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Martin Wazlawik, Stefan Freck (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt an erwachsenen Schutz- und Hilfebedürftigen

Cover Martin Wazlawik, Stefan Freck (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt an erwachsenen Schutz- und Hilfebedürftigen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 221 Seiten. ISBN 978-3-658-13766-3. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 42,50 sFr.
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Thema

Das vorliegende Buch befasst sich mit Fragen der Prävention von sexualisierter Gewalt (und punktuell auch der Förderung sexueller Selbstbestimmung) in Institutionen der Behinderten-, Alten- und Krankenhilfe. Es richtet den Blick damit auf Erwachsene und versucht die gesellschaftlichen Debatten, die zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt auf den Weg gekommen sind, auch für Erwachsene – für besonders schutzbedürftige Erwachsene – fruchtbar zu machen.

Herausgeber_innen

Stefan Freck ist als Referent zur Prävention von sexualisierter Gewalt beim Erzbistum Köln tätig. Als Supervisor, Trainer und systemischer Berater unterstützt er Einrichtungen und Teams u.a. bei der Implementierung von Schutzkonzepten. Martin Wazlawik ist Juniorprofessor für Erziehungswissenschaft an der Universität Münster. Sein Forschungsprojekt „Pädagogische Professionalität gegen sexuelle Gewalt – Prävention, Kooperation, Intervention“ wird im Rahmen der BMBF-Förderlinie „Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen“ gefördert.

Entstehungshintergrund

Der Band ist als Teil der Reihe „Sexuelle Gewalt und Pädagogik“ bei Springer VS erschienen; die Reihe wird von Martin Wazlawik (Münster) und Arne Dekker (Hamburg) herausgegeben.

Aufbau

Es handelt sich um einen klassischen wissenschaftlichen Sammelband, der, an eine Einleitung anschließend, in drei Kapitel untergliedert ist. Das Inhaltsverzeichnis umfasst neben einer Einleitung und einem Anhang drei Kapitel:

1. Wissenschaftliche Bezugspunkte

  • Sexuelle Selbstbestimmung im Spannungsfeld innerer und äußerer Möglichkeitsräume (Barbara Ortland)
  • Sich nicht beobachten heißt sich nicht verändern: Organisationale Veränderungsoptionen aus systemtheoretischer Perspektive (Thorsten Möller und Martin Wazlawik)
  • Sexualisierte Gewalt in Einrichtungen der Erwachsenenhilfe: Rechtliche Erwägungen (Petra Ladenburger und Martina Lörsch)
  • Gewalt in Einrichtungen der Altenhilfe (Rolf Dieter Hirsch)

2. Perspektiven der Praxis in der Alten-, Kranken- und Behindertenhilfe

  • Dimensionen von Macht und Beschämung in der stationären Altenpflege (Caroline Bohn)
  • Sexualisierte Gewalt in Institutionen der Behindertenhilfe (Kathrin Römisch)
  • Sexualisierte Gewalt in der Alten- und Krankenhilfe: Blick auf institutionelle Risiken und Abbilder von Realitäten der Krankenhäuser (Andrea Rose)
  • Vertrauen und Sicherheit: Ethische Orientierungen im Hintergrund der Prävention sexualisierter Gewalt in der Arbeit mit erwachsenen Schutzbedürftigen im Krankenhaus (Peter-Felix Ruelius)

3. Prävention von und Beratung bei sexualisierter Gewalt in der Arbeit mit erwachsenen Schutzbedürftigen

  • Achtsamkeit in Institutionen mit macht-asymmetrischen Beziehungsverhältnissen: Über die Notwendigkeit von Prävention sexualisierter Gewalt in Einrichtungen der kirchlichen Erwachsenenhilfe (Andreas Zimmer)
  • Institutionelle Schutzkonzepte als Strukturmodelle zum Schutz vor sexualisierter Gewalt in Einrichtungen der Erwachsenenhilfe (Stefan Freck)
  • Und jetzt? Beratung in irritierten Systemen nach Vorwürfen von sexueller Gewalt – ein Erfahrungsbericht (Ulla Stollenwerk)

Ein (nicht alphabetisch geordnetes) Autor_innenverzeichnis beschließt den Band.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu Kapitel 1

Nach einer kurzen Einleitung, in der Martin Wazlawik und Stefan Freck den Band mit den Forschungen zur Prävention von sexualisierter Gewalt in Bezug auf Kinder und Jugendliche kontextualisieren, liefert das erste Kapitel den Einstieg ins Themenfeld im Hinblick auf die Zielgruppe der besonders schutzbedürftigen Erwachsenen.

Barbara Ortland steigt über Fragen der sexuellen Selbstbestimmung ein und zeigt damit zunächst Sexualität als grundlegendes Bedürfnis von Menschen auf. Befriedigende Sexualität benötige u.a. Lernprozesse und Erfahrungen der Selbstwirksamkeit – es gebe „Möglichkeitsräume“, die selbstbestimmt gefüllt werden könnten. In Institutionen gebe es Begrenzungen – „günstige“ und „ungünstige Bedingungsfaktoren“ –, die reflektiert werden müssten.

Die organisationalen Bedingungen und Möglichkeiten von Veränderungsprozessen führen Thorsten Möller und Martin Wazlawik im darauffolgenden Artikel aus. Sie legen damit eine theoretische Grundlage, an die die weiteren, praxisorientierteren Beiträge im Band anschließen können.

Mit einem versierten rechtlichen Überblick, der die Strafnormen, Rechtspflichten und Schutzpflichten sowie die Regelungen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes ausführt, schließen Petra Ladenburger und Martina Lörsch an. Der Beitrag ist für eine rechtliche Orientierung äußerst hilfreich und bezieht auch Neuerungen (von Strafnormen) ein. Gleichzeitig liefert er das theoretische Fundament, auf dem die Folgebeiträge hinsichtlich der konkreten Umsetzung von Präventionskonzepten aufbauen können.

Rolf Dieter Hirsch beendet das einführende Kapitel, mit einem Beitrag, der sich am Beispiel der Altenhilfe der Definition von Gewalt zuwendet und erläutert, wie sich im Pflegealltag Gewalt äußern kann. Mit einer Tabelle (Tabelle 1, S. 73) liefert er darüber einen hilfreichen Überblick – der, in leichter Abwandlung, auch für die Behindertenhilfe und die Betreuung im Krankenhaus Anwendung finden kann. Zudem erläutert Hirsch Ursachen von Gewalt in der Interaktion von jüngeren mit älteren Menschen sowie Möglichkeiten der Prävention von Gewalt und der Intervention bei Gewalt.

Zu Kapitel 2

Wenn auch schon im zweiten Kapitel, das stärker auf die Handlungsfelder zielt, angesiedelt, schließt der Aufsatz von Caroline Bohn zur Bedeutung von Macht und Beschämung in der stationären Altenpflege nahtlos an die Reflexionen zu Gewalt an. Orientiert an konkreten Fallbeispielen erläutert Bohn die Bedeutung von Scham und den Schutz von Scham einerseits, um dann auf die problematische Bedeutung der Beschämung zu verweisen. Ist auch der Macht-Begriff etwas weitreichend in einem Sinne formuliert, dass jede Handlungsfähigkeit eines Menschen als seine „Macht“ erscheint, so erweitern die Ausführungen um Macht und insbesondere um Beschämung die Perspektiven des Bandes (und auch mit Blick auf Jugendliche sind solche Fragen mittlerweile im Blick, vgl. etwa: Sara-Friederike Blumenthal, „Scham in der schulischen Sexualaufklärung“).

Im sich anschließenden Beitrag von Kathrin Römisch wird der Fokus „Macht“ vertieft und verdeutlicht, wie Machtbeziehungen und ungleiche Machtverhältnisse die Institutionen der Behindertenhilfe prägen – und welche Anforderungen sich damit an die Einrichtung, die Kultur in der Einrichtung und die dort lebenden und tätigen Menschen stellen.

Die beiden sich anschließenden Beiträge fokussieren – erfreulicherweise – auf den Kontext Krankenhaus, einen Einrichtungstyp, zu dem es bislang besonders wenig Material zur Prävention von sexualisierter Gewalt und zur Förderung sexueller Selbstbestimmung gibt. Gleichwohl ist auch das Krankenhaus ein wichtiger Ort, für den diese Themen reflektiert werden müssen, da sich auch hier einerseits Schutzbedürftigkeit der Patient_innen zeigt, andererseits längere Aufenthalte auch hier die Frage aufwerfen, ob und wie auch Sexualität stattfinden sollte / kann. Andrea Rose geht dabei in ihrem Beitrag von zahlreichen Fallbeschreibungen aus und diskutiert diese hinsichtlich sexualisierter Gewalt – und welche Herausforderungen und Handlungsnotwendigkeiten damit für Einrichtungen verbunden sind. Peter-Felix Ruelius befüttert die Betrachtungen zu den Bedingungen in Krankenhäusern noch mit organisationstheoretischen und ethischen Argumenten.

Zu Kapitel 3

Die Beiträge des den Band beschließenden dritten Kapitels erläutern – ebenfalls aus praktischer Erfahrung – Konzepte zur Prävention und zur Intervention hinsichtlich sexualisierter Gewalt.

Andreas Zimmer und Stefan Freck eröffnen aus praktischer Perspektive und von kirchlichen Einrichtungen ausgehend den Zugang zur Bedeutung solcher Konzepte für Einrichtungen der Erwachsenenhilfe, und sie zeigen Wege der Implementierung auf.

Schließlich skizziert Ulla Stollenberg, welche Auswirkungen sich mit konkret stattgefunden habenden sexuellen Übergriffen für eine Einrichtung ergeben können – und wie die Einrichtung, die Leitung und ihre Mitarbeitenden auch in einem solch „irritierten System“ wieder Handlungsfähigkeit erlangen können.

Diskussion und Fazit

Der Band „Sexualisierte Gewalt an erwachsenen Schutz- und Hilfebedürftigen“ liefert eine gute Zusammenschau des theoretischen Sachstands und der vorhandenen praktisch orientierten Hilfestellungen zur Prävention von sexualisierter Gewalt in der Erwachsenenhilfe. Deutlich wird hier noch mehr als in Bezug auf Kinder und Jugendliche, dass das Thema der Prävention von sexualisierter Gewalt in der praktischen Umsetzung noch ganz am Anfang steht – das gleichwohl einige gute Vorarbeiten vorliegen, die in Breite adaptierbar sind und weiterentwickelt werden können. Fragen zur sexuellen Selbstbestimmung und zu Verwirklichungsbedingungen von gelingender Sexualität werden im Band hingegen nur gestreift; Anforderungen aus der Diversity-Forschung tauchen nicht bzw. nur ganz am Rande auf (hilfreiche Ergänzung kann hier etwa der Band „Homosexualität_en und Alter(n)“, hg. von Ralf Lottmann, Rüdiger Lautmann und María do Mar Castro Varela, sein, vgl. die Rezension).


Rezensent
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
Homepage heinzjuergenvoss.de
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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 25.06.2018 zu: Martin Wazlawik, Stefan Freck (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt an erwachsenen Schutz- und Hilfebedürftigen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-13766-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23918.php, Datum des Zugriffs 19.09.2018.


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