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Sven Werner: Mitleid und sozialpädagogische Professionalität

Cover Sven Werner: Mitleid und sozialpädagogische Professionalität. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 312 Seiten. ISBN 978-3-7799-1324-5. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Die von Sven Werner 2018 vorgelegte Monographie „Mitleid und sozialpädagogische Professionalität“ nimmt sich in ebenso komplexer wie ausführlicher Weise eines in den letzten Jahren immer deutlicher in die Fachdebatten der Sozialen Arbeit hineingetragenen Problemgegenstandes an: der Frage nach moralischen wie ethischen Handlungs- bzw. Begründungsmotiven in Disziplin und Profession.

Autor

Sven Werner, Dr. phil., Dipl. Päd., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften der Technischen Universität Dresden. Über mehrere Jahre hinweg war der Autor Redakteur der Zeitschrift für Sozialpädagogik. Seine momentanen Forschungsschwerpunkte sind, ausweislich der TU-Homepage, Emotionalität und Professionalität, Jugend- und Szenenforschung, Geschlechterforschung, insbesondere auch zur Familienförmigkeit und zu Berufs- wie Bildungsbiographien.

Entstehungshintergrund

Die hier in Rede stehende Arbeit geht, dies erfährt man mit Blick auf die Danksagungen, in ihrer Grundintention auf die 2011 abgeschlossene Dissertation des Autors zum Thema „Mitleid als Leitbegriff in der Pädagogik? Zur Funktionalisierung des Mitleidsbegriffs in ausgewählten pädagogischen Zeitschriften zwischen 1890 und 1918“ zurück. Der Titel jener Qualifikationsschrift (diese lag dem Rezensenten nicht vor) verweist so gesehen auf die Analyse historischer Professionalisierungsprozesse und (De-)Legitimierungsstrategien innerhalb der Pädagogik. Im hier besprochenen Band hat die Darstellung, so der Eindruck des Rezensenten, gleichwohl eine weitreichende Überarbeitung und zahlreiche Ergänzungen erfahren.

Aufbau und Inhalt

Das Buch weist, mit Blick auf seinen Aufbau, eine transparente und nachvollziehbare Grundstruktur auf:

  1. Im ersten Teil wird das Feld der empirischen Bezugswissenschaften und moralphilosophischen Leitdiskurse, in dem sich die Untersuchung bewegt, systematisch kartiert.
  2. In einem zweiten Teil wird das Mitleid in Professionalisierungsprozessen und -diskursen unter Rekurs auf argumentationsanalytische Methoden, wie z.B. die Metaphernanalyse, untersucht.
  3. Schließlich zeigt der Autor die Spannungen und Herausforderungen, z.B. in Kontexten der Mitleidsökonomie bzw. im Hinblick auf emotional work und Gefühlskulturen, auf, die sich im Bezugsfeld von Mitleid und sozialpädagogischer Professionalität auffinden lassen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Werner entfaltet zu Beginn sowohl den wissenschaftlichen als auch außerwissenschaftlichen (populärkulturellen) Kontext seiner Studie sehr dezidiert, insofern er auf die aktuellen gesellschaftlichen Mitleidsdebatten, die als eine neuerliche „‚Kultur des Mitleids‘“ (S. 10) dechiffriert werden, rekurriert und ihnen eine politisch-politisierende Dimension unterstellt. Der Bezug zur Sozialen Arbeit liegt für ihn dabei auf der Hand, insofern er das Fach als „teilnehmende Profession“ (S. 17) versteht, wodurch der Diskurs um das Mitleid als „Transporteur der unterschiedlichen Positionen und Erwartungen sowohl an Praktikerinnen und Praktiker, als auch an Adressatinnen und Adressaten“ (S. 14 f.) fungiert. Das Ziel der Untersuchung ist durchaus ambitioniert, insofern das „Spannungsfeld[] zwischen dem Empfinden der Teilnahme an fremder Not [also dem Mitleid; M.N.] und der sozialpädagogischen Professionalität“ ausgelotet werden soll, um sodann die „scheinbar gegensätzlichen Pole“ (S. 16) miteinander zu versöhnen. Werner visiert damit sowohl eine analytische Rekonstruktion als auch eine, hiervon abgeleitete, normativ-konzeptionelle Bestimmung an.

Der Autor nimmt den Leser auf einen längeren Weg mit, bis er zu seinem eigentlichen Kernanliegen vorgedrungen ist. In Kapitel 2 führt uns der Verfasser so in eine Vielzahl von Diskursen ein, die ihm in Anbetracht des komplexen und von vielen Disziplinen bedienten Diskurses um Mitleid notwendig erscheinen. Die Darlegung von verschiedenen Diskussionssträngen zum Mitleid – auf anthropologischer, psychologischer, intrapsychischer sowie neuronaler Ebene – machen dabei das Grundthema als komplexes wie ambivalent zu verortendes erkennbar. Ähnlich sind auch die Eindrücke nach der Lektüre des dritten, moralphilosophisch-rekonstruktiv angelegten Kapitels.

Der Abschnitt II, „Mitleid in Professionalisierungsprozessen und Professionsdiskursen“, versetzt den Leser dann sichtbar in das Thema und Kernanliegen der Untersuchung hinein. Ein darin eingelagertes Kapitel 4, „Caritative Motive in historischen Professionalisierungsprozessen Sozialer Arbeit“, dient gewissermaßen der engeren thematischen Einbettung. Hier geht es Werner darum, den Rekurs auf Mitleid und Anverwandtes über die lange Entstehungs- und Formierungsgeschichte der Sozialen Arbeit, einsetzend mit dem Almosenwesen im 12. Jahrhundert, nachzuzeichnen. Im Zuge dessen fokussiert der Autor auf einige (historische) Kernbereiche der Fürsorge – die Abstinenzbewegung, Initiativen zum Kinderschutz, die Jugendfürsorge, das Hilfsschulwesen sowie die ‚Krüppelfürsorge‘ – unter deren Bezugnahme er den „Übergang von christlicher Nächstenliebe und Mildtätigkeit zur sich sukzessive professionalisierenden Sozialen Arbeit“ (S. 91) rekonstruiert.

Das empirische Fundament der Studie, die ‚diachrone Topographie des Mitleids in pädagogischen Fachzeitschriften‘, wird sodann in Kapitel 5 verhandelt. Hier geht es dem Autor darum, die Fundstellen des Mitleidskonzepts und abgeleiteter Begriffe in zwei ausgewählten Analysekorpussen argumentationsanalytisch zu topographieren. Für den ersten Untersuchungszeitraum, die Jahre zwischen 1890 und 1918, hat Sven Werner die Allgemeine Deutsche Lehrerzeitung, die Zeitschrift für Kinderforschung, die Zeitschrift für Krüppelfürsorge sowie die Blätter für deutsche Erziehung untersucht. Den zweiten Untersuchungskorpus bilden die Jahrgänge 2005 bis 2016 der Sozialen Passagen sowie der Zeitschrift für Sozialpädagogik. Die methodisch-methodologische Vorgehensweise wird dabei in einem vorangestellten Exkurs zur ‚Argumentationsanalyse‘ (S. 121-129) expliziert.

In Kapitel 6, „Mitleid und Empathie im Professionalitätsdiskurs Sozialer Arbeit“, trägt der Autor seinem wichtigsten Befund Rechnung, nämlich dass das Mitleid als Konzept kein Topos innerhalb der Leitdiskurse der Gegenwartsdebatten mehr ist, dass es vielmehr von der Empathie ‚abgelöst‘ wurde (S. 168 f.). Er kennzeichnet im Rahmen dessen die Soziale Arbeit als Institution, deren Professionsstatus nach wie vor nicht letztgültig geklärt ist, eine Einschätzung, welche sodann auch den ‚roten Faden‘ der weiteren kritischen Betrachtungen in Teil III bildet. Die hiermit in Bezug stehende Frage nach „Spannungen und Herausforderungen“ setzt mit einer Kontextualisierung der Ordnung der (gegenwartsbezogenen) Mitleidsökonomie ein. Deren moralphilosophische Grundfigur besteht, nach Ansicht des Autors, gemeinhin in einem Appell, demnach die Nicht-Leidenden sich den Leidenden zuzuwenden haben, ein Verständnis, das Werner mit dem ‚Ursprungsmythos‘ der Sozialarbeiter_innen als ‚barmherzige Samariter_innen‘ (S. 198) assoziiert. Sodann betrachtet Werner verschiedene Bereiche der (medialen) ‚Mitleidsproduktion‘, die zum Teil auch über den Konnex von ‚Mitleid und Professionalität‘ hinausgehen. Mediale Adressierungen und Subjektivierungsangebote unter dem Rekurs auf Motive der Teilnahme an fremden Leid sind gleichwohl für den Verfasser aus verschiedenen Perspektiven heraus von Interesse.

Diskussion

Die thematische Hinführung, die Werner als Feldkartierung kennzeichnet, ist zweifelsohne spannend, kann mithin aber auch als ein wenig weiträumig empfunden werden. Hier gibt sich der Autor als profunder Experte seines Themas zu erkennen; gleichwohl muss der Leser den eigenen Kompass regelmäßig prüfen, will er die ausgelegte Spur nicht verlieren.

Die ‚diachrone Topographie des Mitleids in pädagogischen Zeitschriften‘, wie sie der Autor in Kapitel 5 liefert und die der Rezensent als Kern der Studie versteht, hätte ein wenig mehr Ausführlichkeit verdient gehabt. So werden die Kriterien, welche der Korpuswahl zugrunde lagen, nicht so recht deutlich; vor allem aber hätte man sich gewünscht, dass die herausgearbeiteten und zweifelsohne interessanten Topoi klarer rekonstruiert worden wären. Hier sei der Autor unbedingt ermutigt, dies ggf. in ausgewählten Einzeldarstellungen nochmals zu tun.

Ein interessantes wie auch streitbares Angebot unterbreitet der Autor zum Schluss seiner Arbeit, wo er unter Rekurs auf Hans Thiersch ein Konzept des ‚solidarischen Mitleidens‘ entwirft. Hier können Impulse für eine sich nach wie vor auch als sozialpädagogisch verstehende Soziale Arbeit herausgelesen werden. Eine dezidierte wie systematische Darstellung dieses Zugangs kann man ggf. noch für die Zukunft erhoffen, insofern Sven Werner so der grundlegenden und weiter Konjunktur erfahrenden Thematik eine interessante Facette hinzufügen würde.

Fazit

Auf den Punkt gebracht: Man merkt dem Band seine hoch ambitionierten Ziele an: so etwa da, wo zu Beginn eine thematisch große Karte an die Hand gegeben wird, deren verschlungenen Wege man aber nicht immer gleich und auf den ersten Blick erkennt. Auch sind die Übergänge, etwa von Kapitel 3 zu 4 oder auch von 4 zu 5, ein wenig umständlich. Der Schreibstil ist akademisch und damit zum Teil auch etwas herausfordernd.

Gleichwohl ist die Lektüre lohnend und ein zweimaliges Lesen durchaus angeraten; zum einen, da der rote Faden der Abhandlung sich so nochmals deutlicher erschließt und die Argumentationsstruktur dann auch das eigene Weiterdenken der Leser_innen mobilisiert. Zum zweiten, und dies sei hier nochmals ausdrücklich hervorgehoben, ist der Reichtum an Verweisen und angerissenen Debatten (mitunter in den Fußnoten und Web-Links zu finden), welche bisweilen auch den Boden der Disziplin verlassen, ein Gewinn der Lektüre, machen sie doch verständlich, wie tief verwurzelt das Thema Mitleid in unserer (Gegenwarts-)Kultur ist.

Der Gender-Aspekt, den Werner in seiner Abhandlung wiederholt aufgreift (u.a. in Kapitel 4.5) bietet zudem wichtige Impulse. Ebenso ist die – am Beispiel Nietzsches geschulte – Thematisierung einer nicht auszuschließenden Faszination am Leid Dritter, ein Gedanke, aus dem heraus eine produktive Verunsicherung im Hinblick auf die Soziale Arbeit gewonnen werden kann, insofern sie einer Rehabilitation der Betroffenheit, Parteinahme und der Suspendierung eines gefühlten (Selbst-)Mitleids zuarbeitet.


Rezensent
Diplompädagoge Marek Naumann
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für regionale Innovation und Sozialforschung (IRIS) e.V. in Dresden und ehemaliger Kollegiat des Promotionskollegs ‚Leben im transformierten Sozialstaat‘ der Universität Duisburg-Essen sowie der Hochschule Düsseldorf und der Technischen Hochschule Köln
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Zitiervorschlag
Marek Naumann. Rezension vom 10.10.2018 zu: Sven Werner: Mitleid und sozialpädagogische Professionalität. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-1324-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23895.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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