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Allan Guggenbühl: Die vergessene Klugheit

Cover Allan Guggenbühl: Die vergessene Klugheit. Wie Normen uns am Denken hindern. Hogrefe (Bern) 2016. 271 Seiten. ISBN 978-3-456-85239-3. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 32,50 sFr.
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(Kern-)Thema

„Die vergessene Klugheit – Wie Normen uns am Denken hindern“ ist ein herausragendes, vielseitiges und schwerelos lesbares Werk. Aufgedeckt werden diverse Mechanismen in unterschiedlichen Lebensbereichen, welche unsere Wahrnehmungen, Denkweisen, Zusammenhangsanalysen und Interpretationen und schlussendlich unser Verhalten bzw. Handeln beeinflussen. Dabei wird aufgezeigt wie internalisierte Normen und daraus entsprechende Erwartungen unsere Denkprozesse eindämmen und somit fatalerweise Klugheit verhindern. „Kluge Menschen verstehen es, das innere Chaos zu nutzen“ (22). Zudem schaffen sie es Erlebtes in einen größeren Zusammenhang zu bringen (vgl. 22). Eigenständigkeit und gleichwohl Unkonventionalismus zeichnen die Beiträge aus (vgl. 22 f.). Des Weiteren meint Klugheit aber auch über die reine Verbalisierung hinauszugehen, denn „klug reden können viele, klug handeln ist schwieriger“ (23). Der Autor zeigt in seinem Werk verschiedene Facetten von Klugheit auf, aber auch die Grenzen denen sich Menschen unterwerfen (u.a. durch Anpassungsleistung) und somit regelrecht ihre Klugheit negieren.

Autor

Allan Guggenbühl ist u.a. ein Primarschullehrer, (Schul-)Psychologe und Psychotherapeut aus der Schweiz. Seine berufliche Zielsetzung ist nahe derer seines Vaters, welcher Psychiater war. Sein Lehramtsstudium fließt offensichtlich in das vorliegende Werk ein, da die PISA-Studie einen größeren Anteil nimmt. Kreativität spielte in seinem Leben eine große Rolle, lernte er das Musizieren und unterrichtete danach Schüler in Gitarre. Beruflich hat er sich erst zu späterem Zeitpunkt für die Psychologie und Psychotherapie entschieden und ist seither in diversen Gebieten (u.a. Beratung, Jungen- und Männerarbeit, Gewaltprävention, Konfliktmanagement, etc.) tätig (vgl. http://allanguggenbuehl.ch/vita/).

Entstehungshintergrund

Der Entstehungshintergrund dieses Werkes lässt sich durch die Erfahrungen des Autors aus dem Alltäglichen begründen. Er interessiert sich für „die unheimliche Diskrepanz zwischen dem, was wir denken, schlussfolgern, sinnieren oder spekulieren könnten, und dem, was wir wirklich äußern“ (14) unter der These, „dass Normen und soziale Codes unsere Denkleistung hemmen“ (ebd.).

Aufbau und Inhalt

„Die vergessene Klugheit – Wie Normen uns am Denken hindern“ ist in insgesamt acht strukturierende Kapitel unterteilt. Das Vorwort leitet gemäß der Historie ein. Jedes der Kapitel widmet sich unterschiedlichen Wirkbereichen in denen Klugheit Einzug nehmen kann, oder – wie Guggenbühl darstellt – eben auch nicht.

I. Klugheit: Vom Mut, Dinge anders zu sehen, als man denkt (15-34). Dieser Abschnitt stellt die Grundlagen von Klugheit dar und bildet eine vielfältige Definition dessen.

II. Wissen als Machtmittel oder fixierte Weisheit? (35-46). In diesem Abschnitt wird die Macht der Schrift und deren möglicher Missbrauch durch Zurückhaltung von Informationen durch Wissensverwalter beschrieben, welche „jenes Wissen aus[wählen], das einen gesellschaftlichen Vorteil verspricht“ (43). Kritische Monopolstellungen vom Göttlichen und dem Klerus (vgl. 39) bis hin zur Entwicklung des frei zugänglichen Wissens durch die Entwicklung des Buches durch den Druck (vgl. 41), als auch die Installierung von Bildungsanstalten (vgl. 42).

III. Inszenierte Aufregung, hysterischer Tanz oder kollektives Einlullen? Der Einfluss des öffentlichen Diskurses auf das Denken (47-82). Der öffentliche Diskurs durch Medien „über Zeitungen, Fernsehen, Radio und Internet“ (49) und dessen Informationsselektivum stellen den dritten Abschnitt. Dabei geht es um die Mechanismen und die Entstehung von Debatten (vgl. 50) und die psychologischen Kategorien mit deren Hilfe erstere erklärt werden. Kritisch werden auch die selektiven Mechanismen hinsichtlich der Informationsauswahl diskutiert. Auch der Anpassungsdruck an den Mainstream stellt ein zentrales Thema (vgl. 75 f.).

IV. Dank Normierung und Standardisierung zur perfekten Einheitsgesellschaft? (83-136). Standardisierung und Bereiche in denen diese hilfreich ist weren aufgezeigt (vgl. 86 f.), dessen Entstehung, als auch Vor- und Nachteile stehen zur Diskussion. Zusätzlich dient die PISA-Studie als Beispiel für die Überstreckung der Standardisierung im Bildungssystem (vgl. 99 f.). Ebenfalls wird aufgezeigt inwieweit die Arbeit mit Menschen standardisierbar ist. Kluge Menschen folgen einer inneren Logik, denn wenn eine Regel „nicht mit einem tieferen, emotionalen Motiv verlinkt [ist], ist die Aussicht klein, dass sie auf längere Zeit befolgt wird“ (129). Folglich ist eine Standardisierung in der Arbeit mit Menschen schwierig und erfordert Überzeugungskraft und statuiert die Wichtigkeit von Leitungen, denn „Führungspersonen verstehen etwas von der vielsichtigen Motivstruktur, den unbewussten Absichten und kontextuellen Faktoren von Menschen, die auf ein Ziel eingestimmt werden sollen“ (131).

V. Vorgetäuschte Rationalität: Fallbeispiel Wirtschafts- und Finanzwelt (137-152). Ein Blick auf die Wirtschaft und Finanzwelt in derer Manipulationsmechanismen greifen die Klugheit verhindern sollen. Dabei wird vorallem der Vertrauensprozess genannt, denn „die große Gefahr ist, dass der Vertrauende nicht mehr selbstständig denkt. Vertraut man jemandem, dann erhöht sich die Gefahr unkluger Handlungen“ (143). Ebenfalls werden einfache Sachverhalte verkompliziert, sodass man sein Gegenüber die Eigenschaft der Expertise zuschreibt (vgl. 144f).

VI. Die Verführbarkeit der Experten und Intellektuellen durch den Mainstream (153-172). Die Macht und der Machtmissbrauch von Experten und Intellektuellen durch diese bildet zentrales Momentum dieses Kapitels. Diese sollen „durch ihre Lebensweise einen unabhängigen Geist bewahren; ketzerische Denker, die sich öffentlicher Themen annehmen und Warnungen aussprechen, wenn sie gesellschaftliche Fehlentwicklungen befürchten oder Missstände erkennen. Sie stellen womöglich Forderungen auf, auch wenn es unbequem wird“ (153 f.). Dabei werden die unterschiedlichsten Zwangsmechanismen und Motive der Intellektuellen aufgedeckt u.a. Narzissmus (vgl. 155 f.), der Wunsch nach Zugehörigkeit durch Anpassung der Meinung an den Mainstream (vgl. 161 f.), die Kontingenz des Denkens zum jeweiligen Berufsstand (vgl. 156 f.), aber auch die intellektuelle Überheblichkeit (vgl. 157 f.), als auch die eigene Statussteigerung (vgl. 159 werden thematisiert. Ebenfalls werden Mechanismen aufgedeckt, welche das Denken eingrenzen u.a. durch Informationskaskaden (vgl. 163), der Orientierung an anderen (vgl. 165), etc.

VII. Fallstricke der evidenzbasierten Forschung (173-232). In diesem Abschnitt werden wissenschaftliche Verfahrensweise (z.B. standardisierte Fragebögen) beleuchtet und deren Möglichkeiten und Grenzen. „Evidenzbasierte Praxis bedeutet, dass eine Erkenntnis erst akzeptiert wird, wenn sie nach einem speziellen Verfahren ermittelt wurde“ (174). Dabei wird die Frage aufgeworfen, ob auch dies unsere Klugheit verhindert. Dazu werden die Kriterien der evidenzbasierten Forschung dargelegt (u.a. Objektivität, etc.) und wie aus Konstruktionen Tatsachen (vgl. 184 f.) werden. Auch in diesem Kapitel kommt der Diskurs durch Öffentlichkeit und Mainstream zum tragen, als auch die Fälschung und Manipulation von Daten (vgl. 202 f.). Bei all diesem stellt Guggenbühl fest: „was fehlt, ist eine kritische Auseinandersetzung mit den Ergebnissen und der Stellung der Wissenschaft“ (219), wobei er appelliert den Einzelnen ernst zu nehmen und anzuhören und den stetigen Harmoniegedanken im Sinne der Klugheit zu verwerfen (vgl. 220 f.). Ein kurzer Abriss über die Wichtigkeit der lebenspraktischen Intelligenz, welche sich zusammensetzt aus „Wissen, Intuition, Auffassungsvermögen, verbaler Kompetenzen, Humor, Sinn für das Wesentliche, der Fähigkeit zu vergessen, Konzentrationsvermögen, den Fähigkeiten zu kombinieren, zur Reflexion, Ahnungen zu verwerten, zu verdrängen, zur Imagination, Spielvermögen, Talent im Umgang mit Menschen etc“ (221 f.) bildet einen Abschnitt.

VIII. Denkimpulse zur Klugheit (233-262). „Klugheit bedeutet, sich immer wieder aus der selbst auferlegten Unmündigkeit zu befreien, Nischen zu entdecken und Rituale zu entwickeln, in denen die Vorgaben des politisch korrekten Denkens und persönlicher Prägungen abgelegt werden“ (237). Das abschließende Kapitel vermittelt Grundpfeiler die Klugheit wieder aufleben lassen können und welche Fallstricke dieses Aufbegehren verhindern können.

Diskussion

Das oben schematisch skizzierte Werk zeichnet sich durch einen massiv, sich automatisierenden Lesefluss aus. Durch Exkurse in jegliche Lebensbereiche erschließt es den Begriff und die Merkmale von Klugheit auf eine wissenschaftliche, humorvolle, als auch überraschend klare Weise. Die Prägung durch Normen und vor allem das Anpassungssyndrom und das Bedürfnis der Zugehörigkeit an Gruppen und dem Mainstream verblenden und hemmen unser Denkvermögen. Gefahren lassen sich erahnen, kontradiert jedoch zu jeglicher Erfolgsbasis, welche sich u.a. durch enorme Anpassungsleistungen unsere Logik an den Mainstream ad absudum führt. Erfolg durch Anpassung, Klugheit durch nicht diese. Ein Todesurteil der Klugheit durch gesellschaftliche Erwartungen und Rahmenbedingungen. Die Frage die sich beim Lesen des Buches stellt ist: Klugheit ja, aber um welchen Preis? Rebellen sind Querulanten, Einsiedlerkrebse die vor dem Aussterben bedroht sind. Die Frage die sich stellt ist, inwieweit kann Klugheit noch gefordert werden, wird das Zeigen ihrer teils doch so bestraft? Zudem scheinen die Barrieren für den Prozess, welcher bei Klugheit zum Tragen kommt zu stabil und v.a. zu energiefressend zu sein. Bei jeder Begegung mit einem Menschen, unbeschrieben zu konstruieren, ein Zeitaufwand und eine Energiebelastung für den Geist!

Fazit

Der Autor zeigt wirkungs- und eindrucksvoll die Möglichkeiten und Grenzen von Klugheit auf. Anmaßend der meiner eigenen Klugheit verfallend beende ich diese Rezension mit der Aussage: kaum besser hätte es erfasst und verfasst werden können.


Rezensentin
Katharina Meyer
M.Ed./ B.Ed. Berufliche Bildung Sozialpädagogik, B.A. Pädagogik
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Zitiervorschlag
Katharina Meyer. Rezension vom 23.02.2018 zu: Allan Guggenbühl: Die vergessene Klugheit. Wie Normen uns am Denken hindern. Hogrefe (Bern) 2016. ISBN 978-3-456-85239-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23885.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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