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Wolfgang Sternstein: Endzeit Hoffnung und Widerstand im Atomzeitalter

Cover Wolfgang Sternstein: Endzeit. Hoffnung und Widerstand im Atomzeitalter. buch.one (Pliezhausen) 2017. 338 Seiten. ISBN 978-3-947198-00-9. 19,90 EUR.
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Thema

Übernehmen Neokonservative, Populisten, Nationalisten und Rassisten die Weltmacht? Die politischen Analysen und Bestandsaufnahmen zur Lage der Welt zum Jahreswechsel 2017/18 stellen sich überwiegend als verhalten und eher pessimistisch denn optimistisch dar. Die sich n den Zeiten des globalen Umbruchs weg von der ideologischen, machtpolitischen Konfrontation des Kalten Krieges zwischen Ost und West und hin zu vorsichtigen Verständigungs- und Annäherungsversuchen vollzogenen Entwicklungen haben durchaus Hoffnungen aufkeimen lassen, dass eine friedliche, gerechte, gleichberechtigte, humane Welt möglich ist. Die zaghaften, langwierigen kleinen Schritte, durch internationale Verhandlungen zu einem nicht bedrohlichen sondern partnerschaftlichen Miteinander der Völker und Nationen zu kommen, haben zeitweise durchaus Friedenshoffnung aufkommen lassen. Doch was ist heute? Da prahlen und provozieren nicht nur zwei Machtbesessene, wer den größeren Knopf zur Auslösung von Atomraketen hat, die den Anderen vernichten können, sondern es treten überall in der Welt Provokateure auf, die Konflikte gewaltsam und endgültig lösen wollen. Es ist wie eine Seuche, die sich verbreitet und den Friedfertigen kaum eine Chance lässt, sie unschädlich zu machen! In dieser Situation ist es durchaus verständlich, wenn Menschen, die friedlich sein wollen, an ihrer Ohnmacht verzweifeln. Keine Lösung allerdings sind Standpunkte wie „Da kann man ja sowieso nichts machen!“ – „Was soll ich kleines Licht da bewirken?“ – „Die Mächtigen machen ja sowieso was sie wollen!“. Vielmehr geht es darum, individuell und kollektiv die „Macht der Demokratie“ einzusetzen, sich die Hoffnung auf Humanität zu bewahren und Widerstand gegen Machtmissbrauch und Menschenfeindlichkeit zu üben.

Entstehungshintergrund und Autor

Im Laufe der Menschheitsgeschichte gibt es immer wieder Weltuntergangswarnungen und -Vorhersagen. Sie werden unterfüttert von religiösen, kultischen, politischen oder ideologischen Motiven und haben zum Ziel, dass sich die Menschen diesen Prophezeiungen und Programmen widerstandslos ergeben und anpassen, ob fatalistisch oder euphorisch ist dabei erst einmal unerheblich. Diese Einstellung vertritt der Stuttgarter Umwelt- und Friedensaktivist und Leiter des „Instituts für Umweltwissenschaft und Lebensrechte“, Wolfgang Sternstein. Mit seinen Veröffentlichungen greift er immer wieder in die regionalen, nationalen und internationalen Konfliktfelder ein und engagiert sich für Bürgerinitiativen gegen Atomanlagen, für Abrüstung, Gewaltfreiheit, gegen Fundamentalismus jeder Form und für Alternativen in der unfriedlichen Welt. Mit der Studie „Endzeit“ will er nicht den hoffnungs- und machtlosen Tendenzen das Wort reden, sondern wie im Untertitel formuliert, mit Hoffnung und Widerstand gegen den (atomaren und gewaltsamen) Machtmissbrauch auffordern.

Aufbau und Inhalt

Es sind 16 Kapitel, in denen der Autor seinen Glauben an die Wahrheit(sfindung) mit dem erfrischenden Bekenntnis verknüpft: „Ich bin überzeugt, dass nichts, was Gutes in der Welt geschieht, vergeblich ist, weil es für alle Zeit bleibt, während alles, was Böses geschieht, vergeblich ist, weil es spurlos vergeht“. Auch wenn so mancher „Realist“ diese „Gut-Mensch-Einstellung“ belächelt, als unwirksam bei den Wirklichkeiten der Welt erklärt und beiseite wischt, gebiert der Haltung Anerkennung und Aufmerksamkeit; denn „All unser Tun sollte in der Wahrheit seinen Mittelpunkt haben. Die Wahrheit sollte der Atem unseres Lebens sein“, wie der Autor dies von einem seiner zahlreichen Friedenszeugen, Mahatma Gandhi, zitiert.

Im ersten Kapitel thematisiert Sternstein das „Atomzeitalter“, indem er die Entstehung der atomaren Bedrohung der Menschheit erläutert, die Gefahren eines Atomkriegs aufzeigt, an die Verantwortung der Menschen appelliert und zum Denken auffordert: „Alles Zukünftige ist durch menschliches Handeln mehr oder weniger stark beeinflussbar“. Es ist die belebende und aufklärerische Argumentation, die der Autor als dialogische Form von „Einwand“ und „Antwort“ wählt und dadurch (Nach)Denkprozesse auslöst, die die scheinbare Ohnmacht und Verzweiflung einhegen: Warum reagiert die Menschheit nicht auf die augenscheinlichen und tatsächlichen Bedrohungen? Sternstein reagiert darauf, indem er sich auf den Humanisten, Philosophen und Ethiker Günther Anders bezieht (1902 – 1992), der von der „Apokalypsenblindheit“ der Menschen spricht.

Im zweiten Kapitel bezieht sich Sternstein auf den antiken römischen Spruch: „Wenn du Frieden willst, rüste zum Krieg“. Er widerlegt diese Auffassung, die sich als militärische und hegemoniale Mittel-Zweck-Einstellung im Kriegs- und Friedensdiskurs über die Jahrhunderte hinweg erhalten hat. Er zeigt auf, dass die historische wie aktuelle „Politik der Friedenssicherung durch Abschreckung“ zum Krieg und nicht zum Frieden führt.

Im dritten Kapitel geht es um die „Krisenherde der Welt“; weiterhin um den durch die Konfliktgebiete in Asien erweiterten Ost-West-Konflikt. Dabei verfügen der Westen mit den USA und der Osten mit Russland mit 14.395 Atomsprengköpfen mehr als 90 Prozent des gesamten Weltbestandes der gefährlichen Waffen. Die Auseinandersetzungen darüber und auch die, welche weiteren Staaten zu Atommächten werden, bewirken, dass der (neue) Kalte Krieg bereits in vollem Gange ist. Die weiteren Bedrohungen des fragilen Weltfriedens entstehen durch den globalen Terror, der nach Meinung des Autors nicht mit dem „Global War on Terror“, sondern nur durch eine neue globale gerechtere Weltordnung bekämpft werden kann.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit den großen „Helden“ der neueren Geschichte, die zumindest versucht haben, Frieden in der Welt zu schaffen. Der Autor nennt Michail Gorbatschow, der als die treibende Kraft gilt, dass der (erste!) Kalte Krieg zwischen den Supermächten USA und Russland ein (vorläufiges) Ende fand. Er nennt weiter Wassilij Archipow, der sich als stellvertretender Brigadekommandeur einer russischen U-Bootflotte in einem der Schiffe befand, die im Oktober 1962 sowjetischen Frachtern Geleitschutz boten, die Atommunition für eine Marinebasis in der Mariel-Bucht auf Kuba liefern sollten. Das U-Boot führte auch Atomraketen mit sich. Bereits im Nordatlantik wurde die US-Marine auf die Flotte aufmerksam. Bei der gefährlichen Situation, bei der das U-Boot zur Identifizierung zum Auftauchen gezwungen wurde, geriet der Schiffskommandant in Panik und wollte die Atomraketen zünden. Wassilij Archipow verhinderte dies. Am 23. September 1983 hatte Oberst Stanislaw Petrow Dienst im russischen Frühwarnsystem Serpuchow. Plötzlich signalisierte die satelitengesteuerte Computeranlage, dass in den USA eine und kurz danach fünf weitere Interkontinentalraketen abgefeuert wurden. Nach seiner Dienstanweisung hätte er dies sofort an das sowjetische Hauptquartier melden sollen; und diese hätte zweifelsohne einen Gegenschlag befohlen. Doch Petrow zögerte und vermutete einen Fehler in der Warnanlage, was sich kurz danach auch herausstellte. Hätte der Oberst den Befehl befolgt, wäre es zu einem Atomkrieg gekommen. Weiter beispielhaft nennt Sternstein den hochdekorierten US-amerikanischen Viersternegeneral George Lee Butler, der als Whistleblower vom Befürworter der atomaren Abschreckungspolitik zum strikten Gegner wurde.

Neben den „großen“ gibt es auch die vielen „kleinen“ Helden, die sich in ganz unterschiedlichen, nationalen und internationalen Initiativen in der Friedensbewegung engagieren. Diesen widmet der Autor das fünfte Kapitel. Es sind Aktionen wie z.B. die „Pflugscharenbewegung“, die deutlich machen, dass jedes friedliebende und -verteidigende, aktive, individuelle und kollektive Eintreten für Menschlichkeit und Friedfertigkeit ihren humanen Wert hat und gefördert werden muss.

Mit der Frage: „Deutschland auf dem Weg in den Unrechtsstaat?“ verweist der Autor im sechsten Kapitel auf die verschiedenen internationalen Rechtsauffassungen, dass der Einsatz von Massenvernichtungsmitteln, wie Atomwaffen, chemische und bakteriologische Waffen (und damit eben auch der Besitz!) gegen das Völkerrecht verstoße. Er hadert mit der Auffassung des Bundesverfassungsgerichts, das mit ihrer Rechtsauslegung bisher jeden Versuch abwies, die Völkerrechtswidrigkeit der militärischen Abschreckungspolitik im Grundgesetz festzulegen – und damit möglicherweise auch die Mitgliedschaft der Bundesrepublik Deutschland in der NATO in Frage zu stellen.

Sternstein titelt das siebte Kapitel mit „Ideologie“. Er verweist darauf, dass die historisch eingeübten und gewohnten Auffassungen, dass Abschreckung die beste Verteidigung sei, sehr wohl in Frage gestellt werden könne und es gewichtige und überzeugende Argumente gebe, diesen Irrglauben zu revidieren. Dabei bleibt er auf den Boden der Realitäten und fordert als Alternative nicht die klassenlose Gesellschaft: „Wir müssen folglich wählen zwischen einer hochindustrialisierten Gesellschaft und einer Gesellschaft mit weitgehend ausgeglichenen Klassengegensätzen auf einer im Wesentlichen handwerklichen Basis“. Die Möglichkeiten thematisiert er in den folgenden Kapiteln; im achten, in dem er sich mit der kapitalistischen Ideologie und den Globalisierungsentwicklungen auseinander setzt; im neunten mit der kommunistischen Ideologie und den theoretischen Herleitungen.

In den folgenden Artikeln diskutiert der Autor „aufbauende“ Alternativen zu den herkömmlichen Gesellschaftsordnungen. Im 10. Kapitel wird es philosophisch: „Die Zusammenarbeit mit dem Guten ist wichtiger als die Nichtzusammenarbeit mit dem Bösen“. Er plädiert für die Verbindung des gewaltfreien Widerstandes mit dem konstruktiven Programm der Erkenntnis, dass es im individuellen und kollektiven Lebensvollzug des Menschen keine absoluten, sondern immer nur relative Wahrheiten gibt. Als Zeuge führt er den indischen Philosophen, Politiker und Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi an.

Als zweite Alternative, die er jedoch nicht als hierarchische Ordnung verstanden wissen will, sondern im Sinne der Philosophie der Satyagraha, als „Festhalten an der Wahrheit, Kraft der Wahrheit, der Liebe … oder Seelenkraft …“. Sie sollte lokal- und globalgesellschaftlich beginnen mit „dem Aufbau alternativer gewaltfreier Organisationen und Strukturen, die ihre Methoden bei der Lösung lokaler und regionaler Konflikte bewähren müssten“.

Die dritte Alternative setzt mit dem 12. Kapitel bei „Sarvodaya / Wohlfahrt für alle“ an. Es sind wieder Gandhis Erkenntnisse der Volkswirtschaftslehre, dass „Produktion und Konsumption ( ) räumlich und zeitlich so nahe wie möglich zusammenrücken (sollten)“, die sich letztlich in der Forderung nach gerechten Weltwirtschafts-, Friedens- und Lebensordnungen wiederfinden.

Mit dem 13. Kapitel geht der Autor erneut auf das philosophisch-praktische Denken Gandhis ein: „Gandhis Religion, Philosophie und Ethik der Wahrheit“. Es sind Fragen, die möglicherweise Antworten darauf anbieten: „Woher sollen wir jene geheimnisvolle Kraft nehmen, die uns dazu befähigt, Böses mit Gutem, Hass mit Liebe und Gewalt mit Gewaltfreiheit zu vergelten?“. Sternstein findet mit Gandhi zwei wesentliche Antworten: Die Liebe zur Wahrheit und die Liebe zur Gewaltlosigkeit.

Im 14. und 15. Kapitel geht es um das „Christentum als religiöse Ideologie“, die er aufschlüsselt in die Feststellung, dass die christlichen Lehren unterschieden werden müssen in die ursprünglichen Glaubenssätze und was daraus im Laufe der Geschichte sich als Aus- und Festlegungen in den christlichen Kirchen ergeben hat; und in die Frage: „Warum hat ausgerechnet die Religion der Gottes- und Menschenliebe die Menschheit an den Rand des Abgrunds der Selbstvernichtung geführt?“.

Im abschließenden 16. Kapitel nimm Sternstein die im Untertitel seiner Studie formulierte Aufforderung auf: „Hoffnung und Widerstand im Atomzeitalter“. Es sind die bis dahin wichtigsten „Sozialgesetze“, die der Autor zusammenfassend thematisiert:

  1. Mittel und Zweck. Weg und Ziel müssen übereinstimmen, wenn der Zweck erfüllt, das Ziel erreicht werden soll.
  2. Es gibt ein Gesetz der Entstehung, Erhaltung, Vermehrung und Überwindung der Gewalt.
  3. In einem begrenzten System ist unbegrenztes Wachstum nicht möglich.

Es sind Herausforderungen, die das individuelle, lokale, wie auch das kollektive, globale Dasein der Menschen betreffen. Es sind Aufforderungen zum eigenen Denken und zum weltanschaulichen Nachdenken. Die Menschen müssen, wenn sie friedlich, gerecht und human, also menschenwürdig zusammenleben wollen, nach Wegen suchen, um Abschreckung und Gewalt als das Böse zu erkennen und zu überwinden, und Gewaltfreiheit und Friedfertigkeit als das Gute und Erstrebenswerte zu leben.

Fazit

Wolfgang Sternstein will mit seiner Analyse des derzeitigen Zustandes der Welt „den Zeitgenossen die Augen öffne(n) für die tödliche Gefahr in Gestalt des Atomschwertes, das an einem Rosshaar über unser aller Häupter() hängt“. Es sind Warnungen vor einem Atomkrieg, der sich als Vernichtungswerk der gesamten Menschheit darstellen würde, und es sind die Hoffnungen und Ermunterungen, sich individuell und gesellschaftlich dafür einzusetzen, dass es in der Menschheitsgeschichte nicht zu einer atomaren Endzeit kommt!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 18.01.2018 zu: Wolfgang Sternstein: Endzeit. Hoffnung und Widerstand im Atomzeitalter. buch.one (Pliezhausen) 2017. ISBN 978-3-947198-00-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23824.php, Datum des Zugriffs 20.02.2018.


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