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Irene M. Tazi-Preve: Das Versagen der Kleinfamilie

Cover Irene M. Tazi-Preve: Das Versagen der Kleinfamilie. Kapitalismus, Liebe und der Staat. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 228 Seiten. ISBN 978-3-8474-2010-1. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 25,30 sFr.
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Thema

Die Familie als Ort des sozialen Lebens in kritischer Betrachtung: Ermöglicht das Format der Kleinfamilie in westlichen Zivilisationen allen in ihr lebenden Menschen ein gutes Leben?

Die These der Autorin, die Kleinfamilie führe zu Leiden der Beteiligten, stellt Mariam Tazi-Preve im Titel provokativ voran und unterzieht die Rahmenbedingungen für gelingende Beziehungen in Familien einer kritischen Betrachtung. Die Elternschaft zweier Menschen als Basis gemeinsamer Verantwortung für das Heranwachsen der nächsten Generation ist Anker für die Belege der These im Titel. Dafür greift die Autorin zentrale Begriffe aus der Geschlechterforschung auf. Sie geht kapitelweise auf die Beziehungselemente Liebe und Sexualität der Partner*innen ein und nimmt die Rollenzuweisungen mit den Begriffen der Mutter und des Vaters auf, setzt sich mit ökonomischen Bedingungen als wirtschaftlichem und partnerschaftlichem Rahmen für die Erwachsenenbeziehung auseinander und geht auf die rechtlichen Rahmungen für die Leistungen in der alltäglichen Bewältigung arbeitsteiliger wirtschaftlicher und realer Versorgung von Kindern ein. Ein besonderes Augenmerk richtet die Autorin auf die interindividuellen Machtverhältnisse in der Kleinfamilie und deren als Geschlechterrollen sozialisierte Erwartungshorizonte insbesondere in westlichen Zivilisationen, und setzt sich mit konstituierenden Normativen der Kleinfamilie auseinander.

Entstehungshintergrund

Die Autorin hat ein sehr polemisches und z.T. aus subjektivem Erleben heraus motiviertes Buch geschrieben, für das ihr zahlreiche Rückmeldungen im Rahmen wissenschaftlicher Vortragstätigkeit zu Themen der Geschlechterforschung Veranlassung gaben. Dabei geht Mariam Tazi-Preve mit einem sehr kritischen Blick auf Problemlagen sich verändernder Normative familialen Zusammenlebens vor, mit denen sich Menschen in westlichen Zivilisationen auseinandersetzen, um ihr Leben zu gestalten. Das Buch speist sich aus einem breiten Spektrum an Wissensbeständen der Autorin, es ist in essayistischem Herangehen verfasst und zieht neben den Theoriebeständen wenige empirische Belege zur Hypothesenprüfung heran. Das Buch ist ein persönliches Anliegen, die Autorin führt die Leser*innen appellartig-provokant ins Nachdenken.

Autorin

Mariam Irene Tazi-Preve ist Professorin für Politikwissenschaft und Geschlechterforschung an der University of New Orleans und beschreibt sich als Zivilisationstheoretikerin mit visionärem Blick. Sie ist Österreicherin. In einem Nachwort lässt sie die Leser*innen an ihrer Familienbiographie teilhaben, die als Beleg für einige der Thesen ihres Buches zu lesen sein können, ein ungewöhnliches Vorgehen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in acht Kapitel, eine Einleitung wird vorangestellt, konkrete Vorschläge als alternative Varianten zum kritisch diskutierten Normativ der Kleinfamilie und ein biographisches Nachwort beenden die Ausführungen.

  • In der Einführung werden Mutter- und Vaterschaft und Kindheit als Normative historisch abgeleitet, deren Dysfunktionalität im Sinne eines guten Lebens für Erwachsene wie auch Heranwachsende in den Facetten der nachfolgenden Kapitel aufgefächert wird.
  • Es folgt ein Kapitel zu Grundbegriffen und Theorien mit den zentralen Begriffen Liebe, Ehe und Familie, Patriarchat, Matriachat und Matrilinearität, und deren Einordnung in die Kritische Patriarchatstheorie.
  • Die nachfolgenden Kapitel nehmen die eingeführten Begriffe auf. Es folgen Ausführungen zur Mutterfalle (Kapitel 1), der Politik und Familie (Kapitel 2) einschließlich von Betrachtungen zu tabuisierter Gewalt in der Kleinfamilie, die Vereinbarkeitslüge (Kapitel 3) als Auseinandersetzung mit der Aufgabenverteilung mit den bezahlten und nichtbezahlten Anteilen wirtschaftlicher und realer Versorgung der Familienmitglieder, die (neoliberale Anm.d.A) Wirtschaft mit der Familie (Kapitel 4), Vaterschaft (Kapitel 5) und Sexualität (Kapitel 6).
  • Nachfolgend skizziert die Autorin modellhaft die von ihr favorisierte Alternative der Matrilinearität und bindet diese Skizze international vergleichend in empirisch-beschreibender Weise an. Für die Vergleichbarkeit von Alternativmodellen bezogen auf deren Wirkungsradien anhand von expliziten Kriterien für ein gutes Leben wäre – bei aller Deutlichkeit des Textes als Essenz langjähriger Forschung und Veröffentlichungen – eine noch klarere Systematik der kritischen Betrachtungen im Sinne eines analytischen Vorgehens wünschenswert gewesen. In der Darstellung bleibt es den (kundigen) Leser*innen überlassen, den schlußfolgernden Hinweisen der Autorin zu folgen, das Alternativmodell zur patriarchalischen Kultur westlicher Zivilisationen sei Matrilinearität in funktionalisierter/​domestizierter Form der intergenerativen Kleinfamilien.
  • Das letzte Kapitel geht in der Zusammenführung der Ausführungen der Frage nach, warum die Kleinfamilie nun ‚wirklich‘ versage (Kapitel 8). Die Autorin identifiziert ein patriarchalisches Familiennormativ mit dem Festhalten an Ehe, heterosexuellem Liebesmythos und einem spezifisch deutschen Mutterbild, einer widersprüchlichen Vaterrolle einschließlich gewaltvoller Machtverhältnisse im Privaten als Ursachen für ein Leiden der Beteiligten an der Kleinfamilie. Die Frage danach, wer vom Festhalten an diesem als stabil beschriebenen Normativ profitiert, wird mit den Institutionen Staat, Wirtschaft und Kirchen beantwortet, wobei die Therapeuten als Steigbügelhalter für den Ritt eines kranken Pferdes gescholten werden.

Diskussion

Das Anliegen der Autorin, „dem Netz, das uns im realen Leben trägt, die Wertschätzung zu geben, die es verdient“ (S. 197) verdient größten Respekt, das Buch ist ein Summary der wissenschaftlichen Arbeit der Autorin aus zahlreichen Vortragsreihen im Rahmen ihrer Arbeit in Politikwissenschaft und Geschlechterforschung. Die Kapitel des Buchs geben wichtige Einblicke in die Bedeutungsrahmen von rechtlichen Grundlagen, ökonomischen Verhältnissen und Sozialisationsinteressen verschiedener Kulturen für familiale Strukturierung und deren jeweilige (Dys-)Funktionalitäten. Der rote Faden des Buchs, die Familie westlicher Zivilisationen als Ort romantischer Fantasien zu enttarnen, aufgrund derer Menschen unglücklich werden, sein und bleiben, wird konsequent gehalten, wenn auch höchste Konzentration vonnöten ist, den Analysen zu den einzelnen Thesen zu folgen, die zu Beginn des Buchs (S. 16 und 17) formuliert worden waren. Die Autorin versteht ihre Arbeit als patriarchatskritischen Text, der sich mit der umfassenden Deutung der Familie befasst und legt Implikationen für Gesellschaft, Politik und Ökonomie zu den von ihr herausgearbeiteten Veränderungsbedarfen vor. Es wird der Blick auf Familie als Ort von Normativen aus einer breiten, unterschiedliche Fachdisziplinen einbeziehenden Diskussion erweitert mit dem Wunsch, Familie in den Mittelpunkt gesellschaftspolitischer Analysen zu stellen. Damit nimmt sie für sich in Anspruch, eine feministische Familientheorie vorzuschlagen, die eine Analyse westlicher familialer Verhältnisse umfasst und alternative Sichtweisen einbezieht, um schließlich modellhaft neue Formen von privatem, emotionalem und ökonomischem Zusammenleben vorzuschlagen.

Fazit

Es handelt sich um ein Buch, das fachwissenschaftlich und auch populärwissenschaftlich zu lesen ist – auf dem Klappentext wird es als „spannender als jeder Krimi“ gelobt – und allen fachwissenschaftlichen Texten zum Themenkomplex Familie wie eine Provokation anmuten kann. Das stimmt. Das Buch nimmt zahlreiche fachliche Diskurse auf, die von der Autorin zu der Forderung verdichtet werden, nach Alternativmodellen zu suchen, die es durchaus in anderen Kulturen gibt. Ob und in welcher Weise vom Text Impulse in die einzelnen Fachdisziplinen hinein wirksam sein können, mögen die Leser*innen entscheiden, es ist ein nachdenklich stimmendes Buch, das der Reflexion der Grundhaltungen all derer dienen kann, die sich aus Erziehungs-, Rechts-, Politikwissenschaft, Psychologie und Soziologie dem Familienbegriff zuwenden.


Rezension von
Prof. Dr. Irene Dittrich
Professorin für Theorie und Praxis der Kindheitspädagogik an der FH Potsdam und Lehrbeauftragte an der Hochschule Düsseldorf, Email-Adressen: irene.dittrich@fh-potsdam.de und irene.dittrich@hs-duesseldorf
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Zitiervorschlag
Irene Dittrich. Rezension vom 19.06.2020 zu: Irene M. Tazi-Preve: Das Versagen der Kleinfamilie. Kapitalismus, Liebe und der Staat. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-2010-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23907.php, Datum des Zugriffs 24.10.2020.


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