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Marion Müller, Patricia Pfeil u.a.: Identität unter Druck

Cover Marion Müller, Patricia Pfeil, Udo Dengel, Lisa Donath: Identität unter Druck. Überschuldung in der Mittelschicht. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 222 Seiten. ISBN 978-3-658-18938-9. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 31,00 sFr.
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Autor*innen

Die Verfasser*innen dieser Studie sind allesamt am sine-Institut in München tätig. In diesem Buch präsentieren sie die Ergebnisse des durch die DFG geförderten Forschungsprojekts „Identitätsarbeit unter Druck“ unter Leitung von Jo Reichertz (Universität Duisburg-Essen).

Thema

Im Zentrum der qualitativen Studie stehen Angehörige der „Mittelschicht“ und die Frage, ob Situationen der „Überschuldung“ nicht nur materiell sondern ebenso auf der Ebene der Identität bearbeitet werden (müssen). Einen besonderen Fokus legen die Forscher*innen dabei auf die Verlaufsperspektive von Identität(sarbeit) sowie eine Paarperspektive.

Aufbau und Inhalte

Das ausführliche Inhaltsverzeichnis ist bei der Deutschen Nationabibliothek einzusehen.

Zu Beginn wird die Zielgruppe des Forschungsinteresses analytisch konzipiert. Nach einem kurzen Überblick über mögliche Definitionskriterien zur Annäherung an „Mittelschicht“ begründen die Autor*innen die von ihnen verwendete Kategorie der subjektiven Zuordnung durch die Menschen selbst konsequenterweise an der Relevanz des Forschungsinteresses: Sowohl der Diskurs um die Veränderungen der „gesellschaftlichen Mitte“ als auch die statistischen Verschiebungen stünden der zentralen Bedeutung der Mittelschicht als Orientierungspunkt und normativer Maßstab nicht entgegen. Die subjektive Zuordnung erlaube einen komplexeren Begriff der Mittelschicht, da sie einerseits sehr wohl sozialstrukturelle Merkmale mit einbeziehe, wie andererseits den Empfindungen der Menschen Bedeutung verleihe. Dadurch gelangen ebenso diejenigen in den Fokus, die sich von anderen abgrenzen: Zur Mittelschicht könne somit ebenfalls hinzugezählt werden, wer sich als nicht zur Unter- und nicht zur Oberschicht zugehörig begreift.

Die weitere Konkretisierung des Forschungsinteresses auf die Zielgruppe der Mittelschichtangehörigen mit Überschuldungserfahrungen wird doppelt begründet: So fänden sich weder in der der Forschung zur „gesellschaftlichen Mitte“ noch in der Überschuldungsforschung Arbeiten, die nach (narrativen) Handlungsstrategien von Angehörigen der Mittelschicht in Situationen der Überschuldung fragen. Der Forschung zu Überschuldung allgemein konstatieren die Autor*innen weiteres Potenzial; so fehle „es immer noch an Erklärungen zu den komplexen Zusammenhängen und Wechselwirkungen von Überschuldung“ (S. 28).

Das dritte Kapitel widmet sich der Theoretisierung von Identitätsarbeit. In Abgrenzung zu essenzialistischen Identitätskonzepten wird hier eine Perspektive auf „Identität in Arbeit und Identität als Arbeit“ (S. 35) ausgeführt. Gesellschaftstheoretisch fundiert bezeichne Identität nicht etwas, was dem Einzelnen innerlich ist, sondern eine aktive Subjekt-Positionierung. Die Autor*innen begründen, dass Erfahrungen mit Überschuldung Identitätskonstruktionen von Mittelschichtangehörigen verunsichern und demnach als kritische Lebenserfahrungen bearbeitet werden müssen. Wie sie das als Einzelne tun und wie sich dies in Paarbeziehungen darstellt, ist Gegenstand der Untersuchung. Durch den theoretisch – methodologisch anspruchsvollen Rahmen können die Strategien der Identitätsarbeit als Arbeit an und in Gesellschaft, an der Mittelschichtpositionierung, der Überschuldungssituation sowie der Paarbeziehung gelesen werden.

Den theoretischen Kapiteln folgt ein ausführliches Kapitel zum Feldzugang und methodischen Vorgehen. Die Studie folgt methodologisch einer hermeneutischen Wissenssoziologie; im Forschungsprozess orientierten sich die Forschenden an den Prämissen der Grounded Theory Methodology. Drei Jahre lang wurden schwerpunktmäßig 14 Paare aus dem gesamten Bundesgebiet begleitet und in dieser Zeit dreimal interviewt. Der Forschungsverlauf ist transparent dokumentiert und der Reflexion der Rekrutierungsphase sowie Methodenwahl wird ein besonderen Stellenwert eingeräumt: So werden bspw. aus den notwendigen Umwegen beim Zugang zu möglichen Interviewpartner*innen Hypothesen über das Feld erarbeitet oder das Sample auf seine Besonderheiten und damit verbundenen Grenzen kritisch befragt. Im Anhang des Buches finden sich zudem die Interviewleitfäden sowie Anschreiben an potentielle Gesprächspartner.

Die Ergebnisdarstellung erfolgt in drei Schritten:

  1. In einem ersten Schritt erläutern die Autor*innen die von ihnen identifizierten idealtypischen Strategien der Identitätsarbeit im Überschuldungs-/ Insolvenzverlauf, klassifiziert nach „Identität in der Kontinuität“, „Identität in der Modifikation bis hin zur Konversion“ und „Identität im Moratorium“ (Kapitel 5).
  2. Dem folgen drei exemplarische Einzelanalysen von Paaren unter der Überschrift „Krise der Identität“, durch welche im Sinne einer erklärenden Beschreibung die Hauptkategorien fallbezogen sichtbar gemacht werden (Kapitel 6).
  3. Drittens werden die Ergebnisse unter dem Blickwinkel betrachtet, wie die Überschuldung als Paar wahrgenommen wird und ob sie einsam oder gemeinsam bearbeitet wird (Kapitel 7). Hier können die Forscher*innen sichtbar machen, dass die Bearbeitung der Überschuldungssituation in der Paarbeziehung regelmäßig auch mit Fragen von Schuld und Verantwortung in Bezug auf die Entstehung der finanziell schwierigen Situation zusammenhängt.

Zusammenfassend stellen sie fest, dass die Frage, wie die Lebenswelt als Überschuldete wahrgenommen wird, von der Schuldfrage abhängt. Ob die Überschuldung hingegen als einsame oder geteilte Lebenswelt wahrgenommen wird, sei abhängig von der Paarbeziehung.

Die Autor*innen resümieren, dass die Befragten ihre Situationen der Überschuldung sowohl materiell, als auch auf der Ebene ihrer Identität – einzeln, wie als Paar – bearbeiten. Auch wenn sich ihre gesellschaftliche Position durch die eingeschränkten finanziellen Mittel verändert, arbeiten sie daran, ihre Mittelschichtzugehörigkeit zu erhalten, indem sie weiter an deren „institutionalisierter Kultur“ festhalten (vgl. S. 207). Die modernisierungstheoretische Einordnung der Ergebnisse zeigt, dass die Befragten „anstrengende Orientierungs- und Konstruktionsarbeit“ (S. 207) zu leisten haben: Einerseits, da die bestehenden Ordnungen und Prämissen wie bspw. der Erwerbsarbeitsgesellschaft oder der Normal-Familie brüchig werden. Hierdurch erweitern sich zwar die möglichen Orientierung, zugleich resultiere daraus auch eine Überforderung der Einzelnen (S. 205 ff.). Andererseits da durch die Überschuldung die Möglichkeiten, Mittelschichtzugehörigkeit darzustellen, ebenfalls prekärer werden. Drittens geraten auch bestehende Paarkonstellationen durch die Veränderungen unter Druck. Letztendlich zeigen die Forscher*innen jedoch, dass die bestehenden Ordnungen auch weiter Bezugspunkt bleiben und für Stabilität sorgen: Selbst wenn die Befragten sich „neue“ Orientierungen suchen, bleiben diese eingebettet in das, was notwendig ist, um die Mittelschichtzugehörigkeit in der Selbstbeschreibung wie in den Handlungen zu erhalten.

Diskussion

Die Autor*innen ordnen ihre Arbeit selbst in eine modernisierungstheoretische sozialwissenschaftliche Diskussion ein. Die Theoretisierung des „Identität“- Konzepts schließt an aktuelle subjekttheoretische Auseinandersetzungen an und erlaubt es so, die Forschungsergebnisse in ihrer komplexen Verwobenheit von Individuum und Gesellschaft sichtbar zu machen.

Im Bereich der Überschuldungsforschung, für die grundsätzlich Forschungsbedarf konstatiert werden kann, leistet die vorliegende Studie einen wichtigen Beitrag: So gibt es bisher keine Forschungsarbeiten, die einen gesonderten Fokus auf Mittelschichtangehörige legen. Die Ergebnisse der Studie leisten einen Beitrag dazu zu verstehen, dass Verschuldung als Form des Wirtschaftens und Konsumierens Normalität ist, Überschuldung jedoch regelmäßig mit Krisen sowie kleineren oder größeren Lebenskatastrophen verbunden ist. Und hiermit haben die Betroffenen eine Menge „Arbeit“ – nicht nur auf finanzieller Ebene, sondern eben auch in Bezug auf Ihre Identitätskonstruktionen – Einzeln wie als Paar. Die dargestellten Identitätsstrategien erlauben zwar eine Systematisierung, verweisen jedoch auch auf die Einzigartigkeit der Fälle.

Praktiker*innen, bspw. in der Schuldenberatung, kann diese Studie dafür sensibilisieren, dass es für die Ratsuchenden mit einer Entschuldungsperspektive allein nicht getan ist. Könnten Identitätsarbeit sowie Fragen von „Schuld“ an der Überschuldung in diesem Kontext Raum haben und begleitet werden? Hat Praxis die Räume und Gelegenheiten, um den Ratsuchenden ihre eigene Zeit zu geben? Sind dies Dimensionen einer „nachhaltigen“ Schuldenberatung?

Auch in der Lehre eignet sich diese Studie. Insbesondere durch die transparente Darstellung des Forschungsprozesses, einschließlich der notwendigen und gewählten Umwege, sowie der Leitfäden, transportieren die Forschenden ihre reflexive Grundhaltung. Nicht nur Forschungsanfänger*innen können so etwas über die Produktivität des vermeintlichen Scheiterns im Forschungsprozess lernen.

Fazit

Diese Studie zu den Identitätsstrategien von Paaren aus der Mittelschicht, die in eine Überschuldungssituation geraten sind, befasst sich zwar mit einem Nischenthema, verweist jedoch zugleich durch die Theoretisierung auf grundsätzliche gesellschaftliche Themen und Veränderungen. Dem Autor*innenteam gelingt das Spagat, mit ihrer Studie Ergebnisse herauszuarbeiten, die von verschiedenen Leser*innengruppen nutzbar gemacht werden können.


Rezensentin
Dr. Kerstin Herzog
Schulden- und Insolvenzberaterin in Ludwigshafen
Lehrbeauftragte an der HS Ludwigshafen am Rhein
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Zitiervorschlag
Kerstin Herzog. Rezension vom 23.02.2018 zu: Marion Müller, Patricia Pfeil, Udo Dengel, Lisa Donath: Identität unter Druck. Überschuldung in der Mittelschicht. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-18938-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23871.php, Datum des Zugriffs 22.09.2018.


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