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Manuel Trachsel, Jens Gaab u.a.: Ethische Standards in der Psychotherapie

Cover Manuel Trachsel, Jens Gaab, Nicola Biller-Andorno: Ethische Standards in der Psychotherapie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2018. 115 Seiten. ISBN 978-3-8017-2841-0. 24,95 EUR.

Standards der Psychotherapie Bd. 4.
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Die Reihe „Standards der Psychotherapie“

Das vorliegende Buch ist der 4. Band o.g. Reihe. Dessen vierköpfiges Herausgeberteam besteht aus namhaftem deutschen Professoren (ja, es sind ausschließlich Männer) in Klinischer Psychologie / Psychotherapie. Manche der bisher erschienenen oder angekündigten Bände der Reihe sind weitgehend, wenn nicht ausschließlich für (angehende) Psychotherapeut(inn)en von Interesse. Manche aber auch für (zukünftige) Angehörige solcher helfenden Berufe, in denen praktisches und theoretisches Wissen, das in der Psychotherapieforschung systematisch ermittelt wird, von Bedeutung ist. Das gilt namentlich auch für die Soziale Arbeit (vgl. weiterführend Heekerens, 2016; Ohling, 2015).

Zu jenen Bänden, die über das engere Gebiet der Psychotherapie hinaus für andere helfende Berufe mit dem Kern „hilfreiche Beziehung“ interessant sind, gehört der vorliegende über Ethik. Gespannt sein darf man(n und frau) auch als Nicht-Psychotherapeut(in) auf angekündigte Titel wie „Selbstsicherheit und soziale Kompetenz“, „Gesprächsführung“ oder „Problemlösen“.

Autor(inn)en

  • Manuel Trachsel, Jg. 1982, ist nach Studien der Medizin, Psychologie und Philosophie seit 2014 Oberassistent und Privatdozent am Institut für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte der Universität Zürich; eines seiner Forschungsschwerpunkte ist Ethik und Philosophie in Psychiatrie und Psychotherapie, worüber er fortlaufend (meist) in internationalen englischsprachigen Zeitschriften publiziert.
  • Jens Gaab, Jg. 1970, ist seit 2018 (2011 – 2018 Associate Professor) Full Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie und Abteilungsleiter Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Fakultät für Psychologie der Universität Basel, wo er nach dem Studium der Psychologie in Trier seit 1999 (zunächst als Wissenschaftlicher Mitarbeiter / Assistent) tätig wurde.
  • Nikola Biller-Andorno, Jg. 1971, studierte sie Medizin und Philosophie. Nach der Promotion in beiden Fächern und einem postdoctoral fellowship an der Harvard Medical School habilitierte sie sich im Fach Medizinethik an der Universität Göttingen. Einer zweijährigen Tätigkeit an der Weltgesundheitsorganisation in Genf (2002 – 2004) folgte ein erster Ruf an die Charité in Berlin als Außerordentliche Professorin und Direktorin des dortigen Instituts für Ethik in der Medizin (2004 – 2005). Seit 2005 ist sie Ordentliche Professorin und Direktorin des Instituts für Biomedizinische Ethik der Universität Zürich und dort Leiterin des Ethik-Zentrums und Direktorin des PhD-Programms „Biomedical Ethics and Law“ (medical track).

Entstehungshintergrund

Zur Erstellung des Buches wurde neben den drei Autor(inn)en eine Begleitgruppe aus zehn erfahrenen Psychotherapeut(inn)en unterschiedlicher theoretischer Orientierung, sieben Frauen und drei Männer zusammengestellt. Neun dieser Personen sind in der Schweiz tätig, (nur) eine in Deutschland: in der sysTelios Klinik in Siedelsbrunn (Odenwald). Diese Ausnahme ist schwerlich ein Zufall; der Ärztliche Leiter dieser Klinik ist Gunter Schmidt, der bekannteste deutsch(sprachig)e Pionier der Verbindung von Systemischer Therapie und Ericksonscher Hypnotherapie zu einem ganzheitlichen Konzept (hypnosystemisches Integrationsmodell).

„Die Begleitgruppe hat in einem ersten Schritt die wichtigsten ethischen Themen in der Psychotherapie bestimmt und anschließend zu den ausgewählten Themen klinische Fallbeispiele beigesteuert. Die im vorliegenden Buch diskutierten psychotherapie-ethischen Themen, Herausforderungen und Probleme wurden von der Begleitgruppe direkt aus ihrer klinischen Praxis generiert.“ (S. 3)

Aufbau und Inhalt

„Der Aufbau des Buches orientiert sich an diesen wichtigsten ethischen Themen in der Psychotherapie.“ (S. 3) Diese sind in Kapiteln 2 – 10 behandelt – unter für sich sprechenden Überschriften:

  • Patientenaufklärung, Einwilligungsfähigkeit und informierte Einwilligung (Kap. 2)
  • Interessenskonflikte, Mehrfachbeziehungen und andere Überschreitungen der üblichen therapeutischen Beziehungsgrenzen (Kap. 3)
  • Kulturelle Differenzen und interkulturelle Kompetenzen von Psychotherapeuten in einer multikulturellen und offenen Gesellschaft (Kap.4)
  • Vertraulichkeit, Vertrauen und Grenzen der Geheimhaltungspflicht (Kap. 5)
  • Professionelle Kompetenz und Behandlungsfehler (Kap. 6)
  • Intimität und nichtsexuelle körperliche Berührungen (Kap. 7)
  • Sexuelle Kontakte und Missbrauch (Kap. 8)
  • Placebo und Verum in der Psychotherapie (Kap. 9)
  • Unfreiwillige Klinikeinweisung und andere Formen von Zwangsmaßnahmen (Kap. 10)

Jedes dieser zehn Kapitel beginnt mit einem oder mehreren Falldarstellungen, die eine bestimmte ethische Frage aufwerfen. Danach folgt die Darstellung der jeweiligen ethischen Grundlagen zur Thematik. Abschließend wird das Fallbeispiel bzw. werden die Fallbeispiele erneut aufgegriffen und auf dem Hintergrund der zuvor erarbeiteten ethischen Beurteilungsmöglichkeit betrachtet. Zusätzlich zu dieser Grundstruktur haben die einzelnen Kapitel Elemente, die man zwei Gruppen zuordnen kann.

Da wird einmal an verschiedenen Buchstellen in grau hinterlegten Textkästen Bezug genommen auf berufsethische Richtlinien und Standesregeln von Psycholog(inn)en und Psychotherapeut(inn)en in Deutschland, Österreich und der Schweiz (URLs im Anhang; s.u.).

Zum anderen gibt es in die Kapitel eingestreute Textkästen, in denen eine Reihe bedeutsamer Theorien, Begriffe und Modelle vertieft betrachtet wird:

  • Prinzipien der biomedizinischen Ethik nach Tom Lamar Beauchamp und James F. Childress
  • Moral versus Recht,
  • Deontologie und Konsequentialismus (Pflichtethik und Utilitarismus)
  • Tugendethik
  • Care-Ethik
  • Einwilligungsfähigkeit
  • Das Dammbruch-Argument
  • Paternalismus
  • Shared decision making
  • Ziviler Ungehorsam

Den bisher betrachteten neun Kapiteln (2 - 10) voran steht nach einer Einleitung, die Inhalte und Ziele des Buches benennt, das Statementkapitel Ethik als Grundkompetenz von Psychotherapeuten (Kap. 1).

Dem Schlusskapitel Fazit (Kap. 12) folgen Hinweise auf (ausschließlich englischsprachige) Weiterführende Literatur, das Verzeichnis der verwendeten Literatur sowie im Anhang ein Verzeichnis berufsethischer Richtlinien und Kodizes.

Diskussion

Das vorliegende Buch zählt Soziale Arbeiter(innen) nicht zu seiner Zielgruppe. Nach meinem Urteil sollten Soziale Arbeiter(innen), die sich hauptsächlich, praktisch oder theoretisch mit Sozialer Einzelfallhilfe (Social Casework) beschäftigen, das vorliegende Buch mit Gewinn lesen können. Dies deshalb, weil hier nicht das Ganze der Sozialen Arbeit betrachtet wird, sondern nur die Schnittmenge von Psychotherapie und Sozialer Arbeit: die helfende Beziehung.

Für die angesprochene Gruppe sind die entsprechenden Verlautbarungen der Fachgruppe „Ethik und Soziale Arbeit“ der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (www.dgsa.de/fachgruppen/ethik-und-soziale-arbeit/) und die „Berufsethik des Deutschen Berufsverbands für Soziale Arbeit“ (www.dbsh.de/) einfach nicht spezifisch und konkret genug. Das Gleiche gilt für die einschlägigen Bücher:

  • „Ethik in der Sozialen Arbeit“ (von Gunzelin Schmid Noerr; Stuttgart: Kohlhammer, 2012), vgl. die Rezension)
  • „Lehrbuch der Ethik in der Sozialen Arbeit“ (von Thomas Schumacher; Weinheim: Beltz Juventa, 2013, vgl. die Rezension) und
  • „Ethik in der Sozialen Arbeit“ (von Hans-Ulrich Dallmann und Fritz Rüdiger Volz; Frankfurt a.M.: Wochenschau Verlag, 2013, vgl. die Rezension).

Fazit

„Psychotherapie-Ethik“ ist ein Buch, das lehrreich sein dürfte für alle Soziale Arbeiter(innen) mit Schwerpunkt Social Casework – und damit meine ich nicht nur jene, die sich unter der Fahne der „Klinischen Sozialarbeit“ versammeln. Wo „Klinische Sozialarbeit“ gelehrt wird, sollte das Buch unter den Lehr-Lern-Materialien nicht fehlen.

Literatur

  • Heekerens, H.-P. (2016). Psychotherapie und Soziale Arbeit. Studien zu einer wechselvollen Beziehungsgeschichte. 2016. Coburg: ZKS-Verlag (online verfügbar unter; letzter Aufruf am 11.7.2018).
  • Ohling, Ma. (2015). Soziale Arbeit und Psychotherapie. Veränderung der beruflichen Identität von SozialpädagogInnen durch Weiterbildungen in psychotherapeutisch orientierten Verfahren. Weinheim und München: Beltz Juventa.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 20.02.2019 zu: Manuel Trachsel, Jens Gaab, Nicola Biller-Andorno: Ethische Standards in der Psychotherapie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-8017-2841-0. Standards der Psychotherapie Bd. 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23861.php, Datum des Zugriffs 26.06.2019.


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