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Mechtild Erpenbeck: Wirksam werden im Kontakt

Cover Mechtild Erpenbeck: Wirksam werden im Kontakt. Die systemische Haltung im Coaching. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. 130 Seiten. ISBN 978-3-8497-0183-3. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR.
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Thema

„Coaching besteht zu (mindestens) 80 Prozent aus Haltung und zu (höchstens) 20 Prozent aus Methode“ ist ein Satz, der am Anfang von Coachingweiterbildungen nicht oft genug gesagt werden kann. Denn die Abfrage nach dem Hauptinteresse an einem solchen Kurs bringt immer dieselbe Metapher: Die Teilnehmenden möchten ihren beraterischen „Handwerkskoffer“ füllen. Nun mag Coaching auch Aspekte von „Handwerk“ haben und ohne ein methodisches Konzept nicht besonders wirksam sein, die eigentliche Wirkung geht – wie ja auch die Therapieforschung belegt – von anderen Faktoren aus, von denen der weitaus wichtigste das ist, was man die „Haltung“ nennen kann. Erpenbeck zitiert das treffende Bonmot: „A fool with a tool is still a fool“. Dennoch bleibt es oft seltsam im Nebel, was „die Haltung“ eigentlich ausmacht. Sicher, die Vokabeln „Selbstreflexion“ und „Wertschätzung“, „Lösungsfokussierung“ und „Ressourcenorientierung“ fallen sehr bald, ergeben aber bestenfalls Puzzleteile, bei denen noch nicht sichtbar ist, wie sie zusammengehören. Es ist wenig hilfreich, Denkmäler als Markierungen zu beschreiben, wenn man die sie umgebende Landschaft ignoriert. Dann ist es trotz allem mühsam, sich zu orientieren.

Mechtild Erpenbeck beschreibt beides: die herausragenden Denkmäler und die wegreiche oder auch unwegsame Landschaft, die sie umgibt. Dabei ist die Landschaftsmetapher keineswegs zufällig gewählt. Die Autorin schreibt: „Stellen Sie sich sozusagen auf eine kleine eklektische Landpartie ein, die zu ausgewählten Orten führt, an denen sich die Frage der inneren Haltung immer wieder neu aktualisiert – gleichermaßen als Problem wie als Lösung.“ (S. 10)

Autorin

Mechtild Erpenbeck ist Dipl.Päd., Psychologin, Supervisorin (DGSv), Gruppendynamikerin (dggo), Systemische Beraterin (SC®), Seniorcoach (DBVC) sowie Theaterregisseurin und -autorin. Sie arbeitet als Dozentin an verschiedenen Bildungsinstituten, hat Qualifikationskurse für Business-Coaches an der Akademie für Führungskräfte in der Wirtschaft in Überlingen geleitet, ist selbstständig tätig als Beraterin, Trainerin und Coach und leitet die Beratungspraxis CONSULTACT in Berlin (www.consultact.de).

(Für alle, die sich auch gern einen optischen Eindruck verschaffen, gibt es auf Youtube einen kleinen Film, in dem Mechtild Erpenbeck auf der Leipziger Buchmesse aus ihrem Buch liest: www.youtube.com/watch?v=t9Ri7-yVwxw)

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Eine Vorbemerkung zur gendergerechten Schreibweise eröffnet das Buch. Dann folgt als Einleitung ein guter Leitfaden durch die zentralen Fragestellungen des Bandes: Wer für sich den Fragenkatalog auf der Seite 9 beantworten kann, hat das Lernziel erreicht. Wer es ein Jahr später wieder neu kann, hat sich entwickelt. Dann beginnt die Reise mit insgesamt zwölf Stationen, die übersichtlich mit weiteren Wegmarkierungen versehen sind.

  1. Aufmerksamkeit. Sie beginnt mit dem „systemischen Hauptsatz“: „Alles Gesagte wird von einem Beoachtenden gesagt“ – und damit ist zugleich gesetzt: Jede Beobachtung muss beobachtet werden, wenn man nicht Wahrnehmungen mit Wahrheiten verwechseln will. Dabei reflektiert Erpenbeck das Zuhören ebenso wie das Staunen und das Schweigen, Grundkompetenzen, ohne die sich niemand auf den Coachingweg begeben kann.
  2. Augenhöhe. Dieses Kapitel ist der Coachingbeziehung gewidmet. Um diese gut in den Blick zu bekommen, setzt die Autorin nacheinander verschiedene Brillen auf. Zuerst die der Transaktionsanalyse, speziell des des OK-Corrals, dann die Schauspielbrille, die sich mit der inneren Haltung von Schauspielinnen und Schauspielern zu ihren Figuren befasst.
  3. Tabuzone Macht. Menschen arbeiten in Organisationen. Organisationen sind (auch) Machtgefüge. Beides zusammen bietet Reibungsflächen und Konfliktzonen, vor allem dann, wenn Macht verdeckt oder verschämt agiert wird. Die „Tabuzone Macht“ hat zwei Aspekte: Die Zone der Organisation und die Zone des Selbst.
  4. Anerkennen, was ist – reloaded. „Jede Veränderung beginnt mit der Würdigung des Gegebenen“ steht als Prinzip am Beginn dieses Kapitels (S. 43). Das ist wichtig zu betonen, weil im Coaching die Veränderungsdynamik beinahe wie selbstverständlich im Vordergrund steht. Wenn Unternehmen Mitarbeitende zum Coaching schicken, setzen sie weniger auf die Würdigung dessen, was ist, sondern formulieren konkrete Entwicklungsziele, die es zu erreichen gilt. Wenn sich Menschen aus eigenem Entschluss auf den Weg in ein Coaching machen, hat das vor allem zwei Gründe: Die „Problembeladenen“ (S. 45) möchten ihre missliche Lage verändern, die „Turbo-Selbstmanager“ (S. 48) sind so auf Zukunft fixiert, dass sie das Hier und Jetzt kaum noch wahrnehmen können.
  5. Mit Gefühl. Auch in diesem unübersichtlichen Gelände nutzt Erpenbeck vier hilfreiche Brillen: Zum einen die der Gestalttherapie, die die Rolle der Gefühle im Kontaktzyklus beschreibt. Zum anderen die der Zellbiologie, die das Konzept der Semipermeabilität zur Verfügung stellt: Was lasse ich im Kontakt zu mir herein, was soll/muss draußen bleiben? Zum dritten noch einmal die Schauspielbrille: Der Begriff „Spielbewusstsein“ verweist auf die Fähigkeit, so intensiv in die Gefühlswelt der gespielten Figuren einzutauchen, dass man die Figur „ist“, und gleichzeitig zu wissen, dass man eine Rolle „spielt“. Die Psychoanalyse stellt schließlich die Brille „Gegenübertragung“ zur Verfügung, die auf die Interdependenz von Gefühlen in der therapeutischen Begegnung fokussiert.
  6. Verantwortung. Mit diesem Begriff ist die Autorin vielleicht im Zentrum der Haltungsfrage angekommen: Wer hat im Coachingprozess wann Verantwortung für was, vor welcher Instanz etc. Zwei Grundrichtungen nennt das Kapitel: Selbstverantwortung und Fremdverantwortung. Und obwohl dazu schon sehr viel geschrieben worden ist, darf auch hier die Grenzbesichtigung von Coaching und Therapie nicht fehlen.
  7. Hier und Jetzt. Es ist eine Kernintervention z.B. der Gruppendynamik, immer wieder in die Metakommunikation zu gehen und das aktuelle Geschehen als Lernchance zu nutzen: „Was passiert denn gerade hier? Wir es jetzt, hier, zwischen Ihnen/und, in diesem Moment?“ Etc. (S. 79) In drei Abschnitten wird diese Perspektive beschrieben: In Gruppen, im Einzelcoaching und in Bezug auf das Wagnis, dass ein Coach mit einer Hier-und-Jetzt-Intervention eingeht: „Mut zum persönlichen Risiko“ (S. 83)
  8. Feedback. Coaching lebt von klaren Rückmeldungen, die einerseits den Aspekt von „Compliments“ (Steve de Shazer) haben und andererseits die Konfrontation nicht vermeiden, wenn sie hilfreich wäre.
  9. Die Coachperson ist auch eine. Wer bei der Überschrift ein Fragezeichen im Gesicht hat, darf gern noch das Wort „Person“ hinzufügen, denn darum geht es in diesem Kapitel: um die Person des Coaches/der Coach. Wie viel persönliche Offenheit ist nützlich im Prozess? Wie offen geht der/die Coach mit seinen Methoden um? (Methodentransparenz) Und schließlich: Wie bestimmt sich das Verhältnis von Person und Rolle?
  10. Konfliktklärung. Coaches müssen auch und immer wieder in Konflikten agieren können. Manche Konflikte bekommen sie nur berichtet, und zwar nur von einer Konfliktpartei. In anderen agieren sie mittendrin, zwischen den Parteien (Oder davor? Oder darüber? Oder…) Und was ist ein persönlicher Konflikt? Was ein Konflikt, der persönlich scheint, tatsächlich aber der Widerschein eines strukturellen Konfliktes in der Organisation? Nach einem kleinen Exkurs in die Juristerei behandelt die Autorin die Konzepte von Neutralität und Allparteilichkeit und versucht schließlich zwischen alldem einen gangbaren Weg zu weisen.
  11. Schluss mit Ethik. Nein, nicht mit der Ethik soll Schluss sein, sondern die Ethik soll am Schluss der Haltungsreise stehen und gerade dadurch besonderes Gewicht bekommen. Zwölf ethische Leitideen nennt die Autorin, die so praxisorientiert sind, dass Coaches sich zu diesen Imperativen sofort positionieren können.
  12. Back Home. Am Ende kann die Autorin auf den Weg zurückblicken, den sie mit ihren Ausführungen zurückgelegt hat. Ein Resümee kann das nicht sein, denn der Weg hat keinen end-gültigen Schlusspunkt, vielmehr muss er immer wieder neu begangen werden. Aber dann kennt man sich als Leser eben schon etwas besser aus…

Diskussion

Ich nehme mein Fazit vorweg: Es ist eines der wichtigsten Bücher, die ich in Sachen Coaching je gelesen habe! Zwar nicken die allermeisten zustimmend, wenn man betont, welchen Vorrang die Haltung im Coaching gegenüber der Methode hat (s.o.: 80/20), gleichzeitig aber ergeben die Publikationen zum Thema Haltung eine sehr schmale Bibliothek, während sich mit Methoden- und „Tool“-Bücher viele, viele Regalmeter füllen lassen.

Fragt man weiter, was eine förderliche Haltung ausmacht, fallen schnell Begriffe wie „Wertschätzung“, „Empathie“, „Ressorcenorientierung“, „Lösungsfokussierung“ oder auch „Rollenklarheit“ und so weiter. Diese Begriffe fallen zu schnell und zu häufig, sodass man den Verdacht nicht loswird, dieses Stroh sei so oft gedroschen worden, dass nur noch die Hülsen vom Vollkorn übriggeblieben sind. Da teile ich die Beschreibung der Autorin, wie bestimmte, sehr geläufige Begriffe ihre Bedeutung verlieren: „Das smarte Wörtchen Feedback ist ein Renner unter den Modebegriffen. Ein wahres Prachtexemplar auf dem Krabbeltisch für Bedeutungsdumping. Auch im Zweierpack mit Coaching erhältlich. … Weiter hinten im Sortiment finden sich neben anderen etwas runtergekommenen Begriffen die ‚Wertschätzung‘ und ‚Eigenverantwortung‘. Die sind etwas sperriger und teurer, dafür machen sie aber auch mehr her.“ (S. 87)

Erpenbeck macht den hilfreichen Versuch, das Vakuum der Sprechblasen mit Inhalt zu füllen, und zwar diesmal nicht mit heißer Luft. Sie fragt genau nach, beschreibt präzise und kreativ, oft auch metaphorisch, worum es wirklich geht. Das kann nicht vollständig sein, da würde manch ein Begriff eine umfangreiche Monographie provozieren, aber es ist wunderbar als Gedankenanstoß, der zu mehr „Sag, was du mit deinen Begriffen meinst – und wie du das tun kannst, was deine Begriffe sagen!“ führt.

Es entspricht dem Spektrum an beruflichen Erfahrungen, das die Autorin mitbringt, dass sie das Thema „Haltung“ mit unterschiedlichen Brillen anschauen kann, von denen jede unterschiedliche Aspekte scharfstellen: Die Brille der Transaktionsanalyse bekommt noch ein Brillenputztuch dazu: Jesper Juul hat den Begriff der „Gleichwürdigkeit“ geprägt, der über das „Ich bin ok, du bist ok“ deutlich hinausgeht.

Wertvoll, weil selten in der Coachingliteratur zu finden, ist die Brille Schauspiel. Schauspielschüler lernen durch konsequenten Perspektivwechsel – und lernen eben dadurch eine achtungsvolle Haltung, denn: „Die Grundannahme dabei ist immer diese: Alles Menschenmögliche wohnt in jedem und jeder von uns. In der einen oder anderen Gestalt.“ (S. 33) Weitere Brillen sind oben bereits genannt, und neun Brillen unterschiedlichster Machart zieren auch den Buchtitel. Häufiger Brillenwechsel ist empfohlen und führt zu detaillierterer Wahrnehmung. Das Spektrum erweitert sich, und das tut dem Begriff „Haltung“ sehr gut!

Wer sollte dieses Buch lesen? Schlicht gesagt: Alle, die sich in irgendeiner Weise mit Coaching befassen, sei es in der Praxis oder in der Lehre. Auf dem Buchumschlag ist eine Rezension aus der Feder von Gunther Schmidt zitiert: „Dieses Buch halte ich für wegweisend. Wer fundiertes Coaching betreiben will, kommt daran nicht vorbei.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Fazit

Noch einmal: Eines der wichtigsten Bücher, die ich in Sachen Coaching je gelesen habe! Es muss Pflichtlektüre in allen Coachingweiterbildungen werden und Basislektüre für Fachdiskurse im Coaching!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 07.09.2018 zu: Mechtild Erpenbeck: Wirksam werden im Kontakt. Die systemische Haltung im Coaching. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. ISBN 978-3-8497-0183-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23905.php, Datum des Zugriffs 22.09.2018.


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