socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Nora von Dewitz, Henrike Terhart u.a. (Hrsg.): Neuzuwanderung und Bildung

Cover Nora von Dewitz, Henrike Terhart, Mona Massumi (Hrsg.): Neuzuwanderung und Bildung. Eine interdisziplinäre Perspektive auf Übergänge in das deutsche Bildungssystem. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 379 Seiten. ISBN 978-3-7799-3630-5. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung erwerben in Vorbereitungskursen die Deutschkenntnisse, mit denen sie dann in Regelklassen bestehen und eine Berufsausbildung beginnen können – so einfach stellen wir uns das vor! Die Realität ist komplexer, es gibt aber auch mehr Möglichkeiten, als wir denken.

Herausgeberinnen

Dr. Nora von Dewitz ist als Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Sprachförderung, Dr. Henrike Terhart als Akad. Rätin für Bildungsforschung und StRin Mona Massumi in der Lehrerinnenbildung tätig, jeweils an der Universität Köln.

Autorinnen und Autoren

Die Beiträge zum vorliegenden Band stammen von 36 Autorinnen und Autoren, die die Erziehungswissenschaften, Sprachwissenschaften (meist Deutsch als Zweitsprache) und die Soziologie/Politologie vertreten. Sie sind teils als Professorinnen oder Professoren, teils im akademischen Mittelbau an Hochschulen in Köln, Paderborn, Berlin, Frankfurt/M., Mannheim, Bielefeld, Jena, Kassel, Hamburg, Osnabrück und München tätig.

Aufbau

Der Band versammelt 19 Beiträge, die sich auf die vier Bereiche verteilen:

  1. „Aushandlungen und Diskurse“
  2. „Biografien und Ressourcen“
  3. „Interaktion und Unterricht“
  4. „Organisation und Strukturen“.

Dem geht eine Einführung der Herausgeberinnen voraus.

Ausgewählte Inhalte

Es übersteigt die Möglichkeiten dieser Rezension, alle neunzehn Beiträge inhaltlich vorzustellen und zu diskutieren. Ich konzentriere mich dabei auf die zentrale Fragestellung (s.o. Thema).

1. Kinder und Jugendlichen mit Fluchterfahrungen treffen in je unterschiedlichem Lebensalter auf das deutschsprachige Bildungssystem – dabei haben die Bundesländer die Schulpflicht bzw. das Recht auf Bildung erst zögerlich realisiert, durchaus unterschiedlich, nicht bundeseinheitlich. Für den Wechsel vom der Willkommensklasse in die Regelklasse gib es begründete und belastbare Kriterien nicht. Es gibt ganz unterschiedliche Modelle und Konzeptionen, wie sehr und wie schnell die Segregation der ganz neu eingewanderten Kinder und Jugendlichen zugunsten der Kommunikation mit anderen Schülerinnen und Schüler reduziert werden soll, z.B. durch gemeinsamen Sportunterricht oder Freizeitaktivitäten.

2. Die Wissenschaft kann die Frage, ob es ein Alter gibt, in dem die Kinder oder Jugendlichen besonders gut die Zweitsprache erlernen oder eher Störungen verursacht werden, nicht einfach beantworten. Schon das sprachliche Umfeld, vor allem die Familie bzw. bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen die Gleichaltrigen beeinflussen das Lernen ganz erheblich. Kleine Kinder lernen jedenfalls sehr rasch die Strukturen (Satzbau, Wortbildung) der Zweitsprache, ältere Kinder tun sich dank ihrer Lebenserfahrung mit dem Wortschatz leichter.

3. Die Annahme homogener Schulkassen ist ohnehin obsolet. Ganz bestimmt ist sie aber auch unzutreffend, wenn es um die Kinder und Jugendlichen mit Fluchterfahrung geht. Sie haben als Erstsprache etwa Farsi, Somali oder Kurdisch gelernt, manche beherrschen die arabische Schriftsprache, andere sind kaum alphabetisiert. Weithin unbeachtet blieb bislang die Tatsache, dass viele Flüchtlinge mehrsprachig aufgewachsen sind, z,B. weil sie mit ihren Eltern von Afghanistan in den Iran geflohen waren. Manche haben Grundkenntnisse in Deutsch oder Englisch erworben. Damit ist auch klar, das die Vorbereitungsklassen (wie auch die Regelklassen anschließend) über eine sprachliche Vielfalt verfügen, die viel zu wenig geschätzt und genutzt wird.

4. Die klassischen, den Nationalstaaten verpflichteten Bildungssysteme gehen von zeitlicher und räumlicher Kontinuität von Schullaufbahnen aus, d.h davon, dass Kinder die Schule vor Ort Jahr für Jahr besuchen und mit ihrem Jahrgang abschließen. Ganz offensichtlich passen minderjährige Immigranten und Immigrantinnen, insbesondere auch Flüchtlingskinder nicht in dieses System. Genauer gesagt: Das System passt nicht mehr im Zeitalter der Mobilität und Migration, einschließlich der Fluchtmigration.

5. Bei der „Beschulung“ der Kinder und Jugendlichen, die nicht mit Deutsch als Familiensprache aufgewachsen sind, stellt sich neben der Aufgabe, Deutsch als Zweitsprache zu lehren bzw. erlernen, bald auch die Frage, wie sie mit dem Fachunterricht zurechtkommen. Einerseits hat dieser viele sprachliche Anteile, die das Verständnis für das fachliche Problem, z.B. in Mathematik oder Physik, erschweren, andererseits kann, dank Anschauung, Übung, eigenen Tuns, in Gruppenarbeit, die Zweitsprache gerade auch als Medium der Kommunikation profitieren.

Diskussion

Neben den Beiträgen zu diesen Inhaltspunkten müssten hier auch noch weitere wichtige erwähnt werden. So ist ja bekannt, aber für die politische Argumention immer wieder wichtig, dass die „Überforderung“ der deutschen Mehrheitsgesellschaft durch die „Flüchtlingsströme“ konstruiert, herbeigeredet wurde, jedoch empirisch und im weltweiten Vergleich der Grundlage entbehrt. Das zeigt sich schnell, wenn die Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge ins Verhältnis zum Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt der jeweiligen Länder gesetzt wird. Dabei verwundert auch, wie leichtfertig die Presse solche Formeln übernimmt – ohne Anführungsstriche, wie man aus den Belegen ersehen könnte (S. 67).

In diesem Band kommen ausgewiesene Expertinnen und Experten zu Wort, die aktuelle und grundlegende Erkenntnisse vorstellen. Manche Beiträge kommen allerdings über die Feststellung von Forschungsbedarf oder die Vorstellung eines Forschungsdesigns ohne Ergebnisse nicht hinaus. Die Beiträge im 4. Teil, etwa über „Bildungslandschaften“ (d.h regionale Vernetzung im Bildungssystem) oder „Elternbeteiligung“, bleiben formal, ohne Fallstudie, die den Vorteil für die Betroffenen illustriert. Das gilt leider auch für die Praxis des Fachunterrichts, dessen Potenziale beim Erwerb der Zweitsprache und für die Förderung der Mehrsprachigkeit behauptet, aber nicht wirklich belegt und veranschaulicht werden.

Verwundert ist man auch, wenn beklagt wird, dass so Vieles (z.B. die Verbindung zur oder der Übergang in die Regelklasse) nicht geregelt sei. Das gibt doch den Betroffenen, nämlich den Lehrkräften, auch den (migrantischen!) Eltern und Schülern, genau die Freiräume und die Verantwortung, die in der verrechtlichten Schule sonst vermisst werden. Dabei können, wie dieser Band zeigt, hierzu gerade auch die Erziehungs- und Sprachwissenschaften hilfreiche Expertise liefern.

Der vorliegende Band ist ein wichtiger Anstoß. Ein Anstoß, darüber noch sehr viel mehr und konsequenter nachzudenken, wie das Bildungssystem auf die neuen Herausforderungen eingehen kann. Dabei gibt es längst die Erfahrungen an vielen Schulen, nicht nur in den großen Städten, wie Mobilität und Migration, auch Fluchtmigration ein positives, progressives Lernklima herstellen. Welche Horizonte tun sich mit der neuen Vielfalt in Deutschlands Klassenzimmer auf! Soviel Welt!.

Der vorliegende Band überzeugt durch seine wissenschaftliche Solidität, leidet aber doch mitunter unter Jargon: Sätze wie z.B. „.. ist der Kontext ontogenetisch betrachtet konstitutiv für Kompetenz“ (S. 152) müssen nicht sein.

Bei dieser Gelegenheit möchte der Rezensent, über den vorliegenden Band hinaus, die Kolleginnen und Kollegen aus dem Wissenschaftsbetrieb dafür gewinnen, sich vor modischen Formeln zu hüten. Dazu nur vier Beispiele: Regelmäßig werden (bestimmte) „Erwartungen“ und generelle, passivische „Erwartungshaltungen“ verwechselt. Der Unterschied zwischen einem Lebenslauf und dessen Beschreibung (auch als Autobiografie) ist inzwischen eingeebnet. Beliebt sind derzeit der „Kontext“ oder auch „Hintergrund“, in dem eine Tatsache erwähnt, gesehen wird: Ob eine zeitliche, kausale oder welche Beziehung sonst besteht, bleibt vage. Und schließlich fragt man sich, doch auch mit Blick auf den Buch-Untertitel: Was ist eine „Perspektive auf“ etwas?

Fazit

Mit dem vorliegenden Band liefern Expertinnen und Experten aus den Erziehungs-, Sprach- und Sozialwissenschaften aktuelle Analysen und weiterführende Anregungen dafür, wie Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen und das deutsche Bildungssystem zueinander finden könnten.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
E-Mail Mailformular


Alle 109 Rezensionen von Wolfgang Berg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 15.02.2018 zu: Nora von Dewitz, Henrike Terhart, Mona Massumi (Hrsg.): Neuzuwanderung und Bildung. Eine interdisziplinäre Perspektive auf Übergänge in das deutsche Bildungssystem. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3630-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23924.php, Datum des Zugriffs 20.09.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!