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Bettina Müller, Regine Morys u.a.: Spannungsreiche Interaktionen an Schule

Cover Bettina Müller, Regine Morys, Susanne Dern, Marc Holland-Cunz: Spannungsreiche Interaktionen an Schule. Empfehlungen für Schule und Schulsozialarbeit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 150 Seiten. ISBN 978-3-8474-2114-6. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR.
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Autorinnen und Autor

Bettina Müller ist Professorin an der Hochschule Esslingen, das trifft auch auf Regine Morys zu. Susanne Dern ist Professorin an der Hochschule Fulda und Marc Holland-Cunz ist Antidiskriminierungsberater in Stuttgart.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Veröffentlichung beruht auf dem Forschungsprojekt „Schulsozialarbeit als Antidiskriminierungsinstrument“ (SalsA), welches mit unterschiedlichen Projektpartnern durchgeführt wurde.

Thema

Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stehen belastende, entwürdigende und diskriminierende Vorfälle in der Schule, die unter dem Oberbegriff spannungsreiche Interaktionen zusammengefasst werden. Die Frage, welche Antworten finden darauf die Schulsozialarbeit und die Schule gehört zu den Kernanliegen des Bandes und durch neun Empfehlungen ergibt sich ein detailliertes und flexibel einzusetzendes Handlungskonzept.

Aufbau

Gegliedert ist der Band in sechs Kapitel:

  1. Einführung.
  2. Spannungsreiche Interaktionen an Schule – Forschungsstand, pädagogische und rechtliche Aspekte.
  3. Aufgaben und Handlungsmaximen von Schulsozialarbeit.
  4. Handlungsempfehlungen für Schule und Schulsozialarbeit.
  5. Ergänzende Anregungen für den Umgang mit spannungsreichen Interaktionen.
  6. Schluss.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

In der Einleitung wird betont, dass es ein Ziel sein muss, in der Schule gemeinsam mit der Schulsozialarbeit eine gelingendere Konfliktkultur und einen besseren Schutz vor Diskriminierung zu erreichen. Das Forschungsprojekt widmet sich diesem Anliegen und kooperiert sehr eng mit den Partnern aus Kommune, Landkreis und Schulamt. Dazu wird ein auf die Schulentwicklung gerichteter Organisationsablauf präsentiert.

Das zweite Kapitel erläutert das methodische, an qualitativen Forschungsmethoden ausgerichtete, Vorgehen im Projekt. Eingebunden waren sechs Schulen unterschiedlicher Schularten aus denen die Schüler*innen aus den Klassen 4, 5 und 8 befragt wurden. Ebenso befragt wurden Schulsozialarbeiter*innen, Schulleitungen und Lehrkräfte durch problemzentrierte Interviews. Dargestellt werden u.a. Interviewsequenzen von Schüler*innen wie z.B.: „Ähm, es gibt bei uns die Jungs, die ärgern einen einzigen Jungen und die lachen ihn aus, nur weil er Veganer ist. Und die tun ihm die ganze Zeit weh, die streiten immer. Die lachen ihn auch die ganze Zeit aus und er muss halt auch immer weinen“ (S. 25). In der Folge wird auf die nationale und internationale Forschungslage eingegangen. So zeigt die PISA-Studie von 2015, dass fast die Hälfte aller Schüler*innen in einem Schuljahr von Bullying betroffen sind. Thematisiert wird auch problematisches Lehrerhandeln. Es fehlen auch häufig Ansprechpartner und Zugänge, auch Beschwerdewege, zu Ansprechpartner*innen. Ausgrenzung und Diskriminierung wirken negativ auf das Selbstkonzept, die Identitätsentwicklung und die Leistungsmotivation. Besonders problematisch ist, wenn sich spannungsreiche Interaktionen längerfristig wiederholen und dadurch verfestigen. Das Kapitel schließt mit der einer Darstellung spannungsreicher Interaktionen aus pädagogischer und aus rechtlicher Sicht. Die rechtliche Betrachtung erörtert unmittelbare Diskriminierung, mittelbare Benachteiligung und intersektionale Diskriminierung. Hingewiesen wird auch auf internationale Diskriminierungsverbote wie die UN-Kinderrechtskonvention und damit einhergehend die rechtliche Umsetzung in Deutschland.

Das dritte Kapitel stellt das Handlungsfeld der Schulsozialarbeit dar. Hingewiesen wird auf die Zugehörigkeit zur Jugendhilfe wie auch auf das Aufgabenspektrum zu dem z.B. Bildungschancen erhöhen, Vernetzung realisieren und sich politisch einmischen gehören. Der Zusammenhang zwischen formalen, non-formalen und informellen Bildungsprozessen wird beschrieben und auf Grundprinzipien wie Freiwilligkeit, Vertraulichkeit und Zugänglichkeit aufmerksam gemacht. In der Erörterung des Triplemandats wird Bezug genommen auf die Orientierung der Profession an Menschenrechten, an Menschenwürde und daraus resultierenden ethischen Haltungen. Zum Schluss werden Grundprinzipien der Schulsozialarbeit, die korrespondierende Praxis mit spannungsreichen Interaktionen und die Bedeutung dieser Korrespondenz systematisch zusammengefasst. Im Kapitel wird auch auf Widersprüche in der Schulsozialarbeit hingewiesen, wie z.B. sich einerseits gegen Ausgrenzung stark machen und zugleich andererseits ein selektives Schulsystem stützen.

Das vierte, das Hauptkapitel, enthält folgende Handlungsempfehlungen:

  • Das Profil der Schulsozialarbeit schärfen.
  • Die Nutzung der Schulsozialarbeit unterstützen.
  • Sich auf ein gemeinsames Grundverständnis zu spannungsreichen Interaktionen verständigen.
  • Hinsehen, zuhören und ernst nehmen.
  • Zeit und Raum geben für soziale Prozesse in Schulklassen.
  • Mitschüler*innen stärker in die Bearbeitung spannungsreicher Interaktionen einbeziehen.
  • Eine systematische Antidiskriminierungskonzeption entwickeln.
  • Anlaufstelle einrichten, Zuständigkeiten klären, Zugänge schaffen.
  • Verfahrenswege und Zuständigkeiten durch Informationsmaterial bekannt machen.

Die Struktur dieser Empfehlungen folgen jeweils dem Dreischritt:

  1. Denkimpulse (z.B. Schüleraufschrieb im World Cafe, Meinungsbild der Schulleitung, Aussagen der Schulsozialarbeit).
  2. Bedeutung für diese Handlungsempfehlung (z.B. Analyse der Denkimpulse, daraus folgernd Handlungsziele wie z.B. für die Schulsozialarbeit formulieren: Akzeptanz sicherstellen oder Antidiskriminierungsregelungen auf verfassungsrechtliche und schulrechtliche Vorgaben überprüfen).
  3. Empfehlungen für die schulische Praxis (z.B. Überprüfung der Rolle der Schulsozialarbeit bei schwierigen Interaktionen oder Antidiskriminierung im schulischen Leitbild verankern mittels der Arbeit in einzelnen Gruppen, ggf. mit dem Format Open Space).

Die Ergänzungen im fünften Kapitel beziehen sich auf zeitliche und fachliche Ressourcen, auf Vernetzung mit anderen Einrichtungen, auf notwendige Fort- und Weiterbildung, Entlastung und Stützung von Lehrkräften sowie auf Evaluation.

Zum Schluss macht die Forschungsgruppe darauf aufmerksam, dass es nicht darum geht die Empfehlungen als Gesamtpaket umzusetzen, sondern die jeweiligen schulischen Situationen berücksichtigt werden müssen

Diskussion

Kritisch ist anzumerken, dass der Methodenteil bzw. das Forschungsdesign der Studie nicht sehr aussagekräftig ist. So ist z.B. die Anzahl der durchgeführten Interviews unklar. Begrüßenswert ist, dass die Ergebnisse der Studie aber auch weitere nationale und internationale Studien zum Thema Diskriminierung, eng verzahnt werden mit den Handlungsempfehlungen und den Handlungskonzepten der Schulsozialarbeit. Wenn auch die eine oder andere Empfehlung einen gewissen Abstraktionsgrad hat, wird insgesamt ein beachtliches Instrumentarium zum Thema Diskriminierung und spannungsreiche Interaktion vorgelegt. Diese Interaktionen zu erkennen und die zugrunde liegenden Konflikte zu lösen, stellt einen zu recht betonten Blickwinkel im Antidiskriminierungsdiskurs dar. Hervorzuheben ist die rechtliche Durchdringung des Themas und darauf Bezug nehmender rechtlich legitimierter Handlungsstrategien der Schule und der Schulsozialarbeit. Auch dies macht den Band zu einem wichtigen Beitrag zur Theorie und Praxis der Schulsozialarbeit!

Fazit

Spannungsreiche Interaktionen frühzeitig zu erkennen und dort einzugreifen ist eine Prävention bezüglich später auftretender und verfestigter Diskriminierungen in der Schule. Ein umfangreiches Empfehlungsinstrumentarium, gestützt durch die zugrunde liegenden empirischen Ergebnisse der Studie, ist für die Schulsozialarbeit eine dringliche Ergänzung zu ihrem sozialpädagogischen Aufgabenspektrum. Der Band ist mit rechtlicher Expertise versehen, sodass von dort her einschlägige Ziele genannt werden und deren Legitimation gegeben ist.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 07.12.2018 zu: Bettina Müller, Regine Morys, Susanne Dern, Marc Holland-Cunz: Spannungsreiche Interaktionen an Schule. Empfehlungen für Schule und Schulsozialarbeit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-8474-2114-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23843.php, Datum des Zugriffs 21.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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