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Natan Sznaider: Gesellschaften in Israel

Cover Natan Sznaider: Gesellschaften in Israel. Eine Einführung in zehn Bildern. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2017. 319 Seiten. ISBN 978-3-633-54285-7. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR, CH: 36,50 sFr.
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Thema

Während des Gaza-Kriegs vom Sommer 2014 interviewte Friedbert Meurer (2014), Jg. 1959, damals Ressortleiter beim Deutschlandfunk (DLF) und Moderator der DLF-Sendung „Informationen am Morgen“ am 2. August 2014 Natan Sznaider per Telefon in Tel Aviv, das damals unter Raketenbeschuss aus Gaza stand. Dieses Interview gab hierzulande Anlass zur Kritik. So erklärte etwa einen Tag später die (damalige) CDU-Politikerin und frühere DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld (2014) das Interview sei unter die „journalistischen Schurkenstücke“ einzuordnen. Die umstrittene Passage (Meurer, 2014) lautet:

„Meurer: Also die Hamas wird ja hier auch kritisiert, Herr Sznaider, es fragen sich aber viele hier in Deutschland, auf israelischer Seite sind, ich glaube, bisher drei Zivilisten ums Leben gekommen. In Tel Aviv die Menschen heute Nacht bei dem Raketenalarm, viele drehen sich im Bett von links nach rechts um, umgekehrt haben wir über 1.000 Tote im Gazastreifen – ist es da wirklich unmöglich für jemanden, auch einmal daran zu denken, wie schlimm es im Gazastreifen ist, vielleicht sogar doppelt schlimmer als in Tel Aviv.

Sznaider:… aber ich meine, ich will mich jetzt auch gar nicht… ich will auch gar keine Konkurrenz machen, damit wir, sagen wir mal, die Sympathie der westlichen Welt erwecken können, mit mehr israelischen toten Zivilisten aufzufahren, ist ja auch nicht gerade… Ich meine, das ist ja das, was Sie angedeutet haben. Die haben nicht genug Tote, und deswegen schaut die westliche Welt irgendwie anders auf sie. Was ich Ihnen sagen will, das ist genau das Dilemma auch, in dem Israel sich befindet, indem sie auf der einen Seite, sagen wir mal nach westlichem Standpunkt aus, irgendwie nach zivilisiertem Standpunkt aus beurteilt werden, aber in einem Raum leben, in einem Raum kämpfen müssen, in dem diese zivilisatorischen Standards eigentlich nicht mehr gelten. Und in diesem Dilemma, in diesem Zwei-Fronten-Krieg eigentlich, muss Israel kämpfen, und da machen sich dann auch diese Stimmungen irgendwie bemerkbar, die Sie jetzt in Israel auch erleben.“

An solch vertiefter Sicht auf Israel mangelte es Friedbert Meurer offensichtlich. Er ist damit nicht allein. Aufklärung über Israel not tut – auch und gerade hierzulande. Und für ein deutschsprachiges Publikum ist das Buch geschrieben. Es beruht (so im Dank, S. 310) auf einer Vorlesungsreihe unter dem Titel „Gesellschaften in Israel“, die der Autor im SoSe 2016 am Zentrum für Israel-Studien an der LMU München gehalten hat, und die vorliegende Veröffentlichung ist die weltweite Erstveröffentlichung. Von Publikationen in anderen Sprachen, etwa Ivrit (oder Iwrit), der dominierenden und von (fast) allen jüdischen Israelis gesprochenen Staatssprache Israels, ist (Stand Mitte Februar 2018) ebenso wenig bekannt wie von Übersetzungen in andere Sprachen.

Autor

Natan Sznaider ist, wie das angesprochene DLF-Interview zeigt, in Deutschland seit Jahren bekannt – v.a. als Mitherausgeber von „Neuer Antisemitismus? – Eine globale Debatte“ (Doron Rabinovici, Ulrich Speck&Natan Sznaider, Berlin: Suhrkamp Insel, 2004) und „Herzl reloaded – Kein Märchen“ (Doron Rabinovici & Natan Sznaider, Berlin: Suhrkamp Insel, 2016). Er wurde 1954 in Mannheim als Kind von aus Polen stammenden staatenlosen Überlebenden der Shoah (sog. Displaced Persons) geboren. Im Alter von 20 Jahren ging er nach Israel und arbeitete zunächst in verschieden Kibbuzim.

Nach Studien (seit 1977) der Soziologie, Psychologie, Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv sowie der Columbia University in New York City, wo er 1992 mit der Dissertationsschrift „Die Sozialgeschichte von Mitleid“ promovierte, arbeitete und unterrichtete er ab 1992 an verschiedenen Einrichtungen in Israel und anderen Ländern (darunter dem Leo Baeck Institut in Berlin und der LMU München). Seit 1996 hat er den Lehrstuhl für Soziologie an der Akademischen Hochschule in Tel Aviv inne. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kultursoziologie, Politische Theorie, Hannah Arendt, Globalisierung, Kosmopolitismus, Erinnerung und Shoah.

In der Einleitung (S. 7 – 22) zum Buch bietet der Autor Selbstcharakterisierungen. Eine davon ist: „ich bin ein Israeli“ (S. 21); das bestimmt seinen Blick auf (die) Gesellschaften in Israel. Und ein Zweites in mindestens demselben Maße: seine wissenschaftliche Orientierung als Soziologe. Hier ist es nötig und lohnt sich, weiter auszuholen:

„Mir geht es darum, die beobachteten Menschen sowohl in ihrer Partikularität als auch in ihrer Verbindung mit anderen zu beschreiben und dabei die Konkurrenz der Weltanschauungen zu verstehen. Dabei bin ich sehr von der Wissenssoziologie von Karl Mannheim beeinflusst, dessen Werk, insbesondere Ideologie und Utopie aus dem Jahr 1929, ich wie ein Licht im dunklen Dickicht der Gesellschaften verstehe. Deshalb auch die Vielfalt der Ereignisse, die ich erzählen will. Jedes Ereignis wird ein anderes Schlaglicht auf Israel werfen. Karl Mannheims Denken ermöglichte es mir, soziale und kulturelle Gruppen auszumachen und zu analysieren, ohne sie als Essenzen zu betrachten. Viel zu viel wird mit dem Begriff der Identität versucht zu erklären. Auch ich werde diesen Begriff hier nutzen, doch geht es mir darum, die Formation von Identitäten zu erklären, statt mit Identitätsbildungen die soziale Welt Israels zu erfassen. Identitäten sind in diesem Buch performative Ereignisse, die es zu entschlüsseln gilt: Identität ist etwas, was geschieht, und nicht etwas, das ist.“ (S. 21-22)

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht im Kern aus zehn Kapiteln, von denen jedes eine bestimmte Gesellschaft Israels – ein besonderes Milieu, eine Lebenswelt eigener Art, eine spezifische soziale Szene – betrachtet. Die Literatur zu den einzelnen Kapiteln ist zusammen mit einem Abbildungsverzeichnis am Ende des Buches unter Dank und Literaturverzeichnis zu finden.

Das Buch wird eröffnet mit einer ausführlichen Einleitung, die sowohl eine gute Hinführung zu Israel (Gesellschaft und Staat) und eine knappe Inhaltsangabe bietet, als auch Selbstcharakterisierungen des Autors, wie sie oben schon angeführt wurden. Auf der Seite vor der Einleitung befindet sich eine (englisch beschriftete) Landkarte, die die „Grüne Linie“ oder „Grenze von 1967“ im Gegensatz zu vielen Karten, auch solchen, wie sie heute als „offizielle“ an Tourist(inn)en verteilt werden, erkennen lässt – freilich nur denen, die einiges Wissen über die Grenzen Israels zwischen 1948 und heute mitbringen.

Das „J14“ im Titel des 1. Kapitels Generation Global: J14 in Israel meint ein Datum: den 14. Juli 2001 – mehr als 200 Jahre nach dem 14. Juli 1789, der als Tag des „Sturms auf die Bastille“ in die Weltgeschichte eingegangen ist. Es war der Tag, an dem in Israel das begann, was man „Sozialproteste“ nennt. „Dort liefen Globales und Lokales zusammen. Inspiriert von Protesten in Kairo und Madrid war es das Aufbäumen einer jungen Generation, die sich einerseits an die zionistische Tradition anschließen wollte, aber zugleich wie viele Altersgenossen in der Welt spürte, dass die Versprechungen, die man ihnen machte, weder in Israel noch in der Welt gehalten werden können.“ (S. 15)

Die Erörterungen von Kapitel 2 Entweder / Oder: Die Opferung Jitzchak Rabins nehmen ihren Ausgang bei der politisch motivierten Ermordung des israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin, auf dem – als letzte der politischen Führungsfiguren Israels – alle Hoffnungen auf eine friedliche, einvernehmliche und dauerhafte Lösung des Nahostkonflikts lagen. Dort werden wir zum ersten Mal dessen ansichtig, was der Autor das „national-religiöse Milieu“ (S. 15) nennt; Jitzchak Rabins Mörder Jigal Amirs gehört zu diesem Milieu. Dieses „national-religiöse Milieu“ ist jenes, „das die Legitimationsherrschaft über die 1967 eroberten Gebiete ausübt und sich als Vertreter der eigentlichen Legitimation Israels versteht“ (S. 15).

In Kapitel 3 Nicht hier und nicht dort: Die Vorstellungen der israelischen (National-) Kultur(en) spielen weitaus weniger als den vorangehenden und nachfolgenden Kapiteln die klassischen dramatischen Elemente der Einheit von Handlung, Ort und Zeit eine gestaltende Rolle. Das Kapitel ist weitaus essayistischer als die umliegenden und seine Zentralthematik weniger prägnant. Es gibt einzelne identifizierbare Themen: Der Militär Mosche Dayan sowie der Schauspieler und Regisseur Assi Dayan, sein Sohn; die sich in technologischer wie ideologischer Hinsicht wandelnden Medien (Bücher, Zeitschriften, Theater, Film, Fernsehen); das Ivrit – im Buch durchweg als „Hebräisch“ bezeichnet – als Kultursprache Israels, das Unterscheidung markiert nicht nur von / zu den arabischen Dialekten der regionalen Umgebung, sondern auch den Sprachen der Diasporajuden (einschließlich des Jiddischen).

Kapitel 4 Zivia Lubetkin und Hannah Arendt: Die Beschreibungen des Holocaust behandelt die Frage, welche Beschreibungen, Deutungen oder Konstruktionen des Holocaust (der Autor verwendet die vom Rezensenten bevorzugte Bezeichnung „Shoa“ nicht) es in Israel gab und gibt sowie welche Bedeutung(en) diese früher hatten, heute haben und welche Rolle der Holocaust im öffentlichen und politischen Diskurs des heutigen Israels überhaupt noch spielt. Die hierzulande weitaus weniger als Hannah Arendt bekannte Zivia Lubetkin ist „die Ghettokämpferin selbst [in Warschau 1943], die Zionistin, Kibbuzgründerin, Ikone des Landes“ (S. 115-116).

Bezugspunkt des 5. Kapitels Queer Israel und die Bedeutung der (Euro-)Vision ist die Israelin orientalisch-jüdischer Herkunft Dana International (Künstlername), die 1998 den Eurovision Song Contest (für Israel) gewann. Ihr bürgerlicher Name ist Sharon Cohen, ihr Geburtsname Yaron Cohen, weil man dem Kind als Geschlecht „männlich“ zuschrieb. „Sie verkörpert im wahrsten Sinne des Wortes die Widersprüche der israelischen Gesellschaft.“ (S. 138)

Kapitel 6 Kafir Quasim und die schwarze Flagge der Illegalität: Israel und die arabische Bevölkerung handelt von den arabischen Bürger(inne)n Israels („israelischen Arabern“, so die offizielle Bezeichnung), ihrem Verhältnis zum Staat Israel und dessen zu ihnen sowie dem (Nicht-)Zusammenleben zwischen ihnen und den jüdischen Israelis.

Kafir Quasim (häufiger Kafr Qasim geschrieben) ist der Name des auf israelischem Staatsgebiets (westlich der „Grünen Linie“) gelegenen, gänzlich von arabischer Bevölkerung bewohnten Ortes, in dem zu Beginn des Sinaikrieges am 29. Oktober 1956 israelische Grenzpolizisten bald 50 arabische Israelis, fast zur Hälfte Kinder und Jugendliche erschossen. Die Grenzpolizisten wurden 1957 vor einem israelischen Militärgericht des Mordes angeklagt; die Angeklagten beriefen sich auf Befehle (Befehlsnotstand). Der auch durch andere Prozesse bekannt gewordene Richter Benjamin Halevi, ein guter Kenner der NS-Prozesse, hat in der Begründung Worte (zitiert nach Buch, S. 170-171)gefunden, die (Rechts-)Geschichte gemacht haben:

„Das Kennzeichen offensichtlicher Illegalität ist, dass sie wie eine schwarze Flagge über dem Befehl wehen sollte, eine Warnung, die besagt ‚Verboten‘! Keine formelle Illegalität, versteckte oder teilweise versteckte, keine Illegalität, die nur von Juristen entdeckt werden kann, sondern das klare und offensichtliche Brechen des Gesetzes, eine Illegalität, die das Auge durchbohrt und das Herz aufwühlt, wenn das Auge nicht blind ist und das Herz nicht undurchdringlich und korrumpiert ist, das ist der Maßstab für offensichtliche Illegalität und muss die Pflicht des Soldaten außer Kraft setzen, Befehlen zu gehorchen, und ihm auch die strafrechtliche Haftung auferlegen.“

7 Der Tempelberg ruft: Die Heiligkeit der Souveränität

Das 7. Kapitel gehört wie das voran stehende 6. zu den eindrucksvollsten des Buches. Diese Einschätzung ist natürlich keine objektive, sondern rührt von der Perspektive des Rezensenten her: einer nicht-israelischen und nicht-jüdischen. „Eindrucksvoll“ umfasst auch „verstörend“; aber das kann ja auch hilfreich sein. Ich gebe die letzten Sätze dieses Kapitels wieder, weil sie sowohl die hier verhandelte Sache klar umreißen als auch die Position des Autors in der Frage erkennen lassen.

„Israel kann aus dem De-facto-Staat [Israel in den Grenzen vor 1976 plus ‚besetzte Gebiete‘] auch einen De-jure-Staat machen und wird dann mit der politischen Anwesenheit von 2,5 Millionen Nichtjuden umgehen müssen. Es kann sich aus den [‚besetzten‘] Gebieten zurückziehen mit den verschiedenen Möglichkeiten der Grenzkorrekturen und einen zweiten Staat neben sich und dem Jordanfluss entstehen lassen. Damit ist aber noch immer nicht die Frage gelöst, wie Jerusalem unter der Souveränität Gottes die Hauptstadt beider Staaten sein kann. Oslo war auch deshalb zum Scheitern verurteilt, weil man nur in Scheidungsformeln denken wollte und sich nicht vorstellen wollte und sich nicht vorstellen konnte, dass der einzige Weg jenseits des gegenseitigen Tötens darin liegt, die Erfahrungen, die Erinnerungen, die Lebenswelten der anderen Seite in das eigene Leben einzubeziehen und damit ein gemeinsames Schicksal und Leben zu planen. Nicht nur Geschichte ist hier gefragt – und weiß Gott (im wahrsten Sinne des Wortes), Geschichte gibt es hier mehr, als alle nötig haben –, sondern Geografie. Nicht nur temporales Denken, sondern räumliches Denken ist notwendig, um zu erkennen, dass weder Jerusalem noch das gesamte Gebiet selbst überhaupt teilbar sind. Nicht nur von Identität, sondern auch vom Leben muss geredet werden. Nicht nur von Zeit, sondern auch von Raum. Die Millionen Menschen, die hier leben, müssen sich daran gewöhnen, dass hier nichts teilbar ist, dass die Region eine wirtschaftliche und sogar kulturelle Einheit ist. Wenigstens als politische Utopie, so wie in den Romanen von Anton Schamas [es muss ‚Schammas‘ heißen] und Sayed Kashua, könnten diese Ideen im Raum stehenbleiben.“ (S. 223-224)

Im 8. Kapitel Ost trifft auf Ost: Orientalische Juden in Israel werden die israelischen Juden betrachtet, die in Israel heute als Misrachim bezeichnet werden – „von Misrach, Osten, anfangs auch sephardische Juden genannt, ein Begriff, der im öffentlichen Diskurs Israels nicht mehr benutzt wird“ (S. 228-229). Sie sind Nachzügler, die in ein Israel einwander(te)n, das in Kultur, Politik und Wirtschaft von aus Europa stammenden Aschkenasim geprägt war / ist und von diesen dominiert wurde / wird. Sie haben Israel verändert: „Israel ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts orientalischer und auch weiter von Europa entfernt als je in seiner Geschichte…“ (S. 249) Das hat auch damit zu tun, dass die Misrachim politische Kraft geworden sind: in der und durch die Schas-Partei, die von Natan Sznaider nicht nach ihrer religiösen Orientierung (ultraorthodox) eingeordnet, sondern als „ethnische Partei“ (S. 260) bezeichnet wird.

Ebenfalls als „ethnische Partei“ bezeichnet wird „Israel be Alija“ (häufig: Jisra'el ba-Alija), die 1996 von Natan Scharanski (oft: Sharansky) gegründet wurde. Er war der erste politische Gefangene, der von Michail Gorbatschow entlassen wurde – im Austausch gegen einen sowjetischen Spion. Für solche Inszenierungen gab es einen klassischen Ort: die Glienicker Brücke. So auch hier: „Am 11. Februar 1986 überquerte ein Mann die Glienicker Brücke von Ost- nach Westberlin. Noch am selben Abend kam er in Jerusalem an, wo er begeistert empfangen wurde. Das war der Beginn eines neuen Kapitels der israelischen Geschichte.“ (S. 257)

Mit diesen Sätzen (in denen man „Ost-Berlin“ in „Potsdam“ ändern muss) beginnt das 9. Kapitel „Zwei Kamele treffen sich am Abgrund“: Ethnizität und Staatsbürgerschaft, wo das „orthodoxe und ultraorthodoxe Milieu [die Charedim], die Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion und die äthiopischen Juden“ (S. 18) im Blickfeld stehen.

„Zwei Kamele treffen sich am Abgrund“ spielt an auf ein Gespräch, das der erste Premierminister des Staates Israel David Ben-Gurion 1952 mit dem großen Thora-Gelehrten Rabbi Avraham Karelitz an dessen Wohnsitz führte. Es ging um alle möglichen Fragen; etwa die, wie religiöse und säkulare Juden in dem neuen, damals gerade vier Jahre alten Staat zusammen leben und die religiösen Juden sich in diesem (säkularen) Staat einrichten könnten. Der Rabbi soll mit einer Parabel aus dem Talmud geantwortet haben:

„Wenn sich zwei Kamele auf einem schmalen Pfad am Abgrund treffen, das eine Kamel voll beladen, das andere nicht, wer muss Platz machen? Es ist klar, dass das nichtbeladene Kamel Platz machen muss. Der Rabbi sah die Charedim als diejenigen, die die Last tragen, die Last der Religionsvorschriften und die Bürde der Religion. Ben Gurion antwortete, dass auch die Besiedlung und Verteidigung des Landes eine Bürde sei, aber die Rabbi ließ sich von seiner Vorstellung nicht abbringen.“ (S. 276)

Das 10. Kapitel „Weh den Sorglosen auf dem Zion und den Selbstsicheren auf dem Berg von Samaria“ (Amos 6,1) „stellt noch einmal die Frage nach dem Universalen in den Fokus und untersucht die Beziehungen zwischen nichtjüdischen Asylbewerbern und Flüchtlingen in Israel und denjenigen, die für sich die israelische Staatsbürgerschaft selbstverständlich in Anspruch nehmen und jene neu Hinzukommenden entweder als Teil Israels annehmen oder sie ablehnen.“ (S. 19) Sinn und Bedeutung des Kapiteltitels enthüllt folgende Textpassage:

„Die Selbstbegrenzung der staatlichen Souveränität, die die Menschenrechtler fordern, diese Verweigerung der Sorglosigkeit, ist aber auch eine Neuauflage des Konflikts zwischen Königen und Propheten, die man aus der Schrift kennt, wie die als Motto dieses Kapitels zitierte Drohung des Propheten Amos, dass die sorglose Souveränität ihre Grenzen haben muss.“ (S. 306)

Diskussion

„Ein kluges, informatives und elegantes Buch hat Natan Sznaider über die israelische Gesellschaft geschrieben. Elegant. Das ist wichtig. Denn Soziologen beliebt es, sich derart komplex auszudrücken wie ihr Urvater Georg Simmel, was ihre Bücher für den Normalleser schwer verständlich macht.“ Dieser Beurteilung Rafael Seligmann schließe ich mich an – auch, was den Stil betrifft. Nicht im Stil, wohl aber in der Sache kehrt Natan Sznaider zu den Anfängen der Soziologie als eigenständiger akademischer Disziplin zurück. Das hat in seiner Buchbesprechung der Sozialpsychologe und Soziologe Harald Welzer hervorgehoben:

„Zwei der zentralen Befunde jener [von Georg Simmel beeinflussten] natural sociology der amerikanischen Gründungsphase sind heute aktueller denn je: dass Menschen in unterschiedlichen Wirklichkeiten leben und nicht in einer objektiv gegebenen. Und dass man diese Wirklichkeiten verstehen muss, um zu verstehen, warum diese Menschen tun, was sie tun. Genau hier setzt das erstaunliche Buch Gesellschaften in Israel an…“

Natan Szanaiders Buch bietet uns eine soziologische Analyse der derzeitigen Gesellschaften in Israel, berichtet aber immer auch wieder von Veränderungen über die Zeit: Wie es im frühen Israel und in den Zeiten vor der Staatsgründung – im Gleichklang oder Unterschied zu heute – war. Diese Längsschnittanalyse ist allerdings einseitig; sie redet nur von dem, was hinzukam: den Misrachim etwa oder den Zuwander(inne)n aus der früheren UdSSR oder den Flüchtlingen / Asylsuchenden aus dem Gebiet um das Horn von Afrika. Was ohne Begründung fehlt und man vermisst, ist: Angaben dazu, was wegfiel. Das sind vor allem die Kibbuzim und die Kibbuzniks. Zurzeit der Staatsgründung lebten etwa 8 Prozent der Israelis in einem Kibbuz, heute dürfte es etwa 1 Prozent sein. Wichtiger aber noch: Die quantitative Verminderung ging – und dazu hätte man sich von Natan Sznaider eine Analyse gewünscht – mit einem affektiven, moralischen und politischen Bedeutungsverlust der Kibbuzim und Kibbuzniks einher.

Zur Illustration ein Beispiel. Meine Kibbuz-Volunteerarbeit leistete ich ausschließlich (und letztmalig 1980) bewusst gewählt im Kibbuz Jad Hanna (Yad Hanna), dem damals einzigen kommunistischen Kibbuz Israels. Der im Sinne der Kibbuz-Bewegung auch damals noch wertkonservative, von einer Frau geleitetet Kibbuz war gegründet worden 1951 von Jürgen / Israel Löwenstein, seiner Frau Chana und anderen ungarischen Holocaust-Überlebenden, die mit mir Deutsch sprachen, was mich in tiefe Verlegenheit stürzte. Jürgen / Israel Löwenstein, Jg. 1925, ist einer der wenigen jüdischen Jugendlichen, die Auschwitz, Buna/Monowitz und Mauthausen überlebt haben. Seit Anfang dieses Jahrhunderts gibt es den Kibbuz Jad Hanna nicht mehr. Ackerland wurde in Bauland umgewandelt. Einige der dort errichteten Immobilien werden heute auch hierzulande von Airbnb als Ferienwohnungen angeboten.

Das vorliegende Buch gibt – natürlich nur jenen, die zu Israel und zum Nahostkonflikt nicht schon alles zu wissen glauben – viele Antworten. Es wirft hie und da aber auch (An-)Fragen auf. Für eine Anfrage an den Autor sei folgendes Beispiel angeführt. Am Beginn des 2. Kapitels werden die letzten Sätze der Rede, die Ministerpräsident Jitzchak Rabin am Abend des 4. November 1995 auf dem Platz der Könige Israels in Tel Aviv wiedergegeben. Anschließend notiert der Autor: „Danach fielen drei Schüsse und der in der Luft liegende Bürgerkrieg in Israel war entschieden, ehe er sich in Gewalt entladen hätte.“ (S. 43) Hält Natan Sznaider Mord für keine Gewalttat? Oder meint er, der Mörder Jigal Amir sei nur in Kategorien der Psychopathologie zu begreifen, ein Einzelner ohne gesellschaftlichen oder politischen Ort, der auf den erstbesten schoss, der ihm vor den Lauf kam?

Wenn man diese Annahmen bestreitet, erscheinen Jigal Amirs Schüsse auf Jitzchak Rabin als Akt mörderischer Gewalt der einen gesellschaftlichen Partei gegen die andere. Und kann man denn dann nicht sagen: Der in der Luft liegende Bürgerkrieg fand statt – und zwar am Abend des 4. November 1995 auf dem Platz der Könige Israels (heute: Rabin Platz) in Tel Aviv? Natan Sznaider scheint einer solchen Sichtweise nicht abgeneigt, wie eine spätere Textstelle (auf S. 52) zeigt: „Drei Schüsse, und damit war der Bürgerkrieg vorbei – und eine Seite siegreich aus ihm hervorgegangen.“

Eine zweite Anfrage an den Autor betrifft dessen akademisch-disziplinäre Selbstverortung. In der Einleitung hatte er hierzu ausgeführt: „Einige ikonisch gewordene Ereignisse des Landes werden dafür ins Scheinwerferlicht gerückt, um die verschiedenen Gesellschaften im Land zu unterscheiden und zu verstehen. Dabei werde ich nicht historisch vorgehen, und das aus mehreren Gründen. Als Soziologe bin ich keiner historischen Chronologie und Linearität verpflichtet. Mich interessieren vielmehr die Verhaltensweisen, die Glaubenssätze, die Wahrheiten und vor allem das Selbstverständnis, die Identitätsbildungen der Menschen. Und, auch das spricht gegen historiografische Erklärungsversuche: In Israel ist das Historische nicht nur [!] Hintergrund, sondern Teil dessen, was ich verstehen will. Geschichte ist in Israel gleichbedeutend mit kollektiver Identität.“ (S. 13-14)

Wer Texte von Soziolog(inn)en lesen will, in denen nicht historisch vorgegangen wird und jeglicher historischer Erklärungsversuch fehlt, die / der lese Texte des späten Niklas Luhmann – nicht aber das vorliegende Buch. Denn dies ist eines, das – indem es fortlaufend Geschichten erzählt – immer auch historisch vorgeht und historische Erklärungsversuche bietet. Der Wider-Spruch würde sich nicht auflösen, wohl aber verlagern, könnte / müsste man annehmen, Autor und Rezensent hätten ein unterschiedliches Verständnis davon, was die Geschichtswissenschaft zu leisten habe und leisten könne. Einen israelischen Sonderstatus – „Geschichte ist in Israel fast schon gleichbedeutend mit kollektiver Identität“ – möchte der Rezensent hier ungern einräumen. Dergleichen reklamieren auch andere ethnische und / oder religiöse Gruppen, ja ganze Nationen und Staaten für sich. Und selbst im „geschichtslosen“ Deutschland ist der 9. November kein Tag wie jeder andere, jedenfalls keiner, der in die Sphäre von „Dort-und-damals“ gehörte, die mit dem „Hier-und-heute“ nichts zu tun habe oder haben könnte.

Eine dritte Anfrage an den Autor: Was eigentlich meint er mit „osteuropäischen“ Juden? Nimmt man das ganze Buch in den Blick, so muss man den Eindruck gewinnen, alle Aschkenasim seien „osteuropäische Juden“ – wann immer sie eingewandert seien: vor dem Nazi-Regime, während dessen, nach dem Krieg vor der Staatsgründung oder in den ersten Jahren danach. Vielleicht liegt der Unterschied zwischen Autor und dem Rezensenten darüber, was man unter „OSTeuropäischen“ Juden zu verstehen habe, einfach in unterschiedlicher Grenzziehung. Folgt man, wofür der Rezensent viele – auch historische und kulturelle – Gründe hat, der Grenzziehung des Ständigen Ausschusses für geographische Namen, dann gehören zu Mittel- und eben nicht Osteuropa, um nur die fraglichen Staaten (in ihren heutigen Grenzen!) und Gebiete zu nennen, von Norden nach Süden betrachtet, Estland, Lettland und Litauen, ganz Polen (das Heimatland von Natan Sznaiders Eltern), die Slowakei, ganz Ungarn und Kroatien; ferner aber auch, diesmal von Süden nach Norden gehend, in Serbien die Woiwodina (Vojwodina) bis hinunter nach Novi Sad, Rumänien ostwärts bis zum Karpatenbogen (mit Klausenburg / Cluj-Napoca) und in der Westukraine der östliche Teil des historischen Gebiets Galizien (Hauptstadt Lemberg; Lwiw) und das Gebiet nördlich davon. Um es konkret zu machen: Auf S. 300 bezeichnet der Autor Raphael Lemkin und Herrsch Lauterpacht als „osteuropäische Juden“; der erstgenannte ist im heutigen Weißrussland, der zweite im heute ukrainischen (Ost-)Teil von Galizien geboren. Den sieht man hierzulande wie andere Galizien-Gebürtige, Wilhelm Reich und Manès Sperber etwa, gemeinhin als Mitteleuropäer an.

Aber vielleicht möchte Natan Sznaider mit „osteuropäisch“ im Zusammenhang mit Juden gar nicht eine geographische Differenz markieren, sondern soziokulturelle, religiöse und sprachliche Unterschiede. Diese haben vor bald 120 Jahren Nathan Birnbaum veranlasst zwischen „Ostjuden“ – dem „Fremden“ von Georg Simmel – und „Westjuden“, zwischen „Polacken“ und „Jeckes“ zu unterscheiden. Wenn dem so wäre, hätte man es als Leser gerne gewusst. Insbesondere als in antifaschistischer Tradition sozialisierter Deutscher, für den „Ostjude“ Nazi-Jargon ist. Und man hätte auch gerne gewusst, wie es der Autor wertet, dass es unter den ihm offensichtlich vor Augen stehenden Schtetl-Juden auch die gab „mit ihrer Ambition, Aufklärung und Emanzipation im deutschen Kult der Bildung zu suchen“ (Feldman, 2018, S. 44).

Neben Anfragen an den Autor gibt es Fragen, die sein Buch aufwirft. Ich will hier nur zwei nennen. Was eigentlich bedeutet und welches Licht auf Israel wirft es, dass arabisch-israelische Intellektuelle Israel verlassen, selbst wenn sie dort erfolgreich waren? Ich weise hier nur auf die zwei Namen hin, die im Buch selbst aufgeführt werden – auch als Zeugen einer politischen Utopie: „Die Millionen Menschen, die hier leben, müssen sich daran gewöhnen, dass hier nichts teilbar ist, dass die Region eine wirtschaftliche und sogar kulturelle Einheit ist. Wenigstens als politische Utopie, so wie in den Romanen von Anton Schamas [es muss ‚Schammas‘ heißen] und Sayed Kashua, könnten diese Ideen im Raum stehenbleiben.“ (S. 224). Offensichtlich haben beide jeglichen Glauben an eine solche politische Utopie, die Natan Sznaider mit ihren verbindet, verloren; sie sind in die USA emigriert.

Da ist einmal der 1950 geborene, aus einer christlich-arabischen Familie stammende Anton Schammas, der zur ersten Generation von arabischen Israelis gehört, die das israelische Bildungssystem durchlaufen hat. National schon bekannt, machte er sich ab den späten 1980ern auch international einen Namen; 1989 erschien bei Piper in München „Arabesken“ (Ivrit-Original: 1986). Seit vielen Jahren wirkt er, über seine Emigrationsgründe ist nichts zu ermitteln, als Professor für nahöstliche Literatur an der staatlichen Universität von Michigan. Und dann ist da Sayed Kashua (Sayyid Qasch??), 1974 in der noch heute überwiegend von arabischen Israelis bewohnten Ortschaft Tira (zur Biographie vgl. Kashua, 2014). Hierzulande bekannt wurde er durch „Tanzende Araber“, 2002 im Berlin Verlag erschienen (Ivrit-Original: 2002), seit 2014 lehrt er an der University of Illinois. Seine Emigration in die USA war politisch – „politisch“ im weiten Sinne des Wortes – motiviert (Kashua, 2014):

„In den 25 Jahren, in denen ich schreibe, habe ich harte Kritik von beiden Seiten erfahren, doch in der letzten Woche habe ich aufgegeben. In der letzten Woche ist etwas in mir zerbrochen. Als jüdische Jugendliche in Jerusalem ‚Tod den Arabern‘ schrien und Araber angriffen, nur weil sie Araber sind, habe ich verstanden, dass ich meinen kleinen Krieg verloren habe. Ich habe den Politikern und den Medienvertretern zugehört und verstanden, dass sie zwischen Blut und Blut, Mensch und Mensch unterscheiden. Personen, die zu einer bedeutenden Kraft im Land geworden sind, sagen vollmundig, was die meisten Israelis glauben, nämlich, dass ‚wir bessere Menschen als die Araber sind‘. Sie sagen in Gesprächsrunden, an denen ich teilgenommen habe, dass sie das erhabenere, das lebenswürdigere Volk seien. Eine entscheidende, zum Verzweifeln große Mehrheit erkennt das Lebensrecht der Araber nicht an, zumindest nicht in diesem Land.“

Eine zweite Frage, die das Buch aufwirft, lautet: Was ist es, das Israel zusammen hält? Anlass und Grund für diese Frage hat nicht erst der Autor geliefert, aber sein Buch mindert weder Anlass noch Grund, sondern macht die Frage brennender als zuvor. Natan Sznaider hat sich zur angesprochenen Thematik in der Einleitung (auf S. 20) so geäußert:

„In den fast siebzig Jahren seiner Existenz ist das Land zu einer Melange der verschiedenen sprachlichen und kulturellen Gruppen geworden, die letztendlich durch tiefe Abneigung zusammengehalten werden. Nicht der Konflikt ist überraschend, sondern die Stabilität. Sie ist möglich, weil die Gesellschaften in Israel ständig gezwungen sind, ihre radikalen Differenzen über das gute und richtige Leben miteinander zu verhandeln.“

Woher aber, dies ist doch die entscheidende Frage, woher rührt der angesprochene Zwang? Dass soziale Gruppen „durch tiefe Abneigung zusammengehalten werden“ ist Familientherapeut(inn)en und Systemiker(inne)n nichts Unbekanntes. Nur: Sollen wir uns Israel ernsthaft mit den (Verstehens-)Werkzeugen der klinischen Psychopathologie nähern? Wenn nicht, wenn wir beim Instrumentarium des Politischen bleiben, was hilft dann unserem Verstehen weiter? Der Autor macht dazu zwei (Denk-)Angebote. Da notiert er zum einen: „Der israelische Staat und die alten Eliten sind immer noch sehr stark und ihre monokulturelle Vision des Staates immer noch aktiv, und sie kann auch jederzeit abgerufen werden.“ (S. 13) So viel Dunkelrede ist im ganzen Buch sonst nie. Wer, so ist die erste Frage, wer sind denn die so mächtigen „alten Eliten“ von denen hier die Rede? Im Buch erfährt man nichts von ihnen. Und wie soll man sich denn das dazu gehörende Szenario vorstellen? Etwa so: Die auseinanderstrebenden und sich gegenseitig bekämpfenden Gesellschaften Israels treiben ihr Spiel nur bis zu einem bestimmten Punkt, weil sie wissen, dass bei Überschreitung gewisser Grenzen „Papa“ (der Staat, die alten Eliten) für Ordnung sorgt?

Ernster nehmen kann ich da schon eine zweite Überlegung, deren Grundlage der Autor so skizziert: „Israel ist noch immer ein von Feinden umzingelter Staat…“ (S. 11) Ja, das gehört zum politischen Normalwissen: Der äußerer Feind, der es auf nichts Weniger abgesehen hat als die Vernichtung von Staat und Volk, schmiedet das so existentiell bedrohte Gemeinwesen durch real begründete Furcht davon aufs Engste zusammen. Was aber hieße es, wenn diese Erklärung dafür, dass das innerlich zerrissene Israel dennoch so stark zusammenhält, zuträfe? Hieße es, dass Israel ohne seine Feinde überhaupt nicht auskäme? Dass diese gleichsam unverzichtbare Existenzgrundlage wäre? Fragen, Hypothesen! Aber doch solche, die es aufzuwerfen und aufzustellen gilt, wenn über eine Lösung des Nahostkonflikts nachgedacht wird.

Natan Sznaider schätzt die Möglichkeit für eine Lösung des Nahostkonflikts als geradezu undenkbar ein: „was aber 2017 [im Moment der Niederschrift] mehr oder weniger Konsens ist: Der Konflikt ist nicht lösbar, die Juden werden immer kampfbereit sein müssen, die arabische Bevölkerung wird die Präsenz der Juden nie akzeptieren können.“ (S. 80) Indes: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Mut machen mir Menschen wie die jüdisch-israelische Schriftstellerin Lizzie Doron und die israelischen und palästinensischen Männer, von denen sie in ihrem Buch „Sweet Occupation“ (München: dtv; socialnet-Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/23821.php) erzählt.Mut machen mir auch Stimmen aus dem Diaspora-Judentum wie jene von Omri Boehm (2017: Jerusalem, unser Goldenes Kalb) und Daniel Barenboim (2017: Teilt Euch die Stadt!).

Fazit

Das Buch ist ein „Muss“ für alle, die sich ein vertieftes Verständnis Israels – und damit einhergehend des Nahostkonflikts – erarbeiten möchten. Das Buch ist weder Katechismus noch (Nach-)Gebetsbuch, es ist ein sachkundiger, vielschichtiger und differenzierter Beitrag zu einem Diskurs, der hierzulande – von allen Seiten – allzu oft unter Niveau geführt wird. Das betrifft auch jenen Aspekt, der aktuell unter dem (monströsen) Stichwort „israelbezogener Antisemitismus“ daherkommt; bürokratische Maßnahmen helfen da nicht (so auch Brumlik, 2018).

Ergänzende Literaturnachweise

  • Barenboim, D. (2017). Teilt Euch die Stadt. DIE ZEIT v. 20.12.2017 (online verfügbar unter www.zeit.de/2017).
  • Boehm, O. (2017). Jerusalem, unser Goldenes Kalb. DIE ZEIT v. 20.12.2017 (online verfügbar unter www.zeit.de/2017).
  • Brumlik, M. (2018). Leider die falsche Lösung. Die CDU/CSU will Antisemiten ausweisen. DIE ZEIT Nr. 3/2018 v. 11. Januar 2018, S. 52 (online verfügbar unter www.zeit.de/2018).
  • Feldman, D. (2018). Berlin hat mich befreit. DIE ZEIT v. 15.2.2018, S. 44-45.
  • Kashua, S. (2014). Auf Wiedersehen, Israel. DER SPIEGEL v. 14.7.2014 (online verfügbar unter www.spiegel.de/spiegel/print).
  • Lengsfeld, V. (2014). Dem Deutschlandfunk genügen die Toten in Israel nicht. Die Achse des Guten (online verfügbar unter www.achgut.com/artikel).
  • Meurer, F. (2014). „Israelisches Mitgefühl ist zu viel verlangt“. Interview mit Natan Sznaider. Deutschlandfunk am 2.8.2014 (online verfügbar unter www.deutschlandfunk.de).
  • Seligmann, R. (2017). Kritik, Verständnis, Hoffnung. Besprechung des vorliegenden Buches. Deutschlandfunk am 11.11.2017 (online verfügbar unter www.deutschlandfunkkultur.de).
  • Welzer, H. (2018). Wimmelbild ohne Helden. Besprechung des vorliegenden Buches. DIE ZEIT Nr. 4/2018 v. 18.1.2018, S. 46 (online verfügbar unter www.zeit.de/2018).

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 02.03.2018 zu: Natan Sznaider: Gesellschaften in Israel. Eine Einführung in zehn Bildern. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-633-54285-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23902.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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