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Sebastian Gräfe: Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland

Cover Sebastian Gräfe: Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland. Zwischen erlebnisorientierten Jugendlichen, "Feierabendterroristen" und klandestinen Untergrundzellen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. 356 Seiten. ISBN 978-3-8487-4515-9. 59,00 EUR.

Extremismus und Demokratie, Band 34.
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Thema

Die Beachtung des Rechtsterrorismus erlebt national wie international eine Renaissance. Dazu trugen neben einem zunehmenden Erstarken rechter Parteien und Bewegungen in Europa besonders zwei zeitlich naheliegende Ereignisse bei: Das Attentat des norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik in Oslo und Utøya im Sommer 2011 sowie die Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrundes im Herbst 2011 und die damit aufgedeckte Mordserie an zehn Menschen. Seitdem ist die Publikationslandschaft unübersichtlich geworden. Vor allem publizistische Beiträge mit teils sehr unterschiedlicher Qualität prägten die Debatte.

Mit der Gewaltserie auf Flüchtlingsunterkünfte bekam der Rechtsterrorismus eine neue Dynamik. Nicht nur numerisch stieg rechtsextreme Gewalt seit 2015 auf ein mit den 1990ern vergleichbares Maß. Sie ist auch qualitativ mit der Organisierung in klandestinen Gruppen eine neue Qualität eingegangen. So haben sich aus den flüchtlingsfeindlichen Protesten von Pegida und lokalen Nein-zum-Heim Demonstrationen kleine Gruppen radikalisiert, die durch ihr Handeln den Tod von Geflüchteten und ihren Unterstützern suchen oder billigend in Kauf nehmen. Erst jüngst wurden Mitglieder der Gruppe Freital, aber auch der Oldschool Society, zu hohen Haftstrafen aufgrund der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt.

Mit dem Buch „Rechtsterrorismus in Deutschland“ legt Sebastian Gräfe eine systematische Studie vor, die die Entwicklungen des Rechtsterrorismus von der Nachkriegszeit bis zum NSU anhand von elf weiteren rechtsterroristischen Organisationen vergleichend aufzeigt. Im Gegensatz zu vielen jüngeren Publikationen nimmt Gräfe einen langfristigen Blick auf den Gegenstand und nimmt kenntnisreich die Forschung zu verschiedenen Epochen des Rechtsterrorismus in Bezug.

Autor

Sebastian Gräfe ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden. Er arbeitet zu Rechts- und Linksextremismus, Rechts- und Linksterrorismus, politisch motivierte Kriminalität, Konzepte rechtsterroristischen Handelns sowie Gewalt gegen Asylbewerber/Flüchtlinge und deren Unterkünfte. Das vorliegende Werk stellt seine Dissertation dar.

Aufbau und Inhalt

Die Monographie enthält acht inhaltliche Kapitel, die einer nachvollziehbaren Gliederung folgen. Sie werden in der Folge Schritt für Schritt vorgestellt und am Ende diskutiert.

Die Einleitung beginnt mit der Diagnose, dass sich Rechtsterrorismus im Laufe der Jahre gewandelt hat. Während Rechtsterrorismus in den Nachkriegsjahren einer stärkeren Planungsintensität nachging, scheint sich heutiges rechtsterroristisches Handeln aus spontaneren Kontexten heraus zu manifestieren. Dies nimmt Gräfe als Ausgangspunkt für seine Studie über Kontinuitäten und Brüche in der Entwicklung des deutschen Rechtsterrorismus. Seine systematische Vergleichsstudie zielt darauf ab, das Handeln im Zeitraffer einzuordnen und mit Entwicklungen im parteipolitischen Rechtsextremismus zu verbinden. Im Abschnitt Forschungsstand verortet sich der Autor in der vergleichenden Extremismusforschung und stellt die bekannten Organe vor, in denen deren Forschungsergebnisse diskutiert werden.

In Kapitel 2 „Bezugsrahmen“ führt Gräfe seine theoretische Verortung fort. Als generellen Rahmen führt er in die Extremismustheorie ein, definiert daraufhin die zentralen Konzepte der Arbeit: Rechtsextremismus, Terrorismus und Rechtsterrorismus. Er stellt daraufhin zwei US-amerikanische Handlungskonzepte von Rechtsterroristen vor (Leaderless Resistance, Lone-Wolf Terrorismus), die den europäischen Rechtsterrorismus stark geprägt haben.

Kapitel 3 widmet sich dem Rechtsterrorismus vor der Wiedervereinigung. Recht knapp wird der politisch-gesellschaftliche Kontext dargestellt. Als Reaktion auf die Schwäche der NPD haben sich rechtsterroristische Gruppierungen nach 1969 herausgebildet, so Gräfe (S. 79). Er beschreibt in der Folge sechs von ihnen, die in der Zeit von 1969 bis 1990 aktiv waren: Die Europäische Befreiungsfront, das Kommando Omega, die Wehrsportgruppe Hoffmann, die Kühnen-Gruppe, die Deutschen Aktionsgruppen sowie die Hepp/Kexel-Gruppe. Diese untersucht er auf ihre Ideologie, die Gruppenstruktur, die Ziele und Opfer der Gewalt, die Gewaltintensität sowie auf die jeweilige Kommunikationsstrategie. Die einschlägigen Fälle werden kenntnisreich vorgestellt.

Kapitel 4 untersucht unter denselben Kategorien die Gruppen Sächsische Hammerskins, Skinheads Sächsische Schweiz, Kameradschaft Süd, Freikorps Havelland, Sturm 34 und schließlich den NSU. Viele dieser Gruppen kommen aus der neonazistischen Subkultur, wodurch die Grenze zwischen Rechtsterrorismus und anderen Formen rechter Gewalt schwer zu ziehen ist. Die Gruppierungen sind im Vergleich zu den vor 1990 besprochenen Gruppen schwerer fassbar. Sie haben keine festen Hierarchien, sind flexibler in ihren Handlungen und changieren zwischen verschiedenen Formen des politischen Aktivismus.

Kapitel 5 führt nun den Vergleich der Gruppen durch. Gräfe kommt zu dem Ergebnis, dass Rechtsterroristen ein pragmatisches Verhältnis zur Ideologie haben (S. 223); dass sie sich von der Gruppenstruktur von hierarchischen Modellen zu unabhängigen Zellenstrukturen wandeln (S. 244 f.); dass die Wahl der Ziele stark changiert, jedoch immer eine symbolische Bedeutung der Opfergruppe beigemessen wird (S. 246); dass die Gewaltintensität der Gruppen stark variiert; und dass die Kommunikation in die Szene und die Gesellschaft keinem festen Muster folgt. So ist es ganz unterschiedlich, sich zu unter eigenem Namen für Anschläge oder Gewalttaten zu erkennen zu geben. In diesem Sinne sei das „kommunikationslose Vorgehen des NSU […] ein für Rechtsterroristen übliches Verhalten“ (S. 260). Übersichtlich veranschaulicht Gräfe seine Ergebnisse in einer Tabelle, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede schnell abstrahieren lässt (S. 261-263).

Kapitel 6 nimmt sich vor, Rechtsterrorismus international zu vergleichen. Gräfe diskutiert Formen des Rechtsterrorismus in Großbritannien, Italien, Russland, Skandinavien und den USA. Hierbei verlässt der Autor sein stringentes Vergleichsdesign. Die kurzen Überblicke aus anderen Ländern zeugen nicht von einer tiefen Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand zum internationalen Rechtsterrorismus.

Kapitel 7 vergleicht nun den NSU mit der Roten Armee Fraktion unter der Frage, ob wir es mit einer „Braunen Armee Fraktion“ zu tun haben. Der Vergleich kommt zu dem Ergebnis, dass eine Äquivalenz zwischen beiden Gruppierungen „nicht angebracht ist“, weil sich die „deutlich längere Existenz der RAF“ sowie deren „Organisationsgrad“ und viel „dickere Personaldecke“ (S. 299) zu stark vom NSU abheben.

Diskussion

Das vorliegende Buch systematisiert das Wissen über zwölf rechtsterroristische Gruppen, die in der deutschen Nachkriegszeit aktiv waren und vergleicht sie nach einem stringenten Forschungsdesign. Daraus entstehen interessante Ergebnisse, die die Forschung zum deutschen Rechtsterrorismus voranbringen. Allerdings birgt die isolierte Sichtweise auf die Akteure einige Tücken. Theoretisch vermag die Extremismustheorie wenig dazu beitragen, Wandel und Brüche im Rechtsterrorismus zu erklären. Dazu müsste die Analyse vielmehr eingebettet werden in breitere Transformationsprozesse, die entweder als Gelegenheit oder Bedrohung verstanden werden können, was die Wahl der Mittel in kollektiven Mobilisierungen stark beeinflusst.

Methodisch gilt der Vergleich sicherlich als Königsdisziplin der Politikwissenschaft. Allerdings wird die Fallauswahl an keinem Punkt begründet, was das Forschungsvorgehen intransparent macht. Empirisch ist die Analyse der deutschen Fälle sehr erhellend, während die internationalen Fälle mehr Fragen als Antworten aufwerfen. Hinzu kommt, dass der Autor im gesamten Buch die Verstrickung der Geheimdienste mit rechtsterroristischen Gruppen nicht thematisiert. Der abschließende Vergleich zwischen RAF und NSU führt von der Fragestellung weg und die Ergebnisse sind auch ohne die Analyse augenscheinlich.

Fazit

Insgesamt besticht die Arbeit durch den stringenten Aufbau in der Darstellung sowie der Herausarbeitung von internen und externen Faktoren des deutschen Rechtsterrorismus, die einen Wandel darstellen; durch die fehlende Rückbindung an den gesellschaftlichen Kontext allerdings nicht erklären.


Rezensent
Maik Fielitz
Politikwissenschaftler; Wissenschaftlicher Referent am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft, Promotionsstudent an der Goethe Universität Frankfurt, Doctoral Fellow am Centre for Analysis of the Radical Right
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Zitiervorschlag
Maik Fielitz. Rezension vom 16.04.2018 zu: Sebastian Gräfe: Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland. Zwischen erlebnisorientierten Jugendlichen, "Feierabendterroristen" und klandestinen Untergrundzellen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. ISBN 978-3-8487-4515-9. Extremismus und Demokratie, Band 34. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23846.php, Datum des Zugriffs 20.04.2018.


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