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Gerald Blaschke-Nacak, Ursula Stenger u.a. (Hrsg.): Pädagogische Anthropologie der Kinder

Cover Gerald Blaschke-Nacak, Ursula Stenger, Jörg Zirfas (Hrsg.): Pädagogische Anthropologie der Kinder. Geschichte, Kultur und Theorie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 329 Seiten. ISBN 978-3-7799-3775-3. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Die Pädagogische Anthropologie versteht sich als Teil der Erziehungswissenschaft. Ihr Selbstverständnis basiert auf zwei Thesen:

  1. Der Mensch ist ein Kind, bevor es zum Erwachsenen wird.
  2. Das Kind kann zum Erwachsenen nur werden durch Erziehung.

Beide Thesen gründen in der Annahme einer Dichotomie von Kindheit und Erwachsensein. Die Pädagogische Anthropologie steht vor der Frage, ob sie wissen kann, was ein Kind bzw. was Kindheit „ist“ und worin „richtige“ Erziehung besteht. Dabei muss sie sich vergegenwärtigen, dass weder Kind noch Kindheit als ein bloßes Naturphänomen verstanden werden können, deren „Wesen“ zweifelsfrei zu ermitteln ist. Und dass eine Fülle verschiedenster, in der Geschichte sich ändernder Auffassungen darüber bestehen, worin eine diesem Wesen gerecht werdende Erziehung sich auszeichnen soll.

Für das zeitgenössische pädagogische Denken und Handeln haben Vorstellungen von Kindheit Deutungs-, Orientierungs-, Handlungs- und Legitimationsfunktionen. Die Begriffe Kind und Kindheit sind dabei eng mit Vorstellungen von Entwicklung und Entfaltung oder auch von Bildsamkeit, Gewöhnung, Erziehung und Unterricht verknüpft. Sie umfassen eine Fülle von Ambivalenzen, Widersprüchen oder Antinomien und beziehen sich auf eine historische und kulturelle Vielgestaltigkeit, die es unmöglich macht, von „dem“ Kind oder „der“ Kindheit zu sprechen. Unter dem Eindruck der neueren sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung erkennt die Pädagogische Anthropologie heute an, dass Kindheit ein sozial und generational konstruiertes Ordnungsmuster von Gesellschaften darstellt und dass die Bilder von Kindheit vor allem auf Bildern von Erwachsenen beruhen, die über die größere Definitionsmacht verfügen. Es ist deshalb ausgeschlossen, von dem „Kind an sich“ zu sprechen oder das „Wesen“ des Kindes zu erfassen. Im vorliegenden Band wird demgemäß interkulturellen Perspektiven auf Kinder und Kindheit besondere Bedeutung beigemessen.

Entstehungshintergrund

Der Band ist der erste in einer von der Kommission Pädagogische Anthropologie der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft geplanten Reihe zu den Lebensaltern Kindheit, Jugend, Erwachsensein und Altsein.

Herausgeber

Die Herausgeber Gerald Blaschke-Nacak und Jörg Zirfas und die Herausgeberin Ursula Stenger sind an der Universität zu Köln als Erziehungswissenschaftler*innen mit verschiedenen Forschungsschwerpunkten tätig.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Der Band wird mit einem grundlegenden Beitrag der Herausgeber*innen eingeleitet, in dem sie verschiedene Stränge der historischen und sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung rekonstruieren und kindheitspädagogische Perspektiven der Pädagogischen Anthropologie konzipieren.

Der Band ist sodann in vier große Kapitel untergliedert. Im ersten Kapitel („Natur und Geschichte“) wird in sechs Beiträgen über die „kulturelle Natur“ des Kindes nachgedacht und es werden pädagogisch-anthropologische Konstruktionen des Kindes aus verschiedenen neuzeitlichen historischen Zeiträumen rekonstruiert.

Im zweiten Kapitel („Internationale Kindheitsforschung“) werden in drei disparaten Beiträgen auf die indigene Bevölkerung ausgerichtete Kinderzentren des „Buen Vivir“ in Ecuador vorgestellt und kritisch diskutiert, der Wechsel der Kinderbilder in China seit der Gründung der Volksrepublik rekonstruiert und hinterfragt, sowie globale Perspektiven der Bildung von Kindern in der Weltgesellschaft skizziert und ihre Grenzen sichtbar gemacht.

Im dritten Kapitel („Kunst und Kultur“) wird in fünf Beiträgen den Blicken auf Kinder in der Elementarpädagogik, in der zeitgenössischen Kunstfotografie, in Comics und anderen Bildmedien sowie ästhetischen Aspekten im Umgang von Kindern mit Konsumgütern nachgespürt.

Im vierten Kapitel („Generation und Zeitlichkeit“) wird in vier Beiträgen die „Anfangsvergessenheit“ im pädagogischen Denken, die Bildungsrelevanz von Geschwisterkindern und das Philosophieren mit Kindern thematisiert sowie aus der Perspektive von Eltern darüber reflektiert, welche Bedeutungen der Tod von Kindern hat und wie damit pädagogisch umgegangen werden kann.

Diskussion

Das Themenspektrum des Bandes ist außerordentlich weit gefasst und berührt Themen, die bislang wenig Aufmerksamkeit gefunden haben. Neben grundlegenden theoretischen Reflexionen finden sich sehr spezielle Studien zu Fragen, die in der sozial- und kulturanthropologischen Forschung oder in der sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung bislang nur zum Teil oder unter anderen Aspekten aufgegriffen worden sind. Ich will auf einige wenige Beiträge hinweisen, die meines Erachtens besonders bemerkenswerte Einblicke ermöglichen.

In seinen Reflexionen über die „kulturelle Natur“ des Kindes macht Gerd E. Schäfer darauf aufmerksam, dass die Natur nicht als Widerpart der Kultur verstanden werden könne, sondern selbst von Anfang an „kulturell unterwandert“ sei. „Das Kind, das auf die Welt kommt, erzeugt erst durch die Beteiligung an einer materiellen, sozialen und kulturellen Mitwelt die körperlichen, somatischen, psychischen und geistigen Strukturen, die es benötigt um überleben zu können. Es ist weder ein unbeschriebenes Blatt, denn es hat eine evolutionäre Vorgeschichte. Noch ist es ein Mängelwesen, sondern ist im wahrsten Sinne des Wortes noch nicht festgelegt. Es macht also wenig Sinn, über sein mögliches Erbe und was ihm dabei fehlen könnte zu spekulieren. Vielmehr müssen wir uns fragen, welche Bedingungen wir schaffen, dass die neuen Erdenbürger mit ihren kollektiven und individuellen Voraussetzungen (von denen wir nur wenig wissen können) die Möglichkeiten ihrer umgebenden Kultur zu ergreifen, um sich daraus die Natur zu schaffen, die in ihren Lebensraum passt. Wir selbst sind damit für die Natur des Kindes verantwortlich, für das, was ihm zur Natur wird, für das, was sich tief in sein psychosomatisches Leben eingräbt und ihm Wahrnehmung und Umgang mit der umgebenden Kultur ermöglicht“ (S. 52 f.). Für eine Pädagogik, die das Kind als defizitäres Wesen begreift und sich ihm überlegen dünkt, ist da kein Platz.

Während in der Erziehungswissenschaft allerorts das auf Rousseau zurückgeführte Moratoriumskonzept der Aufklärung als Errungenschaft eines modernen Kindheitsverständnisses gepriesen wird, belegt Kristin Straube-Heinze mit eindrucksvollen Beispielen aus der Geschichte der Pädagogik, dass es bis weit in das 19. Jahrhundert hinein und darüber hinaus die gewaltsame Unterwerfung des Kindes anthropologisch legitimierte. „Im Prozess der Pädagogisierung und Verschulung von Kindheit erfolgte so trotz der Ächtung und Begrenzung der körperlichen Strafen die Institutionalisierung eines Strafkonzepts, das die körperliche Züchtigung weiterhin als zweckmäßiges Erziehungs- bzw. ‚Triebmittel‘ vorsieht und in dem überdies die individuelle Zumessung von Schmerz operationalisiert wird. Dies führte die Pädagogik in die widersprüchliche Situation, dass die Anerkennung der Kindheit als eigenständige Entwicklungsphase und die damit verbundene Konstruktion eines pädagogischen Moratoriums die Voraussetzung dafür schuf, die körperliche Züchtigung dauerhaft zu legitimieren“ (S. 80). Ähnliche Befunde lassen sich zwar schon bei Foucault finden, werden aber in dem Beitrag noch einmal auf konkrete Weise veranschaulicht, ergänzt und mit neuen Argumenten begründet.

Die meisten Beiträge sind zwar auf Europa bezogen, aber es finden sich auch einige Beiträge aus anderen Kulturkreisen. Unter diesen finde ich die empirische Studie von Cornelia Giebeler besonders aufschlussreich, in der sich die Autorin mit vorschulischen Kinderzentren in Ecuador befasst, die an die indigene Bevölkerung adressiert sind, um ihren Kindern eine bessere Bildung zu ermöglichen. Sie zeigt, dass die Zentren zwar beanspruchen, sich am indigenen Weltverständnis des „Buen Vivir“ (Gutes Leben) zu orientieren und die Eigenheiten indigener Kindheiten zu respektieren, aber letztlich nur dazu dienen, die Kinder von ihren Eltern zu entfremden und eurozentrischen Kindheits- und Erziehungsvorstellungen zu unterwerfen.

Am Beispiel der Kunstfigur der Ann Lee, die aus der japanischen Manga-Comicserie entnommen ist, zeigt Hanne Seitz, wie sich das Bild des Mädchens seit der Entstehung dieser weltweit populären Comics in den 1950er Jahren gewandelt hat und heute in neuen digitalen Kunstformen und Performances variiert wird. Während das Mädchen zunächst als „freche Göre“ inszeniert wurde, die sich letztlich ihrer Rolle als dienstbereite Hausfrau unterwirft, dominiert heute die Figur des Supergirls, das sich „jenseits des Humanen befindet, kein Außen und zuletzt auch kein Geschlecht kennt – ein lebender Automat“ (S. 235). Die Autorin deutet diesen Wandel als melancholische Reaktion auf eine entfesselte Konsumwelt.

Als Letztes Beispiel will ich mich auf einen Beitrag beziehen, in dem Sabine Seichter für das Philosophieren mit Kindern plädiert. Wie andere Autoren zuvor, sieht sie in Kindern genuine Philosophen, deren eigensinnige Denk- und Ausdrucksformen vor allem im gemeinsamen generativen Gespräch wahrgenommen werden können, das keine vorgefertigten Antwortschablonen bereithält. Sie kritisiert „die zunehmende Didaktisierung und Vermarktung dieses Bereichs, ob in der Elementarbildung, im Schulunterricht oder in außerschulischen Feldern“ (S. 304).

An den hier angeführten Beiträgen zeigt sich nicht nur, wie breit das thematische Spektrum des Sammelbandes ist, sondern auch, dass die Grenzen der Pädagogischen Anthropologie fließend sind. In mehreren Beiträgen wird zudem ein Verständnis von Pädagogischer Anthropologie vertreten, das an manchen bisher selbstverständlich scheinenden anthropologischen und pädagogischen Grundannahmen zweifelt und sie in Frage stellt. Dazu gehört, sich das Verhältnis von Kindern und Erwachsenen als eine gleichsam naturgegebene Dichotomie vorzustellen und die Erziehung als einen Vorgang, der die Kinder erst zu einem vollentwickelten Menschen macht. Manche Beiträge des Bandes legen insgeheim die Frage nahe, ob die Pädagogische Anthropologie sich noch als „pädagogisch“ begreifen oder besser als „generationale Anthropologie“ verstehen sollte.

Fazit

Das Buch vermittelt einen vielfältigen Einblick in produktive, aber auch offene Fragen der Pädagogischen Anthropologie und regt zum kritischen Nachdenken über paternalistische Kindheitsbilder und Erziehungskonzepte an.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children‘s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
Homepage www.fh-potsdam.de/person/person-action/manfred-lieb ...
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 17.07.2018 zu: Gerald Blaschke-Nacak, Ursula Stenger, Jörg Zirfas (Hrsg.): Pädagogische Anthropologie der Kinder. Geschichte, Kultur und Theorie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3775-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23925.php, Datum des Zugriffs 05.12.2019.


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