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Barbara Lochner: Teamarbeit in Kindertages­einrichtungen

Cover Barbara Lochner: Teamarbeit in Kindertageseinrichtungen. Eine ethnografisch-gesprächsanalytische Studie. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 348 Seiten. ISBN 978-3-658-16707-3. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.
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Thema

Kindertageseinrichtungen erlebten im zurückliegenden Jahrzehnt zahlreiche Veränderungen sowohl auf der Ebene der Zielsetzungen (z.B. Bildungsauftrag der Kitas), der Ausweitung der Angebotsstruktur (z.B. im Bereich der Sprachförderung) und auf der Ebene des Rechtsanspruchs der Familien auf einen Betreuungsplatz. Damit verbundenen stiegen die Qualifikationsanforderungen an die Mitarbeitenden, die Qualitätsansprüche an die pädagogische Praxis und erhöhte sich die Komplexität der Arbeitsausführung. Diese Veränderungen verstärken die Notwendigkeit der Kooperation der Mitarbeitenden im Teamkontext über die traditionelle pädagogische Einzelarbeit hinaus.

Neben der betriebswirtschaftlichen Begründung liegt in der Verbesserung von Mitbestimmungsmöglichkeiten, der Verantwortungsübernahme für den gesamten Entwicklungsprozess, der erhöhten Motivation und Arbeitsplatzbindung bei den Mitarbeitenden eine Begründung für die Teamarbeit in Kitas. Dem Verständnis von Teamarbeit und der multiprofessionellen Kooperation wird während der Ausbildung zur Erzieherin bzw. zum Erzieher jedoch kein besonderer Stellenwert zugerechnet. Auch fehlt es – abgesehen von Ratgeberliteratur – an fundierten empirischen Untersuchungen, die Inhalt und Struktur der Teamprozesse in Kitas erforschen.

Die vorliegende Studie leistet einen Beitrag zur Erforschung von Teamprozessen in Kitas, indem es durch Gesprächsanalysen und teilnehmende Beobachtungen das kooperative Handeln im pädagogischen Arbeitsalltag untersucht. Daraus lassen sich Hinweise für die professionelle Ausgestaltung der Teamkooperation, der Herstellung von Zusammengehörigkeit und die professionsbezogene Verortung von Teamarbeit ableiten.

Entstehungshintergrund und Autorin

Das Buch ist in der Reihe „Kassler Edition Soziale Arbeit“ erschienen und wurde als Dissertation von Barbara Lochner am Fachbereich Humanwissenschaften der Universität Kassel eingereicht. Die Autorin, Erzieherin und Sozialarbeiterin/-pädagogin, war bereits in verschiedenen Kontexten der Elementarpädagogik tätig und arbeitet aktuell als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Kassel.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich nach einem einführenden Abschnitt in drei Teile:

  1. Theoretische und empirische Bezüge,
  2. empirische Analyse und
  3. Fazit und Ausblick.

Die Einleitung nutzt Barbara Lochner dazu Themenfelder und Etappen der Entwicklung des frühpädagogischen Arbeitsfeldes aufzuzeigen, die Rolle der pädagogischen Mitarbeitenden in Kitas zu reflektieren und das Forschungsdefizit an empirischen Untersuchungen zur Teamarbeit in Kindertageseinrichtungen aufzuzeigen. Das Anliegen der Autorin beschreibt diese darin liegend die professionsbezogene Selbstverortung der Fachkräfte zu untersuchen und so die Bedeutung der Teamarbeit für den Arbeitsalltag in der Kita nachzuzeichnen.

Im Teil A (Theoretische und empirische Bezüge) wird auf die Geschichte der Teamarbeit, die verschiedenen Perspektiven auf die Teamarbeit (betriebswirtschaftlich, gruppendynamisch, professions- und handlungsbezogen) und die vorliegende Forschung im pädagogischen Feld eingegangen, um daraus das Forschungsvorhaben und die Forschungsfragen abzuleiten sowie das Forschungsdesign (Methoden, Setting, Datenerhebung und -auswertung) zu begründen. Die Autorin verortet sich mit ihrem Vorhaben in der Tradition der qualitativ rekonstruktiven Forschung und geht davon aus, dass Teamarbeit von den beteiligten Akteuren im Handlungsvollzug quasi hergestellt wird. Barbara Lochner kooperiert mit drei Einrichtungen und integriert in ihrer Studie Beobachtungen des Gruppenalltags, die Videoanalyse von Gruppenteam- und Bereichsteambesprechungen und Interviewdaten aus diesen Kitas.

Im Teil B (Empirische Analyse) findet die empirische Datenanalyse statt. Ausgehend von der Beschreibung zentraler Tätigkeiten im Kita-Alltag (morgendliches Ankommen der Kinder, Freispiel und Gesamtgruppenaktivitäten) werden die geplanten und die spontanen Gesprächsformen beschrieben und systematisiert, die Formen der Entstehung von Teamzusammengehörigkeit und die soziale Positionierung im Teamgespräch analysiert.

Bei der Beschreibung der zentralen Alltagstätigkeiten geht es der Autorin darum aufzuzeigen, worauf die pädagogischen Mitarbeiter_innen sind jeweils fokussieren. Hier beispielhaft zu nennen ist das Eingehen auf Einzelbedürfnisse, die Schaffung eines anregenden Spielkontextes, von Bildungs- und Lerngelegenheiten oder gruppenbezogenes Lernen von sozialen Erwartungen und Kommunikationsformen.

Bei den Gesprächsformen sieht Barbara Lochner eine Unterscheidung in institutionalisierte Übereinkünfte (formalisierte Teambesprechungen), verabredete Gespräche (themen- bzw. anlassbezogen) und informelle, situativ-beiläufige Gespräche.

Die Entstehung von Teamzusammengehörigkeit differiert deutlich zwischen den untersuchten Einrichtungen. Zentral ist jedoch die Bedeutung des Teams gegenüber Kindern und ihren Eltern, wenn es darum geht von der Subjektivität des einzelnen Mitarbeitenden hin zu mehr Sicherheit, Beständigkeit und Vertrauenswürdigkeit durch das „Wir“ als Team oder Einrichtung (S. 190) zu gelangen. Insbesondere spielt dies auch eine Rolle, wenn ein Kind von der individuellen Bindung an eine pädagogische Fachkraft im Kontext des Kita-Alltags nach der Eingewöhnung grundsätzlich auch von anderen Mitarbeitenden betreut werden soll (personelle Substitution). Hierfür ist erforderlich, dass vergleichbare Handlungsgrundsätze und Regeln im ganzen Team gelten und nach Außen vermittelt werden.

Für die soziale Positionierung und die Teamkonstruktion finden sich sehr verschiedene Formen, die wesentlich vom Selbstverständnis der Teammitglieder (Selbstadressierung) abhängen. Barbara Lochner identifiziert drei Grundmuster von Teams, die sie als semi-professionelle Akteure, als kollegiales Ensemble und als formalen Zusammenschluss benennt (S. 301 ff.). Einflussnehmend darauf ist das Verhältnis zwischen institutions- und gruppenbezogenen Regeln und der individuellen Autonomie der einzelnen Mitarbeitenden. Auch spielt die Bedeutung und das Ausmaß der Formalisierung der Zusammenarbeit dafür eine prägende Rolle.

Der Teil C (Fazit und Ausblick) richtet sich auf die Diskussion der empirischen Ergebnisse. Dabei sieht die Autorin ihre Position bestätigt, dass die Teamstruktur und die Teambeziehungen in einem stetigen Aushandlungsprozess erzeugt werden (S. 309 f.). Der stärkste Impuls für das Verständnis als soziale Einheit geht dabei von der Notwendigkeit aus sich zu Themen, Prozessen oder Personen in Beziehung zu setzen. Diese Impulse können von außen an die Mitarbeitenden herangetragen, aber grundsätzlich auch selbstinitiiert sein. Externe organisationale Anforderungen werden dabei häufig als einschränkend und potenziell feindlich wahrgenommen. Die verschiedenen Impulse werden in der Teamkommunikation häufig relativ schnell mit Fragen nach den Handlungskonsequenzen verbunden.

Insbesondere dieser letzte Teil bietet zahlreiche Hinweise für die Stärkung der Teamkommunikation und den Teamzusammenhalt. Es werden Fragen nach der Einflussnahme auf Teamprozesse und -entscheidungen durch die Gruppenleitung, die Mitarbeitende, Praktikant_innen und Auszubildende thematisiert. Als übereinstimmender Anspruch an Mitarbeitenden finden sich die Substituierbarkeit und die Fähigkeit zur selbstständigen und eigenverantwortlichen Gestaltung des Kita-Alltags. Hierdurch ergibt sich für alle Mitarbeitenden eine potenzielle Entlastung und mögliche Freiräume für das individuelle pädagogische Handeln.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich an Lehrende und Studierende der Kindheitspädagogik und an Mitarbeitende in Kindertageseinrichtungen. Insbesondere können Lehrende und Studierende der Kindheitspädagogik von der differenzierten und empirisch fundierten Beschreibung des Kita-Alltags profitieren.

Mitarbeitende in Kitas erhalten Anstöße für die Reflexion eigener Kooperations- und Kommunikationsprozesse. Damit die Mitarbeitenden für die Reflexion der praktischen Handlungsvollzüge nachhaltig profitieren können, wären darüberhinausgehende Hinweise auf Methoden zur systematischen Weiterentwicklung der Teamarbeit hilfreich.

Diskussion

Durch die differenzierte Beschreibung der zentralen Tätigkeitskontexte im Kita-Alltag, der geplanten und spontanen Gesprächsformen und der Entstehung von Teamzusammengehörigkeit ergeben sich wertvolle Hinweise für die Kooperationsbezüge und die Kommunikationsformen in Kitas. Es lassen sich handlungspraktische Kernpunkte der Zusammenarbeit ausmachen und die Aushandlungsprozesse von Gemeinschaft näher kennenlernen.

Mit dem Buch liegt ein wertvoller Beitrag zur Erforschung von Gruppenprozessen der Mitarbeitenden in Kindertageseinrichtungen vor. Das Buch entmystifiziert die Diskussion um multiprofessionelle Teams und führt sie auf die alltagspraktische Handlungsebene und die Nützlichkeit von Zusammenarbeit für die pädagogischen Fachaufgaben zurück. Indem Barbara Lochner die Arbeitskontexte von drei Kindertageseinrichtungen untersucht gewährleistet sie auch eine gewisse Generalisierbarkeit der Befunde. Die empirische Basis der Befunde könnte durch weitere Studien noch verbreitert werden, insbesondere durch die Einbeziehung von anderen Formen von Kindertageseinrichtungen (z.B. Familienzentren, integrative Kindergärten), um Einfluss- und Gelingensfaktoren für die multiprofessionelle Kooperation differenzierter zu untersuchen.

Fazit

Das vorgelegte Buch stellte eine fundierte empirische Studie zu Fragen der Teamarbeit in Kindertageseinrichtungen dar. Barbara Lochner versteht es mit ihren Untersuchungsmethoden die Alltagsprozesse differenziert zu beschreiben und so ein vertieftes Verständnis von Handlungsabläufen, Kommunikations- und Entscheidungsprozessen, Teamstruktur und Selbstverständnis in der Teamarbeit bei den Mitarbeitenden zu vermitteln.

Die Beschreibung des Teamverständnisses als im Handlungsvollzug entstehenden Konstrukts beugt einer Idealisierung (z.B. von multiprofessioneller Kooperation) vor. Als Leser würde ich mir noch mehr Hinweise für die Weiterentwicklung von Teamprozessen und den Umgang mit kritischen Ereignissen in der Teamkooperation wünschen.

Den Lesern liegt ein systematisch aufgebautes, gut verständlich geschriebenes und die empirischen Ergebnisse differenziert analysierendes Fachbuch vor.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Balz. Rezension vom 18.04.2018 zu: Barbara Lochner: Teamarbeit in Kindertageseinrichtungen. Eine ethnografisch-gesprächsanalytische Studie. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-16707-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23834.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


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