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Detlef Brandes, Edita Ivanicková u.a. (Hrsg.): Flüchtlinge und Asyl im Nachbarland (Tschechoslowakei)

Cover Detlef Brandes, Edita Ivanicková, Jirí Pešek (Hrsg.): Flüchtlinge und Asyl im Nachbarland. Die Tschechoslowakei und Deutschland 1933 bis 1989. Klartext Verlag (Essen) 2018. 360 Seiten. ISBN 978-3-8375-1905-1. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR.
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Asyl als Individual- und Herrschaftsrecht

Das Menschenrecht auf Asyl, wie es in der „globalen Ethik“, der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ proklamiert wurde – „Jedermann hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen“ – kann nur „im Fall einer Verfolgung wegen echter nichtpolitischer Verbrechen oder wegen Handlungen, die gegen die Ziele und Grundsätze der Vereinten Nationen verstoßen, nicht in Anspruch genommen werden“. Es gilt also, die historischen und aktuellen Relativierungen und Auslegungen des Asylrechts auf die Ursachen- und Wahrheitswaage zu legen. Der anthrôpos, der mit Vernunft und der Fähigkeit ausgestattete Mensch, Allgemeinurteile bilden und zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können, ist nach der anthropologischen Lesart ein „zôon politikon“, was bedeutet, dass alles, was er als Individuum und Gemeinschaftswesen denkt, tut und ihm widerfährt, als politisch betrachtet werden muss. Der Begriff „politische Verfolgung“ ist deshalb auszulegen auf das Menschenrecht auf ein gutes, gelingendes, freies und selbstbestimmtes Leben. Deshalb gilt das Asylrecht nicht nur bei politischen Repressalien, sondern auch bei Gefahren für existentielles Dasein jeder Art. Diese Auslegung freilich ist umstritten und wird in Frage gestellt; sie ist jedoch anzuerkennen, wenn die Menschenrechte als globale Ethik ernst genommen und praktiziert werden sollen!

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Flucht und Asylbegehren hat es, obwohl wir heute vom „Jahrhundert der Flüchtlinge“ reden, in der Menschheitsgeschichte immer schon gegeben. In der Migrationsgeschichte und -forschung werden Daten und Taten genannt, aus welchen persönlichen und gesellschaftlichen Gründen Menschen fliehen, welche positiven und negativen Situationen sie dabei erleben, und welche Reaktionen als Flüchtlinge und Ankommende in einem fremden Land oder Raum sie erfahren. Die erste Station ihrer Flucht ist meist das (freie, geschützte) Nachbarland (oder der Nachbarkontinent). Asyl- und Fluchtsituationen vollziehen sich sowohl als dramatische, als auch unspektakuläre Weise; in jedem Fall aber als existentielle Herausforderung und Wagnis. Ethnische, staatliche und national (oder gar rassistisch und fremdenfeindlich) dominierte Nachbarschaftsverhältnisse führen entweder zu Abgrenzungen und Feindschaften (Joseph-Achille Mbembe, Politik der Feindschaft, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/23618.php), oder zu freundschaftlichen, kooperativen Beziehungen. Dort, wo Ablehnung und Misstrauen herrsch(t)en, bemühen sich „Wahrheits-“ und Historikerkommissionen darum, Licht in das Dunkel zu bringen und Geschichtsverfälschungen und -verklitterungen aufzudecken. Die ursprüngliche Deutsch-Tschechoslowakische Historiker-Kommission wurde 1990 vom damaligen deutschen Außenminister Hans Dietrich Genscher und dem tschechoslowakischen Außenminister Jiri Dienstbier eingerichtet und nach der Trennung in die Tschechische und Slowakische Republik 1993 als gemeinsame „Deutsch-Tschechische und Deutsch-Slowakische Historikerkommission“ weitergeführt. Sie soll die Geschichte der Völker der drei Länder erforschen und bewerten, und zwar in breiten historischen Kontext und in interdisziplinärer Perspektive. Dem 20. Jahrhundert gilt mit den Themen Nationalsozialismus und deutsche Besatzung, Weltkrieg, Zwangsmigrationen, Kalter Krieg sowie dem Systemkonflikt und seinem Ende 1989 in der Arbeit der Kommission eine besondere Aufmerksamkeit.

Der Berliner Historiker Detlef Brandes, die Historikerin Edita Ivaníčková aus Bratislava und der Prager Zeitgeschichtler Jiří Pešek geben den Sammelband „Flüchtlinge und Asyl im Nachbarland.Die Tschechoslowakei und Deutschland 1933 bis 1989“ heraus. 20 ExpertInnen bringen interdisziplinäre Beiträge ein, wie Fluchtbewegungen, Flüchtlingssituation und Asylrecht in den historischen und aktuellen Nachbarschaftsverhältnissen funktionieren.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einführung in die Thematik durch das Herausgeberteam folgen die einzelnen Beiträge;

Der Osnabrücker Migrationsforscher Jochen Oltmer diskutiert „Asylrecht und Aufnahme von Schutzsuchenden in der Weimarer Republik“. Er setzt sich mit der Vertreibungssituationen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs auseinander und zeigt auf, „dass rund 10 Millionen Menschen aufgrund der politischen Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg in Europa bis Mitte der 1920er Jahre Grenzen überschritten“. Bereits in diesen Jahren entwickelte sich Deutschland „zum wichtigsten europäischen Zielland für Flüchtlinge, Vertriebene und Umsiedler“. Die vom Völkerbund vorgesehene europäische Lastenteilung bei den Zuwanderungen zeigte angesichts der protektionistischen Tendenzen der europäischen Länder keinerlei Wirkung.

Der Düsseldorfer und Berliner Historiker Detlef Brandes thematisiert „Asylrecht und Aufnahme von Flüchtlingen in der Tschechoslowakischen Republik 1918 – 1933“. Von den nach der Oktober-Revolution rund 1,5 bis 2 Millionen aus Russland geflüchteten Angehörigen der „alten Elite“, der liberalen und sozialistischen Intelligenz, Soldaten und Ukrainer fanden bis Mitte der 1920er Jahre etwa 200.000 (als „Staatenlose“) Aufnahme in der Tschechoslowakei. Die anfangs von der tschechoslowakischen Regierung und der Zivilgesellschaft geleistete Förderung führte zum Aufbau von Migranten-Organisationen, die jedoch ab der 1926er Jahre immer mehr eingeschränkt wurde, sodass viele Migranten das Land verließen.

Die Prager Historikerin Kateřina Čapková, derzeit als Stipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung an der FU in Berlin tätig, setzt sich mit ihrem Beitrag „Zuflucht für Prominente“ mit der Situation auseinander, dass Intellektuelle aus NS-Deutschland und Österreich in der Tschechoslowakei Aufnahme und Wirkungsmöglichkeiten fanden. Thomas und Heinrich Mann und ihre Familien, sowie andere, ethnisch, kulturell, religiös und politisch Verfolgte erhielten Aufenthalts- und Heimatrecht. Die Verzweiflung der Flüchtlinge wird deutlich in der Migranten-Broschüre von 1937, in der es heißt: „Gestern: In Sicherheit. Heute: Wir in Not. Ihr in Gefahr. Morgen: ……?“

Die slowakische Historikerin Zuzana Poláčková informiert in ihrem Beitrag „Flucht in die Tschechoslowakei nach dem ‚Anschluss‘ Österreichs 1938“ über die nationalsozialistische, hegemoniale und aggressive Politik und den eher hilflosen und wirkungslosen tschechoslowakischen Widerstand. Die Grenzen zu Österreich und Ungarn wurden abgeriegelt, Juden und anderen Flüchtlingen wurde die Einreise von Österreich aus in die Tschechoslowakei verwehrt. Die Unterzeichnung des „Münchner Abkommens“ 1938 verhinderte endgültig die Flucht in die Tschechoslowakei und leitete die Flüchtlingsströme nach Westen, insbesondere Frankreich, um.

Der Geschäftsführer und Vorstandsmitglied des 1947 gegründeten Münchner Adalbert Stifter Vereins, Peter Becher, erinnert mit seinem Beitrag „Letzte Tage in Prag“ an das Exil der deutschsprachigen Schriftsteller und Künstler Oskar Kokoschka, Oskar Maria Graf und Max Brod in der ČSR. Für diese und viele weitere österreichische und deutsche Intellektuelle war die Tschechoslowakei Exil-Drehscheibe und rettender (Zwischen-)Aufenthalt. In den Schilderungen der schwierigen Lebenssituationen aus „zermürbende(r) Mischung von Hoffnungen, Zweifeln und Ängsten“ werden Exilerfahrungen deutlich. Noch ein Wort zum Adalbert Stifter Verein. Die anfängliche Zielsetzung der Initiative, Vertriebene aus dem Sudetenland kulturell zu fördern und zu betreuen, entwickelte sich bald zu einem Kulturinstitut und als Motor für den deutsch-tschechischen Kulturaustausch.

Der Historiker und Projektkoordinator in Tschechien und Sprecher des SPD-Freundeskreises in Prag, Thomas Oellermann, informiert mit seinem Beitrag „Die DSAP und ihre Unterstützung der geflüchteten reichsdeutschen Sozialdemokraten“ über die politischen Einflüsse der in der Tschechoslowakei seit Generationen lebenden rund 3,5 Millionen Sudetendeutschen. Die Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei (DSAP) repräsentierte die sudetendeutsche Arbeiterbewegung und war gewissermaßen ein Bindeglied zwischen der reichs- und sudetendeutschen, sozialdemokratischen Parteien. Die Exil-Organisation der SPD, die SOPADE, wirkte als Hilfseinrichtung und mit ihrer Exilzeitschrift als Sprachrohr der während der Nazizeit verfolgten Sozialdemokraten. Der Autor verweist darauf, dass „die Tätigkeit der SOPADE und anderer sozialdemokratischer und sozialistischer Exilgruppen ( ) ohne die Unterstützung seitens der sudetendeutschen Sozialdemokratie nicht vorstellbar gewesen (wäre)“; und er fordert auf, diesen Zusammenhängen in der deutschen und tschechischen Historiographie eine deutlichere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Der Historiker und Mitglied des Herder-Forschungsrats, Peter Heumos, diskutiert „Soziale Aspekte der Flucht aus den Grenzgebieten der böhmischen Länder 1938 – 1939“. Die Eroberungs-, Besatzungs- und Vereinnahmungspolitik der Nationalsozialisten und die wachsenden Bedrohungen (auch) der Tschechoslowakei bewirkte, dass „Tschechen, Juden und politisch nicht konforme Deutsche ( ) in den Grenzregionen seit dem Frühjahr 1938 zunehmender Gewalt und dem völkisch motivierten Terror der Henlein-Bewegung ausgesetzt (waren)“. Die Anstrengungen der tschechischen Bevölkerung bei der Aufnahme der Flüchtlinge, sowohl in Privatunterkünften, als auch in Lagern des „Rumpf“-Landes sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich dabei auch fremdenfeindliche und antisemitische Tendenzen entwickelten, deren Auswirkungen und Folgen bis weit in die Nachkriegszeit reichten.

Jan Benda vom Verteidigungsministerium der Tschechischen Republik in Prag nimmt Stellung zu „Rückführungstransporte als eine Antwort auf die Einwanderung aus den abgetretenen Grenzgebieten“. Mit teils in der tschechischen Historiographie unbekannten oder vernachlässigten Quellenmaterialien zeigt er auf, dass die erfolgte Zwangsrepatriierung von nicht von der Prager Regierung anerkannten Flüchtlinge in ihre Heimatgebiete viele Flüchtlinge in Bedrängnis brachte und gefährdete.

Der Historiker von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, René Küpper, zeigt „Flucht und Netzwerke sudetendeutscher Nationalsozialisten im Deutschen Reich nach 1933“ auf. Mit zahlreichen, bisher wenig rezipierten Quellenmaterialien weist der Autor nach, dass es sich dabei um rund 2000 Personen handelte. Herausgestellt werden dabei diejenigen, die sich im „Reich“ mit antitschechoslowakischer Propaganda hervortaten, wie etwa Hans Krebs mit seinem Buch „Kampf in Böhmen“ und Rudolf Jungs Machwerk „Die Tschechen“.

Der Berliner Historiker Stefan Dölling geht mit dem Beitrag „Flüchtlinge, ‚Flüchtlinge‘ und das Sudetendeutsche Freikorps im September 1938“ auf die Phantasien und Propaganda-Aktivitäten der sudetendeutschen Nationalsozialisten zur „Befreiung der Heimat“ ein. „Sie dienten, erstens, als Mittel des Dritten Reiches zur propagandistischen Vorbereitung und Begründung seiner für Anfang Oktober geplanten militärischen Aggression gegen die ČSR. Sie traten, zweitens, als tatsächliche Fluchtbewegung sudetendeutscher Zivilisten vor der eskalierenden Gewalt im Grenzgebiet in Erscheinung und stellten schließlich, drittens, als Kämpfer des Sudetendeutschen Freikorps… das gewalttätige Personal für die Eskalation der Krise“.

Die Historikerin vom Münchner Institut Collegium Carolinum, Anna Bischof, informiert mit dem Beitrag „Die Münchener ‚Stimme der Emigranten‘“ über das Wirken von tschechischen und slowakischen Journalisten beim Radio Free Europe (RFE). Sie zeigt sowohl die Informations- als auch die Propaganda-Aktivitäten „im Spannungsfeld zwischen US-amerikanischer Kalter-Kriegs-Politik, den Zielen tschechoslowakischer … politischer Exilorganisationen sowie den Interessen der bundesdeutschen Nachkriegspolitik“ auf.

Der slowakische Historiker Slavomír Michálek widmet sich mit dem Beitrag „Fluchten in die Freiheit“ einem in der Historiographie wenig bearbeitetem Thema, nämlich der „Flucht“Bewegungen von ehemaligen tschechoslowakischen Angehörigen der britischen Royal Air Force nach dem kommunistischen Februar-Umsturz 1948 in Prag. Die Gruppe von etwa 130 ehemaligen Piloten, Funkern, Navigatoren und Bodenpersonal wurde nach dem Krieg überwiegend in die tschechoslowakische Luftwaffe eingegliedert. Sie bildeten aber immer wieder Störfaktoren im geforderten, hierarchischen, kommunistischen militärischen System dar. Als Beispiele des Widerstandes und der Unzufriedenheit der „Westler“ schildert der Autor die Steuerung von drei Zivilflugzeugen (Dakotas) von Prag, Ostrava und Bratislava auf den amerikanischen Militärflughafen in Erding bei München in den Jahren 1950 und 1951. Die zweite spektakuläre Aktion war die Entführung eines Personenzuges von Cheb/Eger nach Selb in Bayern. Sie wurde von Privatpersonen organisiert und durchgeführt. Von den 111 Passagieren kehrten lediglich 77 in die ČSR zurück; die anderen blieben in Deutschland blieben oder wanderten in die USA aus. Der „Zug der Freiheit“ erregte eine riesige, weltweite Aufmerksamkeit, führte zu diplomatischen Verstimmungen – und schließlich, auch weil die Fluchten über die „grüne Grenze“ zunahmen, zur Abschottung und Einriegelung des Ostblocks durch Grenzzäune, Mauern und Todesstreifen.

Der slowakische Historiker Dušan Segeš nimmt ebenfalls ein eher in der Migrationsgeschichte peripheres Thema auf: „Remigration tschechoslowakischer Staatsbürger aus der Bundesrepublik Deutschland in die ČSR in den 1950er Jahren“. Der in der Zeit des Kalten Krieges von allen Seiten betriebene „Kampf um die Herzen und Köpfe der Menschen“ veranlasste die tschechoslowakische Regierung am 9. Mai 1955 eine „Präsidialamnestie“ für geflüchtete Staatsangehörige zu erlassen. Voraus gingen mehrere Fälle von gewaltsamen Entführungen, die sich negativ öffentlichkeits- und ansehenswirksam erwiesen, ebenso Versuche, die Geflüchteten durch emotionale und moralische Heimat- und Heimwehgefühle zur Rückkehr zu bewegen. Weniger als 5 % der tschechoslowakischen Flüchtlinge nahmen die mit einem riesigen Propagandaaufwand betriebene Rückkehraufforderung an, während gleichzeitig die Fluchtbewegungen aus dem Land anstiegen.

Der an der Goethe-Universität in Frankfurt/M. tätige Historiker Nils Löffelbein reflektiert mit dem Beitrag „Vom ‚Prager Frühling‘ ins Exil“ die Situationen, wie sie sich bei der Aufnahme der tschechoslowakischen Flüchtlinge in der BRD nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes 1968 darstellten. Die gewaltsame Niederschlagung der Reformbewegungen in der Tschechoslowakei bewirkte eine Fluchtbewegung in Richtung Bundesrepublik, USA, Kanada und Schweiz. Bis Anfang 1970 verließen mehr als 40.000 Menschen das Land. In der Bundesrepublik zeigten sich, obwohl kaum ein Asylantrag abgelehnt wurde, bereits eine Distanz bei der Aufnahme von Flüchtlingen, gleichzeitig aber auch – gewissermaßen als Vorboten einer neuen deutschen Ostpolitik – Hoffnungszeichen, die schließlich, rund zwei Jahrzehnte später, zur deutschen Wiedervereinigung führten (vgl. z.B. dazu auch: Hannes Lachmann, die „Ungarische Revolution“ und der „Prager Frühling. Eine Verflechtungsgeschichte zweier Reformbewegungen zwischen 1956 und 1968“, www.socialnet.de/rezensionen/23837.php).

Antonín Kostlán vom Institut für Zeitgeschichte der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik in Prag spricht über „Tschechische Wissenschaftler im deutschen Exil“. Während die Tschechoslowakei in den 1920er Jahren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus europäischen Ländern Asyl und Wirkungsmöglichkeiten anbot, veränderte sich in den Jahren von 1948 bis 1989 die Situation. Tschechische Intellektuelle suchten und fanden während der kommunistischen Herrschaft in ihrem Land Asyl in den westlichen Ländern, vornehmlich in der Bundesrepublik Deutschland, und zwar sowohl als Transit- als auch Zielland. Es waren Natur- und Geisteswissenschaftler. Die Gründe ihres Aufenthalts und ihrer wissenschaftlichen Tätigkeiten sind vielfach, wesentlich aber bestimmt von den innovativeren Möglichkeiten, die der Westen ihnen bot.

Die Pädagogin von der Deutschen Schule in Prag, Lenka Adámková, fragt: „Wo ist meine Heimat?“, indem sie über das Bild des eigenen und des fremden Landes bei deutschsprachigen Autoren tschechischer Herkunft reflektiert. Sie benennt und kategorisiert Schriftstellerinnen und Schriftsteller und zeigt auf, dass „Dank der deutsch schreibenden Autoren tschechischer Herkunft ( ) ein besonderer Blick Richtung Deutschland, Österreich und in die Schweiz und vor allem ein kritischer Blick auf Tschechien möglich (wird)“.

Der Prager Historiker Tomáš Vilímek nimmt mit seinem Beitrag „Emigration als Form des Protests 1968/69 bis 1989“ die Situation auf, dass Kritik und Widerstand an den gegebenen, geschaffenen und diktierten Verhältnissen in einem Land durch Flucht ausgedrückt wird; und zwar nicht in erster Linie mit passiven und fatalistischen „Ohne-mich“-Einstellungen, sondern mit der individuellen und gesellschaftlichen Verweigerung des Bleibens. Das „politische Exil“ als aktive Antwort auf Unrecht! Die Nachschau in der Evidenz-, Mentalitätsdiskussion und -literatur bringt Fundstellen über persönliche Motive und Antriebe, gesellschaftliche und politische Begründungen bei Migrantinnen und Migranten zutage; etwa die Vermutung, dass deren Motive nicht vordergründig als Kampf gegen das tschechoslowakische Regime einzuordnen sind, sondern eher den alltäglichen Sorgen und dem Unwohlsein an der Gesellschaft entsprangen.

Im Schlussbeitrag des Sammelbandes setzt sich der Lehrer und Musiker Jakub Doležal mit der Situation der „ostdeutschen Flüchtlinge in der Tschechoslowakei im Herbst 1989“ auseinander. Die Aktivitäten von DDR-Flüchtlingen, die in den bundesdeutschen diplomatischen Vertretungen in Prag, Budapest und Warschau Asyl und ihre Einreise in die BRD erzwangen, haben zwar in der lokalen und globalen Öffentlichkeit viel Aufmerksamkeit und Zustimmung erfahren; die Auseinandersetzungen in der wissenschaftlichen Historiografie jedoch stoßen auf ein geringes Echo. Dass die Aktionen schließlich zum Zusammenbruch des Ostblocks, zur Maueröffnung und Wiedervereinigung Deutschlands geführt haben, gilt als sicher.

Diskussion

Ein persönlicher Epilog zum Schluss: Der 1934 in der bayerisch-böhmischen Grenzregion geborene Rezensent war 11 Jahre alt, als die Flüchtlingstrecks aus dem benachbarten Sudetenland in der wenige Kilometer jenseits der deutsch-tschechischen Grenze liegenden Stiftländer Kleinstadt Waldsassen eintrafen. Die Einheimischen empfingen die Vertriebenen sowohl mit einer Hilfsbereitschaft, die heute als „Willkommenskultur“ bezeichnet wird, als auch mit Misstrauen und Ablehnung, wie wir sie heute ebenfalls als nationalistische, rassistische und populistische Fremdenfeindlichkeit erleben. Für uns Kinder zeigte sich die Fluchtsituation vor allem darin, dass in den Kellern, Dachböden und Wohnräumen der Eingesessenen, und in den Turnhallen der Schulen die Vertriebenen untergebracht und versorgt wurden, wie auch in der Volksschule, als in den Klassen plötzlich „Fremde“ auftauchten und die neue aus Eger stammende Lehrerin mit dem bezeichnenden Familiennamen „Böhm“ unterrichtete. Der Integrationsprozess der neu Angekommenen verlief wenig spektakulär, wenn auch die Einheimischen nicht selten mit Neid und Ärger auf die „Flüchtlinge“ schauten, die bald schon am Rande der Stadt eigene Häuser errichteten. Die Zugewanderten erkannte man zwar immer noch lange an ihrer sudetendeutschen Sprache, die störend und abgrenzend zum Stiftländer Dialekt klang; doch nach einer Generation waren auch diese Unterschiede eingeebnet. Die in den Anfangsjahren regelmäßig in Waldsassen stattgefundenen Sudetendeutschen Landsmannschaftstreffen wurden im Laufe der Jahrzehnte immer seltener. Heute bildet die Euregio Egrensis auch für die Waldsassener eine Brücke hin zum Nachbarland Tschechien. In den Schulen im rund zehn Kilometer entfernten Cheb (Eger) wird Deutsch als Wahlfach angeboten, und in den Stiftländer Orten Tschechisch; die Waldsassener fahren nach Eger zum Einkaufen, die Tschechen versorgen sich in den bayerischen Supermärkten und kommen als Arbeiter über die offene Grenze. Waldsassen und Chodov (Chodau) verbindet eine Städtepartnerschaft mit Besuchen und Gegenbesuchen. Die Nachbarschaftsverhältnisse sind kein Eia Popeia; die bayrische Grenzpolizei und der Zoll haben ein waches Auge auf tschechische Kleintransporter, die Speed geladen haben, und immer wieder werden Flüchtlingstransporte entdeckt. Sie werden mit den tschechischen Behörden im Rahmen der gemeinsamen europäischen Zugehörigkeit meist kooperativ und einvernehmlich geregelt. Die Minenfelder und Todesstreifen, die sich im Kalten Krieg entlang der deutsch-tschechischen Grenze zogen, sind heute von Autobahnen, Wanderwegen und Fahrradtrassen abgelöst worden, zum Vorteil und zu Gunsten der Nachbarn.

Fazit

Die differenzierte, historische und aktuelle Betrachtung und Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen und Existenzen von Migrations- und Asylsituationen machen deutlich: Asyl als Menschenrecht muss aktiv errungen werden. Mit der Historiographie lassen sich geschichtliche und aktuelle Aktivitäten finden und beschreiben, wie Asylbegehren und -verwehren sich ereignen. Mit den Forschungsergebnissen der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission werden Informationen veröffentlicht, die nicht nur falsche Bilder, Geschichtsverklitterungen und gesteuerte Fake News korrigieren, sondern auch das demokratische und freiheitliche, öffentliche Bewusstsein stärken.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.04.2018 zu: Detlef Brandes, Edita Ivanicková, Jirí Pešek (Hrsg.): Flüchtlinge und Asyl im Nachbarland. Die Tschechoslowakei und Deutschland 1933 bis 1989. Klartext Verlag (Essen) 2018. ISBN 978-3-8375-1905-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23836.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


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