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Cosimo Schinaia, Klaus Laermann: Pädophilie. Eine psychoanalytische Untersuchung

Cover Cosimo Schinaia, Klaus Laermann: Pädophilie. Eine psychoanalytische Untersuchung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. 320 Seiten. ISBN 978-3-8379-2734-4. D: 36,90 EUR, A: 38,00 EUR.
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Thema

Der bereits 2001 erschienene italienische Originaltitel „Pedofilia Pedofilie“ liegt nun in deutscher Übersetzung vor. Schinaia nähert sich dem Phänomen Pädophilie aus psychoanalytischer Perspektive auf gleichermaßen klinischen, kulturellen und gesellschaftlichen Wegen. Behandelt werden dabei zahlreiche klinische Fälle, aber auch pädophile Tendenzen in Märchen, Sagen und Romanen. Dem Autor ist dabei eine differenzierte Betrachtung der Pädophilie wichtig, vor allem die unterschiedlichen Erscheinungsformen zu erkennen, um eine erfolgreiche psychotherapeutische Behandlung durchführen zu können und so pädophil motivierte Taten zu verhindern.

Autor

Cosimo Schinaia ist niedergelassener Psychoanalytiker und Psychiater, langjähriger Direktor des Zentrums für seelische Gesundheit in Genua. Er arbeitet zudem als Lehranalytiker und Supervisor der italienischen Psychoanalytischen Gesellschaft.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beinhaltet neben einem Vorwort von Angelika Ebrecht-Laermann elf Kapitel, welche auf soziale, kulturelle und historische Aspekte der Pädophilie eingehen, medizinisch-psychiatrische Konzepte erfassen und ein psychoanalytisches Konzept der Pädophilie formulieren. Weitere Beiträge fokussieren auf die Persönlichkeit des Pädophilen in Romanen, die pädophile Beziehung, zwei Fallgeschichten und eine Arbeitsgruppe von psychotherapeutisch tätigen, welche sich mit der Behandlung pädophiler Menschen beschäftigen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Soziale und kulturelle Aspekte der Pädophilie. Die Rolle der Massenmedien, allen voran das Internet und die dort zur Schau gestellte Sexualität und Gewalt, die phylogenetisch bedingte Ansprechbarkeit Erwachsener in Bezug auf das als hilflos und schutzbedürftig wahrgenommene Kind (Kindchenschema), der Diskurs zur Pädophilie bei Michel Foucault (der für die Straffreiheit einer von ihm als „milde“ postulierten „freiwilligen“ Pädosexualität eintrat, der Roman „La petite Roche“ von de Maupassant aus den 1880er Jahren in dem der Bürgermeister ein Mädchen vergewaltigt und tötet und sich schließlich selbst das Leben nimmt, die Vermarktung kindlicher Sexualität als Ware, die Berichterstattung der Massenmedien über Missbrauch und Mord an Kindern – die Quellen die Schinaia heranzieht sind vielgestaltig. Er belegt, dass die kulturellen und sozialen Zusammenhänge und die gesellschaftliche Rahmung der Pädophilie auf vielen Ebenen angelegt sind und die Öffentlichkeit über Jahrhunderte hinweg beschäftigt haben. Über den Umstand einer massenmedialen Inszenierung ist das Thema einerseits verfügbarer geworden, was auch belegt, dass die pädophile Thematik weiterhin bzw. stärker zur modernen Gesellschaft gehört. „Die gesellschaftliche Organisation der Pädophilie und ihr Anspruch auf Sichtbarkeit (im Gegensatz zur früheren Anonymität und Geheimhaltung der Perversionen) sind in unserer Zeit neue Phänomene“ (66). Letztlich fordert Schinaia verstärkte und neue Ansätze in Recht, Politik und Wissenschaft um die „die Individuen und das Gemeinwesen zu schützen“ (66).

Mythos und Pädophilie. Mythen betrachtet Schinaia als „blinde Manifestationen eines kollektiven Unbewussten“ (70), sie seien der „Versuch … Antworten auf die großen Fragen nach dem Ursprung zu finden“ (ebd.). In erzählerischer Form tauchen mythenhafte Motive in Märchen auf, wo sie fiktional überhöht werden um den Kern gesellschaftlicher und individueller Konflikte zu beleuchten. In der klassischen Mythologie und in den Märchen tauchen Kinder und die pädophile Thematik auf: Zeus und Ganymed, Laios und Chrysippe, Herakles und Abderos. Sie sind Beispiel für emotionale und erotische/sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern, meist mit dramatischer Zuspitzung, Konflikt und Tod und sie scheinen die besonderen Beziehungsebenen zwischen Erwachsenen und Kindern, innerhalb und außerhalb von Familien zu belegen.

Märchen und pädophile Phantasien. „Der Ursprung der Neurosen liegt in einer traumatischen sexuellen Erfahrung der Frühzeit. Die wird abgelöst von einer erfolgreichen Abwehrphase und dann von einer Wiederkehr des Verdrängten nach der Pubertät mit der Herausbildung von Krankheitssymptomen. … Darüber hinaus handelt die gesamte Neurosenlehre, die Freud vielleicht deshalb als Märchen bezeichnet, weil er sie als phantasierte und gewagte Form der Erzählung präsentiert, von dem normalerweise in Märchen enthaltenen Material: dem Ursprung von Traumen und Konflikten (zunächst und vor allem von pädophilen Konflikten) sowie dem zur Konfrontation mit ihnen und zu ihrer Überwindung zurückgelegten Weg, der das Risiko birgt, ihnen zu erliegen“ (98f). In diesem Kontext stellt Schinaia dann eine Reihe klassischer Märchen und Erzählungen vor (Die Eselshaut, Rotkäppchen) und arbeitet jeweils pädophile oder pädophil anmutende Anteile dieser Geschichten heraus, so (sehr knapp) auch die weibliche Form der Pädophilie, das Phänomen des „sich Einverleibens“ („Orale Einverleibung“ als Durchdrungen-Seins durch einen anderen und dessen Lust) und eben die Rollenverschiebung „Guter“ Erwachsener (z.B. die Großmutter) mit schützenden und förderlichen Anteilen hin zu „Bösen“ Wesen (der Wolf) mit eindeutig anderen Interessen.

Geschichte der Pädophilie. Anknüpfend an die Epoche der klassischen Antike, das Mittelalter und das ausgehende 19. Jahrhundert zeigt Schinaia, dass Pädophilie und sexueller Missbrauch ein stets beobachtbares Phänomen ist, dass allerdings nie die breite Zustimmung der Gesellschaft erfahren hat, auch wenn teilweise eine partiell informelle Akzeptanz unterstellt werden kann. Das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern wurde/wird immer auch im Kontext von Machtverhältnissen und (struktureller) Gewalt gesehen.

Pädophilie in Medizin und Psychiatrie. Das Kapitel erfasst die Entwicklung der medizinischen Auseinandersetzung mit der Pädophilie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, den frühen Arbeiten, v.a. dem Beitrag von Krafft-Ebing (der verschiedene Formen der Pädophilie beschrieb) und den frühen Einordnungsversuchen der Psychiatrie (Kraepelin, Bleuler), welche pädophiles Geschehen eher im Kontext anderer psychiatrischer Störungen (Epilepsie, „Dementia senilis“) verorteten. Erst ab den 1940er/50er Jahren erfolgte eine verstärkte Auseinandersetzung mit der Thematik und die Kategorienbildung der Paraphilien, unter die dann auch die Pädophilie zugeordnet wurde, bis hin zu den gegenwärtigen Klassifikationen in DSM V und ICD 10.

Psychoanalyse und Pädophilie. Im Denkgebäude der Psychoanalyse wird die Pädophilie den Theorien über Perversionen zugeordnet, wobei die Beschäftigung mit Pädophilie (unter dem begrifflichen Konstrukt) eher die Ausnahme darstellt. Perversionen stehen hier im Zusammenhang mit erlittenen Traumata und den hiermit in Zusammenhang stehenden ungelösten Konflikten, verzögerter emotionaler Entwicklung und der Wiederholung von Versuchen der Bewältigung in Form einer destruktiven Aggressivität. Neben der frühen Konzeption der Perversion (Freud) werden die Differenzierungsversuche Kernbergs dargestellt, der drei unterschiedlich stark ausgeprägte Störungsgruppen beschreibt.

Pädophilie in Romanen. Pädophilie, pädophile Menschen, ihre Verhaltensweisen und Persönlichkeiten sind Stoff in Märchen und Romanen. Einige dieser Typologien werden anhand Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“, Nabukows „Lolita“, Dostojewskis „Die Dämonen“ oder Allendes „Verdorbenes Kind“ dargestellt und ihrer literarischen, psychologischen und gesellschaftlichen Dimension erfasst. Alle geschilderten Falltypen fasst Schinaia folgender Maßen zusammen: „Auf jeden Fall ist das Vertrauen des Kindes zu Erwachsenen untergraben, und der Schaden an seiner gesamten emotionalen Welt bleibt irreparabel“ (219).

Die pädophile Beziehung. „Die pädophile Beziehung ist asymmetrisch“ (225). Ausgehend von diesem Befund beschreibt Schinaia die vorzufindenden manipulativen, von Kenntnis der kindlichen Welt geprägten Verhaltensweisen in pädophilen Kontakten. Dabei gehe es um die Wiederholung des immer gleichen, das Ausleben der sexuellen Erregung in der Rolle des Stärkeren, wobei das konkrete Kind als Person keine besondere Rolle spielt, sondern eben dessen Unreife und Unterlegenheit. Beispiele für diese Facette pädophiler Beziehungsgestaltung bezieht Schinaia wiederum aus der Belletristik und nicht aus dem klinischen Alltag. Hinsichtlich der Familienstrukturen in denen pädophile Menschen aufwuchsen und leben deutet Schinaia auf dort vorhandene intergenerationale Missbrauchsthemen hin und auf besondere sozialisationstheoretische Zusammenhänge, insbesondere eine Störung der elterlichen Kommunikation, sowie Bindungsaspekte. Etwas ausführlicher wird über den Opfer-Täter-Opfer-Kreislauf geschrieben, hier insbesondere die Bedeutung selbst erlebter und nicht bewältigter traumatischer Erfahrungen. Hinsichtlich der therapeutischen Beziehung zwischen pädophilem Patient und Analytiker wird darauf verwiesen, dass ein Verständnis der hinter dem Symptom Pädophilie liegenden Beschädigung bzw. Störung notwendig ist, ohne dass eine Überidentifikation mit den Opfern der Pädophilie erfolgen solle. Vielmehr käme es – im psychoanalytischen Sinne des Erinnerns und Durcharbeitens – um die Überwindung der erlittenen Traumata (des Pädophilen) in der Therapie, also die Reaktualisierung verdrängter Anteile und deren Überwindung. Daneben findet sich eine Reihe weiterer ungünstiger Übertragungs-Gegenübertragungsmechanismen, welche z.T. durch Beispiele unterlegt werden.

Fälle von pädophiler Perversion und Perversität. Kapitel neun und zehn beschreiben im Rahmen zweier ausführlicher psychoanalytischer Fallvignetten die Konstruktion des theoretischen Modells der Perversion und Perversität (hier unter pädophiler Symptombildung), wodurch die zu Grunde liegenden Theorien, Beziehungsaspekte und einige Hinweise zum Behandlungsfortgang erschlossen werden können.

Arbeitsgruppe. Im abschließenden elften Kapitel wird Einblick in eine Intervisionsgruppe psychoanalytisch tätiger Therapeuten und deren Erfahrungen in der Behandlung pädophiler Patienten gegeben. Neben therapeutisch-methodischen Aspekten werden vor allem auch Merkmale der soziokulturellen Rahmung der Pädophilie (Märchen, Romane, Filme) dargestellt und die (z.T. von starker Dynamik geprägte) Entwicklung der thematischen Arbeitsgruppe erörtert.

Zielgruppe

Alle an der Thematik Pädophilie interessierten Berufsgruppen, die sich mit der psychoanalytischen Perspektive auseinandersetzen möchten.

Diskussion

Seitens der Psychoanalyse herrschte lange eine gewisse Zurückhaltung in Bezug auf die pädophile Thematik. Pädophilie geht traditionell ein in die Theorien der Perversion, wird als perverse Symptombildung verstanden und in diesem Kontext ohne weitere therapeutisch-methodische Spezialisierung behandelt. Schinaia zeichnet diesen Weg der Theoriebildung anhand zahlreicher klinischer Fälle nach, aber auch mittels kultureller Beispiele aus der literarischen Welt, wodurch die soziokulturelle Rahmung der Pädophilie und „des Pädophilen“ erkennbar wird. Erstaunlich erscheint dabei, dass dem Umstand der Tabuisierung der Pädophilie wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird und auch der Umstand der Projektion (unbewusster gesellschaftlicher Anteile) auf die Person „des Pädophilen“ eher am Rande gestreift wird. Die Quellen auf die sich Schinaia bezieht stammen aus den Bereichen Film und Belletristik. Neuere (massen)mediale Phänomene und der aktuelle öffentliche Diskurs um Pädophilie (auch im Kontext jüngerer rechtlicher Änderungen) fehlen. Dies liegt v.a. daran, dass es sich bei der vorliegenden Publikation um die deutsche Übersetzung des bereits 2001 veröffentlichen italienischen Originaltitels handelt, der eben nicht entsprechend inhaltlich überarbeitet und ergänzt wurde. Entsprechend fehlen auch differenzierte Aussagen zur weiblichen Pädophilie.

Insgesamt nähert sich Schinaia mit psychoanalytischer Differenziertheit und Tiefe der Pädophilie und den Pädophilen, mit therapeutischer Offenheit und sozial-kultureller Sensibilität. Das führt insgesamt zu einer Versachlichung der Thematik. Indem die psychoanalytische Konzeptualisierung der Perversion Pädophilie ein dahinter stehendes Trauma vermutet, werden betroffene Pädophile als leidende Wesen begriffen, denen Hilfe und Behandlung zusteht, wodurch ein wichtiger Beitrag zur Entdämonisierung dieser Gruppe von Patienten geleistet wird. Allerdings ist hier anzumerken, dass ein umfassender empirischer Beleg für diese Entstehungstheorie jenseits einzelner Fallvignetten bislang – auch seitens der Psychoanalyse – nicht erbracht wurde.

Fazit

Der Band schließt eine Lücke, indem er eine Verbindung zwischen kulturellen, klinischen und theoretischen Aspekten herzustellen versucht. Neben klinischen Beispielen, den historischen und kulturellen Wurzeln und Ausdrucksformen pädophiler Thematik erschließt der Band auch Grundzüge psychoanalytischer Behandlung und Gestaltung der Therapeuten-Klienten-Beziehung und leistet so einen wichtigen Beitrag für die Weiterentwicklung der Therapie pädophiler Menschen, auch unter dem Aspekt der Deliktvermeidung.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 18.12.2018 zu: Cosimo Schinaia, Klaus Laermann: Pädophilie. Eine psychoanalytische Untersuchung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. ISBN 978-3-8379-2734-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23879.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


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