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Thomas Hoffmann, Wolfgang Jantzen u.a. (Hrsg.): Empowerment und Exklusion

Cover Thomas Hoffmann, Wolfgang Jantzen, Ursula Stinkes (Hrsg.): Empowerment und Exklusion. Zur Kritik der Mechanismen gesellschaftlicher Ausgrenzung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. 400 Seiten. ISBN 978-3-8379-2767-2. D: 44,90 EUR, A: 46,20 EUR.
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Thema

Der Sammelband hat es sich zur Aufgabe gemacht, unterschiedliche Perspektiven in Bezug auf Fragen des Empowerments in seiner Relation mit Praxen und Strukturen der Exklusion zu beleuchten. Ziel des Sammelbandes ist es somit, die enge Verwobenheit von Empowerment mit rahmenden Bedingungen der Exklusion zu verstehen. Dabei geht es weiterhin darum, auch globale Fragestellungen zu betrachten und ein breites Verständnis von Empowerment zu fokussieren, welches unterschiedliche Differenzfacetten inkludiert.

Herausgeber*innen

Die drei Herausgeber*innen sind im Bereich der Sonderpädagogik verortet und lehren und forschen in diesen Bereichen.

  • Thomas Hoffmann ist als Akademischer Oberrat und an der Fakultät für Sonderpädagogik der PH Ludwigsburg tätig.
  • Wolfgang Jantzen ist Sonderschullehrer und begründete die Behindertenpädagogik als synthetische Humanwissenschaft.
  • Ursula Stinkes ist Sonderschulleherein und Professorin für Geistigbehindertenpädagogik und -didaktik an der Fakultät für Sonderpädagogik der PH Ludwigsburg

Autor*innen

Die insgesamt 19 Autor*innen des Sammelbandes kommen aus sehr unterschiedlichen Disziplinen und Kontexten und repräsentierten somit ein breites Spektrum an Perspektiven auf Fragen des Empowerments. Eine Reihe der Texte stammen von Autor*innen aus dem Globalen Süden und wurden für den Band übersetzt.

Entstehungshintergrund

Der Band ist erschienen in der Reihe Dialektik der Be-Hinderung, die interdisziplinär angelegt ist

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Teile:

  1. Globalisierung, Armut und Ausgrenzung
  2. Empowerment
  3. Praxis der Befreiung

In jedem der drei Teile finden sich fünf bis acht Texte, die auf einzelne Facetten und thematische Schwerpunkte eingehen. Die Beiträge im ersten Teil fokussieren pointiert auf verschiedene Bezüge rund um globale Kontexte des Empowerments, von Armut, Prekarisierung und Solidarität. Der zweite Teil bezieht menschenrechtliche und sozialwissenschaftliche Perspektiven ein. Der dritte Teil schließlich stellt insofern eine Perspektivenumkehr dar, als deprivilegierte Personen selber ihre Wahrnehmungen und Forderungen an Empowerment schildern und damit eigene Repräsentationsstrategien postulieren.

Ausgangsthese der Herausgeber*innen ist das Verständnis, dass Empowerment nur vor dem Hintergrund von exklusiven Verhältnissen, Sphären der Unterdrückung und Ausgrenzung und der Deprivilegierung verstehbar wird. Dabei müssen auch transnationale und historische Bezüge berücksichtigt werden.

Gleichzeitig findet ein derartig weiter Fokus bisher in der Pädagogik der Menschen mit beHinderung nur selten statt, sodass der vorliegende Sammelband Neuland beschreitet, indem verschiedene Diskurse in einem Band zusammengeführt werden.

Deshalb spannen die einzelnen Beiträge sehr unterschiedliche Bögen: von globalen Bezügen, über Fragen von Armut und Empowerment, Kolonialiäten und deren Bedeutung für aktuelle Empowermentdiskurse, Vulnerabilitäten und Dilogzität, Menschenrechtliche Verortungen oder Forderungen aus dem Kontext der Selbstorganisation, die minorisierten Personen eine Stimme geben.

Inhalte und Diskussion

Die Beiträge im ersten Teil widmen sich verschiedenen Bezügen um Fragen der Exklusion unter globalisierter Perspektive. Der erste Beitrag etwa „Inklusive Pädagogik als Pädagogik der Befreiung“ stellt fünf Thesen auf, in denen der Begriff der Inklusion kritisch auf den Prüfstein gestellt wird. Er geht der Frage nach dem Verhältnis von Ausgrenzungen und inklusiven Momenten nach und problematisiert ein Begriffsverständnis, das nicht die Deprivilegierten bzw. Marginalisierten sichtbar und damit zu handelnden Akteur*innen macht.

Fernando Vidal Fernandes' stellt in seinem Beitrag ein Konzept der sozialen Exklusion auf, das auf der Annahme beruht, soziale Exklusion fuße auf institutionalisierter Gewalt. Er formuliert vier Subtheorien (des Bewusstseins, der Bedürfnisse, der Macht, der Alterität), um seine Konzeptualisierung von sozialer Exklusion zu stützen.

Hans Weiß geht in seinem Beitrag dem Zusammenhang von Empowermentkonzepten als Anregungspotenzial in der Arbeit mit sozial benachteiligten Familien nach. Dabei verweist er zunächst auf das Dilemma, dass der Begriff Empowerment aktuell fast ubiquitär ist, jedoch nicht in allen Konstellationen, in denen er verwendet wird, auch tatsächlich zentrale Maximen des Empowerments sichtbar seien. In seinen Ausführungen stützt er sich insb. auf die Ressourcenorientierung der Empowermentansätze. Gleichzeitig problematisiert er, dass das Spannungsmoment zwischen Autonomie und Abhängigkeit in Hilfeprozessen der Sozialen Arbeit im Empowermentdiskurs nicht ausreichend berücksichtigt wird.

Der Artikel von Jean Ziegler fokussiert auf die Norma, eine Krankheit, die durch Unter- oder Mangelernährung das Gesicht von Kindern zerstört und skandalisiert den Umgang mit dieser Krankheit durch offizielle Stellen wie auch durch NGOs. Er führt dies auf eine Ignoranz gegenüber dem Globalen Süden und die Persistenz kolonialer Traditionen zurück.

Ebenfalls im Kontext postkolonialer Theorie bzw. von Kolonialitäten angesiedelt ist der Beitrag von Breny Mendoza zur Kolonialität des Geschlechts und des lateinamerikanischen Feminismus. Sie plädiert dafür, Diskurse über Diversität im Kontext von postkolonialen Verhältnissen zu reexaminieren und intersektionelle Perspektiven zu stärken.

Von Wolfang Jantzen stammt ein weiterer Beitrag zum Thema der Kolonbialität der Behinderung und Fragen der Dekolonialisierung, in dem er für eine radikale Ablösung jeglicher Reduktion von Be-Hinderung auf Natur plädiert.

Ebenfalls von Wolfgang Jantzen stammt ein Beitrag über den paranoiden Raum und Grenzen als Grundbegriffe einer Soziologie der Exklusion.

Daniel Stosiek widmet dem Thema der Sozialen Ausgrenzung der Natur einen Artikel, in dem er Anerkennungsgemeinschaften in den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellt.

Im zweiten Teil, der mit „Empowerment“ beschrieben ist, gehen die einzelnen Artikel aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen auf Fragen des Empowerments ein und rücken Fragen der Inklusion, der Menschenrechte, der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Vulnerabilität in den Mittelpunkt der Beiträge.

So konzentriert sich der erste Artikel von Willehad Lanwer auf eine menschenrechtsorientierte Auseinandersetzung mit dem Empowermentbegriff. Er stellt Ausführungen über Recht und Gewalt sowie Recht und Fragen der menschlichen Souveränität in den Mittelpunkt und mündet in Ausführungen über den Entzug von Rechten bei Menschen mit Fluchtgeschichten.

Johannes Schädler konzentriert sich in seinem Beitrag auf Fragen der Inklusion als Herausforderung für kommunale Teilhabepolitik und zeigt anhand verschiedener Beispiele auf kommunaler Ebene, welche Rolle und Aufgaben innerhalb von Kommunen in Hinblick auf die Gestaltung eines inklusiven Gemeinwesens anfallen.

Gunter Hezog widmet einen Beitrag dem Zusammenhang von Angst und Exklusion. Anschließend geht Kristina Kraft auf das Thema der Vulnerabilität ein. Am Beispiel von schwerste be-Hinderten Menschen weist sie die Bedeutung von Empowerment im Kontext von Vulnerabilitäten nach.

Ursula Stinkes betitelt ihren Aufsatz mit „gesellschaftliche, pädagogische und singuläre Responsivität“ und konzentriert sich auf drei Verantwortungsbereiche, die pädagogisch wirkmächtig sind: Singulare Verantwortung, Pädagogische Verantwortend und öffentliche Verantwortung. Besondere Bedeutung kommt dabei dem Sichtbar-Machen und der Suche nach Repräsentation für Menschen mit be-Hinderung zu.

Im dritten Teil des Bandes schließlich kommen Autor*innen aus dem Kontext des Aktivismus bzw. der Vertretungen von Menschen mit be-Hinderung zu Wort.

So zeichnet Swantje Köbsell die Geschichte der Bewegung von Menschen mit be-Hinderung nach und zeichnet die Entwicklungen in Deutschland nach. Wichtig hierbei ist, dass sie nicht ausschließlich einem westdeutschen Blick aufweist, sondern auch Bewegungen in der DDR skizziert.

Udo Sierk widmet seinem Beitrag mit dem Titel „Neuer Name, altes Spiel“ den Inklusionsbeiräten und skandalisiert die Praxis, trotz neuer Begrifflichkeiten nach wie vor einen defizitorientierten Blick auf Menschen mit be-Hinderung zu werfen und wirft Fragen der (alltäglichen) Diskriminierung auf.

Anschließend fokussieren Gregor Wolbring und Lucy Diep auf antizipatorisches Governance und antizipatorische Interessenvertretung. Dabei geht es um Fragen der Beteiligung, der öffentlichen Partizipation und Sichtbarkeit von Menschen mit be-Hinderung anhand einer Fallstudie.

Susanne von Daniels gibt in ihrem Artikel Anregungen zur kognitiven Bearbeitung und (Re-)Aktivierung von Empowerment während der Auseinandersetzung mit kritischen Lebensereignissen, Dabei gibt sie Auszüge aus den insg. 63 Bausteinen für Empowerment, die sie in ihrer Praxis der Beratung entwickelt hat.

Gregor Wolbring spricht aus der Perspektive der Familie mit Contergan-Kindern und zeigt die Bedeutung von Selbstwertgefühl und Anerkennung als Strategie des Empowerments.

Im letzten Beitrag des Bandes konzentriert sich Andreas Hillbrecht schließlich auf das Thema Behandlungstrauma und Schizophrenie. Er zeigt Behandlungsfolgen und weist auf Alternativen zu den als traumatisierend erfahrenen Folgen hin.

Fazit

Durch die Pluralität an Beiträgen und die Perspektivenvielfalt, die sich auch durch die Auswahl an Autor*innen und Themenpluralität manifestiert, stellt der Sammelband ein lohnenswertes Kaleidoskop an Perspektiven auf den Begriff Empowerment und dessen sehr differente Implikationen dar. Der Band ist charakterisiert durch eine Vielzahl an Sichtweisen und Akteur*innen, die zu Wort kommen. Gemäß dem Motto des Buches, dass über Empowerment zu sprechen auch bedingt, Exklusionen zu benennen und damit auch Sichtbarkeiten für marginalisierte Positionierungen zu ermöglichen, lässt der Band eine große Spannbreite an Repräsentationen zu. Die einzelnen Beiträge sind durch eine hohe Komplexität und inhärente Spezifik gekennzeichnet, die auf der einen Seite jeden einzelnen Beitrag für sich stehen lassen. Gleichzeitig bringt es die Vielzahl an Blickwinkeln mit sich, dass der rote Faden über das Buch hinweg nicht immer deutlich sichtbar ist. Dies manifestiert sich etwa daran, dass die Autor*innen, die im dritten Teil des Bandes zu Wort kommen, allesamt aus dem Bereich der be-Hinderung stammen, wohingegen in den ersten beiden Teilen gleichermaßen auf Aspekte von Empowerment im Kontext des globalen Südens, Postkolonialismus, Armut oder Menschenrechten im Fokus stehen. Es wäre für das Buch entsprechend noch wünschenswerter gewesen, die Perspektiven in den drei Kapiteln stringenter miteinander zu verknüpen. Weiterhin fällt auf, dass zentrale Bezugspunkte und Entwicklungslinien des Empowerments, die aus den US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegungen und den Arenen der BPoC kommen, in dem Band unberücksichtigt bleiben.

Insgesamt jedoch stellt das Buch gerade durch die Vielzahl an sehr different positionierten Autor*innen eine gelungene Sammlung an Beiträgen rund um Fragen des Empowerments dar, die für die Beschäftigung mit dem Thema zielführend ist.


Rezensentin
Dr. Birgit Jagusch
Technische Hochschule Köln Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften Institut für Interkulturelle Bildung und Entwicklung
Homepage www.th-koeln.de/personen/birgit.jagusch/
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Zitiervorschlag
Birgit Jagusch. Rezension vom 09.05.2019 zu: Thomas Hoffmann, Wolfgang Jantzen, Ursula Stinkes (Hrsg.): Empowerment und Exklusion. Zur Kritik der Mechanismen gesellschaftlicher Ausgrenzung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. ISBN 978-3-8379-2767-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23829.php, Datum des Zugriffs 26.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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