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Peter Winterhoff-Spurk: Kalte Herzen. Wie das Fernsehen unseren Charakter formt

Cover Peter Winterhoff-Spurk: Kalte Herzen. Wie das Fernsehen unseren Charakter formt. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2005. 271 Seiten. ISBN 978-3-608-94102-9. 19,90 EUR.

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Verfasser und Buch

Der Verfasser Peter Winterhoff-Spurk lehrt als Professor für Psychologie an der Universität Saarbrücken und legt dieses Buch als Resümee seiner über 20-jährigen Tätigkeit als Forscher und Universitätslehrer auf dem Gebiet der Medienpsychologie vor. Das Buch ist kein trockenes Fachbuch. Obwohl als eine Art Warnruf geschrieben, geht sein Engagement keineswegs zu Lasten der Argumentation. Immer wieder belegt und illustriert Winterhoff-Spurk seine Thesen mit wissenschaftlichen Belegen.

Leserkreis

Für den theoretisch aufgeschlossenen Leser dürfte bedeutsam sein, daß das erkenntnisleitende Interesse des Verfassers kein bloß medienspezifisches Interesse ist, sondern sich auf eine fundierte Zeitdiagnose bezogen zeigt, die relevante Änderungen auf den Ebenen der psychosozialen Organisation des Charakters und der sozialen Beziehungen aufnimmt. Das interdisziplinär angelegte Buch spricht neben Wissenschaftlern und interessierten Laien ein weites Spektrum von wissenschaftlich qualifizierten Praktikern an: Sozialarbeiter, Pädagogen, Psychologen, Soziologen, Psychiater, Psychotherapeuten und viele andere mehr. Darüber hinaus ist das Buch für diejenigen Berufsgruppen besonders interessant, die mit dem Medium Fernsehen beruflich befasst sind. Auch wer zu den Fernsehzuschauern gehört, die mindestens gelegentlich ein Unbehagen empfinden, denen manche Unterhaltungssendung zu weit geht, etwa peinlich berührt, oder einfach nur aufgrund trivialer Inhalte langweilt, wird dieses Buch mit Gewinn lesen.

Überblick

Thema sind die mit dem Fernsehen verbundenen Veränderungen der Kultur und des Sozialcharakters. Zwar gehen diese Veränderungen nicht ursächlich auf das Fernsehen zurück, doch ist die alltägliche Sicht der Wirklichkeit, sind die Verhaltensweisen, Einstellungen und Gefühle im Alltag wesentlich durch das Fernsehen beeinflusst. Das Fernsehen als das Leitmedium unserer Kultur vermittelt nicht nur eine Sicht der Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit schlechthin. Nachrichten, Talkshows und Seifenopern inszenieren eine Wirklichkeit, die auf der Gefühlsebene Erregung, Abwechslung und Übertreibung beinhaltet und auf der Einstellungs- und Handlungsebene die Orientierung an Idolen und Stars nahelegt. Verbunden mit einer weitreichenden Passivierung ist es dem Fernsehkonsumenten möglich, im Halbdunkel vor dem Fernsehapparat sich stundenlang vom Handeln sowie jeder autonomen inneren Aktivität zu suspendieren. Sind vordergründig, in Begleitung des Fernsehkonsums, beim Zuschauer auch hohe Gefühlsintensitäten vorzufinden, so sind die zugrunde liegenden Gefühle doch weitgehend induziert und nicht im Erleben der Personen begründet. Das Fernsehen vermittelt eine Wirklichkeit auf der Grundlage eines "geheimen Lehrplans" und wirkt auf den Sozialcharakter ein.

In mehreren Kapiteln entfaltet Winterhoff-Spurk seine Thesen zu den parasozialen Beziehungen, dem exzessiven Fernsehkonsum und den Botschaften des Mediums Fernsehen. Das Fernsehen ist zum heimlichen Erzieher geworden, der den Sozialcharakter moduliert. Zwar kann man das Fernsehen nicht als Ursache für die Entstehung des histrionischen Sozialcharakters bezeichnen, doch trägt es deutlich zu dem heutigen Sozialcharakter bei, weil es z.B. die Möglichkeit eröffnet, erlebte Defizite im normalen Leben zu kompensieren. Dadurch verstärkt es Fehlentwicklungen, bietet die Grundlage für orale Regression, wie im stundenlangen Fernsehkonsum im abgedunkelten Zimmer ("coach potatoes"), was einer modernen Form der Wirklichkeitsflucht entspricht.

Konzept des Sozialcharakters

In dieser Rezension interessiert besonders die gesellschaftskritische Perspektive, die mit dem Konzept des Sozialcharakters verbunden ist. Unter dem Sozialcharakter versteht Winterhoff-Spurk "diejenigen psychischen Eigenschaften und Verhaltensweisen, die die Menschen einer bestimmten Epoche und Kultur gemeinsam haben" (S. 10). Mit der Wahl des Sozialcharakters als Leitkategorie seiner Untersuchung schließt sich Winterhoff-Spurk dem Verständnis von Erich Fromm an, der in seiner Analytischen Sozialpsychologie seit Ende der 30-er Jahre ein sozialcharakterologisches Konzept entwickelt hatte. Fromm stellte in den 40-er Jahren eine Rückläufigkeit der personalen Autoritäten zugunsten der anonymen Autoritäten fest. Zu den letzteren kann das Fernsehen als unterhaltende und meinungsbildende Instanz gezählt werden. Die von ihm ausgehenden Beeinflussungen liegen unterhalb eines Befehls oder einer Anweisung, die gehorsame Erfüllung erwartet. Sie sind Teil eines unmerklichen Prozesses, in deren Verlauf durch Außenleitung Konformität erzeugt wird, ohne daß eine Person als Autorität auftritt, der gefolgt werden soll. Diese Konformität geht einher mit einer Kälte des Herzens, die sich u.a. darin zeigt, daß es nicht um einen solidarischen und liebevollen Bezug zum Mitmenschen geht, sondern immer häufiger um ein berechenbar zweckhaftes instrumentalisierendes Verhalten, das den eigenen Genuss, Spaß und Erlebniswert vorrangig ins Kalkül zieht.

"Das kalte Herz"

Diese mit dem Kapitalismus einhergehende und mit ihm entstandene Mentalität fängt Winterhoff-Spurk sehr eindringlich ein, indem er mit dem von Wilhelm Hauff vorgelegten Märchen "Das kalte Herz" beginnt, das er pointiert dahingehend interpretiert, hier sei am Beispiel des jungen Köhlers Peter Munk die Entstehung eines neuen Sozialcharakters vorweggenommen, nämlich eines Menschentyps, der rücksichtslos auf Geld, Konsum und Unterhaltung aus ist: "Wer in der kapitalistischen Industriegesellschaft erfolgreich sein will, der braucht ein kaltes Herz." (S. 13).

Gegenüber der Zeit der Entstehung dieses Märchens hat sich der Prozeß der Unterwerfung des Menschen unter die Erfordernisse der kapitalistischen Gesellschaft verschärft. Heute ist der Mensch in einem weit stärkeren Maße auch in seinem Gefühlsleben vereinnahmt, was bei Arlie Hochschild in Ausführungen zur Kommerzialisierung der Gefühle deutlich wird. Hinzu kommen parasoziale Beziehungen und Idolisierungen, mit denen die menschlichen Bezogenheiten ebenso wie das Bindungsverhalten beschrieben werden. Konsequenzen und Resultate aus diesen Veränderungen sind in vielen Bereichen des Alltags zu finden, wie dem Konsumverhalten. Aber als Antwort auf diese oft als Verunsicherung empfundenen Veränderungen finden sich auch die Sehnsucht und der Wunsch nach Stabilität und Bezogenheit.

Grundthesen

Winterhoff-Spurk geht davon aus, daß das Fernsehen - wie die neuen Medien überhaupt - den Sozialcharakter verändert, und zwar besonders das Gefühlsleben: "Es sind kalte Herzen, die da entstehen" (S. 10). Diese Veränderung beschreibt er als allmähliche "Vereisung des Sozialcharakters" und meint damit den Trend, daß Gefühle zunehmend im Sinne des Oberflächenhandelns gezeigt werden, ohne daß tiefere Beziehungen von Herz zu Herz aufgenommen würden oder die Fähigkeit des Subjekts bestünde, sich in seinen Gefühlen auszuloten.

Die täglichen Fernsehsendungen mit ihren Nachrichtenmagazinen, Talkshows und Seifenopern bilden nicht in erster Linie Wirklichkeit ab, sondern bringen eine neue Wirklichkeit des Erlebens hervor. In dieser werden Sachverhalte und Gefühle überwiegend inszeniert, so daß dem Bedürfnis des Konsumenten nach erregenden Neuigkeiten, oberflächlicher Informiertheit, emotionaler Stimulation und seichter Unterhaltung entsprochen wird. So wird der Konsument lediglich mit geborgten Gefühlen versorgt, die ihn von eigenen Gefühlsregungen entlasten. Zudem werden ihm die von außen vermittelten Gefühlsqualitäten zum Modell für das Erleben der "eigenen" Realität.

Besonders die als "Affektfernsehen" bezeichneten Sendungen wie Die Traumhochzeit, Die Mini-Playback-Show und Big Brother stellen Gefühle lediglich dar und bieten dem Zuschauer eine vermeintliche Teilhabe an persönlichen, authentischen, emotionalen und intimen Prozessen, die jedoch massenmedial inszeniert werden. Solche Veränderungen in der Ausrichtung des Fernsehens fördern z.B. einen Sozialcharakters, der zu dieser Form inszenierender Gefühlsarbeit fähig ist, sich situativ glaubwürdig darzustellen vermag, auf Gefühle mindestens instrumentell oder besser noch empatisch eingehen kann, um seine Fähigkeiten im Nutzen für andere und somit in Bezug auf seinen Marktwert unter Beweis zu stellen.

Das Fernsehen formt die Erlebniswirklichkeiten im privaten wie im öffentlichen Bereich, in der Familie wie im Berufsleben und in der Politik. Es enthält einen "geheimen Lehrplan", nach dessen Muster ein Sozialcharakter gefördert wird, der in seiner Bindungsfähigkeit eingeschränkt ist, erlebnishungrig nach Abwechslung und Nervenkitzel sucht und in seinem Gefühlsleben reduziert ist. Das Fernsehen mit seinem "heimlichen Lehrplan" erscheint als eine wesentliche Ursache für diese Veränderungen, insofern es nicht auf Informationsvermittlung, sondern auf Wirklichkeitsinszenierung und die Darstellung von Gefühlen bezogen ist. Wenn der Fernsehkonsument diese Gefühle auf eine sentimentale Weise aufnimmt, wird es ihm möglich, seine innere Leere und Gefühlsarmut zu kompensieren und sich vom Alltag abzulenken. Heute zeigt sich das Fernsehen zunehmend als Quelle von Verhaltensimperativen und Leitbildern und ist in dieser Funktion zum "heimlichen Erzieher" geworden. Als ein solcher hat er wesentlich Anteil an der Gestaltung des Sozialcharakters.

Gefühlsarbeit

In vielen Bereichen der heutigen Gesellschaft zählt ein emotionaler Bezug zum Käufer, Kunden oder Klienten, der fürs Geschäft oder das sonstige Anliegen und Ziel der beruflichen Tätigkeit als förderlich erachtet wird. Am erfolgreichsten zeigt sich hier eine Person, die diesen gewünschten emotionalen Bezug nicht nur glaubwürdig, sondern auch ohne erhebliche psychische Kosten erbringen kann. Dies ist der Fall, wenn das Verhalten nicht von den Umständen als "beruflicher Auftrag" gleichsam erzwungen wird, sondern quasi freiwillig erbracht wird. Am leichtesten und sehr erfolgreich kann ein Mensch diesen emotionalen Bezug erbringen, wenn er nicht situationsorientiert das gewünschte Verhalten etwa aus Zweckmäßigkeitserwägungen heraus wählt, sondern dieses Verhalten ohne ausdrückliche Entscheidung aus einer Charakterorientierung resultiert, es also freiwillig, da charakterbedingt, und sogar mit der Chance innerer Befriedigung erfolgt. Das gelingt am ehesten Menschen, die gerne mit anderen in einen oberflächlichen, zielgerichteten Kontakt treten, Freude an der Selbstdarstellung sowie Inszenierung und Induzierung von Gefühlen haben - und dabei ein Gefühl von Lebendigkeit erspüren. Am erfolgreichsten im Sinne dieser Gefühlsarbeit erweist sich der Typus des Schauspielers, dem das gewünschte Oberflächenhandeln leicht fällt, da er schnell, effektiv und überzeugend die gewünschten Gefühle inszenieren kann. Diesen Charaktertypus beschreibt Winterhoff-Spurk als "Histrio" oder "histrionischen Charakter".

Der histrionische Charakter

Winterhoff-Spurk formuliert die These, daß mit der zunehmenden Kommerzialisierung der Gefühle ein neuer Sozialcharakter entstanden ist: der "Histrio" (lat. "histrio" = Schauspieler). Er ist ein Charaktertypus, der sich schnell auf eine neue Situation einstellen kann. Die Welt wird für ihn zur Theaterbühne, auf der er sich darstellt. Er inszeniert das eigene Leben, experimentiert, ahmt nach und übernimmt; lebt ohne Identitätskern eine multiple Existenz. Er ist nicht gefühllos, aber oberflächlich, er inszeniert Gefühle, täuscht dabei andere, ohne dies zu beabsichtigen, und unterliegt der Selbsttäuschung. Er verlangt nach Reizen, nach ständiger Abwechslung, will etwas erleben. Insgesamt stellt Winterhoff-Spurk eine deutliche Zunahme an Verhaltenszügen fest, die histrionisch getönt sind. Der histrionische Charakter ist weit verbreitet. Man findet ihn in den unterschiedlichsten Berufen. Der histrionische Charakter zieht sich durch alle sozialen Milieus hindurch; er ist gleichermaßen in der Freizeit wie im Berufsleben zu finden; es gibt ihn als Politiker und Wähler, als Chef und Untergebenen.

Dieser Charaktertypus ist nicht von heute auf morgen entstanden, sondern läßt sich in der Rückschau z.B. an historischen Persönlichkeiten der Filmbranche, an sogenannten Stars, verdeutlichen. Hier nennt Winterhoff-Spurk Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl, deren Lebensgeschichten und Karrieren er untersucht, um typische Lebensereignisse und Charakterzüge exemplarisch herauszuarbeiten, aufgrund derer sich ihre Träger für größere Bevölkerungsgruppen als Identifikationsobjekte angeboten haben. Den Star als Idol der Mediengesellschaft kennzeichnet Winterhoff-Spurk als eine Personifikation von Träumen und Sehnsüchten, die letztlich als "eine kollektive Projektion der vielen Unbedeutenden" erscheint. Der Star wird gleichsam zu einem Teil der eigenen Alltagswelt und wie eine vertraute Personen im eigenen Alltag erlebt.

Starkult und Histrionisierung

Dieses Phänomen beschreibt Winterhoff-Spurk nach Horton u. Wohl mit dem Begriff der parasozialen Beziehung. Obwohl es zu diesen Personen keinen realen Kontakt gibt, werden sie als Personen wahrgenommen, zu denen eine persönliche Beziehung besteht. So soll z.B. der Schauspieler Klaus-Jürgen Wussow in seiner Rolle als Prof. Brinkmann in der Schwarwaldklinik von Zuschauern brieflich um medizinischen Rat ersucht worden sein. Der amerikanische Sender CBS vermeidet inzwischen in seinen Seifenopern bedürftige Drehbuchpersonen auftreten zu lassen, damit die Redaktion anschließend nicht mit Care-Paketen bombardiert wird.

Mit dem Starphänomen sind heute nicht nur "Vorbilder aus der unmittelbaren Lebensumwelt" ersetzt worden, sondern es handelt sich geradezu um einen marktmäßig organisierten Prozeß der Herstellung von "Vorbildern", die wie die zumeist histrionischen Stars idolisiert werden, d.h. der "Fan" ist nicht mehr auf seine ihm eigenen Anlagen und Möglichkeiten bezogen, sondern identifiziert sich mit einem "Star", dem er nacheifert und dessen Verhaltenszüge er kopiert. Folge einer starren Idolisierung des Stars ist der Selbstverrat; auf der Seite des Fans wird die Ausbildung eines stabilen Selbstwertgefühls unterlaufen. Histrionische Charakterzüge zeigen sich so nicht nur bei dem Star, sondern entstehen ebenso bei dem Fan. Eine stabile Identität kann sich nicht ausbilden.

Die stundenlangen Verhaltensmodellierungen, die das Fernsehen täglich seinen Zuschauern bietet, mit der Möglichkeit des Rückzugs aus dem belastenden Alltag durch oral-regressive Verhaltensweisen vor dem Bildschirm sowie die Chance zu vielfältigen parasozialen Beziehungen, machen im wesentlichen die "Charaktererziehung zum Histrio" aus. Und dies bei einer errechneten Lebensfernsehzeit von ca. 13 Jahren für den bundesdeutschen Fernsehkonsumenten! Zu dieser Charaktererziehung gehören zum einen die Vorbilder und Inszenierungen von Wirklichkeit im Fernsehen, die histrionisches Verhalten nahelegen, zum anderen die realen Bedingungen und Wirkungen des Medienkonsums, die nicht weniger histrionisches Verhalten fördern. Alles in allem liefert das Fernsehen als eine Art "invisible religion" das Modell für normales Verhalten ("heimliches Normalitätsmodell"). Was es unter dem Strich dem Konsumenten bietet, ist eine überschaubare Welt aus der Zuschauerperspektive, in der man die Relation von Distanz und Nähe selber regulieren kann. Das Fernsehen bietet dem Histrio "immer und überall auch das, was er im Leben so schmerzlich vermißt: unendliche Bindungssicherheit" (S. 237).

Die Zunahme histrionischer Verhaltensdispositionen geht mit einem veränderten Bindungsverhalten einher. Oftmals ist eine Bindung auf Zeit festzustellen, die keine Sicherheit geben kann. Diese neue Bindungsform entspricht den Mobilitäts- und Flexibilitätserwartungen in unserer Gesellschaft. Das entsprechende Bindungsverhalten zeigt sich als unsicher. Der unsichere Bindungsstil wird nach abweisend-unsicher, ängstlich-unsicher und besitzergreifend-unsicher klassifiziert. Die erlebten Unsicherheiten werden von vielen als Belastungen erlebt; durch kompensatorische Aktivitäten wird versucht, sie möglichst kleinzuhalten.

Wege aus der Krise

Als die Hauptursache für die Ausbildung eines neuen Sozialcharakters sieht Winterhoff-Spurk die Bindungsunsicherheit und Medialisierung, die im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen festzustellen sind. Da aber weder der Kapitalismus noch das Fernsehen kurzfristig abgeschafft werden können, sucht Winterhoff-Spurk nach einer realistischen Handlungsmöglichkeit oberhalb der gesellschaftlich-strukturellen Ebene. Der Ansatz dazu ist mit der Frage gegeben: "Was schafft unter den gegebenen Umständen Bindungssicherheit" (S. 245). Die Frage läßt sich auch so stellen: Wie lässt sich "seelische Gesundheit" wiedererlangen?

Hier nennt der Verfasser die Bereiche von Ehe und Familie, die Erziehung der Kinder, den Arbeitsprozess, aber auch Prozesse politischer Beteiligung. Auf der Grundlage von Verbindlichkeit und Selbstwirksamkeit sollen die Handelnden es sich und anderen ermöglichen, die Erfahrung der Bindungssicherheit zu machen. Der Verfasser setzt auf das Gewahrwerden im Sinne der Selbstreflexion. Für die verschiedensten Bereiche enthält das Buch anregende Hinweise, so auch zur visuellen Erziehung bzw. Medienerziehung. Obwohl vom Grundtenor kulturkritisch, erscheint das Buch alles andere als kulturpessimistisch, insofern es die Möglichkeit offenläßt, Liebe, Vernunft und Verbindlichkeit im gesellschaftlichen Leben zur Geltung zu bringen.

Zusammenfassung

Winterhoff-Spurk ist es gelungen, ein sehr anregendes, über das Thema Fernsehen hinausreichendes Buch zu schreiben, das eine differenzierte Zeitdiagnose zum neuen Sozialcharakter liefert. Ohne vorschnell fertige Lösungen bereitzuhalten, gibt er Anregungen, über die gegenwärtigen Grundübel nachzudenken, die in einem Syndrom von unsicherer Bindung, parasozialen Beziehungen, Starkult und Idolisierung, oraler Regression und einem reduzierten Selbstwertgefühl liegen. Die Wiedererlangung eines "warmen Herzens" läßt sich sicherlich nicht allein über einen selbstbestimmten Fernsehkonsum erreichen. Anbetracht der bescheidenen systemtranszendierenden Handlungsmöglichkeiten in einer postmodernen Welt nicht nur dem Medium Fernsehen gegenüber, erscheint die Rückbesinnung auf Liebe, Unterstützung, Verständnis und Vernunft als Grundlage einer Selbstgestaltung des Alltags als notwendig. Wir sind wie vordem der Köhler Peter Munk in dem Märchen von Wilhelm Hauff aufgerufen, uns unser warmes Herz zurückzugewinnen. Bei entsprechender Einsicht, Willen und unterstützenden Erfahrungen könnten wir dieses post-postmoderne Projekt auf der Grundlage einer Lebensgestaltung angehen, die uns sichere Bindungen und nachahmenswerte Vorbilder ermöglicht. Zeit dazu hätten wir genug, wenn unsere charakterliche Grundstruktur - und vor allem wir selbst - es zuließen, die Lebensfernsehzeit zugunsten anderer Aktivitäten zurückzuschrauben.


Rezension von
Prof. Dr. Burkhard Bierhoff
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Zitiervorschlag
Burkhard Bierhoff. Rezension vom 09.08.2005 zu: Peter Winterhoff-Spurk: Kalte Herzen. Wie das Fernsehen unseren Charakter formt. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2005. ISBN 978-3-608-94102-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2382.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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