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Tine Haubner: Die Ausbeutung der sorgenden Gemeinschaft

Cover Tine Haubner: Die Ausbeutung der sorgenden Gemeinschaft. Laienpflege in Deutschland. Campus Verlag (Frankfurt) 2017. 493 Seiten. ISBN 978-3-593-50735-4. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Die Veröffentlichung beschäftigt sich mit dem Missstand der Laienpflege in Deutschland. Die Pflege durch Laien wird durch bestimmte Akteure immer weiter gefördert. Es werden „schwache“ Bevölkerungsgruppen gezielt eingesetzt, die dann noch nicht mal einen Mindestlohn für ihre Arbeit0 erhalten. Diesen Umstand untersucht die Autorin am Begriff der Ausbeutung. Die Krise in der Pflege soll gemessen an der politischen Entwicklung in Deutschland nicht durch die Aufwertung des Pflegeberufs und durch eine bessere Bezahlung begegnet werden, sondern durch den immer weiter auszubauenden Bereich der Laienpflege.

Autorin

Dr. Tine Haubner ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Politische Soziologie des
Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller Universität Jena.

Aufbau

Das Buch besteht aus elf Kapiteln, in denen die Autorin die Pflege und die Ausbeutung in der Pflege beleuchtet. In fünf Kapitel widmet sich die Autorin der Theorie der Ausbeutung. In weiteren fünf Kapiteln werden wird die Ausbeutung in der Pflege empirisch beschrieben. In einem Kapitel die Methodik der Arbeit dargestellt. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Die Arbeit beginnt zunächst mit der Darstellung des Ausbeutungsbegriffs bei Karl Marx. Das gesamte erste Kapitel befasst sich mit Marx und seinen Theorien zur Ausbeutung. Hier wird herausgearbeitet, dass es diese Art der Pflege natürlich auch bereits zu Marx' Zeiten gab, in seinen Theorien kommt sie jedoch nicht vor, denn Profit konnte aus der Sorgearbeit noch nie gezogen werden.

Aus seinen Lehren wird gefolgert, dass es sich bei der Ausbeutung stets um einen machtgestützten Prozess handelt, der aus einer bestimmten Gesellschaftsform resultiert. Marx zeigt außerdem, dass es bei Ausbeutungsverhältnissen auf ökonomische, rechtlich-politische und kulturelle Aspekte ankommt, also auf die gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Marx wies auch darauf hin, dass die Ausbeutung per se eigentlich als formal-fairer Tausch erscheint, tatsächlich aber aufgrund des Ausschlusses von den Produktionsmitteln, ein unfairer Tausch vorliegt.

Für die Pflege folgert die Autorin, dass Ausschluss, Machtverhältnisse, Gewalt und Unterdrückung eine wichtige Rolle spielen. Durch ihre soziale Verwundbarkeit werden die „Ausgebeuteten“ zur unproduktiven (unentgeltlichen) Arbeit gezwungen. Es stellt sich schnell heraus, dass Marx Theorien schwer auf die heutigen Verhältnisse angewandt werden können. Denn Marx hat nur die profitorientierte Arbeit bewertet, nicht die unproduktive Sorgearbeit.

Wie im nächsten Kapitel zu lesen ist, spielt die Sorgearbeit im Kontext der feministisch-marxistischen Gesellschaftstheorie eine zentrale Rolle. Danach haben wir es mit einer Koexistenz verschiedener Ausbeutungsformen im Kapitalismus zu tun. Es liegt in der kapitalistischen Gesellschaft ein Miteinander der Ausbeutung von bezahlter und unbezahlter Sorgearbeit vor.

Im vierten Kapitel beschäftigt sich das Buch mit den ausbeutungstheoretischen Beiträgen der feministischen Theorienbildung. Diese liefert weitere relevante Einsichten: Gewalt und Unterdrückung sind ökonomisch relevante Faktoren. Die Ausbeutung wird von der Profitgenerierung gelöst, in dem die Ausbeutung auf auch das Private ausgeweitet wird.

Die Autorin führt im fünften und letzten theoretischen Kapitel alle aufgenommenen Argumentationsfäden zusammen und entwickelt ein theoretisches Arbeitskonzept zur aktuellen Ausbeutung, welches dann in den folgenden Kapiteln empirisch angewandt wird. Dieser rote Faden führt dann durch das Labyrinth der deutschen Pflegekrise und deren sozialpolitischen Regulierungen.

Die ersten vier Kapitel haben folgende Ergebnisse gebracht: die Ausbeutung ist nicht auf die private Produktion beschränkt. Sie muss auch nicht zwingend mit einem Gewinn für den Ausbeuter betrieben werden. Die Ausbeutung wird unter sozialen Ausschlussprozessen betrieben und sozio-kulturellen Faktoren kommt eine entscheidende Bedeutung für die Ausbeutung zu.

Im sechsten Kapitel werden der Ist-Zustand der Pflege und seine geschichtliche Entwicklung beschrieben. Es werden die Entwicklung der Demographie, die Entwicklung von Altenheimen, der Pflegeversicherung und der Altenpflegeberuf beschrieben. Es werden Fach-und Laienpflege beschrieben und deren Verwurzelung in der Gesellschaft.

Das Vorgehen bei der empirischen Arbeit wird im siebten Kapitel detailliert dargestellt.

Im achten Kapitel wird anschaulich gezeigt, wie der größte Pflegedienst Deutschlands (die Angehörigen) in die Pflicht genommen werden. Es wird dargestellt, wie sich Pflegebedürftigkeit entwickelt und wie die unterschiedlichen Familien damit umgehen. Die Autorin legt sehr schön da, dass durch die immer weiter steigende Hilfebedürftigkeit die Angehörigen immer seltener einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen können. Weil aber die Pflegeversicherungsleistungen nur eine Grundsicherung darstellen, besiegelt die Aufgabe der Arbeit dann oft den Beginn einer Armutsspirale, an deren Ende die Angehörigen auf die niedrigen Leistungen des Pflegegeldes angewiesen sind.

Die Aufgabe der Pflegeperson übernehmen dann häufig die Frauen, da sie sich „dazu verpflichtet fühlen“. Häufiger als Männer arbeiten sie sowieso schon in Teilzeit und in der Regel verdienen sie auch weniger als die männlichen Familienmitglieder. Diese Tatsachen stellt die Autorin dann in den Kontext des Ausbeutungsbegriffs. Als Nutznießer dieser Situation erkennt die Autorin für den Staat. Der für sich eine kostengünstige Versorgungsart geschaffen hat, die weder die Einhaltung arbeitsrechtlicher Bestimmungen, noch die Entlohnung einer professionellen Kraft beinhaltet. Die Frauen ermöglichen es dem Staat, die Kosten für die Pflege so gering zu halten. Diese Ausbeutung wird durch das dritte Pflegestärkungsgesetz noch weiter gefördert.

Das neunte Kapitel setzt sich mit einer weiteren großen Gruppe auseinander, nämlich mit den ehrenamtlichen Helfern. Er werden Schicksale von Frauen beschrieben und analysiert. Auch hier zeigen sich verschiedene Aspekte der Ausbeutung. Alle waren früh aus dem Erwerbsleben ausgeschieden und engagieren sich ehrenamtlich. Auch weil die Aufwandsentschädigung für sie wichtig ist. Hier kommen auch die Familien der Pflegebedürftigen als Nutznießer der Ausbeutungssituation in den Blick.

Das zehnte Kapitel beschäftigt sich mit den Langzeitarbeitslosen in der Pflege. Auch hier zeigen sich die ähnliche Muster: Aufgrund von mangelnder beruflicher Qualifikation und langjähriger Arbeitslosigkeit, ist der Leidensdruck der Betroffen groß. Auch hier gibt es wieder den Staat, aber auch die Pflegeeinrichtungen, die daraus „Gewinne“ ziehen, in dem die Kosten für das gering qualifizierte Pflegepersonal gering bleiben. Die Pflegeeinrichtungen sind durch die Vergütungsverhandlungen dazu gezwungen, in dieser Ausbeutung mit einzusteigen. Denn selbst wenn sie sich entscheiden höhere Vergütungen zu zahlen, so bekommen sie diese nicht refinanziert. Aber auch die Rolle der Bundesländer, die über die Sozialämter von der Reduzierung der Kosten für die Pflege profitieren, wird beleuchtet.

Die Autorin stellt auch hier wieder eine negative Spirale fest. Pflegearbeit ist wenig attraktiv. Deprofessionalisierung und mangelnde Fachlichkeit senken die Qualitätsstandards immer weiter ab, hinzu kommt die schlechte Bezahlung. Das Unterschreiten von qualifikatorischen Standards und auch das Unterschreiten des Mindestlohns ist der Dreh- und Angelpunkt der Ausbeutung. Diese Ausbeutung funktioniert, weil die Pflege eine personenbezogene Dienstleistung ist, aufgrund des politisch geschaffenen Rahmens und der Abhängigkeit der Akteure.

Das zwölfte Kapitel beleuchtet dann die Situation der polnischen Pflegekräfte. In diesem Bereich wird die Ausbeutung der billigen Arbeitskraft besonders deutlich. Die ökonomische Verwundbarkeit dieser modernen Sklaven resultiert aus der Perspektivlosigkeit im eigenen Land und der schlechten sozialen Absicherung. Diese wird häufig jedoch noch verstärkt, weil in Deutschland keine Sozialabgaben entrichtet werden. Ausgenutzt werden diese Arbeiterinnen von unserem Staat, Arbeitgebern, Vermittlungsagenturen und den Familien, so die Autorin. Diese Personen ermöglichen es, dass der Staat eine umfassende Versorgungsstruktur vergleichsweise kostengünstig bekommt, ohne dann selbst für diese Arbeiterinnen „sorgen“ zu müssen, denn nach verrichteter Arbeit gehen die polnischen Frauen wieder zurück in ihre Heimat. Einen Rentenanspruch in Deutschland haben sie nicht erworben.

Fazit

Ein absolut lesenswertes Buch, das den Zustand der Gesellschaft und der Pflege sozialkritisch untersucht. Was das Buch vor allem so interessant macht, ist der Blick auf die Pflege mit den Augen einer anderen Profession: Es tauchen unerwartete Aspekte, die im Rahmen der Pflege- und Rechtswissenschaft bisher noch nicht bewertet wurden. Nicht verschwiegen darf werden, dass es ein sehr anspruchsvolles Buch ist. Durch lange Sätze und die Fachsprache wird der Laienleser herausgefordert, aber es lohnt sich.


Rezensentin
RA Isabel Romy Bierther
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Zitiervorschlag
Isabel Romy Bierther. Rezension vom 22.05.2018 zu: Tine Haubner: Die Ausbeutung der sorgenden Gemeinschaft. Laienpflege in Deutschland. Campus Verlag (Frankfurt) 2017. ISBN 978-3-593-50735-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23815.php, Datum des Zugriffs 23.10.2018.


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