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Karl Gabriel, Hans-Richard Reuter (Hrsg.): Religion und Wohlfahrts­staatlichkeit in Deutschland

Cover Karl Gabriel, Hans-Richard Reuter (Hrsg.): Religion und Wohlfahrtsstaatlichkeit in Deutschland. Konfessionen - Semantiken - Diskurse. Mohr Siebeck (Tübingen) 2017. 508 Seiten. ISBN 978-3-16-151718-1. 120,00 EUR.
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Thema

Diese von Karl Gabriel und Hans-Richard Reuter herausgegebene Veröffentlichung behandelt den Zusammenhang von religiös-konfessionellen Schlüsselbegriffen und Diskursen und der Entwicklung des modernen Wohlfahrtsstaates. Untersuchungsobjekt ist die Semantik dieser Schlüsselbegriffe.

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung ist der Nachfolgeband der Herausgeber zum im Jahr 2013 bei Mohr Siebeck veröffentlichten ersten Band „Religion und Wohlfahrtsstaatlichkeit in Europa. Konstellationen – Kulturen – Konflikte“. In diesem wurden Fallstudien zu religiös-konfessionellen Einflussfaktoren auf die jeweilige sozialstaatliche Entwicklung verschiedener europäischer Länder veröffentlicht.

Der nunmehr vorgelegte zweite Band baut in seinen Grundannahmen auf die dortigen Ergebnisse auf, ist aber methodisch anders angelegt. Die Bedeutung religiöser Vorstellungen für die sozialstaatliche Entwicklung wird vertiefend nachgewiesen anhand der Entwicklung der historischen Semantik entsprechender Leitbegriffe über die vergangenen 150 Jahre hinweg.

Elf Autor*innen einschließlich der Herausgeber haben ihre Studien zu den Semantiken von Staat, Wirtschaft, Arbeit, Armut, Familie, Gerechtigkeit, Solidarität, Subsidiarität, Verantwortung und Sicherheit beigetragen. Sie zeigen jeweils auf, wie diese Begriffe in die „Tiefengrammatik“ der deutschen Wohlfahrtsstaatsentwicklung eingeflossen sind – mehr noch, diese ermöglicht, formiert und mitgestaltet haben.

Herausgeber

Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Karl Gabriel ist emeritierter Universitätsprofessor am Institut für Christliche Sozialwissenschaften der Katholisch-Theologischen Fakultät und Seniorprofessor am Excellenzcluster ‚Religion und Politik‘ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Prof. Dr. Hans-Richard Reuter ist emeritierter Universitätsprofessor am Institut für Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften der Evangelisch-Theologischen Fakultät und Seniorprofessor am Excellenzcluster ‚Religion und Politik‘ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Aufbau und Inhalt

Gabriel und Reuter gehen von der Grundannahme aus, dass im Wohlfahrtsmodell des Westens (jüdisch-)christliche Vorstellungen von universeller Brüderlichkeit, Hochschätzung des Individuums, kollektiver Verantwortungsübernahme und vor Gott verantwortlicher Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens die „Tiefengrammatik“ der sozialstaatlichen Entwicklung beeinflusst haben. Sie benennen vier Ermöglichungsbedingungen: „kulturell ein tolerantes Verhältnis zwischen Christentum und Moderne“, „institutionell ein Gegenüber von Kirche und Staat“, „organisatorisch eine gemischt-konfessionelle Konstellation“ und „personell das Auftreten charismatischer Persönlichkeiten“ (S. 3). Um die Wechselwirkungen zwischen „sinnstiftenden Leitbegriffen“ (S. 4) und dem Stellenwert von (christlicher) Religion in der sozialstaatlichen Entwicklung zu untersuchen, entscheiden Gabriel und Reuter sich für die Forschungsperspektive der Untersuchung sogenannter wohlfahrtsstaatlicher Leitsemantiken.

Es werden elf Schlüsselbegriffe aus dem Kontext wohlfahrtsstaatlicher Diskursstränge aufgegriffen und untersucht. Namhafte Wissenschaftler (und eine Wissenschaftlerin) tragen siebzehn Einzelstudien bei, die bestimmte Begriffe durchaus auch etymologisch-lexikalisch aber vor allem als Bestandteil eines semantischen Beziehungsnetzes vorstellen. Diesem wird prägende Funktion für die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung zugeschrieben. Dabei differenzieren die Herausgeber zwischen „institutionellen Semantiken“ und „Wertsemantiken“. Darüber hinaus wird bei fast allen behandelten Schlüsselbegriffen auch der jeweilige konfessionelle Kontext berücksichtigt: durch die eigenständigen theologisch-konfessionellen Reflexionskulturen werden die institutionellen Semantiken alle und die Wertsemantiken zum Teil arbeitsteilig in jeweils katholischer und evangelischer Perspektive beleuchtet.

Teil 1: Institutionelle Semantiken

Hierbei handele es sich um „kollektive Deutungsmuster mit überwiegend strukturierender Funktion“ (S. 15) im Prozess der funktionalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft seit dem Kaiserreich. Bis heute könne, so die Autoren, die sozialstaatliche Leistungsstrukturierung anhand dieser Linien nachgewiesen werden.

Schlüsselbegriff „Staat“ (S. 23-63): Den Aufschlag macht Hermann-Josef Große Kracht mit einer Studie zu „Rechtsstaat – Wohlfahrtsstaat – Versorgungsstaat“ mit der historischen Darstellung der katholischen Interpretation des Sozialstaatsprinzips. Thorsten Meiris stellt sodann unter dem Titel „Von der ‚fürsorglichen Obrigkeit‘ zum ‚Sozialstaat‘“ die protestantischen Motive in der Entwicklung wohlfahrtsstaatlicher Semantik vor.

Schlüsselbegriff „Wirtschaft“ (S. 65-122): Karl Gabriel zeigt Knotenpunkte und Konfliktszenarien auf in der Auseinandersetzung um die kapitalistische Wirtschaft in den katholisch-sozialen Diskursen des 19. und 20. Jahrhunderts, während Traugott Jähnichen die Impulse des Protestantismus zur sozialen Einbettung des kapitalistischen Wirtschaftsmodells beschreibt.

Schlüsselbegriff „Arbeit“ (S. 123-166): Die katholische Rekonstruktion zur Wahrnehmung menschlicher Arbeit übernimmt wiederum Hermann-Josef Große Kracht, Thomas Meiries beschäftigt sich mit der evangelischen Sicht unter dem Stichwort „Protestantismus und Wohlfahrtsstaat“.

Schlüsselbegriff „Armut“ (S. 167-216): Während Andreas Kurschat den Bogen schlägt von der Almosenkritik zum modernen Sozialrecht und dabei die gängigsten protestantischen Positionen im sogenannten Armutsdiskurs beschreibt, stellt Stefan Leibold dieselben aus katholischer Sicht dar und geht dabei auf den historischen Prozess vom Kaiserreich bis in die Gegenwart ein.

Schlüsselbegriff „Familie“ (S. 217-263): Die Auseinandersetzung mit den institutionellen Semantiken schließt mit der Darstellung der katholischen Familiensemantik durch Michael N. Ebertz. Sabine Plonz trägt das evangelische Pendant vor, wobei im Protestantismus eine „vergleichbare religiöse Überhöhung“ (S. 473) der Familie wie im Katholizismus zu keiner Zeit vorkam.

Teil 2: Wertsemantiken

Als Wertsemantiken bezeichnen die Autoren „Leitbegriffe mit primär legitimierender Funktion“ (S. 16). Ihre wirkungsmächtigen Terminologien verdeutlichen noch ausgeprägter als die o.g. institutionellen Semantiken die religiös-konfessionelle Konnotation der wohlfahrtsstaatlichen Gesellschaftsform in der Bundesrepublik. Für die Begriffe Solidarität, Subsidiarität und Verantwortung erfolgt keine konfessionsspezifische Darstellung, da sie dominante konfessionelle Prägungen aufweisen. Solidarität und Subsidiarität stammen aus der katholischen Soziallehre, Verantwortung ist ein protestantisch geprägter Leitbegriff.

Schlüsselbegriff „Gerechtigkeit“ (S. 267-304): Hans-Richard Reuter stellt zunächst den Wandel der Idee sozialer Gerechtigkeit im Protestantismus seit der Zeit der „kathedersozialistischen Ökonomen“ (S. 473) bis in die heutige Zeit hinein dar. Christian Spieß beschreibt sodann die Gerechtigkeitsidee im Sozialkatholizismus als „nonegalitaristisch“. Gesellschaftlich konsensfähig sei heutzutage, so Reuter, die Gerechtigkeitsidee als Konzept von „Teilhabegerechtigkeit“ (S. 298).

Schlüsselbegriff „Solidarität“ (S. 331-361): Karl Gabriel zeigt die semantische Linie des Solidaritätsbegriffes als beeinflusst von der französischen säkular geprägten Solidaristenbewegung bis hin zur katholischen Soziallehre in der Weimarer Republik auf. Der Begriff gewann spätestens seit den 1970er Jahren überkonfessionelle Bedeutung. Dieser Konsens kam etwa im gemeinsamen Wirtschafts- und Sozialwort aus dem Jahr 1997 zum Ausdruck.

Schlüsselbegriff „Subsidiarität“ (S. 363-395): Den wichtigsten und schillerndsten Schlüsselbegriff für das Verständnis der Tiefengrammatik des deutschen Sozialstaates sowohl in der Funktion als Leitsemantik wie auch als Strukturmerkmal untersucht Karl Gabriel. Er zeigt auf, dass dieser Begriff im Laufe eines Jahrhunderts sowohl für die „weitreichende korporatististische Quasi-Verstaatlichung als auch eine Deregulierung von Sozialpolitik und Wohlfahrtpflege in Anspruch genommen werden“ konnte (S. 477).

Schlüsselbegriff „Verantwortung“ (S. 397-423): Hans-Richard Reuter befasst sich mit dem Verantwortungsbegriff und zeigt auf, dass sich in beiden Konfessionen der Begriff einerseits zur Wahrnehmung positiver Freiheit zum Dienst am Nächsten hin entwickelte, andererseits auch das Postulat der Eigenverantwortung kirchlicherseits nicht in Frage gestellt wurde bzw. wird.

Schlüsselbegriff „Sicherheit“ (S. 425-466): Der katholischen Sicherheitssemantik in der Ambivalenz von Gottvertrauen, Versicherungstechnik und sozialer Sicherheit kommt Hermann-Josef Große Kracht auf die Spur. Wolfgang Maaser erläutert den Sicherheitsdiskurs aus protestantischer Sicht, der im Anschluss an den amerikanischen Sozialpolitikdiskurs nach 1945 vom Mehrheitsprotestantismus als Programmatik im Sinne von sozialer Sicherheit aufgegriffen wurde.

Diskussion

Alle Autoren haben sich ihrer Aufgabe akribisch gestellt und nicht nur die entsprechenden Semantiken und damit zusammenhängenden Diskurse identifiziert und historisch eingeordnet, sondern teilweise auch die Spannweite der „Diskurskoalitionen“ (S. 488) der letzten 150 Jahre zwischen sozialprotestantischen und sozialkatholischen Akteuren aufgezeigt. Es wurde deutlich, dass die Rezeption von Diskursen der jeweils anderen Konfession eigene konfessionsspezifische Ideen entscheidend nach vorn bringen konnten. Die Übernahme etwa des protestantischen Armutsdiskurses und des katholischen Subsidiaritätsdiskurses haben somit beidseitig und dual die Ausgestaltung des sozialen Gemeinwesens geprägt – und gerade darin ihre Stärke erwiesen. Gabriel und Reuter konstatieren, dass die Stabilität und Anpassungsfähigkeit der deutschen sozialstaatlichen Entwicklung auf der Tiefengrammatik fußen, welche durch die genannten religiös konnotierten Semantiken entstand.

Diese Beschreibung reicht zwar bis in die Gegenwart hinein, bleibt aber natürlich dennoch eine Vergangenheitsbetrachtung. Es stellt sich somit die Frage: Was könnte die Zukunft bringen? Welche Leitsemantiken könnten gegenwärtig das Potenzial haben, die Zukunft des deutschen Wohlfahrtsmodells insbesondere im Kontext europäischer Diskussionen um das Verhältnis von Staat und Kirche wirkungsmächtig mit zu gestalten? Ich hatte während der Lektüre gehofft, zum Schluss noch einen Ausblick, ein Plädoyer oder normativ geprägte Vorschläge für den kirchlichen Umgang mit aktuellen Wohlfahrtsdiskursen im Kontext von Globalisierung, Europäisierung, neuer Armutsproblematik u.a. zu lesen. Die Semantiken von Staat, Wirtschaft, Armut, Familie oder auch Wertsemantiken wie Gerechtigkeit, Verantwortung und Sicherheit werden ja ständig weitergeschrieben. Sie sind in allen Parteiprogrammen der gängigen politischen Parteien vertreten und werden für verschiedenste politische Ziele vereinnahmt. Insofern hätte die Sicht der Herausgeber auf die zukünftige Bedeutsamkeit religiös-konfessioneller Diskurse im Kontext der sozialstaatlichen Entwicklung das Buch für mich noch „rund gemacht“.

Fazit

Die Untersuchung der Tiefengrammatik im Medium diverser Schlüsselbegriffe der wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung basiert auf der Annahme, dass es identifizierbare Wechselwirkungen zwischen der Semantik sinnstiftender Leitbegriffe und dem Stellenwert des Religiösen im sozialstrukturellen Wandel der letzten 150 Jahre gibt. Diese Wechselwirkungen konnten durch die Ergebnisse der siebzehn Einzelstudien in der hier vorgestellten Veröffentlichung nachgewiesen werden. Alle Beiträge können im Übrigen auch unabhängig voneinander studiert werden, um einzelne der aufgeführten institutionellen oder Wertsemantiken zu durchdringen und ihre Bedeutungsgeschichte im sozialhistorischen Kontext zu rekonstruieren.


Rezensentin
Dipl.-Sozialpädagogin Iris Jänicke
M.A. Diakoniemanagement. Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes des Ev. Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg
Homepage www.xing.com/profile/Iris_Jaenicke2?sc_o=mxb_p
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Zitiervorschlag
Iris Jänicke. Rezension vom 29.05.2018 zu: Karl Gabriel, Hans-Richard Reuter (Hrsg.): Religion und Wohlfahrtsstaatlichkeit in Deutschland. Konfessionen - Semantiken - Diskurse. Mohr Siebeck (Tübingen) 2017. ISBN 978-3-16-151718-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23856.php, Datum des Zugriffs 20.08.2018.


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