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Andrea Platte, Melanie Werner u.a. (Hrsg.): Praxishandbuch Inklusive Hochschuldidaktik

Cover Andrea Platte, Melanie Werner, Stefanie Vogt, Heike Fiebig (Hrsg.): Praxishandbuch Inklusive Hochschuldidaktik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 272 Seiten. ISBN 978-3-7799-3772-2. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Die regelmäßigen Erhebungen des Deutschen Studentenwerks zur wirtschaftlichen und sozialen Lagen der Studierenden in Deutschland zeigen, dass die Zusammensetzung der Studierendenschaft im Hinblick auf unterschiedliche Differenzierungsmerkmale diverser wird, jedoch massive Benachteiligung hinsichtlich des Hochschulzugangs und der erfolgreichen Beendigung eines Studiums bestehen bleiben. Dies bietet Anlass die Lehre an Hochschulen in den Blick zu nehmen und nach didaktischen Möglichkeiten der Gestaltung von Lehrveranstaltungen, von Prüfungen und der Studienorganisation zu fragen, die nicht an Selektion und Ausschluss interessiert sind, sondern am Bildungserfolg unterschiedlicher sozialer Gruppen von Studierenden.

Herausgeberinnen und AutorInnen

Die Herausgeberinnen sind als Professorin, als wissenschaftliche Mitarbeiterin, als Stipendiaten und als Studentin der TH Köln verbunden und zumeist im Bereich der Sozialen Arbeit in der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften aktiv. Das gilt auch für die insgesamt 35 AutorInnen. Alle stellen sich im AutorInnenverzeichnis vor und geben dabei zusätzlich zu ihrer Beziehung zur Hochschule ihre Motivation an, sich mit dem Thema inklusive Hochschuldidaktik zu beschäftigen.

Entstehungshintergrund

Über den Entstehungshintergrund geben die Herausgeberinnen Auskunft. „Ausgangspunkt des vorliegenden Handbuchs war die Entwicklung des Aktionsleitfadens Auf dem Weg zur inklusiven Fakultät an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der TH Köln“ (S. 13). Der Weg zu einer inklusiven Fakultät beinhaltet das Coaching von Lehrenden durch Studierende, um zu einer inklusiven Didaktik zu gelangen. Es handelt sich also um die Darstellung eines partizipativ angelegten dreisemestrigen Praxisprojektes, dessen Ergebnisse mit der Publikation auch anderen Hochschulen beziehungsweise Lehreinheiten zur Verfügung gestellt werden sollen.

Aufbau

Das vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich auf der Homepage der Deutschen Nationalbibliothek.

Der Sammelband umfasst 31 Beiträge, die drei Bereichen zugeordnet werden, diese werden jeweils durch einen Text der Herausgeberinnen eingeleitet:

  1. Grundlegungen
  2. Anstöße zu didaktischer Reflexion
  3. Anstöße zu didaktischer Umsetzung

Zu 1: Grundlegungen

Der Beitrag von Andrea Platte zur (hochschul-)didaktischen Fundierung inklusiver Bildungsprozesse geht von der Frage der Sinnhaftigkeit von Hochschuldidaktik aus, der in Spannung zum intrinsisch motivierten Verständnis des Studierens steht. Sie fragt dann, was Inklusion im Kontext der Hochschule bedeutet, die sich ja gerade nicht durch eine Offenheit für alle auszeichnet. Sie plädiert für eine größere Offenheit in den Rollen der Teilnehmenden, der Inhalte von Lehre und der Ergebnisse.

Ute Müller-Giebeler zeichnet die Etablierung der Hochschuldidaktik als Reaktion auf studentische Proteste gegen die Ordinarienuniversität nach und profiliert die Forderung der Demokratisierung, also der Öffnung für mehr Menschen und heterogene Gruppen, als Grundlage einer inklusiven Hochschuldidaktik.

Eine Abgrenzung des Anliegens einer inklusiven Hochschuldidaktik vom ‚Diversity-Management‘ nimmt Franz Kasper Kröning vor. Erstere zeichne sich durch eine diskursive Kommunikation aus und will nicht den Umgang mit Vielfalt verwalten, sondern Situationen analysieren, Barrieren aufdecken und partizipativ Perspektiven entwickeln.

Donja Amirpur verweist auf die Herausforderung, „unterschiedliche Voraussetzungen, Lebenslagen, Benachteiligung nicht negieren zu dürfen, ohne defizitär auf eben diese zu blicken“ (S. 66). Sie plädiert dafür für eine intersektionale Perspektive, mit der Vereinfachung und Dichotomisierungen von Problemen vermieden und diskriminierende Verhältnisse sowie kollektivierende Zuschreibungen in ihrer Komplexität thematisiert werden können.

Die Anerkennung von Differenzen ist das Thema des Beitrages von Thorsten Merl. Als professioneller Umgang damit gilt ihm ein solcher, „der sich sowohl der Implikationen von Differenzkonstruktionen als auch der Implikationen eines pädagogischen Anerkennungsgeschehens bewusst ist und diese Implikationen immer wieder konkret und reflexiv in die eigene Praxis einzubeziehen versucht“ (S. 82).

Eine gewisse Sonderstellung nimmt die als ‚Skizze‘ bezeichnete Auseinandersetzung von Notker Schneider mit dem moralisierenden Diskurs über Inklusion, dem er eine ethische Grundlegung gegenüberstellt, die sich reflexiv auf Bildungssituationen bezieht.

Die Grundlegungen werden abgeschlossen durch eine sehr kurze auf Erfahrung gestützte Reflexion auf inklusive Bildung aus studentischer Perspektive von Sabrina Gröger und Dominika Kolac.

Zu 2: Anstöße zu didaktischer Reflexion

Im zweiten Teil des Handbuches werden, so die Einleitung, die Auseinandersetzungen zwischen Studierenden und Lehrenden wiedergegeben, die im Projekt ‚Inklusive Hochschuldidaktik: Studierende coachen Lehrende‘ geführt wurde. Alle Beiträge werden eingeleitet, durch eine kurze Beschreibung einer für die Themenstellung typischen Situation.

Der erste Beitrag von Marcela Cano zur Frage ‚Du oder Sie?‘ beschäftigt sich mit Beziehungen und Adressierungen in der Hochschule.

Hausarbeiten sind Gegenstand der Ausführungen von Franz Kasper Krönig. „Fast schon abwegig mag es erscheinen, Hausarbeiten nicht als Elemente organisatorischer Operativität (Anmelden, Abgeben, Prüfen, Bewerten, Zulassen etc.), sondern vorrangig als Elemente eines Koommunikationsprozesses zu sehen“ (S. 113), so der Autor. Er plädiert dennoch dafür, um Trivialisierungen in der Fragestellung zu vermeiden und Notengebungen nicht als Abschluss der Auseinandersetzung zu verstehen.

Die Fiktion eines ‚Arbeitens auf Augenhöhe‘ macht Salomé Grams zum Thema, der nur durch eine Entschärfung der Notengebung Rechnung getragen werden könnte.

Im Beitrag von Sarah Moll, Claudia Suhr und Sina Wilhelmy geht es um die Beteiligung in Seminaren. Als Titel wurde gewählt: „Es sprechen immer nur Dieselben“ (S. 125). Gründe werden gesucht in impliziten Normen, die speziell für Seminargruppe gelten, in der Kommunikationsstruktur und in der Verantwortungsdiffusion. Plädiert wird für die Thematisierung und gemeinsame Entwicklung der Normen der Gruppe und die Entwicklung respektvoller Beziehungen, durch die sich das „laute Schweigen möglicherweise in leise Worte umwandeln lässt“ (S. 131).

Gruppenarbeiten scheinen eine gute Methode zu sein, der Verschiedenheit gerecht zu werden, werden aber von Studierenden ambivalent bewertet, so die Ausgangsthese von Heike Fiebig, Peter Mönnikes, Stefanie Vogt und Melanie Werner. Sie entwickeln Kriterien dafür, wie Gruppenprozesse im Rahmen einer inklusiven Hochschuldidaktik sinnvoll eingesetzt werden können.

Gestaltungsempfehlungen für eine kompetenz- und diversitätsorientierte Lehre bietet der Beitrag von Frank Linde und verweist dabei darauf, dass Kompetenz- und Diversitätsorientierung in einem synergetischen Verhältnis zueinander stehen.

Prüfungsleistungen können, so die Argumentation von Marina Melles und Andrea Platte, in einem Spannungsverhältnis zu einer inklusiven Hochschuldidaktik stehen. Ähnlich wie im Beitrag zu Hausarbeiten wird hier dafür plädiert, weiterführende Momente der Leistungen, vor allem durch die Veranstaltungen ausgelöste Irritationen in den Vordergrund der Kommunikation zu stellen, an die dann auch in Lehrveranstaltung angeknüpft wird.

Der Zusammenarbeit zwischen TutorInnen und DozentInnen ist der Beitrag von Janine Birwer und Alexander Schlüter gewidmet.

Der Beitrag von Andreas Groß, in dem kritische Situationen als Instrumentarium für die Entwicklung einer inklusionssensiblen Lehre profiliert werden, schließt den zweiten Teil des Sammelbandes ab.

Zu 3: Anstöße zu didaktischer Umsetzung

Die Anlage des Buches von der Grundlegung über die Reflexion zur Umsetzung kommt im dritten Teil des Buches zum Abschluss. Er beschreibt nun nochmal ausführlich die Strukturen des Arbeitsbereiches in dem das Projekt entwickelt wurde.

Der Arbeitsbereich Soziale Arbeitplus wird vorgestellt von den Mitarbeiter/innen, die zum Zeitpunkt der Erstellung des Sammelbandes dort tätig waren Christoph Gille, Stefanie Vogt und Melanie Werner. Zur Entwicklung inklusiver Strukturen bietet der Arbeitsbereich außercurriculare Veranstaltungen, die an der Diversität der Studierenden orientiert sind und er begleitet die Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaft in dem Prozess zur Inklusion. Dabei steht die Entwicklung eines Inklusionsleitfadens im Mittelpunkt. Eine zentrale Institution in diesem Prozess, die didaktische Mittagspause, wird von Stefanie Vogt und Melanie Werner vorgestellt. In dem offenen Diskussionsforum wurden die Themen der vorherigen Abschnitte diskutiert und Projekte zur Entwicklung inklusiver Strukturen entwickelt.

Anstöße zur didaktischen Umsetzung werden im Folgenden gegeben in Bezug auf Digitalisierung (Isabel Zorn), barrierefreie Lehre (Sonja Fröhlig, Elise Maureen Merkel und Anna-Katharina Vogel), die Gestaltung einer Bildungswerkstatt (Milena Michelle Förster), die Nutzung des Lehrformats Vorlesung (Sigrid Leitner und Julia Zinsmeister), Prüfungen (Melanie Werner und Christoph Gille), studentische Tagungen (Heike Fiebig), sensible Sprache (Sabine Dael), Familienfreundlichkeit (Heike Fiebig und Bettina Ludwig), den Umgang von Studieninteressierten mit Fluchterfahrungen (Serpil Ertik) und die Nachhaltigkeit (Sebastian Ulfik).

Fazit

Die Entwicklung von inklusiven Strukturen ist in vielen Hochschulen – angestoßen durch die UN-Konvention zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen – Thema. Häufig werden die damit verbundenen Prozesse als Chance begriffen, nicht nur Nachteilsausgleiche insbesondere für Menschen mit Beeinträchtigungen zu schaffen, sondern erschwerte Zugänge, mangelnde Unterstützung und ausbleibenden Erfolg von unterschiedlichen sozialen Gruppen an der Hochschule zu reflektieren. Wenige Fakultäten dürften dabei allerdings so systematisch an den Prozess herangehen wie die Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der TH Köln. Die Gestaltung eines partizipativen Prozesses, der aus sich heraus neue Formen der Auseinandersetzung (‚didaktische Mittagspause‘) und neue Ansätze zur Veränderungen (Coaching durch Studierende) hervorgebracht hat, belegt das innovative Potenzial der Entwicklung inklusiver Strukturen. Der Titel Praxishandbuch ist dabei nicht als gewöhnliche Arbeitshilfe zu verstehen, sondern eher als Projektbericht, in dem gezeigt wird, wie es gehen kann. Für die Prozesse, die an jeder Hochschule, in jeder Fakultät und auf der Ebene von Studiengängen sicher etwas anders gestaltet werden müssen, gibt das Projekt wertvolle Anregungen und Orientierung. Es zeigt zugleich, dass projekthaft grundlegende Strukturen in der Organisation der Lehre angegangen werden müssen. Partizipation der Studierenden und ein wertschätzender Umgang mit Studierenden führen dabei zu Einsichten, die weit über die vertrauten Evaluationen in Lehrveranstaltungen und Gespräche mit einzelnen Studierenden und FachschaftsvertreterInnen hinausgehen.

Im ersten Teil des Buches stört noch etwas die sehr unterschiedliche Anlage der Beiträge und die nicht ganz eindeutige Zuordnung zum Anliegen des Buches. Die beiden anderen Teile lösen dann jedoch den Anspruch eines Praxishandbuches sehr gut ein. Die Problemstellungen, die durch die kurze Beschreibung von typischen Situationen im Hochschulalltag eingeführt werden, dürften allen Studierenden und Lehrenden vertraut vorkommen. Die Diskussion und Vorschläge, die davon ausgehend geführt werden, sind häufig originell und geben Impulse für die Lehre und die Gestaltung von Studiengängen. Das Buch kann allen, die sich für die Entwicklung einer inklusiven Hochschule und die damit einhergehende Herausforderung für die Hochschuldidaktik interessieren, empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Albrecht Rohrmann
Professor für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt soziale Rehabilitation und Inklusion an der Uni Siegen, Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE)
Homepage www.bildung.uni-siegen.de/mitarbeiter/rohrmann/
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Zitiervorschlag
Albrecht Rohrmann. Rezension vom 17.04.2018 zu: Andrea Platte, Melanie Werner, Stefanie Vogt, Heike Fiebig (Hrsg.): Praxishandbuch Inklusive Hochschuldidaktik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3772-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23923.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


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