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Karin Böllert (Hrsg.): Kompendium Kinder- und Jugendhilfe

Cover Karin Böllert (Hrsg.): Kompendium Kinder- und Jugendhilfe. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 1725 Seiten. ISBN 978-3-531-18530-9. D: 59,95 EUR, A: 61,63 EUR, CH: 75,00 sFr.
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Thema

Das Kompendium Kinder- und Jugendhilfe versteht sich als ein Handbuch, das breit in das Arbeitsfeld Kinder- und Jugendhilfe einführen will. Dabei setzt die Herausgeberin auf Autoren aus dem Kreis der Wissenschaft und Praxis, die theoretische und empirische Zugänge auch auf eine interdisziplinäre Basis stellen.

Herausgeberin

Die Herausgeberin Professorin Karin Böllert lehrt Erziehungswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe/AGJ.

Aufbau

Nach einer Einleitung von Karin Böllert folgen im ersten Band Kapitel über 

  • Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe,
  • Aufgaben und Funktionen,
  • Adressaten und Adressatinnen,
  • Lebenslagen und Lebensorte von Kindern und Jugendlichen,
  • Fachkräfte,
  • Handlungsfelder und
  • Interventionsanlässe.

Der zweite Band thematisiert

  • Recht,
  • Handlungsgrundlagen und Verfahren,
  • Kooperationen,
  • Theoretische Positionen,
  • Forschung,
  • Politische Rahmenbedingungen und
  • Perspektiven.

Der folgenden Abschnitt der Rezension stellt exemplarisch einzelne Beiträge vor.

Ausgewählte Inhalte

Karin Böllert stellt der Veröffentlichung eine Einleitung unter dem Titel Kinder- und Jugendhilfe – Entwicklungen und Herausforderungen einer unübersichtlichen sozialen Infrastruktur voran. Sie wirft die Frage auf, ob sich nach der Expansion des Arbeitsfeldes hinsichtlich Aufgabenspektrum und beschäftigten Fachkräften tatsächlich eine qualitative Verbesserung in den Lebenswirklichkeiten der Adressatinnen und Adressaten gezeigt hat und wie es zu der enormen Ausweitung des Leistungsspektrums kam. Die besondere Relevanz des Feldes begründet sie damit, dass viele sozialpädagogische Fachdiskurse, Forschungen und Entwicklungen an die Kinder- und Jugendhilfe gekoppelt sind.

Als Herausforderungen benennt sie eine ausstehende Reform des KJHG zur „inklusiven Lösung“ (S. 47), die sowohl die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen als auch die UN-Behindertenkonvention ernst nimmt. Des Weiteren benötigt es einer Wirkungsorientierung, die sich an der Perspektive der Zielgruppe orientiert und damit der Verkürzung auf rein fiskalische Aspekte entgegen steht. Beachtet man die steigende Relevanz von Kindern und Jugendlichen in der öffentlichen Wahrnehmung, wird ersichtlich, dass das Grundgesetz einer Erweiterung bezüglich der expliziten Aufnahme der Kinderrechte bedarf. Politische Bildung benötigt einen Stellenwert als Querschnittsaufgabe, damit Demokratie sich als Wert erlebbar und als Lebensform gestaltbar zeigt. Damit verbunden hat auch die Kinder- und Jugendhilfe die Aufgabe, an die europäische Gesinnung ihrer Adressatinnen und Adressaten anzuknüpfen und sich an einem europäischen Erneuerungsprozess zu beteiligen.

Im Abschnitt „Strukturen“ thematisiert Wiebken Düx zivilgesellschaftliches Engagement im Jugendalter und seiner Verortung in der Jugendarbeit. Damit widerspricht sie dem Vorurteil einer gesellschaftlich desinteressierten Jugend. Nach einer Einführung in die gängigen Begriffe zum Engagement, entscheidet sich der Beitrag für die Fokussierung zivilgesellschaftlichen Engagements als Versuch einer Verbindung zwischen politischer Beteiligung und sozialem Engagement, trotz des Hinweises, dass das Selbstverständnis junger Menschen eher in Richtung einer Freiwilligenarbeit geht, die sich vorrangig aus der eigenen Motivation speist und sich nicht zwingend an etablierten Engagement-Formen orientieren muss. Dementsprechend erfolgt sowohl ein Überblick zum Engagement junger Menschen nach Bedeutung und empirischen Befunden als auch zur Verortung in der Jugendarbeit, wobei der Schwerpunkt allerdings auf der Jugendverbandsarbeit liegt. Dieser Abschnitt gliedert sich nach der historischen Entwicklung des Engagements, seiner spezifischen Charakteristika und ebenso empirischen Befunden. Die Herausforderung für das Engagement in der Jugendverbandsarbeit besteht vor allem in der Rekrutierung engagierten Nachwuchses. Das wird an zahlreichen Beispielen hinsichtlich eines gesellschaftlichen Wandels belegt, auf den die Jugendverbände nur langsam reagieren. Ein Fazit stellt die besondere Bedeutung der Jugendverbände heraus: Hier werden Rahmenbedingungen zur Entwicklung einer sozial verantwortlichen Lebensführung und der Fähigkeit zur demokratischer Beteiligung gegeben, die die Schule so nicht bieten kann.

Für den Bereich „Aufgaben und Funktionen“ soll der Beitrag Hilfe und Kontrolle in der Jugendhilfe von Heinz-Jürgen Dahme  und Norbert Wohlfahrt stehen. Die Autoren identifizieren einen staatlichen Auftrag, der auf die Wiederherstellung der Erziehungsfähigkeit und die Stärkung der Elternverantwortung zielt, dabei unterstellt die Mehrzahl der Förderungsmaßnahmen der Jugendhilfe jedoch Elternversagen. Die argumentative Ausgangsposition des Beitrags liegt auf dem eltern- und familienzentrierten Jugendhilfekonzepts des SGB VIII, welches dazu führt, das Interventionen immer im Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle liegen und so zu einer paradoxen Unterstützungsleistung führt, die in Konfliktsituationen familiäre Selbsthilfe fördern soll aber sich gleichzeitig dadurch im Weg steht, dass sie familiäres Scheitern offenkundig macht. Unter Bezugnahme auf verschiedene Etappen der Jugendhilfe, wird die Entwicklung des sozialarbeiterischen Umgangs mit dem doppelten Mandat nachgezeichnet. Hierbei wird besonders der Verdacht auf Kindeswohlgefährdung thematisiert. Im Zusammenhang mit aktuellen Fachkonzepten, wie der Sozialraumorientierung, wird die damit einhergehende Verstärkung der Kontrolle diskutiert. Ein kritisches Fazit betrachtet den vor allem finanziell begründeten neosozialen Sozialstaatsumbau in seiner Auswirkung auf die Soziale Arbeit.

Im Abschnitt „Adressaten und Adressatinnen“ thematisiert Johannes Hüning unter Bezugnahme auf den § 41 SGB VIII (Hilfe für junge Volljährige) die Lebensphase Junge Erwachsene. Diese Lebensphase wird eingangs beschrieben und mit den Auswirkungen eines gesellschaftlichen Wandels begründet. Kennzeichen ist für die beschriebene Statuspassage vor allem eine (noch) nicht gelungene wirtschaftliche Unabhängigkeit. Daher stehen die Themen Arbeit und Bildung sowie Exklusionsvermeidung im Zentrum der Ausführungen. Der Ausblick ist ernüchternd: Zum einen führen Sparzwänge zu einer zurückgehenden Unterstützung der Zielgruppe aus Sicht des SGB VIII, zum andern werden die Betroffenen in den Fokus von Prekarisierung und fortschreitender Schlechterstellung gerückt.

Für den Bereich „Lebenslagen und Lebensorte von Kindern und Jugendlichen“ steht das Kapitel Körperlichkeit und Leiblichkeit von Anna Bea Burghard. Einführend werden körpersoziologische (Bourdieu) und leibtheoretische (Plessner/Schmitz) Zugänge skizziert und in Verbindung mit ihrer Funktion für Kinder und Jugendliche für eine sozialpädagogische Sichtweise anschlussfähig gemacht. Es geraten ungleichheits- sowie machttheoretische Perspektiven in den Blick. Der argumentative Schwerpunkt beruht dabei auf einer geschlechtertheoretischen Lesart. Eine Sozialpädagogik, die hieran anschließt, sollte die Dimension von Körper und Leib als Haben und Sein in die Betrachtung der Lebenslagen und -orte ihrer Zielgruppe involvieren.

Das Personal in der Kinder- und Jugendhilfe thematisieren Kirsten Fuchs-Rechlin und Thomas Rauschenbach im Block „Fachkräfte“. Dabei betrachten sie die Entwicklung aus quantitativer und qualitativer Sicht, kennzeichnen die Beschäftigungsbedingungen als ‚atypisch‘ und skizzieren dann die Veränderungen in der Ausbildung sozialpädagogischer Berufe entsprechend der Fachkräftequalifikation. Die Kinder- und Jugendhilfe ist, mit Abstufungen in den einzelnen Arbeitsbereichen, demnach weiblich und tendiert zu einem Lebensarbeitszeitberuf, das Personal wird damit älter, lässt aber durch altersbedingtes Ausscheiden seit ca. 2010 wieder Raum für jüngere Fachkräfte. Zwar lag die Quote der fachlich einschlägigen Qualifizierten 2010/11 bei 83 % doch fielen davon 53 % auf Erzieherinnen und Erzieher, nur 15 % auf Sozialpädagoginnen und -pädagogen, in den ‚anderen Arbeitsfeldern‘ ohne den Kindertageseinrichtungen entfallen darauf immerhin bereits 39 %. Ein Trend zur Höherqualifizierung ist zu erkennen. Die Teilzeitquote ist den anderen Sozial- und Erziehungsberufen vergleichbar. Beantwortet man die Frage zur Profession merkmalsbezogen, so kommt man zum Ergebnis eines kaum professionalisierten Arbeitsfeldes. Die dargestellten Entwicklungen zeigen, dass sich der Schwerpunkt der Aufgaben auf die Zielgruppe der unter 3-Jährigen und den Kinderschutz verschiebt.

Der Bereich „Handlungsfelder“ orientiert sich an den Paragrafen des SGB VIII. Reinhard Joachim Wabnitz stellt hier Andere Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe nach §§ 42 bis 60 vor. Dabei handelt es sich um eine heterogene Sammlung vom Kinderschutz bis zur Beurkundung, die in der Regel aber zu den klassischen Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe gehören und Pflichten der Träger der öffentlichen Jugendhilfe darstellen. Dementsprechend gibt der Beitrag einen Überblick anhand der rechtlichen Normen. Dabei hat auch das Gesetz zur Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher Berücksichtigung gefunden.

Der Bereich der „Interventionsanlässe“ beschließt den ersten Band. Ivo Züchner beschreibt in diesem Rahmen soziale Ungleichheiten im Kindes- und Jugendalter und begründet die Relevanz mit der Deutung des SGB VIII als die politische Antwort auf diesen Zustand. Der zugrunde liegende Ungleichheitsbegriff definiert sich als „ungleiche Verteilung materieller oder immaterieller Ressourcen in einer Gesellschaft, aus denen sich wiederrum ungleiche und differente Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe ergeben“ (S. 867). Einleitend werden die wesentlichen Theorielinien skizziert, breiter geht der Autor auf die Erfassung sozialer Ungleichheit ein und weist auf die im 14. Kinder- und Jugendbericht definierten, auf das Elternhaus bezogenen Indikatoren Armutsbedrohung, Erwerbstätigkeit und Schulabschlüsse hin. Auswirkungen sozialer Ungleichheiten werden benannt und mit weiterführender Literatur belegt, dabei wird erwähnt, dass in den meisten diesbezüglichen Studien auch die präventive Wirkung der Bereitstellung außerfamiliärer Ressourcen nachgewiesen wird. Der Beitrag wird durch eine Einschätzung der Kinder- und Jugendhilfe abgerundet, die aufgrund der Tatsache, dass freiwillige Angebote überproportional von ressourcenstarken, auf Problemlagen ausgerichtete Hilfs- und Unterstützungsangebote jedoch von ressourcenärmeren Familien genutzt werden, zu dem Schluss kommt, dass durch die Nutzung ihrer Angebote, die Gefahr einer Verfestigung sozialer Ungleichheit besteht.

Eingeleitet wird der zweite Band mit einem Beitrag über Partizipation und Beteiligungsrechte von Liane Pluto in der Abteilung „Rechte“. Zu Beginn wird die Entwicklung und Definition von Partizipation nachgezeichnet und dann ihre rechtliche Verankerung beschrieben. Dabei finden unterschiedliche Kontexte von Teilhabe Beachtung. Eingedenk der Tatsache, dass vor allem für Kinder und Jugendliche zum einen die etablierten Partizipationsformen wenig attraktiv sind, zum anderen, ihnen noch nicht alle Bürgerrechte formal zugesprochen werden, wird von einem offenen Beteiligungsbegriff ausgegangen. Dementsprechend wird auf für die Kinder- und Jugendhilfe relevante Beteiligungsmodelle eingegangen. Auch die paradoxe Praxissituation der in fast allen Fällen gegeben Partizipationsspielräume und der Fachkräfte, die durch Rechtfertigungsdruck und Wirkungsorientierung zum Eindämmen von Partizipation gedrängt werden, gerät in den Blick. Breiter Raum wird den unterschiedlichen Rahmenbedingungen von Beteiligung in den verschiedenen Arbeitsfeldern gegeben.

Albert Scherr legt im Block „Handlungsgrundlagen und Verfahren“ Prävention in Theorie und Konzepten dar und führt zudem in eine kritische Diskussion dieses unumstrittenen scheinenden Ansatzes Sozialer Arbeit ein. Der Beitrag plädiert daher für ein Präventionsverständnis, dass „auf Befähigung zu einer eigenverantwortlichen Lebensführung in der Gegenwart statt auf Verhinderung problematischer Zustände in der Zukunft“ (S. 1014) abzielt. Der Beitrag plädiert dafür den Präventionsauftrag im Rahmen des Verständnisses lebensweltorientierter Sozialer Arbeit anzunehmen, dort, wo er jedoch zur (ordnungs-)politischen Instrumentalisierung führt, abzulehnen und verweist letztendlich auf die Verbindung zum capability approach.

Im Bereich „Kooperationen“ referiert Ruth Enggruber über Agenturen für Arbeit und Jobcenter als Kooperationspartner der Jugendhilfe. Aufgrund der Datenlage konzentriert sich dieser Beitrag auf den Übergangsbereich von der Schule in die Ausbildung bzw. Erwerbstätigkeit, dort wo sozialpädagogische Begleitung involviert ist. Damit besteht eine Verankerung in drei Sozialgesetzbüchern, die zu einer Beschneidung sozialpädagogischer Handlungsmöglichkeiten führte. Als institutionalisierte Form der Kooperation werden die „Jugendberufsagenturen“ kritisch hinterfragt und erste Kriterien abgeleitet, die sich generell in Kooperationsstrukturen von SGB II, III und VIII zum Standard entwickeln können.

Unter dem Stichwort „Theoretische Positionen“ nimmt Holger Ziegler Stellung zum Capabilities Ansatz und legt breit dar, dass es sich hierbei um eine normative Begründung evaluativer Kriterien handelt und welche Fehlschlüsse eine Selbstbeschreibung anhand von Gerechtigkeitstheorien provozieren kann. Die Grundlagen des Capabilities Ansatzes – vor allem bezogen auf Martha Nussbaum – werden so ausgeführt, dass sie als Entfaltungsmöglichkeiten hin zu einer Ethik des guten Lebens verstanden, anschlussfähig für eine Sozialer Arbeit ist, die Lebenswelten und Lebensführungen ihrer Zielgruppen ernst nimmt, sich für die Ermöglichung von Autonomie der Lebenspraxis einsetzt und die Erweiterung von Entfaltungsmöglichkeiten im Blick hat.

Stefanie Albus, Heinz-Günter Micheel und Andreas Polutta nehmen im Rahmen der Darstellung der „Forschung“ die Evaluation und Wirkungsforschung in den Blick. Nach einer Einführung in die zentralen Aspekte folgt eine kritische Betrachtung evidenzbasierter Praxis. In diesem Zusammenhang argumentieren die Autoren, dass die Erwartung der Kostenreduzierung, die in der Regel an evidenz- und wirkungsorientierte Steuerung gestellt wird, nicht eingehalten werden kann. Genauso besteht die Gefahr der Einschränkung von Klientenpartizipation und am individuellen Bedarf ausgerichteten Hilfen. Die Ziel- bzw. Wirkungsdefinition solcher Forschung und die damit verbundene Definitionsmacht ist ausschlaggebend für die Messbarkeit und kann daher eine Richtungszuschreibung der Kinder- und Jugendhilfe beinhalten, die sich der Legitimation entzieht. Dieser kritischen Haltung wird als Kompromiss eine „Evidenzbasierten Professionalisierung“ (Otto et al. 2009) entgegengehalten, die das Wissen um Wirkfaktoren als Hintergrund für eine individuelle und fallangemessene Interventionsplanung reflektiert. 

Die Kinder- und Jugendhilfe im Spannungsverhältnis zur Politik von Klaus Schäfer leitet den Block „Politische Rahmenbedingungen“ ein. Er betrachtet dieses Verhältnis aus einem Doppelcharakter hinsichtlich des Auftrags von Hilfe und Unterstützung, Bildung, Erziehung und Betreuung sowie der Ausstattung mit einem Kinder- und Jugendpolitischen Mandat heraus. Dabei wird die politische Abhängigkeit in der Entwicklung des KJHG skizziert, auf die Heterogenität der Kinder- und Jugendhilfe gleichwie der Politik eingegangen und das Wachstum des Kinder- und Jugendhilfebereichs unter den Einflüssen gesellschaftlicher Entwicklungen betrachtet. Die wachsende Fokussierung auf den Bereich Kinder und Kinderschutz führt zu verstärkten Forderungen einer eigenständigen Jugendpolitik. Den Abschluss bildet eine Aufzählung zentraler Anforderungen, die sich unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen an die wechselseitige Beziehung von Kinder- und Jugendhilfe und Politik stellen.

In der Schlussabteilung „Perspektiven“ thematisiert Fabian Kessl Ökonomisierung als komplexen Veränderungsprozess der Organisation von Kinder- und Jugendhilfe, der in der rechtlichen Verankerung des Prinzips der Wirtschaftlichkeit gipfelt und einer neuen Konzeption des Sozialen auf politisch-ökonomischer und diskursiv-kultureller Ebene. Es werden auf fünf einseitig Betrachtungen, die häufig in der Fachdebatte benannt werden, reagiert und daran die Mehrdimensionalität des Ökonomisierungsbegriffs erläutert sowie praxisrelevante Hinweise für eine präzisere Betrachtung gegeben. Ein Ausblick weist auf dazu oppositionelle Gestaltungsmöglichkeiten hin, die aber über das Feld der Kinder- und Jugendhilfe hinaus auf einen politischen und kulturellen Paradigmenwechsel zielen müssen.

Diskussion

Das Kompendium erhebt den Anspruch, ein Handbuch sowohl für die Hochschullehre als auch für die Praxis zu sein. Dabei wird auf eine Autorenschaft zurückgegriffen, die sich sowohl aus namenhaften Wissenschaftlern als auch auf den wissenschaftlichen Nachwuchs rekrutiert, zudem kommen Fachvertreter aus der Praxis zu Wort. So decken die einzelnen Beiträge auch eine große qualitative Bandbreite ab, die von einer rein deskriptiven Bearbeitung der Themen mit eher farblosen Ausblicken hin zu sehr kritischen und dadurch anregenden Betrachtungen (z.B. Dahme/Wohlfahrt) reicht. Kann die Relevanz für die Soziale Arbeit aufgrund ihrer schwachen Argumentation und etwas einseitigen Theoriefixierung bei einigen Stichworten (wie z.B. Körperlichkeit und Leiblichkeit) leider nicht dargestellt werden, so gelingt es in anderen Beiträgen (z.B. Pluto; Scherr) sehr gut, die angesprochenen Zielgruppen zu bedienen, indem Definitionen und theoretische Grundlinien klar dargelegt und mit weiterführenden Literaturhinweisen belegt werden, dabei aber auch die spezifischen Anforderungen für das Feld der Kinder- und Jugendhilfe inklusive der Widersprüche in der Praxis in den Blick genommen werden. 

Was auffällt, ist, dass viele der Artikel auf ein Literaturverzeichnis verweisen, dass im besten Fall nur einige wenige Titel von jüngstens 2015 anführen. So steht zu vermuten, dass ein Großteil der Beiträge bereits für eine ältere Veröffentlichung vorgesehen waren.

Als schwierig gestaltet sich die Zuordnung der Themen zu den einzelnen Bereichen, was auf die Komplexität des Arbeitsfeldes zurückzuführen ist. Der Umfang der Veröffentlichung von 1725 Seiten weist bereits auf diese Tatsache hin. Problematisch wird dies für einen schnellen Überblick. So vermisst man beispielsweise die Jugendverbandsarbeit im Themenbereich „Handlungsfelder“, sie erscheint jedoch bereits unter dem Stichwort zivilgesellschaftliches Engagement.

Aufgrund dieser Verschränkung der Themen in der Kinder- und Jugendarbeit bzw. der Sozialen Arbeit allgemein, bekommen die Beiträge ihren besonderen Wert erst dann, wenn sie nicht singulär gelesen, sondern als aufeinander bezüglich betrachtet werden. So geben beispielsweise Züchners Beitrag zur Sozialen Ungleichheit in Ergänzung mit Zieglers Artikel Capabilties Ansatz weitaus gewichtigere Impulse für eine Praxis Sozialer Arbeit, die sich mit Recht als professionalisiert verstehen will. Die verschiedenen Beiträge des Kompendiums bieten solche Querverweise leider nur in Einzelfällen, die jedem Artikel vorangestellte Verschlagwortung hilft in der Druckausgabe leider nur bedingt. Hier wäre ein Register hilfreich gewesen.

Fazit

Das Kompendium Kinder- und Jugendhilfe bietet einen breiten Überblick über das vorgestellte Handlungsfeld, dabei werden sowohl ein pragmatischer aber differenzierter Blick gepflegt, als auch disziplinäre und interdisziplinäre Perspektiven diskutiert. Sehr erfrischend ist die in der Regel kritische Argumentation gesellschaftlicher Rahmenbedingungen aus der Haltung eines professionalisierten Selbstverständnisses heraus.

Wenn es der Leserin und dem Leser gelingt, das Kompendium nicht nur als Überblick über einzelne Stichworte zu verstehen, sondern die einzelnen Beiträge in einen Zusammenhang zu setzen, dann ist ihnen ein wertvolles Instrumentarium zum kritischen Hinterfragen des Praxisfeldes in die Hand gegeben.

Literatur

Otto, H.-U./Polutta, A./Ziegler, H. (2009): A Secound Generation of Evidence-Based Practice. In: ebd. (Hrsg.): What Works – Welches Wissen braucht die Soziale Arbeit. Zum Konzept Evidenzbasierter Praxis. Opladen, S. 245-252.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Arb. / Dipl. Soz.-Päd. Maria Wolf


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Zitiervorschlag
Maria Wolf. Rezension vom 01.06.2018 zu: Karin Böllert (Hrsg.): Kompendium Kinder- und Jugendhilfe. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-531-18530-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23870.php, Datum des Zugriffs 25.06.2018.


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