socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Norbert Berthold, Klaus Gründler: Ungleichheit, soziale Mobilität und Umverteilung

Cover Norbert Berthold, Klaus Gründler: Ungleichheit, soziale Mobilität und Umverteilung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. 249 Seiten. ISBN 978-3-17-031552-5. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

In diesem Buch werden ökonomische Theorien und empirische Ergebnisse der Ungleichheitsforschung und der sozialen Mobilität unter volkswirtschaftlichen Vorzeichen erklärt. Die Autoren geben sich viel Mühe „spannend und unterhaltsam zu erzählen“ (10). Dies gelingt ihnen und insofern liegt hier ein spannendes Einführungswerk für Sozialwissenschaftlerinnen aller Disziplinen vor.

Autoren

Prof. Dr. Norbert Berthold und Dr. Klaus Gründler forschen und lehren an der Universität Würzburg am Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre (insbesondere Wirtschaftsordnung und Sozialpolitik).

Aufbau

Die Monografie ist in vier Hauptkategorien gegliedert. Während im einführenden Teil geklärt wird, wie Ungleichheit definiert werden kann, wird im ersten Teil der Gliederung die Verteilung der Einkommen in neun Kapiteln erklärt. Der zweite Teil des Buches widmet sich dem Thema der sozialen Mobilität. Im dritten Teil gehen die Autoren auf die Umverteilungsprozesse durch den Staat ein.

Die insgesamt 23 Kapitel der Monografie sind mit „klingenden Überschriften“ versehen und haben jeweils das Format von abgeschlossenen Lehrveranstaltungen, sodass die Kapitel auch unabhängig voneinander bearbeitet werden können. Jedes Kapitel wird mit einer prägnanten Zusammenfassung abgeschlossen, die um eine kleine Auflistung von aktuellen bzw. grundlegenden Forschungsbeiträgen zum jeweiligen Thema ergänzt wird.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Was ist der Unterschied zwischen Einkommen und Vermögen? Was ist überhaupt ein Gini-Koeffizient und wie setzt sich ein Variationskoeffizient zusammen? Im einführenden Kapitel 0 werden die grundständige Begrifflichkeiten und statistischen Grundlagen leicht verständlich erklärt.

Teil I: Verteilung der Einkommen

Kapitel 1 beschreibt die unterschiedlichen Konzepte, die bei der Messung von weltweiter Ungleichheit zugrunde gelegt werden. Das zweite Kapitel nimmt dann den Anstieg der nationalen Ungleichheit in den Blick und die Autoren zeigen die Unterschiede bei der Messung von Ungleichheit auf. Anschließend wird die Polarisierung des Arbeitsmarktes erklärt.

Ausgestattet mit diesen begrifflichen Grundlagen, mit deren Hilfe Ungleichheiten abgebildet werden können, begeben sich die Autoren dann, ab dem vierten Kapitel, auf die Ursachensuche für Ungleichheit und analysieren verschiedene Ungleichheitsindikatoren: Dabei werden grundsätzlich der technische Fortschritt und die Globalisierung als Ungleichheitstreiber ins Feld geführt; das Maß der dadurch ausgelösten Ungleichheit ist jedoch auch stark von nationalstaatlichen Unterschieden geprägt, die im weiteren Verlauf des 5. und 6. Kapitels aufgezeigt werden.

Im fünften Kapitel werden nationalstaatliche Unterschiede beschrieben, die sich auf die institutionelle Ausgestaltung (z.B. Arbeitnehmerschutz oder gewerkschaftlicher Institutionsgrad) und unterschiedliche Haushaltspräferenzen in den einzelnen Ländern zurückführen lassen. Unterschiedliche Haushaltspräferenzen beziehen sich z.B. auf die Zahl der Single-Haushalte in einem Land, aber auch die individuelle Partnerwahl nimmt Einfluss auf nationale Einkommensunterschiede. Nämlich dann, wenn Partner/innen im Haushalt zusammenleben, die einen ähnlichen Bildungsabschluss haben und sich auch im gleichen Einkommensquintil finden.

Ein weiterer Indikator, der auf die nationale Ungleichheit wirkt, ist der politische Einfluss, der Top-Einkommensbezieher/innen. U.a. bezieht sich deren Einfluss auf die Höhe des Spitzensteuersatzes in einem Land (Kapitel 6).

Ab dem siebten Kapitel werden die Auswirkungen einer ungleichen Verteilung in den Blick genommen, die sich auf das Wachstum, auf volkswirtschaftliche Krisen (Kapitel 8) und auf Gesundheit, Arbeitslosigkeit und Armut (Kapitel 9), die in einer Nation gemessen werden können, beziehen.

Teil II: Die soziale Mobilität in der Welt. Wird die Position auf der Einkommensleiter vererbt?

„Wenn Individuen die Einkommensleiter auf- oder abwärts steigen, so sprechen wir von sozialer Mobilität.“ (S. 126). Der Messung und Beschreibung der sozialen Mobilität ist der zweite Teil des Buches gewidmet. Es werden Kennzahlen zu intergenerativen Mobilität (Kapitel 10), zur multigenerativen Mobilität (Kapitel 11) und zur intragenerativen Mobilität dargestellt und erörtert. Dabei zeigt sich, dass sich die soziale Mobilität insgesamt zwischen den Ländern stark unterscheidet. Es kann konstatiert werden: Geringe soziale Mobilität verfestigt soziale Ungleichheitsprozesse.

Im 14. Kapitel wird dann untersucht, inwiefern Chancengleichheit von sozialem Hintergrund und Bildung abhängig ist. Im 15. Kapitel wird beschrieben, welchen Einfluss Institutionen und auch der individuelle Einfluss eines Haushalts auf die Chancengleichheit nehmen können. Abschließend wird im 16. Kapitel auf die Folgen einer geringen oder auch hohen sozialen Mobilität in einer Volkswirtschaft eingegangen. Die Autoren kommen zum Schluss, dass eine geringe soziale Mobilität zur politischen und sozialen Instabilität eines Staates beitragen kann.

Teil III: Die Umverteilung des Staates

Umverteilungsmaßnahmen von Staaten (z.B. in Form von progressiven Einkommenssteuern und sozialen Transferzahlungen) werden im dritten Teil der Monografie in den Blick genommen (Kapitel 17).

Staatliche Programme, die frühkindliche Bildung und Kinderbetreuung finanzieren, tragen zur indirekten Umverteilung bei und entfalten ihre Wirkung sowohl im Abbau von Segregationsprozessen als auch in der Ermöglichung von Vereinbarkeit von Beruf und Familie (Kapitel 18). Die Entwicklung von Umverteilungsprozessen und die Ursachen von internationalen Unterschieden stehen hier im Fokus.

Im 19. Kapitel wird dann die Frage gestellt, wer eigentlich über die Ausgestaltung von Sozialsystemen und Transferzahlungen in einem Staat entscheidet? Die Wählerinnen und Wähler! Die Rolle der politischen Akteure wird anhand von Medianwählermodell und dem Meltzer-Richard Modell erklärt.

Anschließend wird ausgeführt, inwiefern auch die gefühlte Ungleichheit der Individuen, Auswirkungen auf das Wahlverhalten der Bevölkerung insgesamt hat (Kapitel 20).

Im 21. Kapitel wird der Einfluss von Institutionen und Gruppen auf umverteilende Politik aufgezeigt. Insbesondere dann, wenn eine breite sogenannte Mittelklasse im Land besteht, kommt es demnach zu einem Mehr an umverteilender Politik. Auch die kulturelle Prägung, die hier anhand von individualistischen oder stärker kollektivistischen Gesellschaften festgemacht wird, hat Auswirkungen auf die geforderte Umverteilungspolitik.

Inwiefern der Sozialstaat die wirtschaftliche Entwicklung beeinflusst, wird im 22. Kapitel diskutiert; die ökonomische Betrachtungsweise ergänzend werden abschließend soziale Komponenten der Umverteilung in Kapitel 23 aufgezeigt.

Im Epilog wird vor Prognosen, die Ungleichheitsentwicklungen betreffen gewarnt. „Nehmen wir allerdings den heutigen Standard als Maßgabe, so leben wir weiter in einer Welt der Reichen und der Armen, der Riesen und der Zwerge der Einkommensverteilung.“

Diskussion

Die beiden Autoren haben ausgiebig recherchiert und erklären mit trockenem Humor und leichter Hand anspruchsvolle ökonomische Modelle und Indikatoren für die Entstehung von globaler und nationaler Ungleichheit. Der Text wird zusätzlich verständlich und lesbar durch Grafiken und ansprechende Wissenschaftlerporträts (Frauen haben wohl nicht zur Ungleichheit geforscht?), sodass ganz nebenbei auch eine kleine transatlantische Geschichte der Volkswirtschaft ins Buch eingeflochten wird und die Leser/innen die Entwicklung von Theorien auch in einen gesellschaftlichen/historischen Kontext einordnen können. Das Autorenteam achtet auf klare Sprache und richtet seine Aufmerksamkeit darauf, die Lesenden „mitzunehmen“. Die kleine Literaturliste, die jedem Kapitel angefügt ist, bietet weiteres Material für das tiefergehende Studium des entsprechenden Themas an.

Fazit

Lesefreundliches, kluges Einführungswerk der Volkswirtschaft, das die Entstehung von gesellschaftlicher Ungleichheit, sozialer Mobilität über Generationen hinweg und die Konsequenzen staatlicher Umverteilungsprozesse auch für ökonomische Laien nachvollziehbar erklärt. Die komplexen Hauptthemen werden in kleine Einheiten „gepackt“ und sehr gut vermittelt. Für angehende Volkswirtschaftler/innen dringend ins „Starterpaket“ aufzunehmen, für erfahrene Sozialwissenschaftler/innen als Ergänzungsliteratur und zur Auffrischung wunderbar geeignet.


Rezensentin
Prof. Dr. Andrea Helmer-Denzel
Studiengang „Senioren/Sozial-gesundheitliche Dienste-Bürgerschaftliches Engagement“ an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg - Heidenheim
E-Mail Mailformular


Alle 7 Rezensionen von Andrea Helmer-Denzel anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Andrea Helmer-Denzel. Rezension vom 08.05.2018 zu: Norbert Berthold, Klaus Gründler: Ungleichheit, soziale Mobilität und Umverteilung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-031552-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23848.php, Datum des Zugriffs 22.10.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Geschäftsführer/in, München

Stellvertretende/r Geschäftsführer/in, Siegen

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung