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Tobias Franzfeld: Verdachtsarbeit im Kinderschutz

Cover Tobias Franzfeld: Verdachtsarbeit im Kinderschutz. Eine berufsbezogene Vergleichsstudie. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 313 Seiten. ISBN 978-3-658-18046-1. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.
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Thema

Das Buch widmet sich der Arbeit im Kinderschutz und nimmt hierbei Berufsvergleiche zwischen der Sozialen Arbeit und angrenzenden Berufsgruppen – hier konkret der Polizei und der Medizin – im Hinblick auf den Umgang mit Kindeswohlgefährdungen und divergierender Aufgaben vor.

Autor

Tobias Franzfeld ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Sozialpädagogischen Forschungsstelle „Bildung und Bewältigung im Lebenslauf“ am Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung an der Goethe Universität Frankfurt.

Entstehungshintergrund

Bei der Veröffentlichung handelt es sich um die Dissertation des Autors.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat insgesamt 313 Seiten, unterteilt sich in eine Einleitung, acht differenziert aufgebaute Kapitel und eine Schlussbetrachtung. Es beinhaltet zudem ein umfangreiches Literaturverzeichnis sowie Hinweise zu den genutzten Quellen.

Die Veröffentlichung beginnt mit einer Einleitung. In dieser werden die Ausgangsüberlegungen zur Vergleichsstudie sowie die zu Grunde liegenden Fragestellungen erörtert und der Aufbau des Buches skizziert.

Das erste Kapitel nimmt eine professionssoziologische Rahmung vor und fokussiert hierbei auf das zentrale Thema, nämlich die Beziehungsarbeit. Den Abschluss dieses Kapitel bildet eine Verhältnisbestimmung beruflicher Beziehungen.

Im Mittelpunkt des dritten Kapitels stehen das Handlungsfeld des Kinderschutzes und die hiermit verbundenen beruflichen Herausforderungen. Aufbauend auf einer begrifflichen Orientierung werden Interventions- und Präventionsarbeit im Kinderschutz differenziert. Zudem wird der Forschungsstand zum Thema skizziert und es erfolgt ein Exkurs zum Verdachtshandeln und zur Abduktion.

Im vierten Kapitel wird das methodische Vorgehen innerhalb des Forschungsprozesses entfaltet: Aufbauend auf methodologischen Grundlegungen wird das Vorgehen bzgl. der Fallauswahl erörtert. Es schließt sich eine Begrenzung des Forschungsfeldes an, für welche sich der Autor mit den Unübersichtlichkeiten im Kontext des Kinderschutzes auseinandersetzt. Zum Abschluss des Kapitels erfolgt die Darstellung von semantischen Fallanalysen als ausgewählte Erhebungs- und Analysemethode.

Die Kapitel vier bis sieben widmen sich drei verschiedenen Berufswelten. Die Kapitel gliedern sich dabei immer in drei zentrale Unterkapitel zur Verdachtsbildung, Verdachtsartikulation und Verdachtsabklärung. Diese drei Phasen im Bearbeitungsprozess werden durch berufsgruppenspezifische Perspektiven und Vorgehensweisen weiter differenziert. Im Fokus stehen die Verdachtsarbeit der Polizei, die ärztliche Verdachtsarbeit und die Verdachtsarbeit der Sozialen Arbeit.

Im achten Kapitel erfolgt sodann im Rahmen der Berufsvergleiche im Hinblick auf die skizzierte Verdachtsarbeit. Hierbei differenziert der Autor vier verschiedene Betrachtungsebenen:

  • Zugänge, Wahrnehmungen und persönliche Intuition
  • Kognitionen, Reflexionen und Normierungen
  • Zuständigkeiten, Verantwortungszuschreibung und Arbeitsleistung
  • „Kulturelle Themen“ der Verdachtsarbeit

Das abschließende achte Kapitel widmet sich den Ergebnissen sowie professionssoziologischen Reflexionen. Aufbauend auf den Erkenntnissen der Studie stehen hierbei vier Betrachtungsperspektiven im Fokus:

  • das Spannungsfeld beruflicher Geschlossenheit und Sonderzuständigkeit im Kinderschutz
  • die Wissensordnung im Kinderschutz
  • der organisierte Kinderschutz im Spannungsfeld von Generalisierung und Spezialisierung
  • die Beteiligung im Kinderschutz: Distanzierung und Mitwirkung in Arbeitsbeziehung

Die Veröffentlichung mündet in einer Schlussbetrachtung, welche theoretische und empirische Texturen der Verdachtsarbeit nachzeichnet. Hierbei werden die verschiedenen Komponenten der Verdachtsarbeit skizziert, ein handlungstypisches Muster der Verdachtsarbeit umrissen, ein Votum für ein integratives Konzept der Profession ausgesprochen und „suspicion work“ als berufliche Arbeitsform vorgestellt.

Es schließen sich das Literatur- und Quellenverzeichnis an.

Diskussion

Die Veröffentlichung greift das Handeln im Kinderschutz auf und widmet sich diesem aus einer seltenen Perspektive. Als Grundlage dienen zwei leitende Fragestellungen:

  1. Intraprofessionelle Fragestellung: Wie werden Kindeswohlgefährdungen in angrenzenden beruflichen Feldern thematisiert, welcher beruflich organisierte Bedeutungshorizont wird dabei von Berufsvertretern aktiviert und wie wird der Kinderschutz damit zu ihrem Berufsalltag relationiert?
  2. Interprofessionelle Fragestellung: Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich bei der Bewältigung von Kindeswohlgefährdungen als Herausforderung für berufliches Handeln identifizieren und welche Bedeutung besitzen diese Bewältigungsstrategien für den Ausweis professioneller Handlungsanstrengungen?

Ein interdisziplinärer Analyseansatz stellt dabei den Bezugsrahmen für die, der Veröffentlichung zu Grunde liegende, Vergleichsstudie und die Arbeitsform der Verdachtsarbeit das verbindende Element der analytischen Betrachtungen dar. Aufbauend auf den berufssoziologischen sowie kinderschutzbezogenen theoretischen Fundierungen gibt der Autor einen differenzierten Einblick in die drei für diese Arbeit zentralen Berufsgruppen und deren Aufgaben sowie Handlungsweisen im Kinderschutz. Die einheitliche Strukturierung und Systematik, in der das Handeln dieser Berufsgruppen herausgearbeitet wird, ist ein hilfreicher Rahmen zum Erfassen der jeweiligen Schwerpunkte und Besonderheiten.

Die Ausführungen zum methodischen Vorgehen geben einen guten Einblick in die Vorüberlegungen zur und Durchführung der Vergleichsstudie. Aufbauend auf den zentralen Ergebnissen arbeitet der Autor schlüssig die zentralen Erkenntnisse seiner Vergleichsstudie heraus. Ausgehend von dem Handlungsprozess der Verdachtsbearbeitung eröffnet er einen Vergleichshorizont, der „sowohl Prinzipien des Handlungsfeldes als auch die Eigenlogik beruflicher Aneignungen und Auseinandersetzungen“ (Franzfeld 2017, 281) aufzeigt.

Weiter stellt er die drei Prozessschritte Verdachtsbildung, Verdachtsartikulation und Verdachtsabklärung als zentrale Elemente professioneller Einschätzungsprozesse im Kinderschutz heraus, differenziert diese aus und skizziert ein idealtypisches Handlungsmuster der Verdachtsarbeit. Unter Bezugnahme auf ebendiese Prozessschritte lassen sich – so verdeutlicht die Vergleichsstudie – berufliche Selbstverständnisse, Zuständigkeitsansprüche und zwischenberufliche Arbeitsbeziehungen analysieren und somit für die Weiterentwicklung des Kinderschutzes nutzbar machen.

Vor dem Hintergrund der im Kinderschutzkontext immanenten komplexen beruflichen Anforderungen arbeitet der Autor den Bedarf eines integrativen Professionskonzeptes heraus und zeigt weiter die Potenziale aber auch Herausforderungen der Verdachtsarbeit als beruflicher Arbeitsform heraus.

Fazit

Die vorgestellte Veröffentlichung widmet sich einem in der Sozialen Arbeit – aber auch in angrenzenden Berufsgruppen – zentralen Thema und hier den berufsgruppenspezifischen Aufgabenschwerpunkten und Herangehensweise. Die durch berufssoziologische Perspektiven gerahmte Vergleichsstudie leistet hierbei einen wichtigen Beitrag zum fachlichen Diskurs und zur Weiterentwicklung der berufsgruppenübergreifenden Verdachtsarbeit im Kinderschutz.

Die Veröffentlichung hat den typischen Charakter einer Dissertationsschrift, womit spezifische Anforderungen an die Lesenden einhergehen, was die Frage aufwirft, ob sie in dieser Art für alle der benannten Zielgruppenangehörigen ansprechend und nutzbar ist. Unbestritten wäre es wünschenswert, wenn hierin enthaltene Perspektiven, Erkenntnisse und Anregungen sowohl im Studium als auch in der Praxis aufgegriffen werden würden.


Rezensentin
Prof. Dr. phil. Verena Klomann
Dipl. Sozialpädagogin/M.A. Social Services Administration/Supervisorin und Coaching (DGSv)
Professur für Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit an der KatHO NRW, Abteilung Aachen
Homepage www.katho-nrw.de/aachen/studium-lehre/lehrende/haup ...
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Zitiervorschlag
Verena Klomann. Rezension vom 02.08.2018 zu: Tobias Franzfeld: Verdachtsarbeit im Kinderschutz. Eine berufsbezogene Vergleichsstudie. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-18046-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23914.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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