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Susanne Binder, Gebhard Fartacek (Hrsg.): Facetten von Flucht aus dem Nahen und Mittleren Osten

Cover Susanne Binder, Gebhard Fartacek (Hrsg.): Facetten von Flucht aus dem Nahen und Mittleren Osten. Facultas Verlag (Wien) 2017. 320 Seiten. ISBN 978-3-7089-1452-7. 24,20 EUR.
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Thema

Das Buch beleuchtet zum einen aus sozialanthropologischer Sicht Herkunftsländer von Flüchtlingen, speziell Afghanistan und Syrien, d.h. die dortigen Soziallagen, die Bedrohungssituation, ethnische Segmentierungen und Ethnisierungsprozesse. Zum anderen ist die Situation von Flüchtlingen in Österreich Thema mehrerer Beiträge.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband vereinigt Vorträge, Seminar- und Forschungsarbeiten aus dem Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien, die in Reaktion auf den Zustrom von Flüchtlingen im Jahr 2015 entstanden. Man wollte damit regionalspezifisches ethnographisches Hintergrundwissen vermitteln, sich aber z.B. auch über die Rechtslage, die medizinische Versorgungssituation und die Verarbeitungsstrategien von Geflüchteten verständigen.

Herausgeber*innen

Susanne Binder ist Kultur- und Sozialanthropologin, unterrichtet aber im Studiengang Soziale Arbeit.

Gebhard Fartacek, Projektleiter am Phonogramm-Archiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und vielseitiger Sozialanthropologe, kann auf Feldforschungsaufenthalte in Syrien verweisen.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeber*innen haben die methodisch und inhaltlich sehr unterschiedlichen Beiträge auf fünf Teile oder Kapitel verteilt.

Thema von Teil 1 sind „Ethnisch-religiöse Beziehungen im Nahen Osten“, wobei nach Fartacek zwischen der rituellen und theologischen Seite von Religionen und ihrer Konnotation mit ethnischen Grenzziehungen zu unterscheiden ist (15). Er klärt in seinem Aufsatz über „Religion, Ethnizität und Minderheitenpolitik in der Arabischen Republik Syrien“ über islamische Denominationen und christliche Konfessionen in Syrien auf, über die Entstehung des syrischen Staates, „Strategien des interreligiösen Zusammenlebens“ und die syrische Minderheitenpolitik.

Die Ausführungen des Orientalisten und Islamwissenschaftlers Philipp Bruckmayr über das Baath-Regime und seinen Umgang mit islamistischem und kurdischem Widerstand, über „globalen Salafismus mit syrischen Wurzeln“ und den sunnitisch-schiitischen Konflikt in Syrien ergänzen den ersten Beitrag.

Eine methodisch ganz andere Perspektive nimmt Melanie Schwaß in ihrem Aufsatz „Zur Sicherheitslage in Afghanistan“ ein. Um die aktuellen Fluchtursachen verständlich zu machen, geht sie zunächst auf die Kriege seit 1978, die Taliban, die ISAF-Mission etc. ein.

Leonardo Schiocchet, der Jahre über palästinensische Flüchtlinge geforscht hat, macht in seinem Beitrag über „The Middle East and its Refugees“ erstens darauf aufmerksam, dass der Pass von Flüchtlingen in die Irre führen kann, und zweitens, dass die sog. Flüchtlingskrise auf Rechnung der frühen Einmischung der europäischen Mächte im Nahen Osten wie der Militärinterventionen der USA geht (104). Er zeigt auch, wie Geflüchtete dort oft von einem Ort zum anderen vertrieben werden.

Der Teil 2 enthält nur zwei Beiträge, einen methodologischen über Flüchtlingsforschung als Teil der Migrationsforschung von Susanne Binder und einen Essay mit Schilderungen von der „Balkan Route“ und daran anschließenden diskursanalytischen Reflexionen über den Balkan als „the incomplete self“ für uns Europäer (Verf.: Jelena Tosic).

Gegenstand von Teil 3 sind Aspekte der Arbeit mit Geflüchteten, und zwar bezogen auf Herausforderungen und Erfahrungen in Wien und Niederösterreich. Zunächst wird das Asylverfahren in Österreich erläutert. Dann wird ein Einblick in die Praxis eines Wiener Asylzentrums gegeben, verbunden mit Überlegungen zu interkulturellen Herausforderungen. Ähnlich angelegt ist der Bericht über die Flüchtlingsbetreuung im westlichen Niederösterreich. Irritierende Erfahrungen enthält ein kurzer „Praxisbericht aus dem ländlichen Raum“. Abschließend stellt die Generalsekretärin der Österreichischen Universitätenkonferenz die universitäre Flüchtlingsinitiative MORE vor, mit der Geflüchteten Bildungsangebote bereit gestellt werden, die in ein Studium münden können, aber nicht müssen.

Teil 4 enthält einen einzigen, aber gewichtigen Beitrag über „Gesundheitliche und psychologische Aspekte von Krieg, Flucht und Leben im Exil“. Die Verfasserinnen, zwei Medizinanthropologinnen, Elena Jirovsky und Yvonne Schaffler, und die Psychologin Nora Ramirez Castillo stützen sich auf einschlägige Erfahrungen in Ländern des globalen Südens und in einem Betreuungszentrum für Folteropfer und Kriegsflüchtlinge. Sie thematisieren u.a. den belastenden Alltag in den Unterkünften, die psychischen Auswirkungen des Asylverfahrens, die Widrigkeiten der Gesundheitsversorgung, die Situation von Dolmetscher*innen und ehrenamtlichen Helfer*innen.

Teil 5 bietet die interpretativen Ergebnisse von vier narrativen, themenzentrierten Interviews, die Studierende mit Flüchtlingen aus Syrien in arabischer Sprache geführt haben, und zwar mit Hilfe eines Praktikanten, der selbst geflüchtet ist. In einem abschließenden Beitrag werden diese Interviews von Gebhard Fartacek, dem Projektleiter, unter Hinzuziehung weiterer Gespräche gerahmt und kommentiert.

Diskussion

Der Band ist wie viele solcher Sammelbände relativ heterogen. Es lassen sich jedoch zwei große Themenkomplexe klar unterscheiden, zum einen sozialanthropologische Studien theoretischen und empirischen Charakters über Herkunftsländer und Geflüchtete, zum anderen theoretisch geleitete Erfahrungsberichte mit stark analytischer Komponente aus der Arbeit mit Geflüchteten. Die Beiträge zum ersten Themenkomplex sind in ihrer irritierenden, teilweise widersprüchlichen Multiperspektivität äußerst aufschlussreich. Sie stellen manche klischeehafte Vorstellung von der Lage in Syrien in Frage. Die Beiträge zum zweiten Komplex verbinden Praxisnähe mit einem hohen Grad an Reflexion, teilweise wissenschaftlich fundierter Reflexion.

Fazit

Als Ganzes ist der Band hilfreich für alle, die professionell oder auch ehrenamtlich mit Flüchtlingen arbeiten. Im Übrigen stellt er einen Beitrag zur Migrationsforschung, zum Teil auch zum Forschungsbereich islamistischer Terrorismus und zur vergleichenden Religionswissenschaft dar.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 23.03.2018 zu: Susanne Binder, Gebhard Fartacek (Hrsg.): Facetten von Flucht aus dem Nahen und Mittleren Osten. Facultas Verlag (Wien) 2017. ISBN 978-3-7089-1452-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23908.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.


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