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Walter Eberlei: Grabsteine aus Kinderhand

Cover Walter Eberlei: Grabsteine aus Kinderhand. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2018. 184 Seiten. ISBN 978-3-95558-222-7. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Kinderarbeit ist Menschenrechtsverletzung

Im lokalen und globalen gesellschaftswissenschaftlichen, sozialen und karitativen Diskurs um Kinderarbeit wird auf die „globale Ethik“ verwiesen, wie sie in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte grundgelegt wird: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“ (vgl. dazu auch: Manfred Liebel, Wozu Kinderrechte. Grundlagen und Perspektiven, 2007, www.socialnet.de/rezensionen/4788.php). In der „Erklärung der Rechte des Kindes“ vom 20. November 1959, die auf der Menschenrechtsdeklaration gründet und sich auf die „Genfer Erklärung der Rechte des Kindes“ (1924) bezieht, wird als oberster Grundsatz „das Beste des Kindes“ ausgewiesen und festgestellt, dass das Kind gegen jede Form von Vernachlässigung, Grausamkeit und Ausbeutung geschützt werden müsse. Kinder dürfen erst nach Erreichen eines geeigneten Mindestalters zur Arbeit zugelassen werden: „In keinem Fall wird es veranlasst oder wird ihm erlaubt, eine Beschäftigung oder eine Stellung anzunehmen, die für seine Gesundheit oder Erziehung schädlich wäre oder seine körperliche, geistige oder moralische Entwicklung beeinträchtigen würde“. In der UN-Kinderrechtskonvention vom 20. November 1989 werden als Standards zum Schutz von Kindern festgelegt, die auf den demokratischen und freiheitlichen Prinzipien beruhen: Entwicklung – Nichtdiskriminierung – eigene Interessen und Identitäten – Beteiligung. Und die UN-Weltkonferenz der „Internationalen Arbeitsorganisation“ (ILO) hat 2017 angemahnt, das Millenniumsziel der weltweiten Abschaffung von Kinderarbeit bis zum kommenden Jahrzehnt abzuschaffen.

Entstehungshintergrund und Herausgeber

In der sich immer interdependenter, entgrenzender und globaler entwickelnden Welt werden Handelswaren und Güter weltweit veräußert. Die Vereinten Nationen schätzen, dass weltweit mehr als 150 Millionen Kinder gezwungen sind, für sich selbst und nicht selten auch für ihre Familienangehörigen den Lebensunterhalt durch ausbeuterische Arbeit zu sichern. Das dabei funktionierende, kapitalistische Konkurrenzsystem bewirkt, dass die Produkte, die mit dem billigsten Aufwand und nicht selten mit ausbeuterischen Mitteln hergestellt und angeboten werden, auch die meisten Abnehmer finden. Gegen diesen ungerechten Handel treten Fair-Trade-Initiativen an (siehe z.B. dazu: Martina Hahn / Frank Herrmann, Fair einkaufen – aber wie? Der Ratgeber für fairen Handel, für Mode, Geld, Reisen und Genuss, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13529.php). Als ein besonderer Fall von ausbeuterischer Kinderarbeit und Profitgeschäft wird der Handel mit Natursteinen herausgestellt, die in den Steinbrüchen meist in den Ländern des Südens mit lebensgefährlicher, gesundheitsschädigender und ausbeuterischer (Kinder-)Arbeit gewonnen und von den globalen Natursteinkonzernen in die Industrieländer verschifft werden. Dieser Handel wird von den Vereinten Nationen besonders geächtet und als eine der schlimmsten Formen von Kinderarbeit bezeichnet. Die Natursteinprodukte werden im Handel in zwei Warengruppen eingeteilt: In der einen werden Marmor, Travertin und Ecaussine, in der anderen Granit, Porphyr, Basalt und Sandstein gruppiert.

Der Politikwissenschaftler und Leiter der Forschungsstelle Entwicklungspolitik an der Hochschule Düsseldorf (HSD), Walter Eberlei, stellt fest, dass ein Großteil der Grabsteine (auch) auf deutschen Friedhöfen aus dieser Produktion stammen. Obwohl nationale und internationale NGOs, UNICEF, ILO und Menschen- und Kinderrechtsaktivisten seit Jahrzehnten nachweisen, dass auch von den im Welthandel vertriebenen, mit ungerechtfertigter Kinderarbeit produzierten Natursteine als weitergefertigte Grabsteine auch auf deutschen Friedhöfen landen. Die Liste der wichtigsten Lieferländer von Natursteinen, außerhalb der EU und der OECD-Länder, liest sich wie ein Who is Who der Kindersteinbrucharbeit: VR China – Indien – Vietnam – Namibia – Brasilien – Südafrika – Simbabwe – Iran – Philippinen – Albanien – Armenien – Georgien – Ägypten – Angola. Eberlei weiß, wovon er spricht und dass er berechtigt auf die Skandale verweist, wie sie sich im Natursteinhandel zeigen; er war wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Institut für Entwicklung und Frieden, Lehrbeauftragter an der University of Zambia in Lusaka, Referatsleiter bei der Kindernothilfe e.V. und Sprecher des Wissenschaftlichen Beirats von terre des hommes Deutschland e.V.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung der Informations- und Klageschrift informiert er, in welchen Ländern Kinder in Steinbrüchen schuften. In Länderstudien werden die konkreten Bedingungen der Kinderarbeit thematisiert: Walter Eberlei und die Düsseldorfer wissenschaftliche Mitarbeiterin Nina Schröder berichten in ihrem Beitrag „Indien: Kinderarbeit im Naturstein-Sektor weit verbreitet“ darüber, dass in dem Land mehr als acht Millionen Kinder im Alter von fünf bis 14 Jahren schwerste, gesundheitsschädliche und ausbeuterische Arbeit verrichten. Es sind traditionelle, religiöse und politische Ursachen, die Kinderarbeit in Indien als Formen von Armut, Hunger und Schuldknechtschaft wirksam werden lassen: „Bei der Herstellung von Naturstein in Indien … sind schlimmste Formen der Kinderarbeit weiterhin an der Tagesordnung“. Das Autorenteam diskutiert die Maßnahmen, die von der indischen Regierung, überwiegend auf internationalem und humanitärem Druck, veranlasst werden, um Kinderarbeit zu reduzieren. Sie weisen nach, dass indische Firmen zu den größten und wichtigsten Lieferanten von Natursteinen in Deutschland gehören, die für Grabmäler und Grabeinfassungen verwendet werden.

Der am Hamburger Institut für Asienstudien tätige Politikwissenschaftler Jörg Wischermann, die an der Academy of Social Sciences in Hanoi lehrende Soziologin Phuong Thi Viet Dang und der an der australischen Victoria Universität in Melbourne wirkende Ökonom Adam Fforde berichten mit dem Beitrag „Vietnam: Kinderarbeit in Steinbrüchen an der Tagesordnung“ über die Situation, dass in Vietnam aktuell rund 10 Millionen Kinder abhängig und unfreiwillig wirtschaftliche Tätigkeiten in Haushalten, in der Landwirtschaft, auf Baustellen, im Hotel- und Gastronomiegewerbe, in Büros und nicht zuletzt in den Produktionsstätten, und somit auch in den Steinbrüchen, beschäftigt sind. Mit dem Hinweis, dass Deutschland in den Jahren 2013 – 2015 rund 8,5 Millionen Tonnen Natursteine aus Vietnam importiert hat. Auch wenn das Autorenteam der vietnamesischen Regierung bestätigt, dass gesetzliche und ordnende Maßnahmen ergriffen werden, um ausbeuterische Kinderarbeit zu reduzieren, wird doch deutlich, dass im sich aktuell verbreitenden, korrupten und schlecht regulierten Kapitalismus im Land unakzeptable Praktiken von ökonomischem Missbrauch bei der Natursteinproduktion, beim Transport und bei der Verladung zeigen.

Die Sozialwissenschaftlerin Nina Schröder informiert mit dem Beitrag „Philippinen: Naturstein-Industrie beutet auch Kinder aus“ und verweist darauf, dass Kinderarbeit auf dem Philippinen weit verbreitet ist. Von den ca. 3 Millionen Kindern, die mit ausbeuterischer Arbeit im Land beschäftigt sind, schuften rund 45.000 Kinder in Steinbrüchen. Die Autorin verdeutlicht, dass insbesondere in der Marmorindustrie ausbeuterische Kinderarbeit stattfindet. In den Jahren von 2013 bis 2016 wurden mehr als eintausend Tonnen mit besonderer Eignung für Grabmäler und – einfassungen aus den Philippinen in Deutschland eingeführt. Es ist insbesondere der familiäre und informelle Sektor, der die vorhandenen gesetzlichen Bestimmungen unterläuft, Personen unter 15 Jahren zu beschäftigen.

Die Ethnologin, Agrarsoziologin und Entwicklungs- und Menschenrechtsexpertin Beate Scherrer stellt erst einmal fest, dass Kinderarbeit in Steinbrüchen in China nicht nachweisbar sei. Sie zeigt auf, dass eine Analyse zur Situation von Kinderarbeit dort anderer Recherchemittel als beispielsweise bei der Darstellung der indischen Verhältnisse bedarf. In den regierungsamtlichen, offiziellen Statistiken und Quellenmaterialien nämlich wird postuliert: In China gibt es keine ausbeuterische Kinderarbeit, Pasta! Dass die Wirklichkeit, trotz der anerkennenswerten, offiziellen Bemühungen, die Produktion und den Handel mit Natursteinen in China zu zertifizieren, in nicht wenigen Fällen anders aussieht, vermitteln die Auswertungen von internationalen und UN-Berichten. Dabei wird deutlich, dass in China sowohl direkte, ausbeuterische Kinderarbeit stattfindet, als vor allem mit dem so genannten Dreieckshandel Natursteine aus Indien importiert und weiter exportiert wird.

Die Sozialwissenschaftlerin von der Pontifical Catholic University of Rio de Janeiro, Irene Rizzini, vermittelt mit ihrem Beitrag „Brasilien: Kinderarbeit in Steinbrüchen zurückgegangen“. Sie verweist darauf, dass im letzten Jahrzehnt die Zahl der ausbeuterisch beschäftigten Kinder im Land von 7,8 Millionen um mehr als die Hälfte auf 3,3 Millionen zurückgegangen sei. Das habe insbesondere die Ratifizierung von internationalen Übereinkommen zur Bekämpfung der weltweiten Kinderarbeit bewirkt; dass jedoch – auch in den brasilianischen Steinbrüchen – Kinderarbeit vorherrsche, hat Ursachen in der bisher unzulänglichen gesetzlichen Regelung im informellen Wirtschaftsbereich und in der traditionellen, gesellschaftlichen Akzeptanz.

Walter Eberlei plädiert dafür, „Kinderarbeit im Naturstein-Sektor politisch (zu) bekämpfen“. Wenn nach seinen Recherchen „über 70 Millionen Kinder weltweit( ) noch immer unter schwierigsten Bedingungen (schuften), um ihren Lebensunterhalt zu sichern“, genügt es nicht, sich mit den durchaus positiven Entwicklungen beim Rückgang von lokaler und globaler Kinderarbeit zufrieden zu geben. Es kommt vielmehr darauf an, die in der „globalen Ethik“ auferlegte, allgemeinverbindliche und nicht relativierbare Menschenwürde einzufordern und eine globale Verantwortungsethik als Maßstab für individuelles und global-kollektives, anthropologisches Denken und Handeln zu praktizieren (vgl. dazu auch: Hans Lenk, Human zwischen Öko-Ethik und Ökonomik, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/23859.php). Der Autor formuliert aus den Ergebnissen der Länderstudien Empfehlungen für die deutschen Bundesländer und Kommunen und verweist darauf, dass menschenwürdige Standards nur im Rahmen einer globalen Verantwortung umgesetzt werden können.

Die Politikwissenschaftlerin und Referentin für Kinderrechte bei der NGO „terre des hommes Deutschland e.V.“, Antje Ruhmann, beschließt den Sammelband mit dem Beitrag: „Kinderarbeit im Naturstein-Sektor – Verantwortung, Regulierung, Ausblick“. Sie zeigt anhand der formellen und informellen ökonomischen, kapitalistischen, verfassungs- und staatsrechtlichen Bedingungen in Deutschland auf, welche positiven Regelungen, aber auch welche Lücken und Fallstricke im alltäglichen, konsumtiven Umgang vorfindbar sind. Für die Bekämpfung von Kinderarbeit (nicht nur im Natursteinbereich) fordert sie Regulierungs- und Zertifizierungsmaßnahmen im jeweiligen produzierenden und Lieferland, im Importland und bei den Unternehmen.

Fazit

Die allgemeinen und (ausgewählten) länderspezifischen Analysen zur Situation von Kinderarbeit im Naturstein-Sektor wurden im Auftrag der Landesregierung Nordrhein-Westfalen erstellt, mit dem Ziel, solche importierte Produkte entweder mit einem allgemeinen Aufstellungsverbot bzw. einer länderbezogenen Zertifizierungspflicht zu belegen. In den im Anhang aufgeführten Textauszügen von gesetzlichen Regelungen, wie etwa in den Bestattungsgesetzen in Bremen, dem Saarland und in Baden-Württemberg, wird festgelegt, dass „nur Grabsteine und Grabeinfassungen verwendet werden dürfen, die nachweislich aus fairem Handel stammen und ohne ausbeuterische Kinderarbeit… hergestellt sind“. Im Nordrhein-Westfälischen Bestattungsgesetz wird ebenfalls die Verpflichtung festgelegt, dass nur Natursteine verwendet werden dürfen, die auf internationalen Übereinkommen beruhen. Die niedersächsische Regierung hat im Februar 2018 einen Gesetzesentwurf in den Landtag eingebracht, in dem auch die Thematik „Kinderarbeit in der Natursteinindustrie“ behandelt wird.

Es scheint also, dass in Deutschland überwiegend das Bewusstsein wächst, dass Ausbeutung, Geiz und Gier im Konsumdenken und Handeln der Menschen keine Grundlage für humanes Dasein sein dürfen und können; klar freilich ist auch, dass die Wege von den rechtlichen und gesetzlichen Bestimmungen hin zur Alltagspraxis und Vermeidung von Missbrauch lang und weit sind, und in nicht wenigen Fällen mit Tricks und Falschinformationen umgangen werden können. Es braucht kritische, selbstbestimmte Individuen und freiheitlich-demokratische, gesellschaftliche Ordnungssysteme und Institutionen, die ein waches Auge darauf richten, wie in den Gesellschaften der Welt mit Demokratie, Recht und Ordnung umgegangen wird (etwa, wenn Vietnam, wie Amnesty International feststellt, auf Platz 175 von 180 Staaten bei (Presse-)Freiheitsrechten steht), und was notwendig ist, menschliche Ausbeutung in jeder Form zu verhindern!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.04.2018 zu: Walter Eberlei: Grabsteine aus Kinderhand. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2018. ISBN 978-3-95558-222-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23889.php, Datum des Zugriffs 18.08.2018.


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