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Andreas Pretzel, Volker Weiss (Hrsg.): Politiken in Bewegung

Cover Andreas Pretzel, Volker Weiss (Hrsg.): Politiken in Bewegung. Die Emanzipation Homosexueller im 20. Jhdt. Männerschwarm Verlag GmbH (Hamburg) 2017. 330 Seiten. ISBN 978-3-86300-203-9. D: 22,00 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 31,50 sFr.
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Thema

Bei dem Buch „Politiken in Bewegung: Die Emanzipation Homosexueller im 20. Jahrhundert“ handelt es sich um einen Sammelband, der sich, ausgehend von der Homosexuellenbewegung um die Jahrhundertwende 1900, mit der Bewegungsgeschichte der Schwulen im 20. Jahrhundert befasst. Fokussiert der Band auf Schwule, so werden in einigen Beiträgen auch Lesben thematisiert; in einem Beitrag wird der Frage nachgegangen, ob auch queerer Aktivismus als „Bewegung“ einzuordnen sei.

Herausgeber_innen und Entstehungshintergrund

Das Waldschlösschen ist eine im Jahr 1981 gegründete Akademie, die in Niedersachsen als Heimvolkshochschule anerkannt ist. Ehemals auf schwule Themen fokussiert, wird mittlerweile das gesamte Themenspektrum im Bereich LSBTIQ* (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter*, Queers) abgedeckt und werden auch Fragen zu HIV/Aids thematisiert. Das Waldschlösschen gibt die Publikationsreihe „Edition Waldschlösschen“ im Männerscharm Verlag heraus, in der auch das hier besprochene Buch erschienen ist.

Aufbau

Das Buch ist in drei Kapitel gegliedert, denen jeweils mehrere Beiträge zugeordnet sind. Vorangestellt ist eine Einleitung, die einen Überblick über den Sammelband gibt:

Kapitel 1: Bewegte Männer – Homosexuellenpolitik im Widerstreit

  • Claudia Bruns: „Ihr Männer, seid Männer!“ – Maskulinistische Positionen zwischen Revolution und Reaktion
  • Marita Keilson-Lauritz: Tanten, Kerle und Skandale. Flügelkämpfe der Emanzipation
  • Stefan Micheler: Anstand und Bewegung. Die Freundschaftsverbände Männer begehrender Männer der Weimarer Republik
  • Norman Domeier: Die sexuelle Denunziation in der deutschen Politik seit dem frühen 20. Jahrhundert

Kapitel 2: Fragen und Erkundungen zur Bewegungsgeschichte homosexueller Frauen und Männer

  • Heike Schaden: Die Gemeinschaft frauenliebender Frauen in den 1920er Jahren in Berlin – eine soziale Bewegung?
  • Kirsten Plötz: Wo blieb die Bewegung lesbischer Trümmerfrauen?
  • Volker Woltersdorf: Ist Queer in Deutschland eine Bewegung?

Kapitel 3: Auseinandersetzungen zur Bewegungsgeschichte

  • Michael Holy: Bewegungsgeschichte und Sammelleidenschaft. Zur Entstehungsgeschichte der „Sammlung Holy“
  • Sigmar Fischer: Bewegung zwischen Richtungsstreit und Stagnation – Die Deutsche Aktionsgemeinschaft Homosexualität (DAH)
  • Joachim Bartholomae & Detlef Grumbach: Der kurze Sommer der Anarchie. Vom politischen Aufbruch zur Institutionalisierung der Schwulenbewegung
  • Jens Dobler: Erfolgsgeschichte Schwulenbewegung
  • Georg Klauda: Eine Übung in Bescheidenheit. Zum fehlenden Fragezeichen hinter der Erfolgsgeschichte der Lesben- und Schwulenbewegung

Den Band schließt ein kurzes biografisches Verzeichnis zu den beitragenden Autor*innen ab.

Inhalt

Die in „Kapitel 1: Bewegte Männer – Homosexuellenpolitik im Widerstreit“ zusammengefassten Beiträge wenden sich vornehmlich der ersten Homosexuellenbewegung im Deutschland des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu und fokussieren entsprechend auf die Zeit um 1900. Claudia Bruns liefert mit dem Aufsatz „‚Ihr Männer, seid Männer!‘ – Maskulinistische Positionen zwischen Revolution und Reaktion“ den Aufschlag. Sie erläutert zunächst Grundzüge der beiden miteinander ringenden Positionen: die „Zwischenstufentheorie“, die u.a. von Magnus Hirschfeld vertreten wurde, auf der einen Seite; die „maskulinistische“ Sicht, die homosexuelle Männer eher auf eine „kernige“, männliche „Natur“ festlegen möchte, auf der anderen. Die „Zwischenstufentheorie“, die für homosexuelle Männer einen „weiblichen Geist“ in einem „männlichen Körper“ annahm und „Homosexuelle“ an sich als ein „drittes Geschlecht“ konstruierte, legte „Homosexuelles“ als eine Art „Sondernatur“ fest – darauf baute das Streiten des WhK (Wissenschaftlich humanitäres Komitee) für die Straffreiheit gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen unter Männern im Deutschen Reich auf, andererseits konnten sich mit dieser Sichtweise auch ein medizinischer Pathologisierungs- und ein juristischer Verfolgungsdiskurs verbinden.

Gegen eine „solche (Selbst-)Beschreibung als ‚drittes‘ Geschlecht, die männliche Homosexualität in erster Linie als Verweiblichung interpretierte, regte sich von Anfang an Widerstand in den eigenen Reihen. Kritisiert wurde nicht nur Ulrichs‘ und dann zunehmend auch Hirschfelds Theoretisierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen, sondern auch die damit verbundene politische (Normalisierungs-)Strategie, die auf gesellschaftliche Toleranz für eine medizinisch-biologische ‚Anomalie‘ setzte. Die Maskulinisten wollten vielmehr über die Betonung ihrer Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht und dessen besondere Leistungen für den Staat eine kulturelle Höherwertigkeit mannliebender Männer postulieren.“ (S. 31f) Diese Männer setzen Anfang des 20. Jahrhunderts und schließlich in der Weimarer Republik darauf, „das als ‚feministisch‘ und später auch als ‚semitisch‘ diagnostizierte Zeitalter zu beenden“ (S. 32). Dieser maskulinistischen Richtung geht Bruns im Folgenden ausführlicher nach. Dabei orientiert sie sich in der Behandlung an bedeutenden Vertretern dieser Richtung, insbesondere: Adolf Brand (1874-1945), Elisar(ion) von Kupffer (1872-1942), Eduard von Mayer (1873-1960), Gustav Jäger (1832-1917), Benedikt Friedländer (1866-1908) und Hans Blüher (1888-1955). Bruns erläutert die Positionen der einzelnen Personen dezidiert und ordnet sie wiederum in die damaligen Diskussionen und Streite der „Richtungen“ ein – „Zwischenstufentheorie“ vs. „Maskulinisten“. Fokussiert auf Blüher, stellt Bruns noch einmal deutlich heraus, wie maskulinistische Positionen direkte Bestandteile der Ideologie der Nazis waren: „Mit der eigenen Germanisierung verband sich auch eine Verschiebung der wissenschaftlichen Begründung Blühers für eine Aufhebung des § 175. Im Juni 1913 warb er nun gezielt mithilfe rassistischer, antisemitischer und biopolitischer Argumente für die Homosexuellenemanzipation bzw. für das ‚Zwischengebiet zwischen der gewöhnlichen Freundschaft und der Liebe der Homosexuellen‘, deren Nützlichkeit für die ‚Volksgesundheit und die Volkskraft‘ er in der ‚germanischen Zeitschrift‘ für Körperkultur herausstrich. Die Homosexualität sei keine ‚wesentlich jüdische Eigenschaft‘, sondern durchaus mit dem ‚rassenechten Germanen‘ vereinbar (Blüher 1913a: 570).“ (S. 53)

Bruns folgert am Abschluss ihres Beitrags prägnant: „Es zeigt sich, dass die Problematisierung von Homosexualität nicht nur als Kampf um sexuelle Selbstbestimmung gelesen werden kann. Vielmehr fand sie im Kontext eines Machtkampfes zwischen den Geschlechtern wie auch einer sich radikalisierenden Rassisierung der Gesellschaft statt.“ (S. 58)

Marita Keilson-Lauritz schließt im nächsten Aufsatz an die „Flügelkämpfe“ an, wie sie sich in der Auseinandersetzung des „Brand-Lagers“ mit den Theorien Magnus Hirschfelds zeigen. Sie zeigt dabei auch auf, dass sich die späteren Positionierungen in der – zweiten – Homosexuellenbewegung, der (radikalen) Schwulenbewegung in der BRD und im Westberlin der 1970er Jahre, auch deutlich auf Brand beziehen. Sie schreibt: „Vor diesem Hintergrund ist es reizvoll, einen Blick auf den sogenannten ‚Tuntenstreit‘ […] zu werfen. Soweit sich die ‚Tunten‘ damals als ‚offensiv auftretende Homosexuelle‘ verstanden, befänden sie sich – trotz Fummel – eher bei Adolf Brand und seinen Provokationen als bei Hirschfelds umsichtigen Taktieren. Man könnte sogar sagen, dass sie mit Brand den anarchistischen, bestehende Staatsformen und Institutionen infragestellenden Standpunkt teilten. Beabsichtigt oder nicht zeigt sich das auch darin, dass die 1975 gegründete Zeitschrift ‚Schwuchtel‘ ihr Logo […] ausgerechnet aus einem ‚Buch für Kunst und männliche Kultur‘ bezog, nämlich aus dem Jahresband 1906 des ‚Eigenen‘“ (S. 72f), der von Adolf Brand herausgegeben wurde. Gleichwohl es die Position Adolf Brands verniedlicht, sie nur als einen „anarchistischen, bestehende Staatsformen und Institutionen infragestellenden Standpunkt“ zu benennen, wo Brand sich doch deutlich gegen die „Weimarer Toleranz“ wandte und die nationalistische Rechte unterstützte, so könnte es in der Folge ertragreich sein, in einer historischen Aufarbeitung deutlicher und auch kritisch den Bezügen der (radikalen) Schwulenbewegung zu den verschiedenen Positionen nachzugehen.

In den beiden das Kapitel beschließenden Aufsätzen geht zunächst Stefan Micheler der Frage nach, ob die „Freundschaftsverbände Männer begehrender Männer“ in der Weimarer Republik als Bewegung eingestuft werden sollten, und betrachtet anschließend Norman Domeier, wie die Problematisierung sexuellen Tuns in politischen Auseinandersetzungen des frühen 20. Jahrhunderts zur „Denunziation, Verleumdung und Erpressung“ (S. 101) eingesetzt wurde. Neben dem häufiger betrachteten „Krupp-Skandal“ und dem „Eulenburg-Skandal“ wendet er sich dabei etwa auch den sexuellen Denunzierungen zu, die sich gegen Willy Brandt richteten.

Das zweite Kapitel „Fragen und Erkundungen zur Bewegungsgeschichte homosexueller Frauen und Männer“ verfolgt intensiver die Frage, bei welchen Gruppierungen und Aktivitäten letztlich von „Bewegungen“ gesprochen werden kann. Betrachtete Stefan Micheler bereits im vorangegangenen Kapitel die „Freundschaftsverbände“ unter dieser Fragestellung, so fokussieren Heike Schader, Kirsten Plötz und Volker Woltersdorff in den drei Beiträgen dieses Kapitels auf Frauen- und queere Kontexte. In den Beiträgen von Heike Schader und Volker Woltersdorff werden dabei soziologische Zugänge vorgestellt, ab wann Zusammenschlüsse und Aktivitäten im Sinne einer „Bewegung“ zu werten seien. Schader hält die folgenden Kriterien fest:

  • „Bewegung als kollektiver Akteur
  • Anlass der Bewegung
  • Der gesellschaftliche Gestaltungswille
  • Das gemeinsame Ziel
  • Ein gewisses Maß an Organisation
  • Die Erzeugung von Wirklichkeit in Kommunikation
  • Der Austausch mit umgebenden Systemen“ (S. 119).

Volker Woltersdorff zitiert den Bewegungsforscher Dieter Rucht für dessen Bewegungs-Begriff, um anschließend zu fragen, ob es sich bei Queer um eine Bewegung handele, wie folgt: „Eine soziale Bewegung ist ein auf gewisse Dauer gestelltes und durch kollektive Identität abgestütztes Handlungssystem mobilisierter Netzwerke von Gruppen und Organisationen, welche sozialen Wandel mit Mitteln des Protests – notfalls bis hin zur Gewaltanwendung – herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen wollen. Sozialer Wandel bedeutet in diesem Zusammenhang eine grundlegende Veränderung gesellschaftlicher Ordnung…“ (Rucht, nach: S. 163)

Nach Prüfung der Aktivitäten und Aktionsformen kommt Schader für die „Aktions- und Präsentationsformen frauenliebender Frauen“ (S. 140) zum Schluss, dass ihnen in anderen Arbeiten zu schnell der Begriff der „Bewegung“ abgesprochen werde. Auch wenn „der Wunsch nach Geselligkeit, Selbstfindung und Selbstäußerung sicherlich eine große“ Rolle gespielt habe (ebd.), „ist offensichtlich, dass Gegenentwürfe zur gesellschaftlichen Normalität entwickelt wurden, dass die Frauen, zumindest in den Zeitschriften, gemeinsame Ziele entwickelten, dass zum ersten Mal Bilder, Konzepte und Diskurse, in denen sich frauenliebende Frauen zu Sexualität, Identitäts- und Begehrenskonzepten äußerten, entstanden.“ (Ebd.)

Woltersdorff prüft für queere „Aktions- und Präsentationsformen“ kritisch, ob es sich um eine Bewegung handele. Dabei setzt er sich zunächst mit den Argumenten der Gegner von Queer auseinander: „Als queer bezeichne sich eine kleine, abgehobene In-Group, deren Attitüde Nicht-Eingeweihte rigoros ausgrenze und intellektuell, politisch und vielleicht auch erotisch abwerte ([Jan] Feddersen 2008, 2013). Dieser narzisstische Hang zur ‚Selbstdarstellung‘ ([Andreas] Pretzel 2008: 8) sei letzten Endes nicht mehr als ein radical chic, der mit einem ins Elitäre driftenden Selbstverständnis als Avantgarde einhergehe, die den eigenen Lifestyle als besonders subversiv zelebriert, letzten Endes aber unpolitisch bleibt, weil sie sich nicht um realpolitische Veränderungen sorgt ([Jan] Feddersen 2013; [Tove] Soiland 2009, 2011). Queer bleibe daher unverständlich und hermetisch ([Manuela] Kay 2012).“ (S. 179) Woltersdorff gesteht, basierend auf Selbstpositionierungen aus queeren Kontexten, den Punkt einer gewissen „Avantgarde“-Überzeugung in Teilen zu – erläutert aber, dass das kein hinreichender Hinweis sei, um Queer den Bewegungscharakter abzusprechen. Zugleich erläutert Woltersdorff, dass historisch „sozialen Bewegungen“ ein gewisses „Avantgarde“-Denken innewohne: „So gerierten sich die Homophilen […] als geistige Elite der Homosexuellen […], während sich die radikale Lesbenbewegung der 1970er und 1980er Jahre als Avantgarde und ‚Explosionspunkt‘ der Frauenbewegung verstand […]. Die Schwulenbewegung der 1970er Jahre wiederum grenzte sich lebensweltlich und ideologisch stark gegenüber dem gewöhnlichen homosexuellen Fußvolk ab. Schon 1978 kritisierte beispielsweise Martin Dannecker […] das ‚superiore‘ Selbstverständnis des Homo-Aktivisten Guy Hocquenghem. Die Tendenz zur elitären Überheblichkeit scheint also die hässliche Begleiterin lebendiger sozialer Bewegungen zu sein…“ (S. 180). Stellte man den Bewegungsbegriff auf Basis des Vorwurfs eines Avantgarde-Denkens für queere Aktions- und Präsentationsformen in Frage, so wäre er also auch für die „(radikale) Schwulenbewegung“ aufzugeben, da diese sich geradezu in Abgrenzung gegen den Klappenbesucher und Nutzer der Subkultur definierte – und daran anschließend ihr Selbstbild und ihre Aktions- und Präsentationsformen entwarf.

Die beiden Aufsätze von Schader und Woltersdorff verbindet ein – ebenfalls lesenswerter – Beitrag von Kirsten Plötz, in dem sie fragt, warum frauenliebende Frauen in der frühen Bundesrepublik (und in Westberlin) keine „Bewegung lesbischer Trümmerfrauen“ bildeten. In dieser frühen Zeit sei es durch den durch den Krieg bedingten „Frauenüberschuss“ nicht besonders auffallend gewesen, dass zwei Frauen zusammenlebten – unabhängig von sexuellen Handlungen. Plötz plädiert dafür, auch für diese Gruppe „die Leistungen und Lebensweisen“ deutlicher „wahrzunehmen“ (S. 157) – „die in den 1970ern entstandene Lesbenbewegung“ habe dies „kaum“ getan (ebd.).

Deutet sich schon in den ersten beiden Kapiteln an, dass es unterschiedliche Positionierungen zu den verschiedenen sozialen Bewegungen und innerhalb von ihnen gibt, so werden diese Auseinandersetzungen im dritten Kapitel exemplarisch ausgeführt – das geschieht für die (radikale) Schwulenbewegung. Dabei geben Michael Holy und Sigmar Fischer in ihren beiden Beiträgen einen Überblick über die schwule Bewegungsgeschichte der 1970er Jahre, die existierenden Gruppen, ihre Aktionsformen – und Aktionen, Diskussionen und Auseinandersetzungen in überregionalen Vernetzungen. Holy gibt einen Gesamtüberblick, während Fischer auf die „Deutsche Aktionsgemeinschaft Homosexualität“ (DAH) und ihren überregionalen Austausch fokussiert. Interessant sind dabei viele Details, die auch jeweils weitere Anschlussarbeiten anregen werden. Findet etwa in Frankreich und in den USA schwule Bewegung als radikale Auseinandersetzung gegen Staatlichkeit statt, so wird in der Bundesrepublik Deutschland eine – respektable – Selbstrepräsentation der Schwulen institutionell in Teilen unterstützt und gefördert. Wurde so etwa schon der Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971; Regie: Rosa von Praunheim; Drehbuch: Rosa von Praunheim und Martin Dannecker), der oft als Auftakt der „radikalen Schwulenbewegung“ in Westberlin und der BRD wahrgenommen wird, vom staatlichen Rundfunk (WDR) gefördert, wogegen die oft als unpolitisch eingeordnete „radikale Klappenkultur“ der „gewöhnlichen Männer“ von der Polizei massiv kriminalisiert wurde, so ist vor dem Hintergrund der Beschreibungen Fischers die Erhöhung der „radikalen Schwulenbewegung“ bei Ab- und Ausgrenzung der Klappen- und Clubkultur wohl nicht mehr aufrechtzuerhalten. Fischer berichtet von der „Berliner Tagung“ der DAH, die zum Jahreswechsel 1972/1973 stattfand: „Gemeinsamkeit schuf auch die unliebsame Begegnung mit Rockern am Silvesterabend, die in den Tagungsort eindrangen, als Besucher die Tür unverschlossen ließen. Stühle und Flaschen flogen, der Widerstand einiger Mutiger war bald gebrochen, eindringlich und ängstlich standen Delegierte und Gäste vor der Mauer im Innenhof mit dem Rücken zur Wand, ihnen gegenüber die Rocker. Zum Glück war es jemandem gelungen, in ein Büro zu flüchten und von dort die Polizei zu rufen, die sich als ‚Freunde und Helfer‘ der Schwulen gegen die Rocker betätigte…“ (S. 248f) Selbstverständlich ist es gut, dass durch den Polizeieinsatz weiterer Schaden abgewandt werden konnte, aber es ist interessant, dass während auf Klappen massive und auch gewalttätige Übergriffe der Polizei gegen sexuelle Handlungen der Männer stattfanden  [1] und auch andernorts sexuelle Handlungen unter Männern und weiterer nicht-normativer geschlechtlicher Umgang von Menschen gerade von der Polizei bedroht wurden, Aktivisten sich bereits Schutz von der Polizei erwarten können – anstatt zu befürchten, dass sich die gerufenen Einsatzkräfte auf der Seite der Rocker in die Kämpfe einmischen.

Während die Aufsätze von Holy und Fischer einen Überblick über das in Archiven verfügbare Material geben und erste Leseweisen vorschlagen, zielen die weiteren drei Beiträge dieses Kapitels mehr auf eine Einordnung. Jens Dobler schlägt vor, die Geschichte schwuler Emanzipation als reine Fortschrittsgeschichte zu lesen. Während „die Straßenaktion“ den Weg in die Institutionen geebnet habe (S. 302), sei heute „Lobbyarbeit“ unabdingbar, die „tragfähige Strukturen und abgesicherte Arbeitsplätze voraus[setze]“ (ebd.) Joachim Bartholomae und Detlef Grumbach sind in ihrem Beitrag zur Schwulenbewegung skeptischer. Sie kritisieren die Fokussierung der Schwulen (und Lesben) auf Fragen wie „Blutspenden, Adoptionsrecht und Homo-Ehe“ (S. 290), anstatt „Vorstellungen über die Rolle der Homosexuellen […] in dieser heterosexuell dominierten Gesellschaft zu entwickeln“ (ebd.). Wer aktuell CSD-Paraden beobachte, stelle fest, „dass hier nicht Schwule und Lesben die Gesellschaft mit ihren Forderungen konfrontieren, sondern dass finanzkräftige Organisationen und Unternehmen den Rahmen dieser Selbstdarstellung erst ermöglichen“ und sich unter anderem „als ‚gay-friendly‘ in Szene setzen. Dazu gehören alle relevanten politischen Parteien, aber auch große Reiseunternehmen, Fluggesellschaften, Kinoketten…“ (ebd.) Beide fragen sich, „ob die neue Schwulenbewegung erst an ihrer parlamentarischen Institutionalisierung ‚gestorben‘ ist, oder ob die Grünen nur noch eine bereits leicht müffelnde Leiche an Land gezogen haben.“ (Ebd.)

Georg Klauda liefert den offensichtlich für die weiteren Strategien richtungsweisenden Abschlussbeitrag. Auch für Klauda greift die Sicht Doblers zu kurz, die als „Fortschritt“ ansehe, dass sich die Bewegung „erfolgreich professionalisiert und ihren radikalen Kinderträumen entsagt“ habe (S. 320). Er wirft vielmehr einen grundlegenden Blick auf die Strategien der „radikalen Schwulenbewegung“ und befragt diese kritisch: Sie sei gerade den Weg des gesamtgesellschaftlichen Coming-outs gegangen und habe der Wissenschaft das „alleinige Definitionsrecht“ über die Homosexuellen entziehen wollen (S. 313), mit dem Ziel, „den Blick auf die Formen gesellschaftlicher Unterdrückung umzulenken und die eigene Lebensweise kulturell neu zu erfinden.“ (Ebd.) Mittlerweile sei aber klar, dass dieser Weg äußerst zwiespältig sei: „Jedes Coming-out setzt Heterosexualität als die unmarkierte Norm und sich zugleich als ihr Anderes ein. Dies Andere […] bleibt […] das Andere zu der Norm, die sich selbst nicht bekennen muss, obwohl sie des Anderen bedarf, um sich einzusetzen und dauerhaft zu reproduzieren.“ (S. 316) Dass das Coming-out nicht nur „befreiende Effekte“ (ebd.) gehabt habe, erläutert Klauda an Hand historischer und aktueller Jugendstudien zu sexuellen Erfahrungen, die gerade in den 1980er Jahren einen massiven Rückgang der von den Jugendlichen angegebenen gleichgeschlechtlichen sexuellen Erfahrungen ermittelten. Auch heute ordneten sich deutlich weniger Jugendliche als „lesbisch“ oder „schwul“ ein als sie gleichgeschlechtliche sexuelle Fantasien und Kontakte angeben – ein Argument gegen Identitätspolitik. Mit Joseph Massad fragt Klauda, ob „es sich bei dieser Form der Identitätspolitik wirklich um Emanzipation handle und nicht etwa im Sinne Foucaults: um ‚Subjektivierung‘ als Akt der Unterwerfung (von lat. subiectus = der Untertan…).“ (S. 317) Abschließend ordnet Klauda diese Diskussionen um Coming-out und klare Identifizierung global ein – und erläutert, warum sich in anderen Ländern LSBTIQ*-Aktivist*innen gerade nicht am westlichen Vorgehen, wie es von der „radikalen Schwulenbewegung“ repräsentiert wird, orientieren, sondern eigene Wege der Emanzipation bestreiten und plädiert für intersektionale Analysen und Strategien.

Diskussion und Fazit

Es handelt sich um einen vielfältigen und reflektierten Band. Gerade durch das Zusammenspiel der Aufsätze werden Überlegungen möglich, die sich auf die Einordnung der emanzipatorischen Bewegungen beziehen und neue strategische Möglichkeiten eröffnen. Positiv ist, dass Lesben nicht nur als „Randgruppe“ erscheinen, neben einer zentralen Schwulenbewegung. Vielmehr kommen lesbische Gruppen und Bewegungen im Band – auch durch die kluge Positionierung von Beiträgen zur Lesbengeschichte am Anfang – in ihrem Eigenwert zu Wort. Der Band sei zur Lektüre empfohlen; er regt hoffentlich zu weiteren kritischen Reflexionen an.


[1]  „Schwule, Spanner, Sexverbrecher: Eine (unvollständige) Chronik staatlicher Repression“. GiGi, Juli/August 2001, online: www.gigi-online.de (Zugriff: 11.2.2018).


Rezensent
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
Homepage heinzjuergenvoss.de
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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 26.02.2018 zu: Andreas Pretzel, Volker Weiss (Hrsg.): Politiken in Bewegung. Die Emanzipation Homosexueller im 20. Jhdt. Männerschwarm Verlag GmbH (Hamburg) 2017. ISBN 978-3-86300-203-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23877.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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