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Hannes Lachmann: Die „Ungarische Revolution“ und der „Prager Frühling“

Cover Hannes Lachmann: Die „Ungarische Revolution“ und der „Prager Frühling“. Eine Verflechtungsgeschichte zweier Reformbewegungen zwischen 1956 und 1968. Klartext Verlag (Essen) 2018. 572 Seiten. ISBN 978-3-8375-1210-6. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR.
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Die großen Krisen des Staatssozialismus

Was heißt „Verflechtungsgeschichte?“. Im historisch-wissenschaftlichen Diskurs geht es immer darum, Analysen, Bewertungen und Dokumentationen von geschichtlichen Ereignissen möglichst realitätsbezogen und wahrheitsgemäß darzustellen. Das bedeutet – und hier können wir auch von Alltagserfahrungen sprechen – dass historische Entwicklungen selten punkt-, orts- und situationsgenau auf eindeutig zu benennende Phänomene zurückgeführt werden können. Meist handelt es sich um Ereignisse, die wie eine Spiralbewegung von einer Idee oder Initiative aus gehen, sich als Hörensagen und virtuelle Informationen ausbreiten und zu Wirklichkeiten auch an anderen Orten werden.

Entstehungshintergrund

Die „Ungarische Revolution“ von 1956 und der „Prager Frühling“ von 1968 gelten in der europäischen und globalen Geschichtsschreibung als Ereignisse, die zu den nachfolgenden bis aktuellen, politischen Veränderungsprozessen weg vom „Ost-West-Konflikt“, „Kalten Krieg“ und „Mauerbau“ geführt haben. Sie sind Hinweise und Belege dafür, dass „Revolutionen“ gelingen können, gleichzeitig aber auch Widerstände und konterrevolutionäre Bewegungen in Gang setzen. Im wissenschaftlichen historischen Diskurs wird beiden Anlässen eine große Aufmerksamkeit gewidmet; jedoch meist als Einzelanalysen, bei denen die ungarischen, revolutionären Aktivitäten als „gewalttätig-eskalierende“, und die tschechischen als „eine monatelang, von oben eingeleitete Liberalisierungsbewegung“ charakterisiert werden. Der Historiker von der Passauer Universität, Hannes Lachmann, hat im Februar 2012 eine Dissertation vorgelegt, bei der er den Fragen nachgeht, welche Verflechtungs- und Einflussfaktoren bei den beiden historischen Ereignissen wirksam waren. Die Arbeit publiziert er nun in überarbeiteter Form.

Autor

Der im oberpfälzischen Weiden aufgewachsene Hannes Lachmann leitet heute die 2014 eingerichtete Repräsentanz des Freistaates Bayern in Prag. Die Institution will dazu beitragen, die nachbarschaftlichen kulturellen und wirtschaftlichen Kontakte zwischen Bayern und Tschechien, wie auch die wissenschaftliche Kooperation zwischen den bayerischen und tschechischen Universitäten zu fördern.

Aufbau und Inhalt

Über die Jahrzehnte hinweg, insbesondere zu den Erinnerungstagen der 40. (2006) bzw. 50. (2008), Wiederkehr des Scheiterns der Reformversuche, wie auch 1996 und 1998, werden Stimmen laut, die zu „einer grenzüberschreitenden und sozialgeschichtlichen Historisierung dieser Krisen“ auffordern. Eine solche systematisch gegenüberstellende und verknüpfende Betrachtung unternimmt der Autor mit seinem Buch: „Die ‚Ungarische Revolution‘ und der ‚Prager Frühling‘“. Er gliedert seine Studie, neben der Einleitung und der Schlussbetrachtung, in vier Kapitel:

  1. Im ersten thematisiert er „Ungarn und die CSR 1956: Krisenauslöser und stabilisierende Faktoren“;
  2. im zweiten setzt er sich auseinander mit der „Tschechoslowakischen Wahrnehmung der Ungarischen Revolution von 1956“ auseinander;
  3. im dritten analysiert er die „Ungarische und tschechoslowakische Reformdynamik und -stagnation der sechziger Jahre“; und
  4. im vierten Kapitel geht es um die „Ungarische Wahrnehmung des tschechoslowakischen Reformexperiments von 1968“.

Zwar konzediert Lachmann, dass bei der Betrachtung der (gescheiterten) historischen, revolutionären und Veränderungsprozesse in Ostmitteleuropa auch Situationen in den anderen Ländern und Regionen zu beachten sind; doch die Ereignisse in Ungarn und Tschechien verweisen auf Entwicklungen, die sich als historische Vergleiche anbieten; z.B.: „Beide wurden von Vertretern der kommunistischen Führungselite und über Wochen bis Monate hinweg von kommunistischen Massenorganisationen, aber auch Intellektuellen mitgetragen; beide fanden breite Beteiligung in verschiedenen Bevölkerungsgruppen…; beide wurden durch groß angelegte Militäraktionen ausländischer Armeen niedergeschlagen…“. Dazu kommt, dass die lange, gemeinsame Grenze zwischen Ungarn und der Tschechoslowakei auch landsmannschaftliche, minderheitenpolitische Bezüge aufweist: „Außerdem bieten sich der Ungarnaufstand und der Prager Frühling für eine gegenüberstellende Untersuchung besonders an, weil innerhalb des sie umspannenden Zeitrahmens von zwölf Jahren kein vollständiger Generationswechsel stattfand“. Das leitende Untersuchungsinteresse des Autors besteht nun darin aufzuzeigen, dass „die Krisen von 1956 und 1968 ( ) die Legitimität der sozialistischen Systeme nicht nur in ihren jeweiligen Epizentren, sondern in mehreren Satellitenstaaten in Frage (stellten)“.

Die politischen Entwicklungen, wie sie sich in Ost- und Mitteleuropa seit 1953 als Tendenzen vollzogen, Formen von Entstalinisierung und zaghaften Versuchen, eine Politik des „Tauwetters“ einzuleiten, führten einerseits zu freiheitsgesinnten wie gleichzeitig konsumtiven Hoffnungen der Bevölkerung in den Ostblockstaaten, gleichzeitig aber auch zur Machtkonsolidierung der staatlichen und gesellschaftlich führenden Eliten und zu Verteidigungs- und ökonomischen Bündnissen innerhalb des Ostblocks. Auf Kontakt- und Kooperationsanlässe mit dem Westen, dem „Feindesland“, wurde offiziell äußerst misstrauisch und mit gesellschaftlichen und politischen Repressionen reagiert. Sowohl in Ungarn, als auch in der Tschechoslowakei wurden die Reformströmungen von den Intellektuellen der beiden Ländern bestimmt: Schriftsteller und Studenten gehörten zu den ersten und wichtigsten Verfechtern politischer und gesellschaftlicher Reformen. Die Untersuchungen, wie sich diese Gruppierungen bildeten, organisierten, miteinander kooperierten, welchen Widerständen sie ausgesetzt waren und wie sie, geplant und zufällig überwunden werden konnten, kann als ein besonders wichtiger Beitrag dieser Vergleichsstudie betrachtet werden. Die Herleitungen aus den historischen und aktuellen kollektiven Gedächtnissen der Bevölkerung, den Erinnerungen und Mythen aus den Nationaltraditionen und -mentalitäten bewirkten, dass sich weder in Ungarn noch in der Tschechoslowakei eine „gesamtnationale Identität mit der Sowjetunion“ bildete, sondern die deutlich artikulierte und sichtbare Dominanz des „Bruderstaates“ Misstrauen hervorrief, sich im Allgemeinen (anfangs) jedoch nicht als antisowjetische Aggression äußerte. Interessant und bemerkenswert in diesem Zusammenhang jedoch sind auch die Einflüsse und Propaganda-Aktivitäten von ausländischen Rundfunkstationen, wie z.B. der amerikanische „Radio Free Europe“; aber auch internationale Nachbarschaftsentwicklungen, etwa die Neutralitätserklärung Österreichs von 1955 (vgl. dazu auch: Michael Gehler, Modellfall für Deutschland? Die Österreichlösung mit Staatsvertrag und Neutralität 1945 – 1955, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19032.php).

Der „Ungarnaufstand“ der 1950er Jahre hatte spontan keine Auswirkungen und Nachahmer in den Ostblockstaaten provoziert. Zwar gelang es im Herbst 1956, polnische Reformbemühungen gegenüber der sowjetischen Führung ansatzweise durchzusetzen, doch die tschechoslowakische Parteiführung unternahm alles, um mögliche, ähnliche Entwicklungen in ihrem Land zu unterbinden. Es entstanden sogar paternalistische Aggressionen gegenüber den Entwicklungen im Nachbarland, die als „Brüderliche Aufbauhilfe“ deklariert wurden. Ein besonderes Augenmerk richtete sich auf Aktivitäten aus den intellektuellen Kreisen in der Tschechoslowakei, die zu Zensur- und Kontrollmaßnahmen beim künstlerischen und literarischen Schaffen, bei gewerkschaftlichen Aktivitäten und bei der Medienüberwachung führten. Die offizielle, regierungs- und parteiamtliche Bestandsaufnahme ergab Mitte November 1956: „Die Mehrheit der tschechoslowakischen Bevölkerung verhielt sich gegenüber der KSC-Führung loyal und lehnte den ungarischen Volksaufstand ab“. Das sowjet-kommunistische, politische und wirtschaftliche System wurde als „unabänderliche Tatsache“ akzeptiert. Die sich in der Bevölkerung breit machende „resignative Selbstzufriedenheit“ konnte keine Reform- und Veränderungswünsche erzeugen.

Erst (wieder) in den 1960er Jahren entwickelte sich langsam eine ungarische und tschechoslowakische Reformdynamik, die allerdings auch Widerstände und Stagnationen bewirkte. Es entstanden extrinsische und intrinsische Reformbestrebungen, die sich vor allem in veränderten und verbesserten Versorgungsstrukturen und Konsumverhalten insbesondere der ungarischen Bevölkerung zeigten und vorsichtige persönliche Entfaltungsmöglichkeiten eröffneten. In der CSSR allerdings schuf die stramme, auf das sowjetische Diktat ausgerichtete Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik eine zunehmende Unzufriedenheit sowohl in der Bevölkerung, als auch in der Parteiführung. Die Einsetzung von so genannten „Reformkommunisten“ in den Parteiapparaten begünstigte die öffentliche Artikulation der Unzufriedenheit; etwa, wenn Ende Oktober 1967 Prager Studierende mit der Parole auf die Straße gingen: „Chceme svêtlo“ („Wir wollen Licht“). Die Rufe nach „einen menschlichen, weniger ‚entfremdeten‘ Sozialismus“ wurden lauter. Jedoch die eklatanten, machtpolitischen Fehleinschätzungen der tschechoslowakischen Reformakteure führten dazu, dass die Warschauer-Pakt-Staaten intervenierten und den „Prager Frühling“ zu einer historischen Episode werden ließen.

Es gelang den ungarischen wie den tschechoslowakischen Reformern nicht, ihre Ziele und Vorstellungen von einem „menschlichen Kommunismus“ über ihre national-abhängigen Staaten hinaus zu vermitteln. Die Analyse bringt ein ambivalentes Bild zu Tage: Einerseits blickten die tschechoslowakischen Führungskräfte, Eliten und die Bevölkerung zuerst mit Aufmerksamkeit und Wohlwollen auf die „ungarische Revolution“ blickten. Sie erhofften sich gleichzeitig politische und ökonomische Verbesserungen für die eigene Gesellschaft; gleichzeitig aber entstanden Sorgen und Ängste, dass das festgefügte Regierungssystem im eigenen Land in Mitleidenschaft gezogen würde. So auch die Ungarn bei den Aktivitäten des „Prager Frühlings“. Sie schauten interessiert hin und zu, befürchteten aber beim Scheitern Nachteile für ihre eigenen Reformhoffnungen: „Über die Unmöglichkeit großer Reformen in Ungarn waren sich 1968 Parteiführung und Gesellschaft weitgehend einig“.

Fazit

Es bleiben Fragen über Fragen. Etwa die, ob tatsächlich die rigiden und diktierten Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle der sowjet-kommunistischen Ideologie und Planwirtschaft zu den Unzufriedenheiten, Krisen und schließlich den Reformversuchen in einigen Ostblockstaaten, allen voran in Ungarn und der Tschechoslowakei, aber auch Polen geführt haben. Weiterhin: Warum zeigten sich die zu den revolutionären Entwicklungen in Ungarn und in der Tschechoslowakei geführten Veränderungsprozessen nicht auch in den meisten anderen Ländern des Warschauer Paktes? Deutlich in der historischen Analyse wird, welche Aufmerksamkeit die jeweiligen nationalen Regierungen und Staatsparteien den Reformaktivitäten in den „Bruderländern“ beimaßen und welche Abwehrreaktionen und Stabilisierungsbemühungen sie für die jeweils eigene Gesellschaft einsetzten. Die dabei aber vorzugsweise benutzten (traditionellen) Strategien, wie etwa Zensur, Überwachung und Propaganda jedoch konnten längerfristig die Kritik und Unzufriedenheit der Menschen in den kommunistischen Herrschaftsländern nicht aufhalten. Lediglich die Verbesserung der unzulänglichen Versorgungsengpässe und Konsumangebote waren in der Lage, zeitweise die Widerstände einzudämmen. Diese konsumtiven Einstellungen aber führen dazu, dass das während der Reform- und Veränderungsprozesse aufgetretene politische Engagement in der aktuellen Entwicklung zurückgeht und sich in nostalgischen, populistischen und antidemokratischen Einstellungen kontraproduktiv äußert. „Vielleicht fehlen auch deshalb fast drei Jahrzehnte nach dem Zerfall des europäischen Staatssozialismus oft Bewusstsein und Verständnis für Mentalitäten und Alltagsstrategien, die die Wende überdauerten“.

Die Studie über die „Ungarische Revolution“ und den „Prager Frühling“ fordert zu einem Perspektiven-, Wahrnehmungs- und Wertungswechsel heraus, bis hin zu der Aufforderung, dass „aus dieser Warte ( ) der Staatssozialismus nicht mehr nur als das ‚Böse‘ und ‚Fremde‘ (erscheint), dass von außen in die ‚unschuldigen‘ Gesellschaften Ungarns und der Tschechoslowakei implantiert wurde“. Der Autor hat für seine Vergleichsstudie eine Fülle von Archiv- und Quellenmaterialien benutzt, die er auf 42 Seiten nennt. Das Abkürzungsverzeichnis erläutert die vielen Institutionen und Einrichtungen. Das Personenregister verweist auf die in der Arbeit genannten politischen und gesellschaftlichen Aktiven; und im geographischen Register wird auf die Orte, Regionen und Landschaften verwiesen, die in der Arbeit genannt werden.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.02.2018 zu: Hannes Lachmann: Die „Ungarische Revolution“ und der „Prager Frühling“. Eine Verflechtungsgeschichte zweier Reformbewegungen zwischen 1956 und 1968. Klartext Verlag (Essen) 2018. ISBN 978-3-8375-1210-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23837.php, Datum des Zugriffs 20.02.2018.


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