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Maik Arnold, Dorothy Bonchino-Demmler u.a.: Perspektiven diakonischer Profilbildung

Cover Maik Arnold, Dorothy Bonchino-Demmler, Ralf Evers, Marcus Hußmann, Ulf Liedke: Perspektiven diakonischer Profilbildung. Ein Arbeitsbuch am Beispiel von Einrichtungen der Diakonie in Sachsen. Evangelische Verlagsanstalt (Leipzig) 2017. 310 Seiten. ISBN 978-3-374-05223-3. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.
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Thema

Das vorliegende Arbeitsbuch ist in den aktuellen Diskurs um die Organisationsprofile von weltanschaulich gebundenen Einrichtungen und Trägern der Sozialen Arbeit einzureihen. Es fragt nach den Perspektiven eines spezifisch Eigensinns von diakonischen Organisationen vor dem Hintergrund der Herausforderungen, die sich durch gesellschaftliche Veränderungsprozesse ergeben.

Autorin und Autoren

Alle Autoren und die Autorin sind ProfessorInnen oder wissenschaftliche Mitarbeitende an der Evangelischen Hochschule Dresden. Ulf Liedke ist zusätzlich Honorarprofessor an der Universität Leipzig.

Entstehungshintergrund

Die Entwicklung, Gestaltung und Verteidigung eines diakonischen Profils von Trägern und Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitsbereichs, die sich als „diakonisch“ verstehen, ist seit ca. 15 Jahren von großer Bedeutung. Der vollzogene Umbau von traditionsreichen Hilfeorganisationen zu Sozialunternehmen, die sich auf Quasimärkten zu behaupten haben sowie die Säkularisierung der dort engagierten Fachkräfte befeuern seit ca. 15 Jahren eine umfassende Identitätsdiskussion. Wenn weder die Spezifik der Leistungserbringung noch das Glaubensbekenntnis der Fachkräfte einen Unterschied zu säkularen Anbietern entsprechender Leistungen begründen, stellt sich die Frage nach dem spezifischen Profil umso stärker.

Vor diesem Hintergrund legt die Verfassergruppe hier ein Arbeitsbuch vor, das in diesem Kontext zur Klärung beitragen will. Es beansprucht, Grundlagen dieser Identitätsprozesse aufklären zu können und Anregungen zu bieten, die von den Trägern und Einrichtungen für ihre anstehenden Profilentwicklungsprozesse genutzt werden können.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist dreifach unterteilt.

Im ersten Teil werden Grundlagen diakonischer Profilbildung entfaltet und zentrale Modelle und Konzepte erläutert. Die Autoren und die Autorin erläutern ihr Verständnis der gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen der Diakonie und verdeutlichen, inwiefern dies deren Handeln tangiert. Sie stellen sodann ihr systemtheoretisch orientiertes Verständnis diakonischer Praxis und Organisationsentwicklung vor und verdeutlichen mit Bezug auf das St. Galler Management-Modell beobachtbare Veränderungsprozesse mehrdimensional. Schließlich beschreiben sie ihr Verständnis von diakonischem Profil und damit einen Maßstab, der für die Wahrnehmung und Beurteilung entsprechender Entwicklungsprozesse von großer Bedeutung ist.

Der zweite Teil des Buches stellt zugleich dessen Hauptteil dar. Hier wird zunächst der Grundgedanke entfaltet, dem zufolge sich diakonische Profilbildung in der Form des Dialogs ereignen müsse. Verdeutlicht wird sodann die „wechselseitige Verflechtung von Kommunikation und Organisation (diakonische Praxis), Organisation und Prozessentwicklung (diakonische Kultur) sowie Dialog und Performativität (diakonisches Profil)“ (13). Sodann wird dies zu einem eigenständigen Modell verdichtet, das sich auf die Vorarbeiten von Rüegg-Stürm zum St. Galler Management-Modell bezieht. Auf den folgenden knapp 150 Seiten werden schließlich Instrumente dieses Profildialogs vorgestellt und zu insgesamt neun Modulen ausgearbeitet. Diese Module beinhalten jeweils eine theoretische Einführung. Sodann werden spezifischer Instrumente vorgestellt und um Anwendungserfahrungen und Anregungen ergänzt, die sich aus der Praxis bereits ergeben haben. So sind differenzierte „Handreichungen“ für jene ausgearbeitet, die daran Interesse haben, Profildialoge innerhalb der Organisationen praktisch umzusetzen. Folgende Module liegen vor:

  1. Ziele dialogisch bestimmtem: Strategieentwicklung in diakonischer Perspektive
  2. Profil im Dialog aufbauen: Strukturentwicklung in diakonischer Perspektive
  3. Prozesse partizipativ modellieren: Prozessmanagement als Chance diakonischer Profilentwicklung
  4. Kultur leben: Diakonischer Unternehmenskultur dialogisch gestalten.
  5. Menschen stärken: Diakonisches Profil in der Beziehung zu Adressat_innen
  6. Menschen beteiligen: Diakonie gemeinsam mit Mitarbeiter_innen gestalten.
  7. Kooperationen herstellen: Diakonie in der Zusammenarbeit mit Kirchengemeinden
  8. Gesellschaft mitgestalten: Diakonisches Profil in der Beteiligung an politischen Prozessen
  9. Diakonie kommunizieren: Profilbildung und Unternehmenskommunikation.

Der dritte Teil des Buches ergänzt diese praxisnah gewordenen Ausführungen um einen Forschungsbericht. Dieser bezieht sich auf eine qualitativ-rekonstruktiv ausgerichtete Untersuchung zur „Perspektive diakonischer Profilentwicklung am Beispiel von Einrichtungen der Diakonie in Sachsen“. Neben dem Forschungsdesign werden zentrale Ergebnisse vorgestellt und Handlungsempfehlungen begründet. Das Buch endet schließlich mit einem resümierenden Blick auf die Herausforderungen und Chancen der gegenwärtigen Diakonie.

Diskussion

Das vorliegende Buch ist unzweideutig von hoher Aktualität, weil es Profilbildungsprozesse und hiermit verbundene Profildebatten aus dem Bereich der Diakonie thematisiert, die allerorten stattfinden und von großer Unsicherheit geprägt sind. Hierauf bezogen bietet es Verantwortungstragenden und Interessierten Reflexionshilfen an, zudem qualifiziertes Material, das für entsprechende Arbeiten als Orientierung genutzt werden kann. Der dialogische Ansatz, der das Ziel hat, „sich dialogisch innerhalb der Organisation über das eigene Profil bzw. die Profilierung zu verständigen…“ (266), erscheint zudem übertragbar auf unterschiedliche Organisationszusammenhänge sowie generalisierbar zu sein.

In den vorgelegten Beiträgen und Ergebnissen bilden sich zudem implizit, aber auch explizit jene Spannungen ab, die diese Prozesse auszeichnen: die Spannung zwischen einem vermeintlichen „Wesen“ von Diakonie, das gefährdet zu sein scheint und der Erkenntnis, dass es einen solchen Identitätskern jenseits diskursiver Verständigungsprozesse wohl nicht gibt. Ebenso die Spannung zwischen dem Bedürfnis nach einem diakonischen Eigensinn, der sich in der reinen Orientierung auf die Hilfebedarfe im Sinne praktischer Nächstenliebe zeigen möge – und den „unrein“ betriebswirtschaftlichen Motiven von Sozialunternehmen, die sich auf Märkten behaupten müssen. Dies ist hilfreich.

Als kleine Kritikpunkte seien erwähnt, dass es möglich gewesen wäre, Diakonie noch klarer als Teil der Sozialen Arbeit theoretisch zu bestimmen und damit diese diakoniewissenschaftliche Untersuchung in die Perspektive einer Sozialarbeitswissenschaft einzurücken, mit entsprechenden Konsequenzen für die theoretische Verortung. Deutlich wird zudem, dass die theoretischen Referenzsysteme der Beteiligten nicht immer kompatibel sind.

Dies mildert aber nicht die hervorragende Gesamtleistung der Verfasserinnen und Verfassern. Es gelingt ihnen, die spezifische Theorie und Praxis von diakonischen Profilentwicklungsprozessen miteinander zu verbinden, auftretende Praxisherausforderungen im Lichte von Theorie zu erhellen und zugleich Grundlagen dafür zu schaffen, entsprechende Herausforderungen besser zu bestehen.

Fazit

Die Verfasserinnen und Verfasser leisten mit diesem Arbeitsbuch einen wichtigen Beitrag in einem aktuellen Diskurs. Sie fragen vor dem Hintergrund aktueller Herausforderungen nach den Perspektiven eines diakonischen Profils von Trägern und Einrichtungen der Sozialdiakonie. Diese Herausforderung entfalten sie zunächst theoretisch. Sodann bieten sie ein komplexes dialogbasiertes Konzept der Profilentwicklung an, das für Interessierte als Handlungsanleitung nutzbar ist. Schließlich ergänzen sie ihre Ausführungen um die Präsentation von Forschungsergebnissen, die sich auf Profilentwicklungsprozesse diakonischer Träger in Sachsen beziehen. Das Buch endet mit einem resümierenden Ausblick auf einzelne Aspekte diakonischer Profilentwicklung, die für die weitere Theorie und Praxis bedeutsam erscheinen.

Damit liegt hier ein Werk vor, das dem eigenen Anspruch voll und ganz genügt, als Arbeitsbuch nutzbar zu sein. Es bezieht sich auf die hoch aktuelle und brisante Frage von Organisationsidentitäten im Bereich der Diakonie, leistet einen ausgezeichneten Beitrag zur theoretischen Aufklärung entsprechender Rahmenbedingungen und bietet Unterstützung an, um entsprechende Prozesse erfolgreich zu gestalten. Das ist verdienstvoll und enorm hilfreich.


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Nauerth
Professor für Soziologie der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie, Hambur
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Zitiervorschlag
Matthias Nauerth. Rezension vom 16.01.2018 zu: Maik Arnold, Dorothy Bonchino-Demmler, Ralf Evers, Marcus Hußmann, Ulf Liedke: Perspektiven diakonischer Profilbildung. Ein Arbeitsbuch am Beispiel von Einrichtungen der Diakonie in Sachsen. Evangelische Verlagsanstalt (Leipzig) 2017. ISBN 978-3-374-05223-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23845.php, Datum des Zugriffs 12.12.2018.


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