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Michael Monzer: Case Management Organisation

Cover Michael Monzer: Case Management Organisation. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2018. 95 Seiten. ISBN 978-3-86216-400-4. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR.
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Thema

Mit dem Werk «Case Management Organisation» richtet Michael Monzer den Fokus auf ein zentrales, aber im Fachdiskurs oftmals unterbelichtetes Thema: die Bedeutung der Organisation auf die Ausgestaltung der Case Management Praxis. Während in den zahlreichen Grundlagenbüchern die Methodik, die Verfahrensweise und das Verhältnis zwischen Fall- und Systemebene beschrieben wird, rückt hier die Mesoebene in den Vordergrund. Entlang einer sehr eingängigen Systematik wird dargelegt, welche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Case Management Implementierung gegeben sein müssen, wie die organisationalen Prozesse zu gestalten sind und vor allem, welche Rolle Koordination und Kooperation dabei spielen.

Autor

Michael Monzer zählt zu den prägenden Figuren im deutschsprachigen Case Management Diskurs. Er lehrt und forscht zum Thema Case Management und engagiert sich seit vielen Jahren in der Case Management Weiterbildung als zertifizierter Ausbilder. Darüber hinaus ist er Mitherausgeber der Zeitschrift Case Management und Autor sowie Herausgeber zahlreicher Publikationen in einschlägigen Fachzeitschriften und -büchern.

Entstehungshintergrund

2013 hat Monzer das Buch «Case Management Grundlagen» – heute vielerorts Pflichtlektüre und 2018 in der zweiten Auflage erschienen – herausgegeben. Dort werden die Methoden und Prozessschritte von Case Management ausführlich dargestellt und mit vielen Fallbeispielen illustriert. Die Ebene der Organisation kommt darin allerdings deutlich zu kurz, wie Monzer im Vorwort des hier diskutierten Buches beschreibt. Deswegen geht es in diesem Buch hauptsächlich um die Case Management Organisation. Und damit ist nicht gemeint, wie Case Management organisiert wird, sondern, wie eine Organisation optimal aufgestellt sein muss, damit das Konzept Case Management erfolgreich angewendet werden kann. Besonders erwähnenswert ist Monzers Haltung, die er auch diesem Buch zugrunde legt: „Auch in dieser Schrift bleibe ich meiner Haltung treu, den Einzelnen als sinngebenden Prior gegenüber der Organisation zu begreifen. Die emanzipatorischen Anstrengungen des Case Managements für das Verstehen und Vertreten des Einzelfalls in der Organisation bleiben für mich den Ausgangspunkt, ohne den nach meiner Einschätzung unser Handlungskonzept langfristig keine Überlebenschance hat.“ (Monzer 2018, S. 10)

Aufbau

Das Buch folgt einer schlichten wie eingehenden Logik: nachdem in den ersten beiden Kapiteln erläutert wird, was unter einer Case Managementorganisation zu verstehen ist und warum die Systemtheorie eine hilfreiche Grundlage für das Verständnis von Organisationen ist, sind die weiteren Kapitel entlang den systemtheoretischen Schlüsselbegriffen aufgebaut. So wird auf die formale wie auch die informale Abbildung und die Schauseite von Case Managementorganisationen eingegangen, die drei Entscheidungsprämissen „Programme“, „Kommunikationswege“ und „Personal“ unterschieden und die Implementierungsvoraussetzungen erläutert. Das Buch schliesst mit Überlegungen zum Thema Personalentwicklung im Case Management, einigen Schlussbemerkungen, dem Literaturverzeichnis und einem Kurzportrait des Autors.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

In Kapitel 1 steht die zentrale Fragestellung direkt in der Kapitelüberschrift „Was ist eine Case Managementorganisation?“ Eine erste Definition lautet wie folgt: „Eine Case Managementorganisation orientiert sich in vielen ihrer fallbezogenen und fallübergreifenden Entscheidungen am Handlungskonzept Case Management. Stellt man sich die Abläufe in einer Case Managementorganisation vor, so wird die Abfolge der Case Managementschritte eine zentrale Rolle einnehmen – sie ist ein Kernprozess und beansprucht deshalb für sich, dass andere Kernprozesse […] mit dem Case Management verbunden sind.“ (Monzer 2018, S. 14). Eine Case Managementorganisation versteht sich als Teil eines Systems, in welchem jeder Fall eingebettet ist.

Zu Beginn von Kapitel 2 wird die theoretische Grundlage und Orientierung, die dem Buch zugrunde liegen offengelegt: die Systemtheorie Luhmanns. Sodann wird die Unterscheidung zwischen System und Umwelt ausgeführt und anhand von Beispielen aufgezeigt, was das für Case Managementorganisationen bedeutet. Demnach tragen Case Managementprozesse dazu bei, das Verhältnis zwischen Innen und Aussen zu gestalten, Organisationen davor zu bewahren, einseitige Muster und Routinen auszubilden und letztlich die Stabilität eines Systems mit Instabilität auszugleichen um so die Reaktionsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Entscheidender Faktor: die Kommunikation. „Je mehr Kommunikation im System stattfindet, desto mehr Wirkung kann Case Management erzielen.“ (Monzer 2018, S. 21).

Kapitel 3[1] richtet seinen Fokus auf die formale Abbildung der Case Managementorganisation. Damit sind die Formalstrukturen – also Regeln und Entscheidungen – in einer Organisation gemeint. Die Formalstrukturen (auch Regelwerk) sind als Entscheidungsprämissen zu verstehen, die – einmal getroffen – nicht mehr hinterfragt werden. Gleichzeitig besteht hier durch die im Case Management wichtige Orientierung am Fall immer latent die Gefahr von Präzedenzentscheidungen. In solchen Situationen können Organisationen die Entscheidungsprämisse entweder schützen und aufrechterhalten, sie einmal und ausnahmsweise ausser Kraft setzen oder sie überprüfen und hinterfragen. Weiter wird zwischen folgenden organisationsbezogenen Funktionen des Case Managements unterschieden:

  • Compliance-Funktion (Anpassung an den Fall)
  • Differenzierungsfunktion (ausnahmsweise Abweichung)
  • Organisationsentwicklungsfunktion (Abweichung von Vorgaben, Innovationsstrategie)

Die unterschiedlichen Funktionen machen deutlich, dass es für Case Managementorganisationen wichtig ist, sich kontinuierlich mit ihren Entscheidungsspielräumen zu befassen.

Das Kapitel 4 widmet sich der informalen Abbildung der Case Managementorganisation. Dabei handelt es sich um Handlungen, die regelmässig auftreten und sich im Laufe der Zeit zu formalen Abläufen wandeln. Sie kommen dann zum Tragen, wenn die formalen Strukturen nicht alle Entscheidungen abdecken. Da sie immer mit Risiken verbunden sind, sind Organisationen daran interessiert, sie so stark wie möglich einzuschränken.

Beim Kapitel 5 geht es um die Schauseite der Case Managementorganisation. Schauseite meint eine vereinfachte und nach aussen orientierte Darstellung der Organisation. „Im trügerischen Windschatten ausgeblendeter Komplexität und ungelöster Konflikte wird dadurch eine für die Aussenwelt geeignete, zweite Realität geschaffen, die mit den tatsächlichen Abläufen in der jeweiligen Organisation nur sehr begrenzt etwas zu tun hat.“ (Monzer 2018, S. 32, zit. in: Kühl/Muster 2016, S. 24) Es ist selbstredend, dass mit diesem Verständnis von Case Managementorganisation eine Menge Risiken einhergehen und solche Praxen oft auf Fehler bei der Case Managementimplementierung zurückzuführen sind.

In Kapitel 6 werden die zuvor erwähnten Entscheidungsprämissen „Programme“, „Kommunikationswege“ und „Personal“ erläutert:

  • Entscheidungsprämisse Programme: hier wird zwischen Zweck- (alles ist erlaubt, solang es dem geforderten Zweck dient) und Konditionalprogrammen (eindeutige Verfahrensweisen bei Standardfällen) unterschieden.
  • Entscheidungsprämisse Kommunikationswege: diese strukturieren, wer mit wem über welche Inhalte spricht in einer Organisation und tragen zur Komplexitätsreduktion bei. Dem Case Management fällt hier die Aufgabe zu, alle im Fallgeschehen Beteiligten ausreichend zu berücksichtigen.
  • Entscheidungsprämisse Personal: Kompetenzanforderungen, die sich aus der Fallsteuerung ergeben. Die Personalplanung erfordert eine lange Vorlaufzeit.

In Kapitel 7 wird sehr ausführlich, praxisnah und anhand von zahlreichen Bespielen auf die Implementierung einer Case Managementorganisation eingegangen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass ein bestehendes System nur solche Veränderungen zulässt, die das Gesamtsystem nicht gefährden. Eine erfolgreiche Implementierung setzt eine Reihe von Implementierungsentscheidungen und Implementierungsstrategien voraus. Diese werden entlang der oben dargelegten Unterscheidung von Programmen, Kommunikationswegen und Personal erläutert und anschliessend auf Probleme bei der Implementierung eingegangen. Allen voran zeigt sich beispielsweise, dass Case Management oft als Methode der Einzelfallarbeit missverstanden wird und dadurch die Organisationsbezüge unterschätzt werden. Darüber hinaus wird deutlich, dass Steuerungsansprüche auch immer Auswirkungen auf der Beziehungsebene haben, die es frühzeitig zu Klären gilt oder sich durch die Case Managementimplementierung die bestehenden Machtverhältnisse verändern.

Kapitel 8 greift schliesslich die für eine erfolgreiche Case Managementpraxis erforderlichen Kompetenzen auf. Im Fokus stehen hier die beiden Kernkompetenzen Kooperation und Koordination. Im Hinblick auf Personalentwicklungsstrategien wird zwischen unterschiedlichen Typen (rational-methodischer Typ, konfliktorientierter Typ, hierarchieorientierter Typ oder sensibel-zurückhaltender Typ) unterschieden. Ausserdem wird darauf eingegangen, wie mit etablierten Mustern umgegangen werden kann und welche Anforderungen sich an die Personalentwicklung von Case Managementorganisationen generell stellen.

Diskussion

Das Buch liefert eine wissensgestützte, theoriebasierte und gleichzeitig praxisnahe Grundlage für die Implementierung von Case Management aus einer organisationalen Perspektive. In den ersten fünf Kapiteln werden in analytischer Präzision die Implikationen einer systemtheoretisch verstandenen Case Managementimplementierung durchdekliniert. Dabei wird nicht nur das Bewusstsein über System und Umwelt, sowie das Innen und Aussen einer Organisation geschärft, sondern auch dazu angeregt, sich über Programme, Kommunikationswege und Personal einer Case Managementorganisation Gedanken zu machen – Aspekte, die in der gängigen Case Management Fachliteratur oft kaum Erwähnung finden.

Spätestens ab dem siebten Kapitel liest sich das Buch als eine Art Leitfaden für die Implementierung von Case Management. Die klare Struktur, die vielen Praxisbeispiele und das breite Spektrum bieten eine optimale Grundlage für alle, die ihre Organisation zu einer Case Managementorganisation „umbauen“ wollen. Um vor Missverständnissen zu schützen, wird gar auf verbreitete Fehler bei der Implementierung hingewiesen oder eine Systematisierung verschiedener Case Managementimplementierungen (inkl. Vor- und Nachteile) angeboten.

Für die besonders Interessierten (und mit Führungsaufgaben Betrauten) sind dem Schlusskapitel zu Personalentwicklung im Case Management wertvolle Hinweise für den Umgang mit Personalfragen zu entnehmen.

Fazit

Auch wenn im Buch der Fokus klar auf die organisationale Ebene gelegt wird, gibt es durch seinen klaren Aufbau für jede und jeden Case Management-Interessierten etwas her. Den grössten Gewinn ziehen sicherlich Führungspersonen von Case Managementorganisationen und -angeboten. Sie finden im Buch nicht nur eine Art Nachschlagewerk, sondern einen fachlich fundierten und theoriegestützten „Leitfaden“ für die Gestaltung ihrer Case Managementorganisation. Das Buch weist einen beeindruckenden Detaillierungsgrad auf, der gerade mit Bezug auf die organisationale Ebene, Seinesgleichen sucht. Fachpersonen, also Case Managerinnen und Case Manager, finden im Buch einerseits eine „Erklärung“ warum ihr Praxisalltag so ist wie er ist und was sie berücksichtigen müssen, um ihn zu verändern und andererseits eine wichtige Handreichung, wenn es um Fragen der Kooperation und Koordination in den Systemen ihrer Klientinnen und Klienten geht. Politikerinnen und Politiker, resp. Verwaltungspersonen schliesslich erhalten durch das Buch eine übersichtliche Darstellung, was auf der Systemebene zu berücksichtigen ist, wenn Case Management erfolgreich implementiert werden soll.

So ist für Jede und Jeden etwas dabei. Auch wenn die (vor allem zu Beginn) „theorielastige“ Ausdrucksweise den Einstieg ins Buch vielleicht etwas erschweren mag, machen die zahlreichen Praxisbezüge und Fallbeispiele das Buch doch sehr verständlich. Eine Herausforderung könnte darin liegen, in der Fülle der Informationen die für einem gerade Relevanten herauszufiltern.

Insgesamt ist es Monzer auf eindrückliche Weise gelungen, sehr nah an Luhmanns Systemtheorie und Kühls Organisationstheorie eine verständliche und an den meisten Stellen durchaus konkrete Publikation über Case Managementorganisationen vorzulegen.

Literatur

  • Luhmann (1987): Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. 1. Aufl. Frankfurt am Main
  • Kühl/Muster (2016): Organisationen gestalten. Eine kurze organisationstheoretisch informierte Handreichung. Wiesbaden

[1] In den Kapiteln 3, 4 und 5 orientiert sich das Buch an der Strukturmatrix zur Analyse von Organisationen von den beiden bekannten Organisationstheoretikern Kühl und Muster (2016). Dabei wird zwischen „Kommunikationswegen, Programmen und Personal“ einerseits und „formalen, informalen und Schauseite von Organisationen“ andererseits unterschieden.


Rezensent
Jeremias Amstutz
M.A. Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Fachhochschule Nordwestschweiz
Institut Beratung, Coaching und Sozialmanagement
Homepage www.fhnw.ch/soziale-arbeit
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Zitiervorschlag
Jeremias Amstutz. Rezension vom 11.10.2018 zu: Michael Monzer: Case Management Organisation. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2018. ISBN 978-3-86216-400-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23897.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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