liebe‘, ‚Heiligkeit‘, ‚Geld‘ oder ‚Addieren‘ hängt nicht so sehr von der Art und Weise ab, wie wir solche Worte verwenden, sondern vielmehr von der Verschränkung von sprachlichen und nicht-sprachlichen Tätigkeiten, durch die sich der Gebrauch unserer Existenz entfaltet“ (181). Unsere Existenz resultiere eben aus einer Sorge um sich.

Wie Foucault in seiner „Ästhetik der Existenz“ die Möglichkeiten der Handlungsmacht auslotet, betont Virno den Gebrauch des Lebens als eine unaufhörliche Übung, die eigene Existenz zu einem vielwertigen Instrument zu formen. Es geht ihm darum, dass die Existenz gebraucht wird und somit um die Frage, wie sie gebraucht werden kann. Dazu betritt er mit Wittgenstein das Theater und seine Bühne. Dort finden sich nämlich kompensiert die Vorgänge, die beim Gebrauch des Lebens von Bedeutung sind. So sei das Erlernen einer Figur, eine Verdichtung des Zeitraums, in dem durch die Sorge um sich, der psychophysische Organismus perfektioniert wird. Hier findet sich auch eine ständige Distanzierung zum Selbst, welche auf der Bühne durch den Brecht’schen Verfremdungseffekt erzeugt wird. Auch in Wittgensteins „Sprachspiele“ erkennt Virno die analytische Rekonstruktion von Aussagen und Gesten.

Diskussion und Fazit

Paolo Virnos Beschäftigung mit der Sprache geht von Aristoteles' Beschreibung des politischen Menschen aus, die den Akt des Sprechens als politische Handlung ausweist. Dabei steht nicht wie in etwa in „Grammatik der Multitude“ eine mögliche Beschreibungsart von aktuellen Protestformen oder Entfremdungstendenzen vom Staat im Zentrum, sondern ganz allgemein ein politischer Gebrauch der Welt durch Sprache. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Virno aus italienischer oder vielmehr europäischer Sicht schreibt. So ist der Kritikpunkt Kenneth McKenzie Wark in seinem Buch „General Intellects“ sicherlich nicht unrichtig, wenn er feststellt, dass die sprachbasierte politische Arbeiterschaft eher eine Beschreibung für westliche Staaten zu sein scheint als ein allgemeines Charakteristikum.

Nichtsdestotrotz sind Virnos Erklärungen und Diskussionen sehr erhellend. Auf der Basis des Sprechakts zeichnet er nicht nur die politische Dimension nach, sondern auch (Un)Möglichkeiten des Handelns. Letztlich kann „der Gebrauch des Lebens“ als philosophische Bedienungsanleitung gelesen werden, die uns über das Lesen Virnos Sprache zu Handlungen anregt.


Rezensent
Andreas Hudelist
Schwerpunkte: Ästhetik, Cultural Studies, Film- und Fernsehforschung, Kunst sowie kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung
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Zitiervorschlag
Andreas Hudelist. Rezension vom 23.07.2018 zu: Paolo Virno: Weltlichkeit und der Gebrauch des Lebens. Turia + Kant (Wien) 2017. ISBN 978-3-85132-870-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23814.php, Datum des Zugriffs 22.10.2019.


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