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Karl H. Brisch (Hrsg.): Bindung und seelische Entwicklungswege

Cover Karl H. Brisch (Hrsg.): Bindung und seelische Entwicklungswege. Grundlagen, Prävention und klinische Praxis. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2017. 4. Druck Auflage. 382 Seiten. ISBN 978-3-608-96186-7. D: 45,00 EUR, A: 46,60 EUR.
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Thema

Im vorliegenden Tagungsband – er erschien bereits 2000 erstmals und liegt nun in der 4. unveränderten Auflage vor – wurden grundlegende bindungstheoretische Annahmen sowie deren Anwendungen in Prävention und Psychotherapie von Bindungsstörungen zusammengestellt. Bei den Verfassern/innen handelt es sich um weltweit führende Bindungsforscher/innen aus Deutschland, England und den USA.

Herausgeberinnen und Herausgeber

  • Prof. Dr. Karl-Heinz Brisch ist Facharzt für Kinder-und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Leiter der Abteilung pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie an der Kinderklinik und Poliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital der LMU München. Von ihm stammen zahlreiche Publikationen zur Bindungsentwicklung von Risikokindern, zur klinischen Bindungsforschung
  • Prof. Dr. Klaus Grossmann war bis 2003 Professor für Psychologie, Universität Regensburg.
  • Dr. Karin Grossmann, freie Wissenschaftlerin. Klaus und Karin Grossmann gelten als die Pioniere der Bindungsforschung im deutschen Sprachraum und darüber hinaus, viele ihrer ehemaligen Mitarbeiter, Diplomanden und Doktoranden forschen und lehren an internationalen Universitäten; die beiden selbst haben zahlreiche Wissenschaftspreise und Auszeichnungen erhalten.
  • Dr. Lotte Köhler, Psychoanalytikerin, zahlreiche Arbeiten zur Anwendung der Ergebnisse der modernen Säuglings- und Kleinkindforschung in der Psychotherapie, insbesondere der Bindungsforschung.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band entstand anlässlich der Konferenz „Attachment from Infancy to Adulthood. New Perspecitves in Attachment Theory and Developmental Pathways: Applications in Prevention, Intervention and Clinical Practice“, im Jahr 2000 an der Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital, München. International führende Bindungsforscher/innen und klinische Praktiker/innen referierten aus ihren Arbeiten zu Anwendungsmöglichkeiten der Bildungsforschung in der Behandlung von Kindern und Familien mit besonderen seelischen und körperlichen Belastungen, insbesondere auch mit Bindungsstörungen.

Aufbau

„Bindung und seelische Entwicklungswege“ startet mit einer Einführung in die Grundlagen der Bindungstheorie (S. 12 – 287) und stellt anschließend Anwendungen für Prävention und Psychotherapie von Bindungsproblemen und Bindungsstörungen vor (S. 289 – 373). Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Inge Bretherton (Konstrukt des inneren Arbeitsmodells) stellt ihre umfangreichen Arbeiten zum Thema Bindungsrepräsentation und Methoden zu deren Erfassung im Vorschulalter vor.

Beatrice Beebe u.a. (Koordination von Sprachrhythmus und Bindung) sowie Gisela Klann-Delius (Bindung und Sprache in Entwicklung) referieren Ergebnisse zum Zusammenhang von Sprache und Bindung. Die Arbeitsgruppe um Beatrice Beebe analysierte die Koordination der Sprachrhythmen von Mutter und Kind (im Alter von 4 Monaten). Es gelang mittels dieser Daten die Bindungsqualität dieser Kinder im Alter von 12 Monaten vorhersagen. Insbesondere die zeitliche Abstimmung zwischen Personen hat sich als zentral für jegliche interpersonelle Kommunikation erwiesen. Gisela Klann-Delius greift Bowlbys Annahme, frühe kommunikative Erfahrungen des Kindes trügen zur Entwicklung interner Arbeitsmodelle bei, auf. Sie analysierte dazu die sprachliche Verarbeitung von Trennungssituationen.

Mary Target, Yael Shmueli-Goetz und Peter Fonagy (Bindungsrepräsentanzen bei Schulkindern) stellen die Entwicklung des CAI (Child Attachment Interview) vor – ein Instrument zur Einschätzung der Bindungsqualität für die mittlere Kindheit.

Im Beitrag von Klaus und Karin Grossmann, Monika Winter und Peter Zimmermann (Bindungsbeziehungen und Bewertung von Partnerschaft) werden die Ergebnisse der „Bielefelder Längsschnittstudie“ vorgestellt. Über einen Zeitraum von 22 Jahren wurde der Zusammenhang zwischen der Feinfühligkeit der Mütter und der Partnerschaftsrepräsentation ihrer Kinder im Alter von 22 Jahren geprüft. Es zeigte sich, dass diejenigen jungen Erwachsenen, die ihre Partnerschaft als „sicher“ einschätzten, bis zu ihrem 16. Lebensjahr die feinfühligeren Mütter erlebt hatten.

Der Beitrag von Mary Main (Organisierte Bindungskategorien von Säugling, Kind und Erwachsenem) basiert auf der Übersetzung eines Vortrags aus dem Jahr 1997. Sie stellt hier das „Adult-Attachment-Interview“ (AAI) ausführlich vor, Auszüge aus Interviewtransskripten veranschaulichen unterschiedliche Bindungsorganisationen.

Erik Hesse und Mary Main (Desorganisiertes Bindungsverhalten bei Kleinkindern, Kindern und Erwachsenen) berichten von Hinweisen, die dafür sprechen, dass die Desorganisierte Bindungsqualität des Säuglings als Effekt einer andauernden ungelösten Traumareaktion eines Elternteils zu verstehen ist.

Karlen Lyons-Ruth, Sharon Melnick und Elisa Bronfman (Desorganisierte Kinder und ihre Mütter) betonen die Bedeutung traumatischer Erfahrungen der Mütter während deren Kindheit für die Entstehung von Bindungsdesorganisation. Sie vermuten, dass eine schwere Traumatisierung in der Kindheit der Mutter deren Mangel an Responsibilität gegenüber ihrem Kind vorhersagt.

Peter Fonagy (Ist Bindungssicherheit angeboren?) stellt Ergebnisse einer Langzeituntersuchung, in der 81 Zwillingspaare im Alter von einem Jahr untersucht wurden vor. 65 % dieser Zwillinge waren bei der Bewertung von Bindungssicherheit versus Bindungsunsicherheit konkordant. Als Prädiktor erwies sich das Temperament des Kindes (genauer: die emotionale Erregbarkeit). Der wirksamste Prädiktor für gleiche Bindungsklassifikation eines Zwillingspaares waren Unterschiede in deren Temperament. Interessanterweise scheint die Ähnlichkeit des Temperaments die Wahrscheinlichkeit unterschiedlicher Bindungsqualität bei Zwillingen zu vergrößern.

Martha Farrell Erickson (Bindungstheorie bei präventiven Interventionen) stellt das von ihr und Byron Egeland entwickelte STEEP-Programm (Steps toward Effective and Enjoyable Parenting) vor. In diesem Programm steht die Förderung einer gesunden Eltern-Kind-Beziehung im Mittelpunkt. Mittels Videoaufnahmen wird an der Verbesserung der elterlichen Feinfühligkeit gearbeitet. Konstruktive Verhaltensweisen der Eltern werden in den Mittelpunkt gerückt und verstärkt. Evaluationen sprechen für Erfolge des STEEP-Programms.

Byron Egeland (Ergebnisse einer Langzeitstudie an Hoch-Risiko-Familien): Etwa 15 % der Kinder der untersuchten Hoch-Risiko-Stichprobe hatten im Laufe der ersten Lebensjahre eine Form von Misshandlung erfahren. Im Studienverlauf zeigte sich, dass ein Großteil dieser Kinder im Erwachsenenalter die eigenen Kinder dennoch nicht misshandelte. Entscheidend dafür scheinen zum einen das Vorhandensein emotional unterstützender Personen sowie stabile und befriedigende Beziehungen zu unterstützenden Partnern zu sein.

Lynne Murray, Maret Dymond und Peter J. Cooper (Psychotherapeutische Intervention, mütterlicher Bindungsstil und Bindung des Kindes) stellen in ihrem Beitrag Ergebnisse zu den Folgen der postpartalen Depression vor. Unsichere Bindung zählt zu den häufigsten negativen Folgen von Störungen der mütterlichen Emotionalität (Martins und Gaffan, 2000, Seite 325) in der Folge muss sich die Behandlung der mütterlichen postpartalen Depression auch auf die Vermeidung von Bindungsunsicherheit beim Kind konzentrieren.

Mirjam Steele u.a.(Weitererzählungen von Geschichten als Methode zur Erfassung der inneren Welt des Kindes. Implikationen für die Adoption) berichtet über den Nutzenvon Geschichtenergänzungen für Entscheidungen im Rahmen von Adoptionsvermittlungen. Über die Ergänzung von vorgegebenen Geschichten werden Schlussfolgerungen, die Kinder aus ihren bisherigen Bindungserfahrungen – vor einer Adoption – gezogen haben, in Erfahrung gebacht. Die so erhobene Bindungsrepräsentation der Kinder und ihrer potentiellen Adoptiveltern bildeten die Grundlage für Entscheidungen im Rahmen der Adoptionsvermittlung.

Karl-Heinz Brisch (Bindungsstörungen: Theorie, Psychotherapie, Interventionsprogramme und Prävention) geht davon aus, dass Bindungsstörungen dadurch gekennzeichnet sind, dass die Bindungsperson nicht in der Lage war, die frühen Bedürfnisse der Kinder nach Nähe und Schutz in Bedrohungssituationen adäquat zu beantworten. Ist dies nur gelegentlich der Fall, ist eher mit desorganisiertem Bindungsverhalten zu rechnen, stellt dies aber das vorrangige Interaktionsmuster dar, können daraus Bindungsstörungen resultieren.

Diskussion

Der vorliegende Tagungsband enthält zahlreiche Beiträge, die getrost als Klassiker der Bindungstheorie und Bindungsforschung gelten können. Die Inhalte haben seit dem Erscheinen des Bandes im Jahr 2000 nichts an Aktualität eingebüßt. Bekannte Längsschnittstudien wie die Bielefelder Bindungsstudie, Diagnoseinstrumente (CAI: Child Attachment Interview, Geschichtenergänzungsverfahren), Interventionen (STEEP-Programm) finden Platz. Alles für sich genommen ist wichtig, wertvoll und informativ.

Es handelt sich um eine bunte Mischung von Vorträgen, Forschungsberichten, Zeitschriftenartikeln. Die Beiträge sind nicht unbedingt aufeinander abgestimmt, es gibt Doppelungen und Wiederholungen. All das muss kein Nachteil sein, jeder einzelne Beitrag steht für sich und ist mit Gewinn zu lesen. Da es sich um die 4. unveränderte Auflage handelt kann hier nicht der aktuelle Stand der Bindungsforschung abgebildet sein. Ich vermisse allerdings eine gewisse Form von Moderation oder Kommentierung, die Lesende in das Werk einführt, den Hintergrund der Auswahl der einzelnen Beiträge kommentiert und den Stellenwert der einzelnen Beiträge herausarbeitet, den diese zweifelsohne auch heute noch besitzen.

Fazit

Der vorliegende Sammelband enthält Grundlagenwerke der Bindungstheorie und Bindungsforschung (Stand 2000!) es wurden Werke namhafter Autoren und Autorinnen, wichtige Studien der Bindungsforschung, diagnostische Instrumente etc. in Einzelartikeln zusammengestellt. Es handelt sich um einen Tagungsband, daher sind die einzelnen Artikel nicht unbedingt aufeinander bezogen, stehen nebeneinander, es gibt Doppelung und Wiederholungen. Nichtsdestotrotz vermittelt der Band einen guten Überblick über wichtige Themen, Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Bindungsforschung und Bindungstheorie bis zum Jahr 2000.


Rezensentin
Prof. Dr. Klaudia Winkler
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg, Fakultät für Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften, Lehrgebiete Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie
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Zitiervorschlag
Klaudia Winkler. Rezension vom 23.11.2018 zu: Karl H. Brisch (Hrsg.): Bindung und seelische Entwicklungswege. Grundlagen, Prävention und klinische Praxis. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2017. 4. Druck Auflage. ISBN 978-3-608-96186-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23842.php, Datum des Zugriffs 18.03.2019.


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ISSN 2190-9245

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