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Andrea Walter: Administrative Governance

Cover Andrea Walter: Administrative Governance. Kommunalverwaltung in lokaler Politikgestaltung mit Zivilgesellschaft. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 265 Seiten. ISBN 978-3-658-15679-4. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 46,50 sFr.
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Entstehungshintergrund

„Administrative Governance“ ist die 2014 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster eingereichte Dissertationsschrift der Autorin. Die Arbeit wurde 2016 mit dem Kommunalwissenschaftlichen Preis der Carl und Anneliese Goerdeler-Stiftung ausgezeichnet.

Thema

„Administrative Governance“ erforscht spezifische Aspekte der Rolle von Kommunalverwaltungen in lokalen Governancestrukturen und -prozessen. „Es geht – zugespitzt formuliert – um die Rolle der Verwaltung als Governance-Akteur in der Interaktion mit organisierter Zivilgesellschaft und damit verbunden um die spezifischen Mechanismen, die diese kooperativen Interaktionsprozesse auszeichnen“ (S. 20).

Der Begriff „Administrative Governance“ fokussiert dabei (im Gegensatz zu partizipativer Governance, mit ihrer Konzentration auf die Bedeutung der Zivilgesellschaft) auf die Rolle der öffentlichen Verwaltung in der Gestaltung lokaler Governance mit zivilgesellschaftlichen Organisationen. Forschungsleitende Fragestellungen sind:

  • „Was macht Kommunalverwaltung als Governance-Akteur aus?
  • Welche Chancen und Herausforderungen sind speziell mit der Einbindung zivilgesellschaftlicher Organisationen in lokale Governance für öffentliche Verwaltung verbunden?
  • In welchen Kontexten (Arenen lokaler Governance) und mit welchen Motiven interagiert Kommunalverwaltung mit zivilgesellschaftlichen Organisationen?
  • Welche Mechanismen und Merkmale prägen diese kooperativen Interaktionsprozesse und damit lokale Governance?“ (S. 22, im Original ohne Auflistung).

Die Arbeit will damit einerseits einen Beitrag zur Weiterentwicklung lokaler Politikforschung sowie zur weiteren empirischen Unterfütterung des bisweilen nur sehr abstrakt diskutierten Governace-Konzepts leisten, andererseits und darüber hinaus aber gleichzeitig „praxisorientierte Handlungsempfehlungen für die Akteure aus Kommunalverwaltung, lokaler Politik und organisierter Zivilgesellschaft ableiten“ (S. 23).

Autorin

Frau Dr. Andrea Walter arbeitet als Projektmanagerin bei der Bertelsmann Stiftung im Programm Zukunft der Zivilgesellschaft und ist Lehrbeauftragte am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Münster.

Aufbau

Die Arbeit von Frau Walter folgt dem klassischen Aufbau wissenschaftlicher Qualifikationsarbeiten.

  • In einer umfangreichen Einleitung (1) wird zunächst die Relevanz der Arbeit begründet, sodann Erkenntnisinteresse und Forschungsfragen herausgearbeitet und schließlich das Forschungsdesign und der Aufbau der Arbeit vorgestellt.
  • Darauf folgt in Kapitel 2 die Positionierung der eigenen Forschung im Kontext des Forschungstands zu den „Debatten um kooperative Verwaltung und Legitimation sowie um lokale Governance unter Einbezug von Zivilgesellschaft“ (S. 24).
  • „Kapitel 3 entwickelt den Analyserahmen für die empirische Untersuchung“ (ebd.) unter Berücksichtigung des Akteurzentrierten Institutionalismus, der analytischen Governanceforschung sowie des Kontinuum-Ansatzes aus der Regierungsforschung.
  • Kapitel 4 entfaltet das (qualitative) Forschungsdesign und
  • Kapitel 5 skizziert das für die Untersuchung ausgewählte Fallbeispiel Münster mit Blick auf die kommunalpolitischen Rahmenbedingungen, die Akteurskonstellationen sowie die Besonderheiten der untersuchten Politikfelder (Umwelt, Sport, Kultur und Jugendhilfe).
  • Die Kapitel 6–8 präsentieren und interpretieren die Untersuchungsergebnisse mit Blick auf die Forschungsfragen sowie den Analyserahmen und ordnen die Ergebnisse in den politikwissenschaftlichen Kontext der Arbeit ein.
  • Die Arbeit schließt mit einem Fazit, stellt die Untersuchungsergebnisse nochmals verdichtet vor, erörtert in einem Ausblick Forschungsperspektiven und gibt „Handlungsempfehlungen für die Praxis“.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Bei der hier vorliegenden Publikation handelt es sich um eine qualitative Forschungsarbeit. „Die Interaktionsprozesse zwischen Akteuren der Kommunalverwaltung und zivilgesellschaftlicher Organisationen werden unter Hinzunahme der Perspektive der Ratsmitglieder (…) rekonstruiert und darauf basierend analytisch-theoretisch klassifiziert“ (S. 23). Als Untersuchungsfall dient die Stadt Münster in Westfalen und hier vier ausgewählte (mit Blick auf den Gestaltungspielraum der Kommunalpolitik/-verwaltung, Akteurskonstellationen und Interaktionsprozesse sehr unterschiedliche Politikfelder: Umwelt, Sport, Kultur und Jugendhilfe). Forschungsmethodisch arbeitet die Untersuchung mit qualitativen Experteninterviews (insg. 29 Leitfaden gestützte Interviews (im Anhang abgedruckt) mit Vertretern der Kommunalverwaltung, der Lokalpolitik und der organisierten Zivilgesellschaft (s. Anhang S. 257 f.), qualitativer Dokumentenanalyse und Netzwerkkarten.

Die Arbeit identifiziert drei Governance-Arenen in denen Kommunalverwaltung und organisierte Zivilgesellschaft interagieren:

  1. „Entscheidungsfindung (Ausschussarbeit)“,
  2. „Konsultation (umfasst Beteiligungsverfahren sowie institutionalisierte und informelle Netzwerke“ und
  3. „Leistungserbringung (umfasst die Anbahnung sowie die Koordinierung der Leistungserbringung und ihrer Durchführung)“ (S. 224).

Interessant ist dabei zunächst, dass arenenübergreifend jeweils die gleichen VertreterInnen der Kommunalverwaltung (Dezernent, Amtsleiter, Sachbearbeiter) und der zivilgesellschaftlichen Organisationen beteiligt sind. „Exemplarisch heißt dies, die Verbandsvertreterin ist Sachkundige Einwohnerin, wird in Konsultationsprozesse eingeladen und führt Projekte für die Kommune aus – dabei hat sie stets mit denselben Akteuren aus der jeweiligen Sachverwaltung zu tun“ (ebd.). Grundsätzlich erfüllen zivilgesellschaftliche Organisationen für die Kommunalverwaltung einerseits die Funktion von Experten und Dienstleistern in dem sie die Kommunalverwaltung bei der Bewältigung ihrer Aufgaben unterstützen. Andererseits „erfüllen sie eine strategische Funktion als Innovationsträger bzw. Kritiker, Transmissionsriemen und Legitimationsressource“ (S. 225). Umgekehrt erfüllt die Verwaltung als lokaler Governance-Akteur ebenfalls vielfältige Funktionen: sie ist nicht nur Koordinatorin von Netzwerken und Verhandlungspartnerin, sondern agiert auch als Unterstützerin, Rahmensetzerin und Gestalterin (vgl. S. 226 f.).

In der Interaktion zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Kommunalverwaltung greifen „Formalität und Informalität … in sämtlichen Governance-Arenen ineinander“. Dabei gelten stets ähnliche Interaktionsregeln, die sich mit „Transparenz“, „Vertrauen“ und „Verlässlichkeit“ (S. 226) charakterisieren lassen.

Insgesamt entwickelt Walter ein „Modell Administrativer Governance“, dass in drei Dimensionen (Akteure, Prozesse, Institutionen) gegliedert ist und darin zwölf Faktoren identifiziert, „anhand derer die Rolle von Verwaltung in lokaler Governance – über den Untersuchungsfall hinausgehend – konkretisiert werden kann. Es bildet den ersten Schritt zu einem Kausalmodell“ (S. 227; vgl. Abb. 7 S. 198). Das Modell Administrativer Governance soll und kann über ein Raster an Leitfragen (vgl. Tabelle 12 S. 205 f.) aber auch als praxisorientiertes Handlungsmodell für Kommunalverwaltung dienen, um „frühzeitig mögliche Probleme und Potenziale“ (S. 227) zur Stärkung ihrer Governancefähigkeit zu identifizieren.

Konkret empfiehlt Walter den Kommunalverwaltungen „mehr Transparenz wagen“ (S. 234). Dazu gehört „präventives Erklären“ der eigenen Gestaltungsspielräume und Handlungsrestriktionen ebenso wie Transparenz der jeweiligen Prozesse z.B. in Konsultationsverfahren, bei der Leistungsvergabe usw., um „überhöhte Erwartungen“ (S. 235) zu vermeiden. Auf Seiten der zivilgesellschaftlichen Organisationen erweist sich Vernetzung als zentrale Handlungsstrategie in der Lokalpolitik. In diesem Zusammenhang weist Walter auf die (zukünftig stärker werdende) Bedeutung eines Wissensmanagements für Organisationen der Zivilgesellschaft hin, um „Prozesswissen über die Abläufe in den Governance-Arenen frühzeitig“ weiterzugeben.

Diskussion und Fazit

Die von Walter vorgelegte Studie bietet – wenn auch nicht frei von Redundanzen und Wiederholungen – theoretisch fundiert und methodisch versiert wichtige Erkenntnisse zu den Interaktionsprozessen zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Kommunalverwaltung in der lokalen Politikgestaltung und erarbeitet dabei ein facettenreiches Bild der Rolle der Kommunalverwaltung als Governance-Akteur. Ihr Modell administrativer Governance ist anschlussfähig zu den Forschungsdebatten um kooperative Verwaltung und Legitimation sowie lokaler Governance, bietet ein Analysemodell für künftige, weitere Fallanalysen auf kommunaler Ebene und eröffnet praxistaugliche Handlungsempfehlungen auf dem Weg zur Bürgerkommune.

Das Buch ist deshalb politik- und verwaltungswissenschaftlichen ForscherInnen wie Studierenden mit besonderem Interesse in der Kommunalpolitik- und Governance-Forschung zu empfehlen. Es hält aber auch praxistaugliche Anregungen und Instrumente für die lokalpolitischen Akteure aus den zivilgesellschaftlichen Organisationen, der Kommunalverwaltung und den Räten bereit.


Rezensent
Prof. Dr. Günter Rieger
Studiengangsleiter Soziale Dienste in der Justiz, Fakultät Sozialwesen DHBW Stuttgart
Homepage dhbw-stuttgart.de
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Zitiervorschlag
Günter Rieger. Rezension vom 18.05.2018 zu: Andrea Walter: Administrative Governance. Kommunalverwaltung in lokaler Politikgestaltung mit Zivilgesellschaft. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-15679-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23883.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


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