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Niklas Altermark: Citizenship Inclusion and Intellectual Disability

Cover Niklas Altermark: Citizenship Inclusion and Intellectual Disability. Routledge (New York) 2017. 176 Seiten. ISBN 978-1-138-08831-3. 132,75 EUR.
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Autor und Entstehungshintergrund

Niklas Altermark ist ein schwedischer Politologe mit einem beruflichen Hintergrund in der Betreuungsarbeit in „group homes“ für Personen mit einer sog. geistigen Behinderung. Heute lehrt und forscht er in der politikwissenschaftlichen Abteilung der Universität im schwedischen Lund. Altermark arbeitet schwerpunktmässig zur Geschichte und gegenwärtigen Situation von als deviant etikettierten Personengruppen und dabei insbesondere zum Phänomen geistige Behinderung. Beim rezensierten Werk handelt es sich um eine überarbeitete Version seiner von der Universität Lund angenommenen Dissertation (Altermark, 2016).

Thema und Methodologie

Die Untersuchung beschäftigt sich mit den Fragen, wie im Schweden der Gegenwart geistige Behinderung als sozialer Tatbestand konstituiert wird und welchen Formen der „Regierung“ Betroffene unterworfen werden. In den Blick genommen wird damit eine nationale Behindertenpolitik, der im Allgemeinen attestiert wird, dass sie die ab den 1960er-Jahren aufgekommenen Forderungen nach einer an Partizipation, Autonomie und Bürgerrechten orientierten Behindertenhilfe konsequent umgesetzt hat. Fokussiert werden in der Arbeit gemeindeintegrierte „group homes“, welche als dominierende Wohnform für Personen mit einer geistigen Behinderung sukzessive die als „totale Institutionen“ (Erving Goffman) problematisierten Komplexeinrichtungen abgelöst haben (Altermark, 2018, S. 11).

Der Autor macht sich im Wesentlichen zwei Heuristiken zu nutze: Einerseits rekurriert er auf das auf Michel Foucault zurückgehende und von den Disability Studies auf die Thematik Behinderung übertragene Konzept der Biopolitik (vgl. etwa Tremain, 2002). Verbunden ist damit eine sozialkonstruktivistische und machtanalytische Perspektive, welche die Konstruktion von geistiger Behinderung in einem unmittelbaren Bedingungsverhältnis mit modernen gesellschaftlichen Kontrollbedürfnissen verortet (Altermark, 2018, S. 18–19). Andererseits überträgt Altermark eine Grundüberzeugung der theoretischen Strömung des Postkolonialismus auf die Behindertenpolitik. Vertreterinnen und Vertreter des Postkolonialismus pochen darauf, dass die westliche Abkehr von der imperialen Kolonialpolitik nicht zu einer Überwindung, sondern zu einer Transformation asymmetrischer Machtverhältnisse zwischen westlichen und „subalternen“ Gesellschaften führte. Altermark zufolge stellt die gegenwärtige Behindertenpolitik – aus der Perspektive einer „post-institutional analysis“ – eine ebensolche Transformation von Machtverhältnissen dar. Damit wendet er sich gegen ein der Inklusionsdebatte inhärentes Fortschrittsnarrativ, das problematische Machtformen in der Behindertenhilfe alleine in der „dunklen Vergangenheit“ verortet, während in der Gegenwart eine ethisch einwandfreie, weitgehend auf Machtausübung verzichtende Politik vorherrschend sei. Vielmehr verfolge die postmoderne Behindertenhilfe unter den Bannern von Inklusion, Selbstbestimmung und Citizenship ihrerseits eine Machtpolitik, welche es entsprechend zu problematisieren gelte (ebd., S. 13).

Altermark's Argumentation basiert auf einer bemerkenswerten Triangulation von unterschiedlichen Ebenen und Methoden der Analyse. Zum einen untersucht er eine Reihe von nationalen und internationalen „policy texts“ sowie Diskurse aus dem Kontext der politischen Philosophie. Zum anderen präsentiert das Buch Befunde aus 40 qualitativen Interviews mit „street-level“-Mitarbeitenden und Leitungspersonen aus dem Kontext von „group homes“ sowie mit Akteurinnen und Akteuren der schwedischen Behindertenbewegung.

Aufbau

Die Arbeit ist in drei Teile unterteilt. Die ersten beiden Teile sind primär der deskriptiven Analyse der gegenwärtigen Situation gewidmet, während im dritten Teil an die Analyse anschliessende Implikationen für eine zukünftige Behindertenpolitik diskutiert werden.

Inhalt

Wie Altermark aufzeigt, ist die schwedische Inklusionspolitik gegenüber Menschen mit einer geistigen Behinderung von einer fundamentalen Ambivalenz gekennzeichnet: Einerseits sollen die Betroffenen als selbstbestimmungsfähige und vor Bevormundung zu schützende Mitbürgerinnen und Mitbürger adressiert werden. Andererseits lässt sich auch für die schwedische Behindertenhilfe nachweisen, dass Momente des Zwangs und paternalistische Herangehensweisen weiterhin omnipräsent sind. Der Befund einer Diskrepanz zwischen Anspruch und institutioneller Wirklichkeit ist an sich nicht neu. Altermark zufolge sind solche Diskrepanzen allerdings nicht primär auf ein Versagen der jeweils für die Politikimplementierung zuständigen Akteurinnen und Akteure zurückzuführen. Verantwortlich sei vielmehr eine Reihe von Widersprüchlichkeiten, die der Inklusionspolitik bereits auf programmatischer Ebene inhärent sei.

In einem ersten Schritt untersucht Altermark im Kapitel „Pathology“ die international gebräuchlichen Klassifikationssysteme, welche der Legitimation der Zuweisung in die Behindertenhilfe dienen, und zeichnet deren historische Entwicklung nach. Dabei macht Altermark deutlich, dass der vielbeschworene Paradigmenwechsel in der nosologisch-pathologischen Literatur kaum Spuren hinterlassen hat. In weitgehender Kontinuität zum Verständnis, das zum Zeitpunkt der Institutionalisierung einer segregierenden Behindertenhilfe dominant war, zeichne sich eine geistige Behinderung durch ein „subnormales“ Leistungsniveau in den Bereichen der Intelligenz und des adaptiven Verhaltens aus. Diese Defizite seien wissenschaftlich-objektiv messbar, bereits in der frühen Kindheit nachweisbar und würden zu lebenslangen Einschränkungen im Bereich der Problemlösekompetenz führen. Wie der Autor darlegt, hat dieses Verständnis von geistiger Behinderung seine Wurzeln in der Aufklärungsphilosophie, in der „Idioten“ (neben anderen „Anormalen“) als Kontrastfolien zum vernunftbegabten, zur selbstständigen Problemlösung fähigen bürgerlichen Subjekt fungierten. Diese Kontinuität zeigt sich etwa anhand der aktuellen Messkriterien für den Bereich des sog. adaptiven Verhaltens, die sich weniger als objektive Indikatoren für einen pathologischen Zustand lesen lassen, sondern „as little more than a shortlist of things required to get by in contemporary Western Societies“ (Altermark, 2018, S. 31).

Im nachfolgenden Kapitel „Philosophy“ wendet sich Altermark zunächst der bereits erwähnten Aufklärungsphilosophie zu. Anhand der Gedankensysteme von John Locke, John Stuart Mill und Immanuel Kant zeigt er auf, dass die abendländisch-humanistische Philosophie politische Rechte und Pflichten an bestimmte, um das Konzept der Vernunft gruppierte Fähigkeiten knüpft. Wird ein Subjekt bezüglich dieser Fähigkeiten als defizitär beurteilt, folgt unweigerlich die Exklusion aus der politischen Gemeinschaft. Teilen der politischen Philosophie der Gegenwart attestiert der Autor zwar ein sichtliches Bemühen, Personen mit einer geistigen Behinderung in der Mitte der Gesellschaft zu positionieren. Allerdings gelinge dies nur unzulänglich, solange das politische Denken dem Ideal des rationalen Subjekts folge. Dies verdeutlicht Altermark anhand der Werke von Charles Taylor und Martha Nussbaum, welche beide explizit den Anspruch erheben, Menschen mit geistiger Behinderung in den Kreis der politischen Gemeinschaft zu inkludieren, sich gleichzeitig aber in der Tradition der abendländischen Vernunftphilosophie verorten. Bei Taylor seien geistig Behinderte insofern exkludiert, als er deren Anerkennungswürdigkeit nicht über deren faktischen Status legitimiere, sondern „for what they ‘potentially’ could have been“ (ebd., S. 64). Nussbaum formuliert bekanntlich eine Reihe von „capabilities“, welche einer Operationalisierung der Kriterien für eine menschenwürdige Existenz dienen sollen. Dabei erwähnt sie aber explizit, dass es Menschen mit einer geistigen Behinderung u.U. verwehrt bleibe, alle „capabilities“ in einem genügenden Masse auszubilden. Folglich bleiben zumindest Teile der Betroffenen von „fully dignified human lives“ (ebd., S. 70) ausgeschlossen.

Im Kapitel „Discourse“ analysiert Altermark die populärsten transnationalen Regelwerke, welche die Inklusion von Menschen mit Behinderung sicherstellen sollen. Deren normativer Grundgehalt ist darin zu sehen, dass Betroffenen ein unabhängiges, selbstständiges und autonomes Leben ermöglicht werden soll. Hier verweist der Autor zunächst auf unverkennbare Parallelen des damit verbundenen Menschen- und Gesellschaftsbildes zur neoliberalen Kritik an einem überbordenden Sozialstaat, der auf Seiten der Empfängerinnen und Empfängern von Transferleistungen angeblich Passivität erzeuge. Bekanntlich führte diese Kritik zu Transformationen in Richtung eines „aktivierenden Sozialstaates“, dessen Interventionen anstelle von Armut verstärkt „Abhängigkeit“ fokussieren. In vergleichbarer Weise soll die zeitgemässe Behindertenpolitik „Abhängigkeit“ vermindern und eine autonome Lebensführung ermöglichen. In einem nächsten Schritt macht Altermark deutlich, dass in diesen Regelwerken Menschen mit geistiger Behinderung wiederum ein Sonderstatus zugesprochen wird. Häufig figuriert geistige Behinderung bereits auf dieser programmatischen Ebene als „Sonderfall“, der – z.B. in den Bereichen inklusive Beschulung und selbstständiges Wohnen – eine fallspezifische Abkehr von den Globalzielen legitimiere.

Im Kapitel „Control“ präsentiert Altermark einen ersten Teil der Ergebnisse aus seinen qualitativen Interviews. Vor dem Hintergrund der programmatischen Inklusionspolitik nicht überraschend, schildern Mitarbeitende wie Klientinnen und Klienten primär Verfahren, welche sich mit dem foucaultschen Begriff der Gouvernementalität fassen lassen. Die Klientinnen und Klienten werden dazu angehalten, ihre „Freiheit“ in einer bestimmten, den jeweiligen Vorstellungen von Citizenship entsprechenden Weise zu gebrauchen. Diese Prozesse lassen sich nach Altermark mit dem Empowerment-Begriff nur unzulänglich charakterisieren, da i.d.R. gerade nicht davon ausgegangen wird, dass die „capabilities of citizenship“ bereits vorgängig angelegt sind. Vielmehr seien die Betroffenen bezüglich ihrer Entwicklung zu autonomen Bürgerinnen und Bürgern weitgehend auf Aussenlenkung angewiesen. In Einklang mit den Bildern von geistiger Behinderung, die in der klinischen Literatur transportiert werden, beobachtet der Autor „a widespread idea among support workers that people diagnosed with intellectual disability have difficulties making choices“ (ebd., S. 95). Des potentiellen Widerspruchs zur auf Selbstbestimmung abstellenden Inklusionspolitik bewusst, umgehen die Mitarbeitenden direktes Eingriffshandeln über „Motivationsarbeit“ (z.B. überzeugen, über Konsequenzen informieren, „Bestechung“ mit Belohnungen) mittels derer die Adressierten zum erwünschten Verhalten geführt werden sollen. Der „Weichheit“ dieser Techniken zum Trotz, bleibt der hierarchische Charakter der Beziehungen zwischen Mitarbeitenden und „Service-Usern“ aufrechterhalten, da die Deutungsmacht über das „richtige“ Verhalten auf Seiten der Mitarbeitenden verortet wird. Darüber hinaus greifen Mitarbeitende – z.T. in Widerspruch zur schwedischen Gesetzeslage – in Fällen, in denen weiche Techniken scheinbar versagen, weiterhin zu restriktiven Massnahmen (z.B. klare Vorgaben bei der Nahrung, abgeschlossene Kühlschränke, Druck im Hinblick auf effektive Verhütungsmethoden). Die interviewten Mitglieder der Self-Advocacy-Gruppe „Grunden“ bestätigen denn auch, dass ihr Alltag von Kontrolle und konstanten Spannungen mit dem Betreuungspersonal geprägt ist.

Mit dem Kapitel „Vulnerability“ startet Altermark seine eher präskriptiv ausgerichteten Überlegungen. Dabei geht er von der Beobachtung aus, dass durch Mitarbeitende ausgeübte Freiheitsbeschränkungen primär über ein „right to be cared for“ (ebd., S. 115) legitimiert werden. Ansatzweise erinnert dieses Legitimationsmuster an Motive der im Kontext der feministischen Theoriebildung entwickelten Care-Ethik. Problematischerweise bleiben die Mitarbeitenden aber einem paternalistischen Care-Ansatz verhaftet, im Rahmen dessen Care-Arbeit der Struktur von „parental relationships“ nachempfunden wird und in der „carer“ und „care receivers“ statisch voneinander abgegrenzt werden. Demgegenüber beschreibt der Autor eine Care-Ethik, in der Vulnerabilität und die damit verbundene Abhängigkeit von der Sorge der Mitmenschen als normale Merkmale menschlicher Existenz fungieren. Damit richtet er sich gegen neoliberale Subjektentwürfe, im Rahmen derer die Abhängigkeit von Mitmenschen grundsätzlich als Symptom einer „beschädigten Identität“ problematisiert wird und eine „ideale Existenz“ auf der irrigen Vorstellung eines sich gänzlich aus sich selbst erschaffenden, unabhängigen Subjekts basiert. Altermark spricht in diesem Zusammenhang von einer „double vulnerability“, die es dem Subjekt letztlich verunmöglicht, gänzlich „Herr seiner Selbst“ zu sein. Der erste Aspekt von Vulnerabilität resultiert aus der fundamentalen Fragilität des Körpers in der körperlichen Begegnung mit der Welt. Folglich schlummert die Möglichkeit von Behinderung in jeder menschlichen Existenz. Mit Bezug auf Judith Butler und ihrer Theorie der Anrufung (Butler, 2016) beschreibt Altermark einen zweiten Aspekt von Vulnerabilität: Der Körper entzieht sich nicht nur insofern unserem souveränen Willen, als er immer fragil bleibt. Darüber hinaus ist die Konstruktion des Körpers abhängig von sozialen Kategorisierungen, die dem Subjekt vorausgehen: „This suggests that the terminologies through which we know ourselves and our relations to others are never of our own making.“ (Altermark, 2018, S. 121)

Im Kapitel „Representation“ beschäftigt sich Altermark in erster Linie mit den Paradoxien des „Zu-Wort-Kommen-Lassen“ von marginalisierten Gruppen. In Bezug auf die bisherige emanzipatorische Forschung im Feld von geistiger Behinderung moniert er, dass diese die Betroffenen paradoxerweise häufig verstummen lässt, indem „the well-meaning researcher rather than hearing and providing space for the oppressed represents themselves as transparent and as able to give a true account of the authentic needs of the group “ (ebd., S. 130). Diese Problematik versucht Altermark insofern zu umgehen, als er die einem Gruppeninterview getätigten Äusserung der Mitglieder der bereits erwähnten Self-Advocacy-Gruppe „Grunden“ teilweise direkt wiedergibt, anstatt sie wie üblich zu paraphrasieren. Deutlich wird dabei unter anderem, dass die Betroffenen das Behinderungs-Label häufig zurückweisen („I have never felt disabled, not in my whole life.“ ebd, S. 134) und gewissen Aspekten der Inklusionspolitik äusserst kritisch gegenüberstehen. So wurde etwa scharfe Kritik an einer staatlich finanzierten Reality-TV-Show laut, welche dem Publikum die Erfolge der Inklusionspolitik vorführen soll, zumindest von Teilen der Betroffenen aber als degradierend problematisiert wird.

Das letzte Kapitel „Ethics“ ist der Debatte um die Pränataldiagnostik (PND) gewidmet. Altermark geht dabei von der These aus, dass es zu einer „ethicisation“ der Debatte gekommen ist, welche die politische Rationalität der Screening-Technologien kaschiert. Als Leitbild des bioethischen Diskurses fungiert die reproduktive Autonomie. Während fortwährend an der Weiterentwicklung der Technologien für ein wirksames „pregnancy management“ (ebd., S. 142) gefeilt wird, hütet man sich davor, direkt auf Entscheidungen werdender Eltern einzuwirken und sich damit des „Eugenik-Verdachtes“ auszusetzen. Damit umschifft der bioethische Diskurs die entscheidende Frage nach den gesellschaftlichen Triebkräften hinter der PND. Dabei kommt man Altermark zufolge nicht umhin, das Motiv in der Logik einer Gesellschaft zur verorten, „that favours a specific understanding of cognitive ability and that views intelligence as a defining characteristic of human beings“ (ebd., S. 148).

Fazit

Beim Buch von Niklas Altermark handelt es sich um einen essentiellen Beitrag zur kritischen Reflexion der gegenwärtigen Inklusionsdebatte. Der Band bietet einen dichten, facettenreichen Einblick in eine nationale Behindertenpolitik unter dem Banner der Inklusion und problematisiert überzeugend Widersprüchlichkeiten, welche sowohl von theoretischer wie auch praktischer Brisanz sind. Dabei verweist die Untersuchung nicht zuletzt auch auf die Potenziale, welche mit einer an Foucault’s Machtanalytik orientierten Perspektive auf die behindertenbehindertenpädagogische Programme der „erweitert liberalen Moderne“ (Wagner, 1995) verbunden sind. Im Wesentlichen geht es dabei darum aufzuzeigen, dass die programmatische Abkehr von segregierenden Sondersystemen und autokratischen Erziehungsmethoden nicht mit einem Verzicht auf pädagogische Manipulation verbunden ist (vgl. auch Meyer-Drawe, 1996; Simpson, 1998). Damit wird in keiner Weise einer Abkehr von einer bürgerrechtlich orientierten Behindertenhilfe das Wort geredet (Altermark, 2018, S. 9); vielmehr geht es darum, sich von unterkomplexen Vorstellungen zu verabschieden, die Macht und Citizenship als dichotome, vermeintlich inkompatible Aspekte konzeptionieren. Im Hinblick auf geistige Behinderung bedeutet dies, „that we … need to understand ‚citizenship inclusion’ as a new way of governing that operates by constituting intellectually disabled citizen-subjects … . Citizenship inclusion did not replace state power but is an instance of it.“ (ebd., S. 6; Hervorhebung im Original). Besonders positiv sticht hervor, dass sich Altermark nicht auf eine „blosse“ Machtanalytik beschränkt, in der präskriptive, anwendungsorientierte Überlegungen häufig weitgehend ausgeklammert bleiben. Insbesondere seine Überlegungen zur Care-Ethik zeigen positive Bezugspunkte für eine Behindertenhilfe auf, welche eine bürgerrechtliche Orientierung und postmoderne Theorieimpulse gleichermassen in seine Deutungs- und Handlungsschemata einzubeziehen hat. Kritisch anzumerken bleibt lediglich, dass im Band Ausführungen zur methodischen Ausgestaltung der qualitativen Interviews weitgehend fehlen. Unglücklicherweise muss hier die Leserin oder der Leser auf ein einwandfreies Vorgehen des Autoren vertrauen.

Literatur

  • Altermark, N. (2016). After Inclusion. Intellectual Disability as Biopolitics. Lund: Department of Politial Science, Lund University. Zugriff am 3. April 2018. Verfügbar unter: http://portal.research.lu
  • Altermark, N. (2018). Citizenship Inclusion and Intellectual Disability. Biopolitics Post-Institutionalisation. New York: Routledge.
  • Butler, J. (2016). Hass spricht. Zur Politik des Performativen (5. Aufl.). Berlin: Suhrkamp Verlag.
  • Meyer-Drawe, K. (1996). Versuch einer Archäologie des pädagogischen Blicks. Zeitschrift für Pädagogik, 42(5), 655–664.
  • Simpson, M. K. (1998). The roots of normalization: a reappraisal. Journal of Intellectual Disability Research, 42(1), 1–7.
  • Tremain, S. (2002). On the Subject of Impairment. In M. Corker & T. Shakespeare (Hrsg.), Disability/Postmodernity. Embodying Disability Theory (S. 33–47). London & New York: Continuum.
  • Wagner, P. (1995). Soziologie der Moderne. Freiheit und Disziplin. Frankfurt & New York: Campus.

Rezensent
Dipl. Sozialpädagoge Markus Steffen
MSc Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Markus Steffen. Rezension vom 15.05.2018 zu: Niklas Altermark: Citizenship Inclusion and Intellectual Disability. Routledge (New York) 2017. ISBN 978-1-138-08831-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23853.php, Datum des Zugriffs 19.09.2018.


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