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Christoph Ried: Sozialpädagogik und Menschenbild

Cover Christoph Ried: Sozialpädagogik und Menschenbild. Bestimmung und Bestimmbarkeit der Sozialpädagogik als Denk- und Handlungsform. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 632 Seiten. ISBN 978-3-658-14766-2. D: 79,99 EUR, A: 82,23 EUR, CH: 82,50 sFr.
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Thema

Die Sozialpädagogik wird als spezifische Denk- und Handlungsform bestimmt. In Abgrenzung zu Erziehung und Therapie werden Hilfe und Beratung als zentrale Leitbegriffe der Sozialpädagogik definiert und ausführlich erläutert. Menschenbilder erhalten eine tragende Funktion im Beratungsprozess.

Autor

Dr. Christoph Ried wurde 2016 am Lehrstuhl für Sozialpädagogik der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt promoviert und arbeitet im Pflege- und Erziehungsdienst einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Aufbau

Das Buch ist in fünf umfangreiche Kapitel gegliedert:

  1. Vorbetrachtungen zu Wissenschaftstheorie und Terminologie (S. 7-148)
  2. Dokumentierte Annahmen zum Verhältnis von Sozialpädagogik und Menschenbild (S. 149-224)
  3. Der Zusammenhang von Menschenbild und Pädagogik in der pädagogisch-anthropologischen Debatte der Erziehungswissenschaft (S. 225-318)
  4. Sozialpädagogik als spezifische Denk- und Handlungsform (S. 319-482)
  5. Sozialpädagogik und Menschenbild systematisch (S. 483-556)

Inhalt

Kapitel 1 (Vorbetrachtungen zu Wissenschaftstheorie und Terminologie)

Unter 1.1 befasst sich der Autor mit dem sozialpädagogischen Identitätsproblem. Gibt es die Sozialpädagogik als spezifische Denkform in postmodernen Zeiten oder ist sie nur ein Beruf und so nur über die Tätigkeiten von Sozialpädagogen zu beschreiben? Diese Frage wird zuerst umfassend allgemein wissenschaftstheoretisch, aus vielen verschiedenen Perspektiven erörtert. Der Autor sucht nach Antworten bei Kant, Cassirer, Husserl, dem Strukturalismus, Foucault, Winkler, Deleuze und Derrida. Man muss es lesen, seine gedankliche Brillanz kann eine Rezension nicht wiedergeben. Und er kommt zu dem Schluss:

„In den zurückliegenden Ausführungen wurde daher versucht, den Beweis zu führen, dass postmodernes Denken einerseits und die Operation mit dem Begriff disziplinärer Identität andererseits keine logische Alternative darstellt, sondern dass ein postmodernes Identitätskonzept gedacht und vertreten werden kann, in dem postmoderne Pluralität und modernes Identitätsdenken synthetisiert sind.“ (S. 99)

„Sie (die folgende Untersuchung) versucht eine Annäherung an die Bestimmung des Begriffs ‚Sozialpädagogik‘ über die Explikation der Regel, mit der einzelne Gedankenzusammenhänge der ‚sozialpädagogischen‘ Denkform zugerechnet werden. Diese Regel ist nach der hier vertretenen Auffassung als spezifische Struktur systematischer Kategorien darstellbar, die von jedem Exempel ‚sozialpädagogischen‘ Denkens gefüllt werden müssen.“ (S. 112)

Ebenso umfassend und grundsätzlich behandelt der Autor in 1.2 Menschenbild, Anthropologie und Ethik.

Die Selbstverständlichkeit „Dass es in der Sozialpädagogik um den Menschen geht“ (S. 117) präzisiert er als zweifache Erscheinungsform des Menschen in Theorie (abstraktes Modell denkbarer Klienten) und Praxis (hilfsbedürftiges Individuum). Der Begriff „Menschenbild“ wird in seiner Funktion und weniger in seinem Inhalt erfasst.

„Der Mensch erscheint in einem Menschenbild – pars pro toto – als Wesen, das in seinem Lebensvollzug wesentlich von dem jeweils beschriebenen Merkmal bestimmt ist. Diese Bestimmung zeigt sich jeweils in der inhaltlichen Füllung der Kategorien ‚Mensch‘ und ‚Leben‘ selbst wie auch etwa in Vorstellungen vom ‚gelingenden‘ oder ‚misslingenden‘ Leben.“ (S. 122)

Vorstellungen vom „gelingenden“ oder „misslingenden“ Leben werden später zu zentralen Begriffen seiner Bestimmung der Sozialpädagogik als Denk- und Handlungsform. Dieser Vorstellung nimmt er in den folgenden Kapiteln argumentativ eine moralische normative Bewertung. Seins- und Sollensaspekte müssen klar definiert werden.

„Anthropologisches und ethisches Sollen lassen sich systematisch auseinander halten. Diese Unterscheidung ist für den Arbeitsbegriff ‚Menschenbild‘, wie er im Folgenden Verwendung findet, zentral. Das, was der Mensch tun sollte, damit er sein (Mensch)Sein als gelingend erleben kann, ist von dem, was er kategorisch tun soll, damit er ein moralisch ‚guter‘ Mensch ist, zunächst unabhängig.“ (S. 127)

Es folgt eine faszinierende Bestimmung der Anthropologie und ihres Einflusses auf die Nachbarwissenschaften.

Kapitel 2: Dokumentierte Annahmen zum Verhältnis von Sozialpädagogik und Menschenbild

Kapitel 3: Der Zusammenhang von Menschenbild und Pädagogik in der pädagogisch-anthropologischen Debatte der Erziehungswissenschaft (S. 225-318). Die Fachliteratur zu diesen Themen wird umfassend dargestellt und für die eigene Theoriebildung kritisch befragt. Auch diese Kapitel liest man mit großem Genuss.

Kapitel 4 (Sozialpädagogik als spezifische Denk- und Handlungsform)

In diesem Kapitel erarbeitet der Autor seine Metatheorie der Sozialpädagogik (S. 319). Sozialpädagogik charakterisiert er dezidiert als Handlungsform, die auch in Institutionen beobachtbar ist, die traditionell nicht als sozialpädagogische Institutionen wahrgenommen werden.

Diese Handlungsform wird nun näher bestimmt. In Abgrenzung zur Sozialarbeit wird Sozialpädagogik als pädagogische, aber nicht erzieherische Handlungsform beschrieben. Erzieherisches Handeln wird als stellvertretende und normativ paternalistische Handlung charakterisiert, da es sich nicht an die aktuelle Zustimmung des Menschen binden lässt.

Sozialpädagogik wird als Interaktionsraum bestimmt, in dem zwar pädagogisch (Selbstbildung ermöglichen) gehandelt aber nicht erzogen wird. Die sozialpädagogischen Leitbegriffe sind dagegen Beratung, Hilfe und Dienstleistung. Die Abgrenzung von Sozialpädagogik und Erziehung entwickelt er anhand der Dichotomie von Hilfe und Kontrolle

„Sein Handeln ist nicht insgesamt – quasi von Berufs wegen – als sozialpädagogische Hilfe definiert, sondern droht jederzeit in Erziehung umzuschlagen, wenn er sich nicht bewusst für eine nicht-normative Handlungsform entscheidet.“ (S. 435)

Beratung wird dabei nicht nur als eine Methode der Sozialpädagogik gesehen. Die Sozialpädagogik wird im Ganzen als beraterische Handlungsform ausgelegt. (S. 458) Der Charakter von Beratung wird nun ausführlich erläutert und schließlich von Therapie abgegrenzt.

„In jedem Fall wird mit der Beratung nicht ‚der Kranke‘ im Gegenüber, sondern das potentiell handlungs- und entscheidungsfähige Subjekt adressiert. Sozialpädagogik bedarf im Unterschied zur Therapie überhaupt keiner Vorstellung von Gesundheit oder Normalität, sondern einer Problembeschreibung aus der Perspektive des Klienten.“ (S. 472)

Kapitel 5 (Sozialpädagogik und Menschenbild systematisch)

Während in Kapitel 4 Sozialpädagogik als spezifische Handlungsform herausgearbeitet wurde, geht es nun um das Verhältnis von Denk- und Handlungsform, um das Verhältnis von Theorie und Praxis. Der Autor betont, dass es hier um drei Komponenten geht: Der theoretischen Denkform, der praktischen Denkform und der Handlungsform. Die Sozialpädagogik denkt auf zwei Ebenen.

„Der Praktiker denkt im handelnden Umgang mit seinem Klienten ‚sozialpädagogisch‘ und der Theoretiker reflektiert dieses sozialpädagogische Denken und Handeln des Praktikers in einem kohärenten theoretischen Gebilde.“ (S. 486)

Die „praktische Denkform“ ist nach Ried der Kitt, der das Verhältnis von Theorie und Praxis, und damit die Sozialpädagogik als Ganzes, zusammenhält. Sozialpädagogische Theorie erhält ihren Sinn, indem sie diejenigen Kategorien, in denen auch in der Praxis gedacht wird, mit Inhalt füllt.

Praxisbezug von Theorie wird hier neu formuliert:

  1. Verwendung statt Anwendung
  2. Transformation statt Transfer
  3. Reflexion statt Instruktion (S. 491)

Diese Begriffe werden im Folgenden ausgeführt. Wissenschaftliches Wissen ermöglicht es in der Person des Praktikers dem Klienten zu helfen für sich Entscheidungen zu treffen.

Sozialpädagogisches Beraten wird im Folgenden konkretisiert als Krisenpädagogik und als Subjektivierungs- und Identitätsarbeit. Krisen sind unvermeidlich und besitzen eine „unausweichliche und reinigende“ Funktion (S. 496) Der Sozialpädagoge kann hier helfen den Charakter der Krise als solche zu begreifen. In der Beratung wechselt der Klient vom alltäglichen Dahinleben in die Reflexion. Beratung ist nur dann effektiv, wenn sie zu einem echten Dialog führt und praktikable Auswege verhandelt werden. Sich selbst kann man nur entwerfen, indem man sein Leben entwirft. „Der Mensch ist ja kein Objekt, sondern ein Leben. Sein Sein ist ein Geschehen.“ (S. 506)

Unter der Überschrift: Die Funktion von Menschenbildern in Problembeschreibung und Zielformulierung stellt er seine Hauptfrage: „Welche Funktion nehmen Menschenbilder in der durch Beratung gestützten Reflexion und Konstruktion von Lebensentwürfen ein?“ (S. 507)

Ried sieht diese Funktion in der Herausarbeitung von Vorstellungen vom „gelingenden“ oder „misslingenden“ Leben, das er hier mit Sein gleichsetzt.

„Diese bedürfnistheoretische Lesart lässt sich nun mit einem Konzept reformulieren, an das der Terminus ‚Menschenbild‘ anschlussfähig ist, nämlich mittels des Konzepts der subjektiven Vorstellung gelingenden Seins.“ … „Klient und Sozialpädagoge müssen eine möglichst konkrete Vorstellung von gelingender Lebensführung ausarbeiten, die eine Realisierung der allgemeinen Vorstellung gelingenden Seins des Klienten innerhalb der gegebenen Möglichkeiten darstellt.“ (S. 511)

Menschenbilder (Was macht Menschen glücklich?) gelten als Vorlage für die Beantwortung der Frage: „Was macht mich glücklich?“(S. 514) In der Beratung wird dem Klienten eine Wahl zwischen Menschenbildern abverlangt. (S. 515) „Menschenbilder sind Schemata zur Identifikation aktuellen Misslingens, die zugleich die Richtung aufzeigen, in die sich Lebensführung verändern soll.“ (S. 516)

In Abb. 5 versucht der Autor die Transformation von Theorie in Praxis schematisch zu veranschaulichen. Ein Menschenbild nimmt dabei eine Schnittstellenfunktion ein. (S. 530)

Diskussion und Fazit

In den ersten drei Kapiteln gibt Ried einen umfangreichen Einblick in die wissenschaftstheoretische Debatte. Er verfügt über geradezu atemberaubendes theoretisches Wissen und eine Brillanz in der Argumentation. Es ist ein Vergnügen ihn beim verschrifteten Denken zu begleiten, auch wenn man gerne mit am Tisch sitzen würde und ab und zu einen eigenen Gedanken einwerfen möchte. Wer sich das komplette Fünf-Gänge-Menü nicht leisten kann oder möchte, der sollte auf jeden Fall Kapitel 4 und 5 auswählen. Seine Erörterung der Sozialpädagogik als spezifische Denk- und Handlungsform lädt Theoretiker*innen wie Praktiker*innen gleichermaßen zur Selbstreflexion ein und bietet hierfür vielfältige Anregungen. Auch wenn ich seine Definition von Erziehung nicht teile (sie ist in dieser Form geprägt von dem Menschenbild „Mängelwesen“), helfen seine Erläuterungen „Beratung“ und „Hilfe“ bewusst zu reflektieren. Gerade auch dann, wenn man nicht nur mit Erwachsenen arbeitet.

Nicht nachvollziehen kann ich die Funktion, die er einem Menschenbild im Beratungsprozess zuspricht. Das Menschenbild ist für Ried ein Raster, eine Struktur, er spricht auch von Grammatik, durch das sich gelingendes oder misslingendes Leben betrachten und bewerten lässt. Semantisch füllt er den Begriff nicht. Die Bedeutungen bleiben unklar. In der Pädagogik dienen Menschenbilder wie das „Mängelwesen“ oder der „kompetente Säugling“ aber auch dazu, menschliches Verhalten zu interpretieren und diesem Handeln Motive zu unterstellen oder diese Motive zu verstehen. Das Bild setzt damit einen Rahmen für die pädagogische Intervention. Sehe ich die Person in diesem oder jenem Rahmen, werde ich zu ganz unterschiedlichen Konsequenzen kommen. Diese inhaltliche Auseinandersetzung fehlt hier. Bedauerlich, denn sein Beratungs- und Hilfekonzept bewegt sich ganz dezidiert im Rahmen vom „kompetenten Menschen“.

Für Ried sind Menschenbilder dagegen allgemeingültige Vorlagen für gelingendes Sein, die die Anthropologie anbietet. Welche er da meint, sagt er nicht. Diese Vorlagen sollen nun dazu dienen, dass sich das individuelle Subjekt, der Klient ein Bild von seinem eigenen subjektiven Leben erschafft. Damit gäbe es aber unendlich viele Menschenbilder, auf die sich der Sozialpädagoge wohl auch kaum vorbereiten und diese als Angebot formulieren könnte, wie Ried fordert. Warum muss man dann von einem Menschenbild sprechen, würde es nicht genügen von Lebensbildern, von Vorstellungen über „wie möchte ich leben“ zu sprechen?

Fazit: Eine großartige und umfassend theoretisch begründete Erörterung der Sozialpädagogik als spezifische Denk- und Handlungsform, die zur fachlichen Selbstreflexion einlädt.


Rezensentin
Dr. Anna Winner
Psycholinguistin, München
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Zitiervorschlag
Anna Winner. Rezension vom 19.06.2018 zu: Christoph Ried: Sozialpädagogik und Menschenbild. Bestimmung und Bestimmbarkeit der Sozialpädagogik als Denk- und Handlungsform. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-14766-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23913.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.


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