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Christoph Sachße: Die Erziehung und ihr Recht

Cover Christoph Sachße: Die Erziehung und ihr Recht. Vergesellschaftung und Verrechtlichung von Erziehung in Deutschland 1870–1990. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 343 Seiten. ISBN 978-3-7799-3778-4. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Auch wenn die Geschichte des Familien- und Erziehungsrechts kein Stoff ist, aus dem Bestseller gemacht werden, ist diese Thematik doch elementar für das Verständnis der Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe im 20. Jahrhundert. Zum einen spiegeln rechtliche Regelungen immer auch die herrschenden gesellschaftlichen Vorstellungen und Sichtweisen ihrer Zeit. Sie verweisen positiv auf die spezifischen Leitvorstellungen und Erwartungen, denen Familien- und Erziehungsverhältnisse jeweils unterliegen, während sie umgekehrt jene Lebensformen und Verhaltensweisen markieren, die gesellschaftlich als abweichend und korrekturbedürftig, eben nicht mehr akzeptabel gelten. Zum anderen ermöglicht der Blick auf die beim Zustandekommen einzelner Gesetze ablaufenden Aushandlungsprozesse, Konflikte und Kompromisse genaue Aufschlüsse über die politischen Akteurs- und Kräfteverhältnisse, von denen die Kinder- und Jugendhilfe seit ihrem Entstehen im ausgehenden 19. Jahrhundert geprägt ist und die ihre Dynamik erheblich mitbestimmten.

In diesem Sinne untersucht Christoph Sachße die Entwicklung des Jugendhilfe- und Familienrechts vom Deutschen Kaiserreich bis in die Gegenwart als Teil eines übergeordneten Entwicklungstrends der „Vergesellschaftung der Erziehung“. Durch diesen wurde, so der Autor, „die naturwüchsig-private Erziehung in der Familie“ mehr und mehr zu einer „planmäßig-öffentlichen Veranstaltung“ (S. 7) gemacht. Einerseits band das bürgerliche Familienrecht die privaten Erziehungsaufgaben sukzessive an gesetzliche Vorgaben und Verpflichtungen während sich andererseits öffentlich getragene Erziehungsarrangements unterstützend, ergänzend und manchmal auch ersetzend um die Familien legten.

Autor

Christoph Sachße ist emeritierter Professor für Geschichte und Theorie der Sozialen Arbeit an der Universität Kassel. Der gelernte Jurist forscht und publiziert seit den frühen 1980er Jahren zur Geschichte der Sozialpolitik und der Sozialen Arbeit im 19. und 20. Jahrhundert. Neben Arbeiten zur Professionalisierungsgeschichte gehört insbesondere die mit Florian Tennstedt gemeinsam verfasste, mittlerweile vierbändige „Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland“ zu den Standardwerken sozialgeschichtlicher Sozialpolitik- und Sozialarbeitsforschung.

Aufbau

Das Buch folgt einer chronologischen Struktur: Die Darstellung beginnt mit der Entstehung der öffentlichen Ersatzerziehung und den ersten familienpolitischen Regelungen im Deutschen Kaiserreich und endet mit einem Ausblick auf die aktuelle Phase vergesellschafteter Erziehung zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Gebrochen wird die synchrone Perspektive durch den abwechselnden Blick auf die beiden zentralen Normenkomplexe, von denen die privaten und öffentlichen Erziehungstätigkeiten bestimmt wurden: das Bürgerliche Gesetzbuch einerseits, das Jugendhilferecht andererseits.

Durch diese doppelte Darstellungslogik wird sichtbar, dass die Geschichte der beiden Rechtsgebiete keineswegs linear, sondern schubweise verlief. Während der Ausbau des Jugendhilferechts mit dem „Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt“ (RJWG) in den 1920er Jahren einen ersten Höhepunkt erlebte, blieb der Bereich des Familienrechts bis in die frühe Bundesrepublik von der Vorstellung einer relativ autonomen, von staatlichen Eingriffen weitestgehend freien Sphäre familiärer Erziehung bestimmt. Zudem wird damit deutlich, wie sehr die beiden Rechtskreise trotz unterschiedlicher Ausgangsperspektiven inhaltlich aufeinander bezogen waren. In gewissen Sinne konnte der im Familienrecht lange Zeit vorherrschende „Primat der Familie“ nur aufrecht erhalten bleiben, weil mit dem Jugendhilferecht Eingriffs- und Korrekturmöglichkeiten geschaffen wurden, mit dem die familiäre Erziehung unterstützt, nötigenfalls aber auch korrigiert oder ersetzt werden konnte.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Kapitel 2 thematisiert die Anfänge der privaten und öffentlichen Erziehung im Deutschen Kaiserreich. Im Mittelpunkt stehen die einschlägigen familienpolitischen Regelungen des Bürgerlichen Gesetzbuches und vor allem die mit der „Zwangs-“ bzw. „Fürsorgeerziehung“ erstmals entstandenen Möglichkeiten des Staates, auch gegen den Willen der Erziehungsberechtigten in Erziehungsverläufe einzugreifen und die elterliche Erziehungsgewalt zu begrenzen. „Sie griff bei erzieherischen Defiziten ein und flankierte so den gesellschaftlichen Regelfall familiärer Erziehung an den problematischen Rändern“ (S. 32).

Das dritte und umfangreichste Kapitel widmet sich dann dem Recht der öffentlichen Erziehung im Zeitraum von 1918 bis 1961, mithin also über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten und über vier politische Systeme hinweg. Thematisch schlägt der Autor dabei einen Bogen von den jugendhilfepolitischen Diskussionen im ausgehenden Ersten Weltkrieg über die wegweisenden Regelungen des RJWG in der Weimarer Republik, die Öffentliche Erziehung im Nationalsozialismus bis zu den beiden Nachkriegsnovellen des Jugendhilfegesetzes in den Jahren 1953 und 1961 (das fortan als Jugendwohlfahrtsgesetz – JWG – firmierte). Die Kapitelüberschrift „Stagnation“ erscheint mit Blick auf die Entwicklungen der Nachkriegszeit insofern passend, als dass mit den beiden Novellen keineswegs die Segel für eine lange geforderte inhaltliche Reform der Jugendhilfe gesetzt wurden, sondern als Minimalkompromiss im Wesentlichen bestehende Arrangements fortgeschrieben wurden. Für Konflikte und Diskussionsstoff sorgten dabei weniger fachlich-inhaltliche Aspekte, sondern vor allem die Frage nach dem Verhältnis von öffentlichen und freien Trägern, die dann im JWG zu Gunsten der privaten Akteure entschieden wurden.

Kapitel 4 richtet den Blick dann auf die Entwicklung der familienrechtlichen Regelungen in einem ebensolangen Zeitraum (1921-1961). Dass das Kapitel weniger umfangreich als das Vorangegangene ausfällt, deutet an, dass die Entwicklungen in diesem Bereich deutlich verhaltener verliefen. Abgesehen von der Reform der religiösen Kindererziehung kam es in der Weimarer Republik nicht zu wesentlichen Veränderungen im Familienrecht. Während der NS-Zeit war die Familienpolitik der rassen- und bevölkerungspolitischen Zielsetzungen des Regimes vollkommen untergeordnet und auch in der frühen Bundesrepublik kam es trotz ernsthafter verfassungsrechtlicher Bedenken nicht zu einer grundlegenden Neuordnung des bürgerlichen Familienrechts. Insgesamt überwog hier klar der konservative Grundzug der bundesrepublikanischen Familiengesetzgebung.

Im Schnittpunkt gesellschaftlicher Liberalisierungs-, Demokratisierungs- und Modernisierungsprozesse kam es letztlich, wie das anschließende Kapitel 5 zeigt, erst in den 1960er Jahren zu tiefergehenden Veränderungen im Familienrecht. Die „Dynamik des Neuen“ machte sich u.a. in der (überfälligen) Neugestaltung des Nichtehelichenrechts, der Reform der elterlichen Sorge sowie in der rechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau in der Ehe bemerkbar. Die Zeichen der Zeit und nicht zuletzt der im Grundgesetz fixierte Gleichheitsgrundsatz siegten hier letztendlich über traditionelle Familienstrukturen und Leitbilder.

Das 6. und 7. Kapitel widmen sich dann der (Vor-)Geschichte des Kinder- und Jugendhilfegesetztes (KJHG) und betreten damit historiografisches Neuland. Zwar liegt mittlerweile eine kaum zu überblickende Anzahl an Publikationen zum KJHG vor, die wechselvolle und sich über zwei Jahrzehnte Entstehungsgeschichte des Gesetzes dagegen ist bislang noch nicht systematisch untersucht und dargestellt worden. Im sechsten Kapitel werden zunächst die in den 1970er Jahren unter sozialdemokratischem Vorzeichen vorangetriebenen und letztlich gescheiterten Versuche zur Reform des Jugendwohlfahrtsrechts geschildert. Dabei zeigt Sachße am Beispiel der Diskussionen um die beiden Gesetzesentwürfe der Jahre 1974 und 1978, dass zwar die anvisierten Reformen letztlich krachend scheiterten, es aber zu einfach wäre, von einem kompletten Stillstand der Entwicklung zu sprechen. Im Gegenteil: jenseits der Kontroversen um ein neues Jugendhilferecht setzten sich entscheidende strukturelle und inhaltliche Veränderungen in der Jugendhilfe gewissermaßen „naturwüchsig“ unterhalb der Ebene einer gesetzgeberischen Neujustierung durch.

Dass das KJHG letztlich trotz seiner in gesellschaftspolitischen Kernfragen von den ursprünglich sozialdemokratisch geprägten Reformideen ziemlich abweichenden Handschrift dann im Jahr 1990 im großen Einvernehmen verabschiedet wurde, hatte vor allem mit der im 7. Kapitel dargestellten Angleichung der sich einst deutlich unterscheidenden Grundpositionen zu tun. Die SPD war „sukzessive von ihrer ursprünglich familienkritischen Position auf eine Politik der jugendhilfepolitischen Familienunterstützung eingeschwenkt“ während sich CDU und CSU im Prozess der Gesetzgebung auf ein Familienkonzept einließen, das „weitgehend dem entsprach, dem die SPD bereits in den 1970er Jahren gefolgt war“ (S. 300).

Während das KJHG einerseits das Ende einer fast sieben Jahrzehnte währenden Entwicklung des Jugendhilferechts markiert, steht es andererseits für eine neue Etappe jugendhilfe- und familienpolitischer Reformdiskussionen.

Das abschließende 8. Kapitel widmet sich als Epilog diesen Entwicklungen skizziert die seit der Jahrtausendwende stattgefundenen Reformen im Bereich der Jugendhilfe (Kindertagesbetreuung, Kinderschutz) und im Familienrecht.

Diskussion und Fazit

Zweifellos kann das Buch von Christoph Sachße als Standardwerk für die Geschichte des Erziehungsrechts gelten. Es bietet einen profunden und systematisierenden Überblick über die Entwicklung der jugendhilfe- und familienpolitischen Gesetzgebung der letzten 120 Jahre. Dem Autor gelingt hier eine übersichtliche Zusammenschau der zum Teil zwar bekannten, aber in dieser, einen langen Untersuchungszeitraum bündelnden und einordnenden Perspektive bislang noch nicht zusammengestellten Entwicklungslinien.

Dass die Lektüre mit Blick auf die Details einzelner Regelungen und Paragrafen, die unzähligen Stellungnahmen, Kommentare und Wortmeldungen für juristisch unbeleckte Leser*innen mitunter mühselig ausfällt, ist eher der Materie als dem Autor anzulasten.

Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass die Darstellung der rechtspolitischen Kontroversen sich bei aller notwendigen Differenzierung nicht in juristischen Details verliert, sondern immer an die jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen zurückgekoppelt wird. So wird deutlich, wie sich der jeweilige „Zeitgeist“, aber auch die veränderten politischen Kräfteverhältnisse in den jugendhilfe- und familienpolitischen Vorstellungen niedergeschlagen haben. Mehr noch: gerade die Perspektive auf die ideologischen, oft verhärteten und sich gegenseitig ausschließenden Positionen im Diskurs über Erziehung, Familie, Kindheit usw. sowie die daraus entstehenden Auseinandersetzungen macht den eigentlichen Ertrag des Buchs aus. Dabei werden nicht nur die Zentralkonflikte zwischen den beiden großen „widerstreitenden Mächten“ – dem auf Erhalt und Bewahrung der traditionellen Familie setzenden Katholizismus und dem stärker auf Reform, Umgestaltung und Demokratisierung setzenden Familienkonzept der Sozialdemokratie – deutlich, sondern auch die Konflikte zwischen öffentlichen und privaten Trägern und/oder die Konfliktlinien zwischen den beiden großen konfessionellen Lagern. Deutlich wird, dass der Sozialstaat insgesamt, und darin eingelagert die Soziale Arbeit und die Kinder- und Jugendhilfe immer auch umkämpftes Terrain sind, auf dem über keineswegs nur fachliche Fragen verhandelt werden. Dies im Hinterkopf zu haben, ist hilfreich bei einer Einschätzung der aktuellen Diskussion um die Reform der Jugendhilfe.


Rezensent
Prof. Dr. Sven Steinacker
Theorie und Geschichte Sozialer Arbeit, Hochschule Niederrhein - Fachbereich Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Sven Steinacker. Rezension vom 04.06.2018 zu: Christoph Sachße: Die Erziehung und ihr Recht. Vergesellschaftung und Verrechtlichung von Erziehung in Deutschland 1870–1990. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3778-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23927.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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