socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Paul Kevenhörster, Benjamin Laag: Strategie und Taktik

Cover Paul Kevenhörster, Benjamin Laag: Strategie und Taktik. Ein Leitfaden für das politische Überleben. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 104 Seiten. ISBN 978-3-8487-4567-8. 19,00 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das Buch „Strategie und Taktik“ will ein „Leitfaden für das politische Überleben“ sein. Seine Absicht ist es als Ratgeber für politisches Engagement, Karrieren in der Politik und politische Führung zu dienen. Im Speziellen will es jenen die „eine politische Laufbahn einschlagen“, Antworten auf „folgende Fragen“ geben:

  • „Unter welchen Voraussetzungen gelingen der politische Aufstieg und die erfolgreiche Amtsführung?
  • Was bedeutet politische Führung?
  • Wie vermeide ich … unnötige Fehler …? …
  • Und welchen Umgang pflege ich mit gleichgesinnten Weggefährten und dem politischen Gegner?“ (S. 5).

Bislang – so die Behauptung der Autoren – beantwortet die Politikwissenschaft solch konkrete, politisch-praktischen Fragen kaum.

Entstehungshintergrund sind mehrere Seminare an der Universität Münster in denen Studierenden die Möglichkeit geboten wurde, „sich mit den Empfehlungen der Klassiker strategischen und taktischen Denkens“ auseinanderzusetzen und diese an aktuellen Politikereignissen auf ihre Gegenwartstauglichkeit zu prüfen. Ergebnis sind die im Buch vorgestellten „Maximen strategischen und taktischen Verhaltens“, welche als „Ratschläge für die Planung des politischen Aufstiegs und die erfolgreiche Ausübung politischer Ämter“ (S. 5) nützlich sein sollen.

Autoren

Prof. Dr. Paul Kevenhörster ist emeritierter Professor der Politikwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (1980-2006). Dr. Benjamin Laag war Nachwuchswissenschaftler an der Graduate School of Politics am Institut für Politikwissenschaft (Universität Münster) und arbeitet für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) im Referat 311 (Bonn).

Aufbau

Der „Leitfaden für das politische Überleben“ gliedert sich nach einem kurzen Vorwort von Paul Kevenhörster und Benjamin Laag in sechs Abschnitte:

  1. Strategie und Taktik: eine erste Orientierung;
  2. Voraussetzungen des politischen Aufstiegs;
  3. Grundsätze politischer Führung;
  4. Die Kunst der politischen Darstellung;
  5. Der Abschied von der Macht;
  6. Zusammenfassung: Ratschläge für die politische Karriere.

Das Büchlein (130 S.) endet mit wenigen Literaturempfehlungen zu Klassikern und weiterführender Literatur.

Ausgewählte Inhalte

Vorgehensweise und inhaltliche Gestaltung des Buches lassen sich exemplarisch an Kapitel 1. „Strategie und Taktik: eine erste Orientierung“ zeigen. Die Autoren steigen hier zunächst mit knappen allgemeinen Erörterungen zu den „Maximen politischen Verhaltens“ ein. „Ausgehend von einem modernen Staatsverständnis wird Politik als ein aktives Handeln verstanden, das auf die Beeinflussung staatlicher Macht, den Erwerb von Führungspositionen und die Ausübung von Regierungsverantwortung zielt“ (S. 12). Wie verhält man sich dann aber richtig, um entsprechende Positionen zu erlangen und sich in „politischen Organisationen zu behaupten“. Antworten darauf suchen die Autoren bevorzugt bei den Klassikern strategischen Denkens und hier insbesondere bei dem Jesuiten Baltasar Gracián und dessen „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ (1647), aber auch in Machiavellis „Fürst“ (1532) und „Discorsi“ (1531) und Max Webers „Politik als Beruf“ (1919) sowie Sun Tsu und seine „rund 500 vor Christi Geburt“ verfasste „Kunst des Krieges“. Und wie verhält man sich nun richtig in der Politik? Dazu werden „Axiome“ aus Graciáns Handorakel zitiert: „Nr. 109: Kein Ankläger sein. …; Nr. 118: Den Ruf er Höflichkeit erwerben“ (S. 25). Oder mit Sun Tsu „fünf gefährliche Fehler“ vermeiden: „1. Unbekümmertheit … 2. Feigheit … 3. … empfindliches Ehrgefühl … 4. … ungezügeltes Temperament …; 5 … übergroße Sorge, um das Wohl der Männer …“ (S. 27) und dann wieder Gracián (Nr. 52): „Nie aus der Fassung geraten“ (ebd.). Dazwischen treten weitere Gelehrte (Augustinus, Constant, Weber, Machiavelli, Aristoteles usw.) auf.

In den folgenden Kapiteln werden die von den Klassikern gewonnenen Einsichten und Weisheiten dann durch Beispiele der jüngeren Gegenwart illustriert. So geht es bei den „Voraussetzungen des politischen Aufstiegs“ (2.) u.a. um die „Karrieren in Netzwerken“ (2.1). Also Gracián Aphorismus Nr. 116: „Sich nur mit Leuten von Ehr- und Pflichtgefühl abgeben. Mit solchen kann man gegenseitige Verpflichtungen eingehen“. Die „Vorteile einer Seilschaft“ bzw. von „Netzwerken“ werden anschließend mit Verweis auf Helmut Kohl und Angela Merkel bebildert. Dabei haben die Weisen immer Recht und liegen sie einmal nicht richtig, werden sie von einer anderen Weisheit getoppt. Bundeskanzler Schröder handelte den Autoren zu Folge beim Stellen der Vertrauensfrage 2005 nach den Empfehlungen Graciáns „Ein Mann mit Entschlossenheit… – Seinen Glanz erneuern … – Nicht abwarten“. Das nützte ihm aber nichts. Er scheiterte in der darauffolgenden Bundestagswahl. Hätte er doch besser die Warnungen des Alten Testaments beachtet: „Die Pläne des Fleißigen bringen Gewinn, doch der hastige Mensch hat nur Mangel (Spr 21, 5)“ (S. 56).

Insgesamt fällt es ausgesprochen schwer den Inhalt des Buches auch nur annähernd wiederzugeben. Weil zwar in den Überschriften der Kapitel und Unterkapitel viele für politisches Verhalten zentrale Themen klar angesprochen werden (Karrieren in Netzwerken, die Rolle der Berater, Ratschläge für die Ausübung öffentlicher Ämter, geeignete Führungsgrundsätze, politische Selbstvermarktung, Drohungen als Waffe, der schmerzhafte Abschied von der Macht usw.), dann aber unter diesen Überschriften regelmäßig nicht wirklich das Angekündigte verhandelt wird. So springen die Autoren bei Thema „Karrieren in Netzwerken“ schon nach wenigen Zeilen (genau sieben) zum Thema „Aussitzen von Problemen“ von wo aus sie im zweiten Absatz dann unvermittelt zur Wahlkampfführung und den kriegerischen Weisheiten Graciáns „Greife ihn an, wo er unvorbereitet ist …“, „Schnelligkeit ist eine wichtige Eigenschaft im Krieg“ gelangen. Was das mit den Karrieren in Netzwerken zu tun hat, erschließt sich dem Leser kaum.

Im Fortgang des Buches nehmen dann die Fallbeispiele aus der politischen Praxis immer mehr Raum ein. Auch hier werden – mit Blick auf die Überschriften – durchaus spannende Themen (Skandale, Machtkampf in der CSU; Die Sprengkraft von Subventionen, Visa-Affäre usw.) angesprochen und markante politische Führungsfiguren (von Kohl, zu Merkel, Stoiber, Schröder und Fischer bis Obama) eingeführt. Sie werden aber kaum als Lehrbeispiele aufgearbeitet sondern erfüllen meist nur den Zweck die fortbestehende Geltung klassischer politischer Weisheiten anzudeuten. Lehren für das politische Verhalten (von wem?) können so daraus kaum entnommen werden.

In Kapitel 6 werden dann unter 6.1. Anforderungen, 6.2. Verhalten in der Politik, 6.3. Netzwerke und 6.4. Umgang mit dem politischen Gegner die wesentlichen Ratschläge der Klassiker zu den angesprochenen Themen nochmals aufzählend wiedergegeben. Stets werden hier die Weisheiten Graciáns aufgeführt, ergänzt vom Alten Testament (6.2) und Sun Tsu (6.4). Warum in dieser Zusammenfassung dann auch die Weisheiten Peter Radunsiks (Berliner Senator und Hautgeschaftsführer CDU) und Peter Schröders (Verfasser des Buchs „Politische Strategien“ 22011) auftauchen, Machiavelli, Clausewitz oder Weber aber keine Rolle mehr spielen, wird nicht weiter begründet.

Diskussion und Fazit

Um es klar und deutlich zu sagen, das Büchlein ist niemandem zu empfehlen, im wissenschaftlicher Anspruch unklar, der praktische Nutzen fragwürdig. Die herangezogenen Klassiker werden nicht kritisch eingeordnet, die ausgewählten Zitate bieten oft nicht mehr als allgemeine, auf alle möglichen Lebensbereiche übertragbare Lebensweisheiten und die zur Illustration herangezogenen aktuellen politischen Ereignisse, das jeweilige Politikerverhalten, Erfolg wie Scheitern, erscheinen mal mehr mal weniger passend, aber nie ausreichend reflektiert und schon gar nicht wirklich auf die „Weisheiten“ der Klassiker bezogen. Ohne erkennbare Systematik wird zwischen politischem Engagement, Amtsführung und Wahlkampf hin und her gesprungen, werden Sun Tsu, Machiavelli, Clausewitz, Weber oder wenn es gerade passend erschient auch moderne Managementratgeber nebeneinander gestellt. Schade! Denn die Politikwissenschaft sollte sich tatsächlich wieder mehr um das Handeln der politischen Akteure, seine Erfolgsbedingungen, Motivationen, strukturellen Hindernisse und ethische Orientierung kümmern.


Rezensent
Prof. Dr. Günter Rieger
Studiengangsleiter Soziale Dienste in der Justiz, Fakultät Sozialwesen DHBW Stuttgart
Homepage dhbw-stuttgart.de
E-Mail Mailformular


Alle 7 Rezensionen von Günter Rieger anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Günter Rieger. Rezension vom 17.04.2018 zu: Paul Kevenhörster, Benjamin Laag: Strategie und Taktik. Ein Leitfaden für das politische Überleben. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. ISBN 978-3-8487-4567-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23884.php, Datum des Zugriffs 20.06.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!