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Ulrich Würdemann, Thomas Michalak (Hrsg.): Schweigen = Tod, Aktion = Leben

Cover Ulrich Würdemann, Thomas Michalak (Hrsg.): Schweigen = Tod, Aktion = Leben. ACT UP in Deutschland 1989 bis 1993. epubli (Berlin) 2017. 2. Auflage. 172 Seiten. ISBN 978-3-7450-7683-7. D: 14,00 EUR, A: 14,00 EUR.
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Thema

Das vorliegende Buch befasst sich mit der ACT-UP-Bewegung, die von 1989 bis 1993 in der Bundesrepublik Deutschland aktiv war und auf entsprechende Initiativen in anderen Ländern – insbesondere den USA – zurückging. In Reaktion auf HIV und Aids formte sich diese Bewegung – auch in Auseinandersetzung mit der Schwulenbewegung und den institutionalisierten Aids-Hilfen, die zunächst nichts von HIV-Positiven und deren eigenen Engagement wissen wollten.

Herausgeber_innen und Entstehungshintergrund

Ulrich Würdemann ist ein Aktivist: Unter anderem gehört er zu den Gründern der „Schwulen Aktion Bremerhaven“ (1981), des „SchuLZ – Schwulen- und Lesbenzentrum Köln“ (1984/85), von „SchwIPS e.V. – Schwule Initiative für Pflege und Soziales“ (1990), des „Völklinger Kreis“ (1991); seit 1990 fokussiert sich sein Engagement auf HIV/Aids-Aktivismus, unter anderem bei ACT UP (1990-1992), als Mitglied im Fachbeirat Medizin der Deutschen Aids-Hilfe, als Mitglied des Nationalen Aids-Beirats (2013-2016) etc. Er kennt die Ereignisse rings um ACT UP und legte 2017 das hier zu besprechende Buch „Schweigen = Tod, Aktion = Leben“ vor. Selbst HIV-positiv und in der ACT-UP-Bewegung aktiv, beschreibt er aus einer Binnenperspektive und auf Basis zahlreicher Quellen den HIV/Aids-Aktivismus in Deutschland. Auf seinem Blog, das sich versiert mit „Homosexualität_en“ und „HIV/Aids“ auseinandersetzt und auf dem zahlreiche Texte zugänglich sind, erfährt man mehr über ihn: https://www.2mecs.de.

Das Buch hat keine institutionelle Förderung erfahren.

Aufbau und Inhalt

Das Buch „Schweigen = Tod, Aktion = Leben“ ist gut untergliedert und in der Gestaltung barrierearm gehalten. Sind im Inhaltsverzeichnis viele Überschriften genannt – und werden in dieser Rezension nur die Hauptüberschriften wiedergegeben –, so bilden sie in der Gestaltung jeweils einen Ankerpunkt in einem äußerst angenehmen Textfluss.

Das Inhaltsverzeichnis mit seinen zentralen Kapiteln:

  • Vorwort
  • Wut in New York – die Entstehung von ACT UP in den USA
  • Motto und ikonografisches Logo: Die „Marke“ ACT UP
  • General Fury und General Idea: Zwei Beispiele für künstlerische Auseinandersetzung mit Aids
  • Die Aidskrise in Deutschland Ende der 1980er Jahre
  • 1989: „Wir sind im Krieg“ – Die Entstehung von ACT UP in Deutschland
  • 1989/90: Wie aus Ulli ein ACT-UP-Aktivist wurde
  • Organisation, Prinzipien und Arbeitsweise von ACT UP in Deutschland
  • HIV-Positive und Aids-Kongresse: von Wut zu Zusammenarbeit
  • ACT-UP-Aktionen in Deutschland von 1989-1993
  • 1989-1993: Themen von ACT UP in Deutschland
  • Das Ende von ACT UP in Deutschland
  • ACT UP in Deutschland – aus den USA importierter Aktivismus?
  • ACT UP – was bleibt, was wirkt weiter?
  • Statt eines Epilogs: „Aktivismus hat uns vorangebracht, nicht schwuler Mainstream“

Den Band schließen ein Quellen- und Literaturverzeichnis, ein Abschnitt mit Anmerkungen zum Autor und ein Impressum ab.

Inhalt

Das vorliegende Buch bietet aus einer Binnenperspektive einen Zugang zur ACT-UP-Bewegung in Deutschland. Dabei stehen sowohl die Entstehungshintergründe im Fokus als auch die konkreten Aktivitäten und die sich aus diesen Aktivitäten ergebenden Konsequenzen (Erfolge). Auf Basis der Beschreibungen wird ein versierter Zugang zu ACT UP möglich.

Zunächst geht Ulrich Würdemann auf den internationalen Entstehungshintergrund von ACT UP ein. Dabei zeigt sich eine Geschichte, die sich auch und gerade gegen Ausschlüsse und Nicht-Thematisierungen in der schwulen Community wendet. In der internationalen Debatte waren dabei auch Vergleiche zum Holocaust stark, um das Leid zu beschreiben, das durch HIV und Aids über die Schwulen hereingebrochen war. Gegen diesen Vergleich spricht sich Würdemann aus: Es „sprechen viele Argumente gegen diese hochproblematische Gleichsetzung von Aidskrise und Holocaust. Der Holocaust basierte auf bewussten Handlungen, auf Diskussionen und Entscheidungen über eine sogenannte Endlösung. Er hatte konkrete Täter und Opfer. Er wurde in monströsem Umfang, mit härtester Rücksichtslosigkeit und Unmenschlichkeit bewusst und absichtlich betrieben. Der Holocaust war und bleibt in jeder Hinsicht ein singuläres Ereignis. Aids hingegen beruht auf einem Virus als Agens. Es gab keine Aids-Konzentrationslager für Schwule, und keine Regierung benutzte Aids zur Ermordung von Homosexuellen.“ (S. 31)

Diese Einordnung stellt Würdemann voran, um vor diesem Hintergrund die Geschehnisse in der Bundesrepublik Deutschland einzuordnen: Dort entstand in den 1980er Jahren eine „brisante Mischung aus Hetze und Pogromstimmung“ (S. 33), die gerade von dem CSU-Politiker Peter Gauweiler in extensiver Weise zugespitzt wurde. HIV-Infizierte bezeichnete er als „Aussätzige“ (S. 38) und forderte ihre „Konzentrierung“. Der heutige CSU-Chef Horst Seehofer, der auch damals schon politische Verantwortung trug, forderte, sie „‚in speziellen Heimen‘ zu sammeln“ und sie zu „konzentrieren“ (ebd.). In Bayern entstand der „Maßnahmenkatalog zur Abwehr von Aids“, der „Zwangstests für Beamtenanwärter, Drogenabhängige und Prostituierte, ebenso wie Migrant/innen“ vorsah. „Einzig die geplante Absonderung der Infizierten trat nicht in Kraft. In der Folge des Maßnahmenkatalogs hatte auch das Münchner KVR [Kreisverwaltungsreferat, U. W.] Schritte unternommen: Saunen wurden geschlossen, es gab Polizeikontrollen und Auflagen wie das Entfernen von Kabinentüren in den Saunen. Daraufhin verließen viele Schwule die Stadt.“ (Vael, nach: Würdemann, S. 39)

Trotz dieser Zuspitzungen vermeidet Würdemann also Vergleiche mit dem Holocaust, die zum Teil noch heute anderen Schwulen so leicht von der Lippe gehen. Vielmehr ist es ihm ein Anliegen, die unerträgliche Situation für die HIV-Positiven und ihr bewusstes Streiten darzustellen, gerade um der gesellschaftlichen Sicht entgegenzuwirken: „HIV-Positiven wurde die Rolle des passiven ‚Opfers‘ zugeschrieben, das selbst nicht aktiv wird, nicht handelt, sondern behandelt wird, passiv erduldet. Gegen diese Rollenzuschreibung haben wir uns als Aktivisten besonders verwahrt.“ (S. 43) Das geschah auch, weil durch die Zuschreibung eine Unterscheidung von „‚unschuldigen‘ und ‚schuldigen‘ ‚Opfern‘“ (ebd.) erfolgte, die eine Unterteilung der Aidskranken zur Folge hatte; den Aktivisten ging es hingegen darum, sich „nicht in die ‚guten‘ und die ‚schlechten‘ Positiven spalten zu lassen“ (ebd.).

Ulrich Würdemann bleibt nah an den konkreten Akteuren, etwa wenn er Andreas Salmen als wichtigen Aktivisten in der Bundesrepublik besonders erinnert. Und er stellt „Reibungsflächen“ (S. 63) heraus, mit denen er das schwierige Verhältnis der ACT-UP-Aktivisten zur Schwulenbewegung und zu den institutionalisierten Aids-Hilfen benennt. „ACT UP und ‚die Schwulen‘ – das war ein kompliziertes, schwieriges Verhältnis. Ich hatte so manches Mal den Eindruck, Teile der Schwulenbewegungen, der schwulen Medien und der Homo-Verbände betrachteten HIV und Aids letztlich nur als ‚Unfall‘, ein zwar lästiges, aber doch bald vorübergehendes Ereignis, das sie selbst nicht wesentlich tangiere.“ (S. 63) Hier habe sich wenig Solidarität gezeigt – und auch die Aids-Hilfen hätten sich, unsolidarisch, von ACT UP distanziert: „Erfuhren einige ACT-UP-Gruppen von ‚ihrer‘ Aids-Hilfe Unterstützung […], sahen sich andere eher mit Ablehnung konfrontiert. ‚Wozu brauchen wir ACT UP? Das machen wir doch alles selbst!‘ oder ‚ACT UP ist überflüssig wie ein Kropf‘…“ (S. 67). Andere – auch schwule Aktivisten – forderten mehr Moral ein: „Praunheim warf Schwulen vor, sie würden unverändert weiter feiern, ergänzte im ‚Spiegel‘, sie lebten einen ‚faschistischen schwulen Männerkult‘, und warf Vertreter_innen einer auf Aufklärung und Selbstverantwortung setzenden Aidspolitik wie dem Sexualwissenschaftler Martin Dannecker vor, sie seien ‚Kriminelle‘ und denunzierte sie als ‚Schuldige am Tod von vielen Unschuldigen‘. Er verteidigte Vergleiche von Aids mit dem Holocaust…“ (S. 66).

Im Weiteren erläutert der Autor einzelne Aktionen von ACT UP – so den „Marlboro-Boykott: Gebt Ultrarechten keine Chance“ (S. 95). Der Boykott fand statt, „weil der Tabakkonzern Philip Morris den ultrarechten US-Senator Jesse Helms finanziert, weil Helms Hilfen für Menschen mit Aids ablehnt!, weil Helms gegen Lesben und Schwule hetzt!“ (S. 96) Auch gegen die Kirchen fanden Proteste statt. Weitere Aktivitäten zielten auf die produktive Verbindung mit schwulem Aktivismus – „Wärmer leben“ von ACT UP Köln. Aber: Spätestens 1993 fand ACT UP in Deutschland sein Ende. Die Gründe führt der Autor auf: Sie reichen von persönlichem Engagement – durch den Tod von Andreas Salmen fehlte der „geistige Vater“ (S. 138) – bis hin zu den Verbesserungen der medizinischen Behandlung, die den Leidensdruck zu einem größeren Teil genommen haben, und der starken Orientierung am ACT-UP-Aktivismus in den USA.

Abschließend wendet sich Würdemann kritisch dem „Mythos ACT UP“ zu. Er merkt an, in Deutschland habe „ACT UP nie vergleichbare Dimensionen [wie in den USA, Anm. HV] angenommen und meines Erachtens nie die Schwelle zu einer Bewegung überschritten“ (S. 157). „ACT UP war eher in Distanz und Widerspruch zur Schwulenbewegung entstanden und hatte oftmals eher eine kritische Distanz zu Aidshilfen“ (ebd.). Auf dieser Basis folgert er für den Epilog: „Aktivismus hat uns vorangebracht, nicht schwuler Mainstream.“ (S. 160)

Diskussion und Fazit

Ulrich Würdemann liefert mit dem vorliegenden Band einen hervorragenden Einstieg in Betrachtungen zu ACT UP in Deutschland. Er räumt mit dem mitunter angenommenen Mythos auf, dass HIV/Aids-Aktivismus, Aidshilfen und Schwulenbewegung ineinander aufgingen. Vielmehr stellt er die Diskrepanzen zwischen ACT UP auf der einen Seite und Schwulenbewegung und Aidshilfen auf anderen Seiten heraus. Besonders betont er die gegen HIV-Positive feindliche Politik, wie sie vor allem von Peter Gauweiler und Horst Seehofer betrieben wurde.

Damals forderten einige Konservative Zwangstestungen, die aber weitgehend verhindert werden konnten. Heute hingegen wurden im Zuge der asylfeindlichen Politik Zwangstestungen gegen Geflüchtete teilweise durchgesetzt, in mehreren Bundesländern gibt es zudem Regelungen, wie sie auch in Sachsen-Anhalt eingeführt wurden, die eine Zwangstestung von in Gewahrsam genommenen Personen auf HIV und Hepatitis ermöglichen. Hier zeigen sich die aktuellen Auswirkungen von Peter Gauweilers und Horst Seehofers menschenfeindlichen „Ideen“: Eine medizinische Diagnose mit noch immer weitreichenden sozialen Konsequenzen wird hier nicht selbstbestimmt, sondern zwangsweisedurchgeführt – grundgesetzlich, ethisch und medizinethisch ist das hochproblematisch [1].

Das vorliegende Buch bietet einen sehr gut zugänglichen und äußerst fundierten Einstieg zu Fragen des HIV/Aids-Aktivismus. Es ist besonders lesbar und barrierearm gestaltet: Das zeigt sich einerseits an einer guten Gliederung, andererseits an einem Schriftbild, das auf Lesbarkeit orientiert. In jeglicher Hinsicht sei das Buch damit zur Lektüre ausdrücklich empfohlen!

[1] Voß, Heinz-Jürgen (2012): Stellungnahme zum Entwurf eines Vierten Gesetzes zur Änderung des Gesetzes über die öffentliche Sicherheit und Ordnung des Landes Sachsen-Anhalt (Gesetzentwurf der Landesregierung, Drucksache 6/1253); mündlich vorgetragen in der öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Inneres und Sport am 12. Dezember 2012, im Landtagsgebäude. Online: https://heinzjuergenvoss.de/Stellungnahme (Zugriff: 13.1.2018). Ähnliche Regelungen wurden, quasi unbemerkt von der Öffentlichkeit, in mehreren Bundesländern eingeführt. In Sachsen-Anhalt wurde die Regelung vom Landesverfassungsgericht teilweise kassiert. In Niedersachsen sah sich die seinerzeit rot-grüne Landesregierung nicht in der Lage, das dort eingeführte ähnliche Gesetz wieder abzuschaffen.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
Homepage heinzjuergenvoss.de
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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 25.01.2018 zu: Ulrich Würdemann, Thomas Michalak (Hrsg.): Schweigen = Tod, Aktion = Leben. ACT UP in Deutschland 1989 bis 1993. epubli (Berlin) 2017. 2. Auflage. ISBN 978-3-7450-7683-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23858.php, Datum des Zugriffs 25.05.2018.


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