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Uwe Bettig, Mona Frommelt u.a.: Pflegeberufe der Zukunft

Cover Uwe Bettig, Mona Frommelt, Martina Roes, Roland Schmidt, Günter Thiele: Pflegeberufe der Zukunft. Akademisierung, Qualifizierung und Kompetenzentwicklung. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. 159 Seiten. ISBN 978-3-86216-396-0. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR.

Jahrbuch Pflegemanagement.
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Herausgeber/innen

Das Herausgeberteam besteht aus ausgewiesenen Hochschullehrer/innen und einer Direktorin einer Fortbildungsakademie, die seit Jahren (z.T. seit Jahrzehnten) das Feld der Pflege überblicken und in unterschiedlichen Bereichen der Pflege- und Gesundheitsforschung engagiert sind. Sie geben das Jahrbuch „Pflegemanagement“ heraus, welches sich in dieser Ausgabe mit der Zukunft der Pflegeberufe beschäftigt.

Thema

In der Veröffentlichung geht es um Aspekte der Professionalisierung der Pflege. Dabei werden Fragen eines veränderten Aufgaben- und Kompetenzprofils, Qualifizierung und Akademisierung in den Vordergrund gerückt. Ein Schwerpunkt liegt auf der Verantwortung der Institutionen selbst, etwa bezogen auf das Kompetenzmanagement und die damit verbundene Suche nach den geeigneten Mitarbeiter/innen. Aktueller Hintergrund der Publikation ist das 2017 verabschiedete Pflegeberufegesetz, welches einen Gesetzgebungskompromiss darstellt.

Aufbau und Inhalt

Der Band besteht aus acht Beiträgen:

Gerhard Igl stellt seinen Beitrag unter das Thema „Pflegeberufegesetz statt Pflegeberufsgesetz“. Er macht damit deutlich, dass es nicht gelungen ist die verschiedenen Berufsgruppen in der Pflege (Altenpflege, Kinderkrankenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege) in einem Beruf zu integrieren. Nach zweijähriger generalistischer Ausbildung gibt es Möglichkeit, entweder den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen (und „Pflegefachfrau“ bzw. „Pflegefachmann“ zu werden) oder eine Schwerpunktsetzung auf dem Gebiet der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege oder der Altenpflege vorzunehmen. Es wird sich zeigen, wie die Abstimmung mit den Füßen ausfallen wird. In jedem Fall muss die Möglichkeit einer primärqualifizierenden hochschulischen Qualifikation als Fortschritt gewertet werden, auch wenn hier noch viele Fragen (vor allem im Hinblick auf die Finanzierung) offen sind.

Bianca Jendrzej und Roland Schmidt beschreiben „veränderte Anforderungsprofile in der ambulanten Langzeitpflege“. Neben dem demografischem Wandel und den Strukturen einer reformierten Pflege (zunehmende Flexibilisierung, Akzentuierung wirtschaftlicher Rationalität, neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff und Anforderungen an die Pflegeberatung) steht ein verändertes Anforderungsprofil im Zentrum. Dabei ist neben Beratung und Casemanagement auf der Fallebene vor allem das Erfordernis der Strukturentwicklung auf der Careebene zu beobachten. Eine zunehmende Hierarchisierung innerhalb der Pflegefachlichkeit wird erwartet, Pflegeprozesssteuerung wird sich ausdifferenzieren. Ebenfalls gehört der Wissenstransfer zum Aufgabenspektrum vor allem akademisch qualifizierter Pflegender.

Ursula Engelen-Kefer befasst sich mit der „Situation der Pflegekräfte im internationalen Vergleich“ und stellt diesbezüglich Unterschiede zwischen Arbeitsbedingungen und Bezahlung deutscher und schwedischer Pflegekräfte heraus. Interessant ist, dass die Unzufriedenheit der schwedischen Pflegekräfte mit der eigenen Leistung – trotz besserer Bedingungen insgesamt – stärker ausgeprägt ist als in Deutschland. Ein Grund mag darin liegen, dass die schwedischen Pflegenden aufgrund besserer Qualifizierung höhere Ansprüche formulieren und/oder sich von ihren Vorgesetzten zu wenig unterstützt fühlen. Der Vergleich mit Schweden ist immer instruktiv, weil er letztlich auf völlig andere Struktur- und Finanzierungsgrundlagen von Gesundheitswesen verweist.

Sabine Sickau und Günter Thiele thematisieren vor allem zwei Aspekte. Im ersten Schritt werden hohe Anforderungen an die pflegerische Arbeit dargelegt. Dabei wird der Kern pflegerischer Arbeit genau umrissen, er liegt in der Interaktionsarbeit; hierzu werden vor allem die Arbeiten von Böhle herangezogen. Vor dieser Folie werden vier Hinweise bzw. Empfehlungen aus Wissenschaft, Praxis und Politik diskutiert.

  • Erstens wird auf das vom Gesundheits- und Sozialministerium in NRW finanzierte Projekt: „Vom Referenzmodell zum Referenzkonzept“ aus dem Jahre 2007 Bezug genommen. Damals wurden bereits zentrale klinische Herausforderungen in der stationären Langzeitpflege identifiziert und eine Organisationsentwicklung in Heimen vorschlagen.
  • Zweitens geht das Autorenduo auf den Skill Mix in den Krankenhäusern ein, plädiert diesbezüglich für einen Spagat zwischen einer hoch qualifizierten „Advanced Nursing Practice (ANP)“ und den Asssistenzberufen.
  • Drittens wird die Notwendigkeit einer systematischen Personalbemessung thematisiert, denn Deutschland schneidet im Hinblick auf die Patienten-Pflegepersonal-Relation insgesamt sehr schlecht ab. Mit einem bundeseinheitlichen und verbindlichen Personalbessungssystem ist erst 2020 zu rechnen.
  • Viertens wird das Pflegeberufegesetz angesprochen, welches nach Einschätzung des Autorenduo ein Kernanliegen, nämlich die Zusammenführung aller Pflegeberufe, nicht erreicht hat. Insgesamt ist eine Diskrepanz zwischen den normativen Erwartungen an eine gute Pflege und den momentanen Realisierungsmöglichkeiten zu konstatieren.

Sabine Nitsche interessiert sich für den richtigen „Fit“ zwischen Verhalten und Verhältnis im Hinblick auf die Gesundheitskompetenz in Pflegeunternehmen. Zentral ist hier die Rolle des betrieblichen Gesundheitsmanagements, welches jedoch häufig ohne substantielle Analyse der individuellen und organisatorischen Gesundheitskompetenz angeboten wird. Beide Ebenen – Individuum und Organisation – müssen in ein Verhältnis zueinander gebracht werden, bei dem eine optimale Passung (Fit) ermöglicht wird. Entsprechende Vorschläge und konkrete Maßnahmen werden vorgestellt.

Uwe Bettig, Rüdiger Hoßfeld, Veit Hannemann und Sabine Nitsche haben ihren umfangreichen Text wie folgt überschrieben: „Kompetenzmanagement in der Pflege – Potenziale von (älteren) Mitarbeitern entdecken“. Nach der Skizze demografischer Entwicklung (mit Bezug zu älteren Pflegenden) wird ausführlich auf Kompetenzorientierung in der Pflege eingegangen. Es wird deutlich, vor allem in den Ausführungen zum Kompetenzmanagement, dass hier die Potenziale nur ansatzweise genutzt werden und kein umfassender Kompetenzdialog als Grundlage einer Kompetenzentwicklung vorhanden ist. Das Projekt „CompCare“ zeigt nach Einschätzung der Autor/innen einen Weg auf sowohl Werte und Kernkompetenzen zu klären wie auch geeignete Instrumente einzusetzen. In den Analysen wird betont, dass hinsichtlich der Wirksamkeit des Vorgehens Mitarbeiter in der Pflege altersunabhängig von einer kompetenzbasierten Analyse und den entsprechenden Entwicklungsangeboten profitieren können. In jedem Fall – so eine Konsequenz aus diesem Beitrag – wird es für Krankenhäuser wie auch für Pflegeheime zukünftig (noch) wichtiger werden, den Bereich der „Human Ressource“ genauer in den Blick zu nehmen, gezielt Personen zu unterstützen, langfristig zu fördern und ihre Kompetenzen zu entwickeln.

Günter Thiele kommt in seinem Aufsatz „Akademisierte Pflegekräfte – Ein- und Ausblicke“ zu der Feststellung, dass die Zahlen unterschiedlich angegeben werden. Während das Statistische Bundesamt von 12.000 akademisierten Pflegekräften im Jahre 2017 ausgeht, wird in einem Gutachten von Simon für die Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft aus dem Jahre 2016 eine Zahl von 7.000-8.000 Pflegekräften mit abgeschlossenem Pflegestudium genannt. In jedem Fall ist noch mit einigen Jahrzehnten zu rechnen, bis das vom Wissenschaftsrat genannte Quorum von 10-20 % akademisierter Pflegender erreicht sein wird. Thiele schlägt noch zwei neue Arbeitsfelder für den genannten Personenkreis vor, nämlich erstens eine verantwortliche Mitarbeit in einer „Kommunalagentur für Pflege“ und zweitens die Übernahme von Betreuungsaufgaben durch Leitungskräfte des Pflegemanagements.

Uwe Bettig und Theresa A. Göppert geben abschließend einen Überblick über die „Entwicklung von primärqualifizierenden Studiengängen“. Dabei werden – nach einer kurzen Beschreibung der Arbeitsmarktentwicklung, der Versorgungslandschaft und der Studiengänge – die verschiedenen Studiengangsmodelle differenziert beschrieben und definiert. Erkennbar wird, dass hier unterschiedliche Systematiken und Verständnisse wichtig sind, die nicht einfach kompatibel mit der internationalen Entwicklung sind. Weiterführend sind die Hinweise zu den Wirkungen einer hochschulischen Pflegeausbildung, vor allem aufgrund der Studien von Darmann et al. und Aiken et al. Offensichtlich machen akademisch qualifizierte Absolvent/innen einen Unterschied, z.B. hinsichtlich der Verbesserung einzelner klinischer Outcomes (z.B. Decubiti), der Reduktion der Mortalitätsraten und der Optimierung der Pflegequalität insgesamt. Als Aufgaben und Handlungsfelder akademisierter Pflegekräfte werden u.a. Gesundheitsförderung, Beratung, Schulung, aber direkte Patientenversorgung, Pflegeprozess-Steuerung) sowie systematische Konzept- und Praxisentwicklung genannt.

Fazit

Das Buch ist für Pflegemanager/innen sehr zu empfehlen, informativ und weiterführend. Auch die eine oder andere Anregung zum Einsatz von akademisch qualifizierten Pflegenden lässt sich der Veröffentlichung entnehmen. Als Leserschaft ist nicht nur ein akademisches Publikum (etwa bezogen auf die Pflegestudiengänge) angesprochen, vor allem die Praxis sollte die Lektüre nicht scheuen. Vor allem diejenigen, die mit konzeptionellen und strategischen Fragen bzgl. des Einsatzes von Fachpersonal in der Pflege befasst sind, werden von der aufmerksamen Lektüre profitieren.


Rezensent
Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Lehrstuhl für Gerontologische Pflege , Fakultät für Pflegewissenschaft, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Homepage www.pthv.de
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Zitiervorschlag
Hermann Brandenburg. Rezension vom 05.03.2018 zu: Uwe Bettig, Mona Frommelt, Martina Roes, Roland Schmidt, Günter Thiele: Pflegeberufe der Zukunft. Akademisierung, Qualifizierung und Kompetenzentwicklung. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. ISBN 978-3-86216-396-0. Jahrbuch Pflegemanagement. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23852.php, Datum des Zugriffs 20.09.2018.


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