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Dennis Altman, Jonathan Symons: Queer Wars

Cover Dennis Altman, Jonathan Symons: Queer Wars. Erfolge und Bedrohungen einer globalen Bewegung. Wagenbach Verlag (Berlin) 2017. 156 Seiten. ISBN 978-3-8031-3670-1. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.

Mit einem Vorwort von Daniel Schreiber. Aus dem Englischen von Hans Freundl.
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Thema

„Queer Wars“ wendet sich der Geschichte der Kämpfe von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans*, Inter* und Queers (LSBTIQ) weltweit zu. Darin stellen die Autoren die Berechtigung der Forderungen von LSBTIQ heraus, plädieren aber dafür, die regionalen Kompetenzen und den regionalen Aktivismus viel ernster zu nehmen. Das westliche identitäre Sexualitätskonzept und die westliche Form des Streitens seien nicht überallhin übertragbar – und könnten auch für Rückschritte in Bezug auf Fragen der geschlechtlichen und sexuellen Selbstbestimmung von LSBTIQ verantwortlich sein.

Herausgeber_innen und Entstehungshintergrund

Der Band ist 2016 unter dem Titel „Queer Wars“ in englischer Sprache (Cambridge) erschienen und wurde nun von Hans Freundl übersetzt und vom Wagenbach-Verlag für den deutschsprachigen Raum zugänglich gemacht.

Dennis Altman hatte eine Professur für Politikwissenschaft an der La Trobe University (Melbourne, Australien) inne und forscht seit vielen Jahren zu LSBTIQ-Geschichte. Durch seinen Aktivismus und seine Forschungstätigkeit gehört er zu denjenigen, die die LSBTIQ-Geschichte am umfassendsten einschätzen können; seine Bücher sorgten seit den 1970er Jahren für Aufmerksamkeit, zuletzt sein Buch „The End of the Homosexual?“. Jonathan Symons arbeitet als Dozent für internationale Beziehungen an der Macquarie University (Sydney, Australien).

Aufbau

Das Buch „Queer Wars“ ist ein Essay-Band, der sich durch gute Lesbarkeit auszeichnet. Entsprechend sind Hinweise auf verwendete Literatur in einem Anmerkungsteil am Ende des Bandes untergebracht, sodass der Lesefluss nicht durch lange Quellenangaben im Text gestört wird. Auch haben die Autoren viele konkrete Beispiele eingefügt, sodass der Inhalt des Bandes auch Leser_innen gut zugänglich ist, die sich noch nicht ausführlich mit dem Themenfeld LSBTIQ befasst haben.

Das Inhaltsverzeichnis:

  • Queeres Deutschland: Vorwort von Daniel Schreiber
  • Einleitung
  • Kapitel 1: Festlegung der Agenda
  • Kapitel 2: Die Entstehung einer globalen Bewegung
  • Kapitel 3: Queer-Rechte als Menschenrechte
  • Kapitel 4: Der konservative Gegenschlag
  • Kapitel 5: Internationale Polarisierung
  • Kapitel 6: Wie geht es weiter
  • Schluss

Es folgen eine Danksagung und ein Nachtrag der Autoren sowie der Anmerkungsteil, in dem kapitelspezifisch auf die herangezogene Literatur verwiesen wird und sparsam weitere Anmerkungen gebracht werden.

Inhalt

Das vorliegende Buch liefert einen knappen Abriss der lesbischen und schwulen Emanzipationsgeschichte; darüber hinaus werden auch punktuell Kämpfe von und rechtliche Veränderungen für Trans*-Personen vorgestellt. In diesem Sinne wird der Begriff „Queer“ genutzt, der damit nicht in seiner vollen definitorischen Breite (etwa seiner Kritik an starren Identitätskonzepten und an gesellschaftlich wirksamen Normierungen) zur Geltung kommt.

Nach der groben Einordnung des Bandes durch Daniel Schreiber gehen die Autoren von der Situationsbeschreibung aktueller weltweiter Auseinandersetzungen um die Rechte von LSBTIQ aus. Dabei werfen sie Schlaglichter auf die Situation von LSBTIQ in verschiedenen Teilen der Welt – unter anderem sind Russland und Uganda im Blick, aber auch verschiedene Länder Südamerikas und Südasiens.

Daran anschließend geben sie in Kapitel zwei und drei Einblicke in die Emanzipationsgeschichte der Lesben und Schwulen in der westlichen Welt. Hierbei spielen selbstverständlich auch die historischen Ereignisse und Personen im deutschsprachigen Raum eine Rolle – etwa Magnus Hirschfeld. Ebenso rücken sie aber auch den globalen Aktivismus in den Blick: Australien, Spanien, Kuba, Indien und Südasien, Südafrika, Südkorea und Ostasien erhalten dabei eigene Überschriften. Neben der historischen Einordnung, die in Kapitel 2 geleistet wird, erläutern sie in Kapitel 3 die menschenrechtliche Perspektive: Sie ordnen die geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung als Menschenrechte ein und geben einen Überblick über die relevanten internationalen Akteur*innen, etwa auf Ebene der Vereinten Nationen. Hierbei bilden auch die Themenfelder Feminismus und HIV / Gesundheit wichtige Bezugspunkte für die Einordnung der emanzipatorischen Kämpfe.

Gegen die durch den regional verankerten globalen Aktivismus errungenen Erfolge machen sie zunehmende konservative Gegenschläge aus. Homosexualität stelle häufig einen „Brennpunkt“ dar, an dem „sich größere Kulturkämpfe“ entzündeten – „politische oder religiöse Eliten“ instrumentalisierten sie dabei (S. 89). Solche Auseinandersetzungen und Instrumentalisierungen stellen Altman und Symons unter anderem für das frühere Jugoslawien fest, wo sich christlich-religiöse Vorstellungen mit dem sich etablierenden Nationalismus paarten und Homosexualität instrumentalisiert werde. Auch die Situation in Simbabwe, in den USA und in Ägypten wird von den Autoren exemplarisch thematisiert, wobei sie deutlich machen, wie konservative Politiker Homosexualität einbringen, um religiöse Wähler*innen über das Themenfeld „Moral“ zu gewinnen. Die Autoren stellen die Frage, ob sich eine „konservative Internationale“ zeige (S. 97), weisen aber zugleich eine westliche Überheblichkeit gegenüber Ländern des globalen Südens zurück, indem sie unterstreichen, dass sich die „Einstellungen zu Homosexualität auch in den westlichen Ländern, die nun vergleichbare Rechte in anderen Teilen der Welt durchzusetzen versuchen, erst vor relativ kurzer Zeit verändert haben“ (S. 89).

In Kapitel 6 und dem Schlusskapitel führen die Autoren die zuvor angelegten Theoriestränge zusammen, indem sie sich den Interaktionen zwischen globalem Norden (dem Westen) und globalem Süden zuwenden: „Da das Verhältnis zwischen den Aktivist*innen im Westen und denen im globalen Süden häufig sehr ungleich ist, beteiligen sich manche Aktivist*innen an einer ‚diskursiven Kolonisierung‘, die davon ausgeht, dass westlichen Anliegen ein universeller Stellenwert zukomme, und bei der deshalb die Wünsche der Verbündeten unter den Tisch fallen.“ (S. 133) Altman und Symons führen eine Stellungnahme afrikanischer Menschenrechtsaktivist*innen an, „die sich 2007 dagegen aussprachen, sich öffentlich an ‚LGBT-Kampagnen oder an Afrika gerichteten Aufrufen‘ zu beteiligen, ‚die von Peter Tatchell oder Outrage! angeleitet werden [, denn …] die Organisation Outrage! hat bei ihren Aktionen die Wünsche und die Lebenswirklichkeit der afrikanischen Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen [LGBTI] und der Human Rights Defenders missachtet und mit Geringschätzung behandelt‘“ (ebd.). Die zitierten Aktivist*innen sprechen sich dabei durchaus für internationale Kooperation aus, diese solle allerdings auf Augenhöhe erfolgen und müsse auch die Wege des regionalen Streitens ernst nehmen.

Das Streiten kann dabei ganz unterschiedlich sein: Alicia Izharuddin stellt etwa heraus, dass „der Queer-Aktivismus in Malaysia aufgrund der politischen Einschränkungen kulturell geprägt ist durch Kunstausstellungen, Filmvorführungen, Foren sowie Zeitschriften und Musik…“ (S. 135). Im Streiten komme, so die Autoren des Bandes, gerade Popkultur und internationalen und regionalen Menschenrechtsprozessen (S. 141) Bedeutung zu, hingegen würden „die meisten unerbetenen Interventionen von außen wahrscheinlich vergeblich bleiben“ (S. 136). Ein weiteres internationales Scharnier für erfolgreiches Streiten für LSBTIQ könnten punktuell Gesundheitskampagnen darstellen – so finde etwa in Kambodscha eine „HIV- und Awareness Parade“ (S. 137) statt. Über diese Wege des Streitens gebe es einige Erfolge gerade im globalen Süden, etwa hinsichtlich der Anerkennung von Trans*. Hier seien weitere Fortschritte zu erwarten: „Gruppen wie die Coalition of African Lesbians und einige der aktuellen Queer-Bewegungen in Brasilien schmieden momentan neue Allianzen mit anderen fortschrittlichen Vereinigungen, welche die Zusammenhänge zwischen der Ungleichheit auf der Grundlage von Klassen-, ‚Rassen‘- und Geschlechtszugehörigkeit und der Sexualität anerkennen“ (S. 140). – Es geht also um intersektional reflektiertes Streiten.

Gegen westliche Bevormundung werden Altman und Symons noch deutlicher: „Radikale Ideen voranzutreiben oder eine zu große Sichtbarkeit herzustellen in Gesellschaften, in denen nicht jede Sexualität als eine legitime Identität aufgefasst wird, kann einen Rückschlag provozieren, der vorhandene sexuelle Freiheiten sogar wieder zurückdrängt.“ (S. 138) Rahul Rao, den sie für seine Reaktion auf Peter Tatchell anführen, äußert darüber hinaus „die Vermutung, dass manche westliche Aktivist*innen, nachdem sie zu Hause einzigartige Erfolge errungen haben, nun Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern zu bekämpfen suchen, um ihre Identität als politische Aktivist*innen zu begründen“ (S. 134).

Diskussion und Fazit

Leichtgängig liefern Altman und Symons in Freundls Übersetzung dem deutschsprachigen Publikum einen Zugang zum internationalen Stand aktueller Debatten um die Emanzipation von LSBTIQ. Dabei gehen sie überblicksartig vor und bauen eine klare, gut strukturierte Argumentation auf. Durch konkrete internationale Beispiele tragen sie dazu bei, dass sich das Wissen über regionale Kämpfe von LSBTIQ in verschiedenen Ländern und geografischen Regionen verbreitet; zugleich wird durch solche „Auflockerungen“ eine, gute Lesbarkeit erreicht.

Die Betrachtungen sind gerade für die Bundesrepublik Deutschland wichtig: Hier zeigt sich in aktivistischen LSBTIQ-Kontexten eine starke Abwehrhaltung, sich mit der Bedeutung von Kolonialismus, Rassismus und Antisemitismus auseinandersetzen. Zuweilen werden gar Argumente vorgebracht, dass Kolonialismus und Rassismus nicht oder nur ganz marginal zur deutschen Geschichte gehörten und wird Antisemitismus auf die Nazi-Zeit beschränkt. (Vgl. für gute Zugänge zum Themenfeld Kolonialismus und Rassismus in Bezug auf die deutschen Länder und den deutschen Nationalstaat: „Farbe bekennen: Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ [hg. von Katharina Oguntoye, May Ayim, Dagmar Schultz; Berlin: Orlanda] und „Deutschland Schwarz Weiß: Der alltägliche Rassismus“ [Noah Sow; München: Goldmann].)

Der Band kann damit gerade hinsichtlich gelingender internationaler Kämpfe für die Rechte von LSBTIQ in den aktivistischen Kontexten in der Bundesrepublik einen Anschluss an den internationalen Diskussionsstand befördern. Das gilt auch partiell für die wissenschaftliche Debatte.

In Bezug auf „Queer“ und die Breite von LSBTIQ wäre es hingegen sinnvoll gewesen, die weitgehende inhaltliche Beschränkung auf schwule und lesbische Kämpfe, bei punktuellem Einbezug von Trans*-Rechten, auch nach außen transparent zu machen. „Queer“ wird im Band mehr als Synonym für „schwul und lesbisch“ verwendet; da der Begriff im deutschsprachigen Raum nie die Schlagkraft wie im englischsprachigen Raum erreicht hat und mitunter selbst im wissenschaftlichen Kontext die Begriffsdefinition und die theoretische Basis von „Queer“ kaum bekannt zu sein scheinen, werden hier bestehende Missverständnisse verstärkt.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
Homepage heinzjuergenvoss.de
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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 26.01.2018 zu: Dennis Altman, Jonathan Symons: Queer Wars. Erfolge und Bedrohungen einer globalen Bewegung. Wagenbach Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-8031-3670-1. Mit einem Vorwort von Daniel Schreiber. Aus dem Englischen von Hans Freundl. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23860.php, Datum des Zugriffs 25.06.2018.


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