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Timm C. Feld, Wolfgang Seitter: Organisieren

Cover Timm C. Feld, Wolfgang Seitter: Organisieren. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. 149 Seiten. ISBN 978-3-17-022470-4. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR.

Associate Professor for Organisational Develpment and Learning in Organisations; Aalborg University, Department for Learning and Philosophy.
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Thema

Das Buch von Timm C. Feld und Wolfgang Seitner nähert sich dem Organisieren als Aspekt der pädagogischen Handlungspraxis an. Die Autoren untersuchen in ihm, ob und wie Organisieren als Handlung und Tätigkeit Teil pädagogischen Handelns ist oder sein kann.

Autoren

Die Autoren sind wissenschaftlicher Mitarbeiter resp. Universitätsprofessor an der Universität Marburg im Bereich Erziehungswissenschaften; ihre Forschungsschwerpunkte liegen zusammengefasst im Bereich der Weiter- und Erwachsenenbildungsforschung, ihr Forschungsansatz ist im qualitativen und historischen Paradigma verortet.

Entstehungshintergrund

In der Einleitung schreiben die Autoren: „Die Arbeit an diesem Buch hat uns etliche Jahre begleitet“ (Feld & Seittner, 2018, S. 12). Ich interpretiere das vergleichsweise kompakte Buch mit seinen 149 Seiten auf dieser Basis und auch in seinem Gesamtaufbau als eine Art Dokumentation ihres Nachdenkens und ihrer Diskussionen über das Thema, die sie in die nun vorliegende Form gebracht haben.

Aufbau

Nach der genannten Einleitung besteht das Buch in Kapitel aus einem längeren „Fallbeispiel“, einem Grundlagenkapitel (Kapitel 2, „Organisieren als pädagogische Praktik“), der Anwendung der Grundlagen auf verschiedene pädagogische Kontexte (Kapitel 3, „Organisieren in unterschiedlichen pädagogischen Handlungsfeldern“) sowie einem abschließenden Kapitel (Kapitel 4, „Zusammenfassung und Ausblick“).

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Inhaltlich hat das Buch wie bereits gesagt den Anspruch, die Handlung ‚Organisieren‘ als Teil pädagogischer Praktiken zu verorten oder, für einen nicht-erziehungswissenschaftlich geprägten Leser*innen-Kreis ausgedrückt, auszuloten, inwiefern ‚Organisieren‘ etwas (auch) Pädagogisches ist, oder eben doch nur „…mit Verwaltung, Bürokratie, Hierarchie identifiziert und dem Pädagogischen antagonistisch gegenübergestellt“ (S. 12) werden sollte. Die Annäherung daran erfolgt, wie beim Aufbau beschrieben, über ein Fallbeispiel. In diesem begleiten wir den Fachbereichsleiter Sprachen einer Volkshochschule im Verlauf einer typischen Arbeitswoche, welche er zu nicht geringen Teilen mit organisatorischen Aufgaben verbringt. In einer an das Fallbeispiel angehängten Analyse entschlüsseln die Autoren dann als „ersten klärenden Einstieg“ (S. 15) verschiedene Aspekte und Ebenen der organisierenden Handlungen, welche der Protagonist im Laufe der Woche vollzogen und/oder erlebt hat.

Wir erfahren, dass pädagogisches ‚Organisieren‘ als eine Metakompetenz definiert werden kann, welche im Kern Handlungssteuerung als Einflussnahme auf die Handlungen anderer bedeutet; wir erfahren auch, dass ‚Organisieren‘ auch die Selbst-Organisation umfasst und dass dem Organisieren multiple Intentionen zugrunde liegen können und dass es in variierenden örtlichen, zeitlichen, politischen und organisationalen Rahmenbedingungen stattfindet. Die Autoren grenzen außerdem verschiedene Ebenen voneinander ab, auf denen sich die Handlungssteuerung ‚Organisieren‘ manifestiert, nämlich die Kontext-, die System-, die Interaktions- und die Individuenebene. Sie schließen ihre Eingrenzung und Annäherung damit ab, dass sie nochmals den Kontrast zwischen dem Organisieren als kontextuellem und geplantem Prozess (und damit eher nicht pädagogisch) und dem Organisieren als situativem und adaptivem Handeln (als das eigentlich Pädagogische) herausarbeiten.

Im Folgenden, definierenden und theoriebasierten Kapitel legen die Autoren ihre Eingrenzung des Organisierens als Teil einer pädagogischen Handlungstheorie dar. Sie grenzen dabei einerseits ihren pädagogischen von anderen disziplinären Zugängen ab – namentlich vom psychologischen mit seinem Fokus auf dem Erleben und Verhalten von Individuen in Organisationen, dem betriebswirtschaftlichen mit dem Fokus auf Optimierung von Prozessen, dem soziologischen mit Fokus auf Strukturen und Akeutr*innen sowie einem pädagogischen, der das Organisieren als ein dem eigentlich Pädagogischen entgegengesetzten Modus konzeptualisiert. Im Anschluss entfalten die Autoren dann ihre eigene Definition von Organisieren als „ubiquitärer Bestandteil des Pädagogischen“ (S. 49). Sie stellen hier zunächst die bisherigen Herangehensweisen an den Handlungsmodus ‚Organisieren‘ in der Pädagogik dar – als „Abspaltung (…), Invisibiliserung (…); Delegation (…) und Generalisierung“ (S. 47, Kursivsetzung durch die Autoren); sie differenzieren dann das spezifisch Pädagogische am Organisieren aus – es geschieht in pädagogischen Einrichtungen, wird durch pädagogisches Personal ausgeführt und ist im Kern als lernbezogenes Metahandeln zu beschreiben; sie unterscheiden noch einmal die verschiedenen „Ebenen, Dimensionen, Formen und Technologien des Organisierens“ (S. 53; vgl. Kap. 1) und schließen mit einer kurzen Betrachtung des „Verhältnis von ‚Organisation‘ und ‚Pädagogik‘“ (S. 57), in deren Kern eine elaboriertere Form des zuvor bereits angerissenen Postulates erkennbar wird, dass Organisieren und Pädagogisches Handeln integrierte Handlungsmodi zwischen „situativer Anfälligkeit und routinierter Betätigung“ (S. 59) sind und sich nicht gegenseitig ausschließen.

In einem Anwendungskapitel wenden die Autoren dann ihre definitorischen Merkmale auf vier exemplarische pädagogische Handlungsfelder an – namentlich die sozialpädagogische Gemeinwesenarbeit, die Programmplanung einer Weiterbildungseinrichtung, das Klassenmanagement in der Schule und das Selbststudium im Hochschulkontext. Sie beschreiben dabei zunächst Charakteristika des jeweiligen Feldes und arbeiten dann diejenigen Handlungsbestandteile heraus, die qua ihrer Definition als Organisieren klassifiziert werden können. In jeweils einem kurzen Fazit wird anschließend noch einmal zusammengefasst, was das spezifisch Pädagogische am Organisieren im jeweiligen Handlungsfeld ist.

Kurz fällt auch das Fazit im letzten Kapitel aus. Im Wesentlichen wird hier noch einmal zusammengefasst, was zuvor gesagt wurde und auf dessen Bedeutung hingewiesen.

Diskussion

Ich lese das Buch als eine Dokumentation des Denk- und Diskussionsprozesses der Autoren und ihrer Annäherung an das von ihnen gesetzte Thema. Es arbeitet, der methodologischen Verortung der Autoren entsprechend, induktiv, d.h. es leitet bestimmte Annahmen und Setzungen her, und es erfordert vergleichsweise hohe Konzentration, diesen Herleitungen zu folgen. Auch darüber hinaus ist das Buch voraussetzungsvoll: Die Autoren gehen, so mein Eindruck, von einer gut elaborierten Wissensbasis über „das Pädagogische“ aus, an dem sie den Handlungsmodus ‚Organisieren‘ auf seine Passung prüfen. Mir fehlen hier Referenzen und definitorische Hilfestellungen, um zu erkennen, in welchem Referenzrahmen die abgeleiteten pädagogischen Aspekte des Organisierens identifiziert wurden; neben sehr allgemeinen Hinweisen auf eine professionstheoretische Sichtweise oder den vielfach zitierten Klassiker didaktischer Handlungsebenen (in der vorliegenden Form für Weiterbildungseinrichtungen: Flechsig 1989) überlässt uns das Buch hier ohne Gerüst und Leitplanke uns selbst. Teilweise entsteht aufgrund einer sehr handlungsbezogenen Argumentation hier sogar der Eindruck, dass dasjenige als pädagogisch zu bezeichnen sei, was Pädagogik „tut“ – und dementsprechend, überspitz gesagt, Organisieren pädagogisch ist, weil es von pädagogischem Personal in pädagogischen Einrichtungen ausgeführt wird (vgl. Kap. 2).

Als weiterer Punkt bleibt durch das Buch hindurch (und für mich durchaus kausal verbunden mit dem letztgenannten) streckenweise der Eindruck einer eher traditionellen Sichtweise auf organisationale und soziale Phänomene. Vor allem das Fallbeispiel zeichnet sich durch ein traditionelles Führungs-, Organisations-, Kooperations- und Rollenverständnis aus:

  • Die einzige erkennbar weiblich beschriebene Akteurin im Wirkgefüge ist die Assistentin (!) des Fachbereichsleiters;
  • in wichtigen Sitzungen scheinen ausschließlich männliche Personen zugegen zu sein;
  • der einzige Erabeitungsmodus in strategischen und operativen Sitzungen ist eine nicht weiter strukturierte und/oder teilweise nicht moderierte Form der Diskussion;
  • Entscheidungen werden überwiegend im Top-down-Modus getroffen;
  • die Mitarbeiter*innengespräche drehen sich ausschließlich um Pflichterfüllungen und Aufgabenübernahmen, während Themen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder Diversity-Aspekte nicht auftauchen.

Nun kann man argumentieren, dass all das für die Intentionen der Autoren, welche das Fallbeispiel transportieren soll, nicht wichtig sei. Ich möchte dem entgegenhalten, dass einerseits Narrative durchaus geeignet sind, Realitäten zu beeinflussen, und dass andererseits in der Berücksichtigung dieser Facetten m.E. interessantes weiteres Potenzial gelegen hätte, die pädagogischen Aspekte des Organisierens weiter aufzufächern, beispielsweise bei Navigation systemischer vs. individueller Bedürfnislagen, bei der Organisation kollaborativer Aufgaben oder bei der didaktischen Reaktion auf diverse Lernbedürfnisse oder Lernvoraussetzungen.

Trotz dieser Einwände ist das Buch in seinem Anspruch reizvoll (und hat mich überhaupt dazu bewogen, diese Rezension zu übernehmen): Die Herleitung und Argumentation des Geltungsbereichs eines Begriffs für ein spezifisches Feld (und damit eine akademische Disziplin) ist eine, gerade in einer stark von empirischer Forschung dominierten Zeit und einem ebensolchen Fach ein spannendes und auch als wissenschaftliches Denkmodell inspirierendes Unterfangen. Insofern habe ich es, trotz der genannten Punkte, gerne gelesen und fühle mich zum weiteren Nachdenken angeregt. In gewisser Weise offen bleibt die Frage, was die Autoren selbst mit diesem Buch weiter tun oder entwickeln werden – verschiedene Wege sind angelegt, sei es in die Richtung einer weiter ausgearbeiteten Theorie des pädagogischen Organisieren, sei es in Richtung eines organisationspädagogischen Lehrwerks oder als Grundlage für (empirische) Forschung.

Fazit

Das vorliegende Buch ist durchaus komplex und damit in erster Linie für eine geübte, erziehungswissenschaftlich sozialisierte oder zumindest der Pädagogik nahestehende, erfahrene Leser*innenschaft geeignet. Diese haben hier eine interessante, wenn auch an manchen Punkten eher traditionelle Grundlage für die wissenschaftliche Weiterarbeit an den im Buch direkt und indirekt aufgeworfenen Fragen.


Rezensentin
Dr. Antonia Scholkmann
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Zitiervorschlag
Antonia Scholkmann. Rezension vom 15.10.2018 zu: Timm C. Feld, Wolfgang Seitter: Organisieren. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-022470-4. Associate Professor for Organisational Develpment and Learning in Organisations; Aalborg University, Department for Learning and Philosophy. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23832.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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